Keine grünen Männchen

Aleksandar Janjic hat ein Buch über Astrobiologie geschrieben. Darin beschäftigt er sich unter anderem mit Leben auf anderen Planeten.

Wissenschaftler haben noch nicht zweifelsfrei geklärt, ob und wie Leben auf anderen Planeten entstanden ist. Auch der Ursprung des Lebens auf der Erde ist noch nicht ganz erforscht. Mit diesen Themen beschäftigt sich die Astrobiologie. Aleksandar Janjic, 24, hat das Buch „Lebensraum Universum“ geschrieben und den Begriff Exoökologie in Deutschland mit geprägt – einen Teilbereich der Astrobiologie, bei dem ökologische Fragestellungen die größte Rolle spielen.

Wie kommt man auf die Idee, Astrobiologie zu studieren, wo das doch an deutschen Universitäten kaum gelehrt wird?
Ich habe mich schon vor meinem Studium sowohl für physikalische als auch biologische Grundfragen interessiert und ich wusste nicht, was ich lieber machen will, also habe ich beides studiert. Astrobiologie war die Schnittmenge der beiden Fächer.

Du hast ein Buch geschrieben, das „Lebensraum Universum“ heißt. Wie würdest du jemandem, der es noch nicht gelesen hat, erklären, worum es darin geht?
Es geht um die Fachdisziplin Astrobiologie. Sie beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit biotische Systeme außerhalb der Erde existieren können. Welche Grundlagen werden dafür gebraucht? Wo ist es möglich und wie spürt man sowas im All dann tatsächlich auf?

Geht es denn nur um andere Planeten oder auch um die Erde?
Die Erde ist die Grundlage. Wir wissen immer noch nicht, wie das Leben auf der Erde, wie die erste Zelle wirklich entstanden ist. Aber natürlich kann es sein, dass es Leben auf anderen Planeten gibt, auf denen ganz andere Bedingungen herrschen.

Zu welchem Ergebnis kommst du denn in deinem Buch?
Die Hauptaussage des Buches ist, dass wir Leben, falls es anderswo im Sonnensystem existieren sollte, in diesem Jahrhundert finden werden müssen, da die Technik reif ist. Die Missionen dafür sind für die 2020er und 2030er geplant. Es werden Sonden zum Enceladus geschickt, einem Saturnmond, auf dem es einen Ozean gibt. Dasselbe gilt für Europa, einen Jupitermond. Man wird außerdem Programme zum Mars schicken, die zwei Meter tief im Boden graben werden, um dort nach mikrobiellen Fossilien zu suchen. Das alles war davor nicht möglich.

Wonach konkret müsste man suchen?
Man muss nach biologischen Abbauspuren suchen oder vielleicht sogar nach noch existierenden Lebensformen. Auch das ist nicht ausgeschlossen.

Wahrscheinlich hast du die Frage schon oft gehört, aber wie würde denn Leben auf dem Mars zum Beispiel aussehen?
Das Lustige ist ja, dass in vielen Filmen Aliens sehr vermenschlicht werden: grüne Männchen mit zwei Beinen und einem großen Kopf. Dabei wissen wir, dass es allein auf der Erde so viele Lebewesen gibt, die anders und teilweise ganz bizarr aussehen.
Oft wird gesagt, dass Lebewesen auf anderen Planeten ebenfalls ein Gehirn haben müssen und symmetrisch aufgebaut seien. Wenn wir uns die Organismen anschauen, die am häufigsten auf der Erde vorkommen, wissen wir, dass das nicht sein muss. Was ich damit sagen will: Die Astrobiologie sucht nicht nach grünen Männchen.

Wie befriedigend ist deine Arbeit, wenn du gar nicht weißt, ob du das, was du suchst, je finden wirst?
Ich weiß von älteren Kollegen, dass die Arbeit tatsächlich im vorigen Jahrhundert sehr unbefriedigend war. Aber mit der neuen Technik ist das Potenzial da, und wenn der Fund erfolgen sollte, dann werden Menschen wie ich an vorderster Front stehen. Es wäre wirklich ein historisches Ereignis und vielleicht werde ich die einmalige Chance haben, dabei zu sein.

Was machst du denn, wenn du nicht über den Ursprung des Lebens nachdenkst?
Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass man als Astrobiologe nur Astrobiologie macht. Damit verdiene ich kein Geld. In der Ökologie arbeite ich an der Evolution von Ackerpflanzen und Insekten. Außerdem arbeite ich seit sechs Jahren als Kinderbetreuer.

Sprichst du mit den Kindern auch über deine Arbeit?
Das ist lustig, denn ich habe die Kinder für mein Buch gefragt, wie sie Lebewesen definieren. Die Kinder sagen dann zum Beispiel „Meine Spielkonsole atmet nicht, also lebt sie nicht“. Eines warf sogar Stifte vom Tisch und sagte: „Die Sachen schreien nicht, also leben sie nicht.“ Wenn man das auf die fundamentale Ebene herunterbricht, dann zeigen die Dinge im Gegensatz zu Lebewesen keine Reaktion. Die Kinder haben also eigentlich recht.

Reizt dich eigentlich so etwas wie die Mars-Besiedelung?
Im zweiten Kapitel meines Buches geht es genau um dieses Thema. Der Begründer von Tesla, Elon Musk, ist einer der reichsten Menschen der Welt, und er hat sich das Ziel gesetzt, in diesem Jahrhundert den Mars zu besiedeln und dort beerdigt zu werden. Musk hat eine ganz klare Vision und auch eine Strategie. In meinem Buch erläutere ich diese Strategie und die damit verbundene Kritik. Für mich persönlich kommt das aber auf keinen Fall in Frage, das wäre mir viel zu riskant.

Was würde passieren, wenn jemand herausfände, dass es auf anderen Planeten tatsächlich intelligentes Leben gibt?
Ich glaube, es würde nur das weitergeführt werden, was bereits passiert ist: Die Erde war der Mittelpunkt der Welt, plötzlich waren wir nur einer von vielen Planeten. Das Sonnensystem war alles, und dann haben wir entdeckt, dass es noch andere Sonnensysteme gibt und die Erde eigentlich ein gewöhnlicher Felsbrocken ist. Ähnlich wäre das wahrscheinlich auch, wenn wir entdecken, dass wir nicht die einzigen intelligenten Lebewesen sind. Der Gedanke fasziniert uns, gleichzeitig macht er uns auch Angst. Für dieses Jahrhundert sehe ich jedoch den Nachweis von Mikroorganismen in unserem Sonnensystem als Hauptprojekt. 

Interview: Jacqueline Lang

Foto: Dirk Daniel Mann

Daumen hoch

Ob auf der Fahrradstange oder einem Tuk-Tuk, mit vielen schönen Erlebnissen, Glück und einmal mit Todesangst – Nicola Deska ist von London nach Australien getrampt, an ihrem Lieblingsort will sie nun ein Café eröffnen.

Acht Autos sind in vier Stunden vorbeigekommen – und sie ist keinen Meter weiter. Nicola, eine junge Frau mit langem braunem Haar, tätowierter Haut und großen braunen Augen, ist irgendwann nur noch frustriert. Die Chinesen sind zwar unglaublich hilfsbereit, aber wollen scheinbar einfach nicht verstehen, wo sie hin möchte. Schließlich gibt sie auf und fährt mit dem Bus zur richtigen Autobahnauffahrt – in der Hoffnung, dass sie jemand von dort mitnimmt und nicht plötzlich einfach umdreht und sie weitere vier Stunden im Kreis um die immer selbe chinesische Millionenstadt fahren muss.

Nicola Deska, 28, kann viele solcher Anekdoten erzählen. Während der acht Monate, die sie von London in England bis nach Byron Bay in Australien durch 20 Länder getrampt ist, hat sie lustige, absurde, frustrierende und traurige Geschichten erlebt, wie sie das Leben schreibt.

Schon seit sie 14 ist, reist Nicola regelmäßig alleine. Länger an einem Ort gehalten hat es sie seitdem nie. „London habe ich schon ein paar Mal in meinem Leben mein Zuhause genannt“, sagt Nicola.

Geboren ist sie in München. Doch dort habe sie sich schon als Jugendliche nie so wirklich heimisch gefühlt. „München war für mich immer ein Ort, der mir genau gezeigt hat, was ich im Leben nicht möchte“, sagt sie. Hier werde man auf Ausbildung, Netzwerk und Vermögen reduziert. Nur wegen ihrer Mutter und engen Freunden komme sie ab und zu noch zu Besuch. Länger hier gelebt hat sie nicht, seit sie mit 17 die Schule geschmissen hat, um „abzuhauen“.

Seitdem packt Nicola regelmäßig ihren Rucksack und lernt vom Leben das, was ihr kein Lehrer je hätte vermitteln können – da ist sie sich sicher. Das Geld, das sie zum Reisen braucht, verdient Nicola sich durch diverse Jobs in der Gastronomie. Bewusst hat sie sich für diesen Berufszweig entschieden, denn Restaurants und Bars, in denen man arbeiten kann, gibt es überall auf der Welt.

Von England nach Australien. In wie viele Autos sie gestiegen ist, weiß die junge Frau nicht mehr. Ab und zu musste sie mit der U-Bahn an die Stadtgrenze fahren; und einige Male haben Menschen sie zwar mitgenommen, wollten aber am Ende doch Geld dafür. Den Rest der Zeit hat sie sich hauptsächlich von Autos, aber auch Trucks, Fähren, fahrenden Essensständen und Tuk-Tuks mitnehmen lassen – völlig umsonst, wie das beim Trampen üblich ist. In Thailand habe ein Mann sie sogar auf seinem Fahrrad mitgenommen. „Ich saß vorne auf der Lenkradstange und meinen Rucksack hat er auf den Gepäckträger geklemmt“, sagt Nicola und lacht bei dem Gedanken daran.

Trampen. Eine Art zu Reisen, die in Deutschland vor allem in den 70er Jahren weit verbreitet war und dann durch zuverlässigere und sicherere Reisemöglichkeiten wie Mitfahrzentralen und Fernbusse kurzzeitig verdrängt wurde. Seit Anfang der 2000er Jahre scheint der Trend jedoch wiederbelebt worden zu sein. Vor allem junge Menschen haben das Trampen neu für sich entdeckt. Es ist die umweltfreundliche Alternative für jene, die nicht aufs Reisen verzichten wollen, aber der Umwelt zuliebe nicht fliegen wollen und sich, ähnlich wie beim Carsharing, ein Auto teilen, statt sich selbst eines zu kaufen.

In Deutschland sei es sehr einfach zu trampen, weil die Infrastruktur sehr gut ausgebaut sei, sagt Nicola. In Osteuropa sei Fahren per Anhalter ebenfalls seit jeher eine gängige Art zu Reisen, Menschen in Asien sei das Konzept allerdings größtenteils völlig fremd. Wie vielen anderen Trampern geht es Nicola aber nicht in erster Linie darum, kostenlos zu reisen: Im Gegenzug für die Mitfahrgelegenheit habe sie für die Menschen, die sie mitgenommen haben oder für Couchsurfer, die sie bei sich übernachten haben lassen, gekocht und dafür häufig mehr Geld ausgegeben, als sie für ein Zugticket bezahlt hätte, sagt sie. Es ist der Austausch, der ihr gefällt. „Die tun etwas für mich, ich tue etwas für die – so schließt sich der Kreis“, lautet ihre Philosophie. Genauso handhabt sie das auch bei der Suche nach einem Schlafplatz: Sie hilft in Hostels beim Saubermachen oder auf Bauernhöfen bei der Ernte und bekommt dafür Essen und ein Bett. Es ist ein Geben und ein Nehmen – das für viele Tramper zum Lifestyle geworden ist.

Eine Frau allein auf Reisen, das klingt für viele nach Gefahr. Und obwohl Nicola, die ein goldenes Septum in der Nase trägt und deren Arme und Beine mit Tattoos übersät sind, nicht wie eine Frau aussieht, die sich nicht zu helfen weiß, hat sie doch einige Regeln beim Reisen, die sie immer befolgt. Regel Nummer eins: Vertraue immer deinem Bauchgefühl. „Wenn ich merke, dass mich ein Typ erst mal von oben bis unten mustert, dann steige ich gar nicht erst ein“, sagt sie. Außerdem würde sie niemals betrunken oder unter Drogeneinfluss trampen. Länder wie Finnland, Russland, Malaysia, China und Kambodscha hat Nicola auf dem Landweg durchquert – ohne ein einziges Mal in Gefahr gewesen zu sein. „Es ist unglaublich, wie gut die meisten Menschen sind“, sagt Nicola.

Natürlich hat Nicola aber auch schon mal Angst gehabt, Todesangst. Sie wartet eines Abends auf einer Landstraße in Lappland auf eine Mitfahrgelegenheit, knietief steht sie im Schnee. Es wird schon langsam dunkel, als endlich ein Auto anhält. Ein großer Mann mit ernstem Gesichtsausdruck steigt aus und nimmt, ohne auch nur Hallo zu sagen, ihren Rucksack und wirft ihn ins Auto. Nicola hat nur wenige Sekunden, um zu entscheiden, ob sie einsteigen soll. Sie wägt ihre Möglichkeiten ab: Entweder im Schnee erfrieren oder mit dem Mann mitfahren und hoffen, dass alles gut ausgeht. Sie steigt ein. Per Translator-App versucht sie dem Mann zu erklären, dass sie an der nächsten Tankstelle raus gelassen werden will.

Die Tankstelle kommt, aber der Mann fährt weiter. Nicola malt sich die verschiedensten Horrorszenarien aus. Als das Auto schließlich anhält, stehen sie vor einem Haus mitten im Wald. In der Tür stehen eine Frau, ein kleines Kind und ein Hundewelpe. Sie kann duschen und bekommt etwas zu essen und schließlich fährt sie der Mann sogar mitten in der Nacht in die 200 Kilometer entfernte Stadt Turku – einfach so. „Der Mann war einer der nettesten Menschen, die ich je kennengelernt habe“, sagt Nicola. Damals hatte sie Angst, heute weiß sie, dass diese Angst unbegründet war – und dass sie viel Glück gehabt hat.

Wer alleine reist, der lernt aber nicht nur seine Mitmenschen besser kennen, sondern vor allem sich selbst. „Ich habe gelernt, mein eigener bester Freund zu sein“, sagt sie, und als sie lacht, klingt es wie ein Glucksen. Statt, wie früher, jeden Tag nach der Arbeit noch mit ihren Kollegen feiern zu gehen, gehe sie heute lieber alleine im Wald spazieren, sagt Nicola.

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie nicht mehr gerne unter Menschen ist – im Gegenteil. Durch ihre Reisen habe sie wunderbare Menschen überall auf der Welt kennengelernt, sagt sie. Natürlich ist es nicht immer leicht, über die Distanz den Kontakt zu halten, aber das ist für Nicola eher eine Frage des Willens. „Ich habe nicht das Gefühl, dass meine Freundschaften unter dem Reisen leiden“, sagt sie. Alle Menschen, die ihr nahe stünden, wüssten, dass das Reisen ein Teil von ihr sei und würden diesen Freiheitsdrang auch an ihr schätzen, sagt sie. Nicola gefällt vor allem die Idee, ihre Freunde überall auf der Welt miteinander zu verbinden. Viele ihrer Freunde haben sich über sie kennengelernt und so hat sich über die Zeit eine Art „Netz aus Freunden“ gebildet, wie sie sagt, die sich alle gegenseitig kennen und schätzen. Für Nicola ist es wie ein Sicherheitsnetz, das sie immer wieder auffängt – egal, wo auf der Welt sie gerade ist.

Das Ziel ihrer Reise, Byron Bay, hat Nicola im Juni diesen Jahres erreicht. Viele ihrer Freunde und Bekannte haben ihr von diesem Ort erzählt, ihr gesagt, der sei genau das Richtige für sie. Vorgestellt hat sie sich diesen paradiesischen Ort mit vielen, kleinen Holzhütten direkt am Strand, umgeben von blühender Natur. Genau so einen Flecken hat sie auf ihrer Reise gefunden, aber der Ort hieß nicht Byron Bay, sondern Koh Phayam, eine Insel im Westen von Thailand. Im Winter 2017 möchte sie dorthin zurückkehren und an der Stelle ein Café eröffnen. Für Nicola ideal: Die Westküste Thailands ist während der Regensaison besonders stark betroffen und so kann sie sechs Monate im Jahr dort arbeiten, sechs Monate im Jahr reisen. Für die rastlose Weltenbummlerin ein idealer Kompromiss: An dem für sie schönsten Ort der Welt kann sie zeitweise leben und gleichzeitig mit dem Café Geld für ihre nächsten Reisen ansparen.

Text: Jacqueline Lang

Foto: Marcel a Vie

Paris, wie es stinkt und lebt

München, das ist reich und sauber. Dass diese Beschreibung nicht nur einem Klischee, sondern im Vergleich zu anderen Großstädten manchmal auch vollkommen der Wahrheit entspricht, das musste unsere Autorin in Paris erleben.

Gebeugt und tränenüberströmt betritt sie an der République die U-Bahn, torkelt auf mich zu und fällt fast auf mich. Und dann fängt sie an zu klagen. „Bonjour meine Damen und Herren, es tut mir leid, Sie zu stören, ich bin ganz allein, habe Job und Wohnung verloren, haben Sie nicht etwas Geld für mich?“ Sie geht mit der offenen Hand durch den Waggon, bei Temple steigt sie aus und geht einen Waggon weiter. Der nächste steigt ein.

An solche Szenarien musste ich mich in Paris erst gewöhnen. Leid oder Armut im Stadtbild öffentlich zur Schau gestellt sieht man in München kaum. Ich habe wenig Verständnis für all die Heuchler, die, sobald sie einmal über den Münchner Tellerrand blicken, großartigen Städten eine Absage erteilen, weil sie „wegen all der vielen Bettler so verunstaltet“ würden. Wer aus dem Münchner Kaff in eine Metropole wie Berlin, Rom, Madrid, London oder eben Paris reist, der muss eben damit rechnen, dass sie nicht Münchner Schicki-Micki-Standards entsprechen. Trotzdem ist es für jemanden, der das „Münchner Wohlleben“, wie es mein Soziologieprof zu nennen pflegt, gewohnt ist, sehr erschreckend und macht betroffen, wenn man in Paris plötzlich noch nachts Familien mit Kindern auf der Straße sitzen und betteln sieht.

Paris ist die Stadt der Bettler. Dort gab es lange regelrecht eine Kultur der sogenannten „clochards“: ein romantisierter Begriff für Aussteiger, die sich in ihrer bürgerlichen Existenz nicht zurecht gefunden haben und ein ungebundenes Leben außerhalb des Systems wählen, darunter sind Lehrer, Rechtsanwälte. Sie hausen unter den Seinebrücken und leben fernab und doch mitten im restlichen Paris ein eigenes Leben nach eigenen Regeln. Wer aus anderen europäischen Städten, wie München, vertrieben wurde, kommt nach Paris, denn hier kann er bleiben, wird geduldet. Inzwischen heißen die clochards offiziell S.D.F. „sans domicile fixe“, ohne feste Unterkunft, und von ihrem einstigen Ruf sind nur noch Mythen übrig.

Als ich nach einem Jahr Paris wieder in München U-Bahn fahre, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie während der Fahrt jemand durch den Waggon läuft. Instinktiv nehme ich meine Tasche enger an mich und blicke weg. Je weniger Aufmerksamkeit ich der Person schenke, desto wahrscheinlicher torkelt sie nicht zu mir, brabbelt mich lallend voll und beschimpft mich mit „Merde! Putain! Fils de Pute!“ Eine Vielzahl an wilden Schimpfnamen, nur weil ich wirklich kein Bargeld dabei habe, das ich ihr geben könnte. Jedoch setzt sich die Person neben mich. Ich blicke schon entnervt auf. Dann die Überraschung. Die Person ist eine junge Frau, die einen freien Sitzplatz gesucht hatte. Ach ja, fällt es mir ein. In München wird kaum gebettelt.

München ist wie die Wohnung von Kinderfreunden, die jeder kennt. Sie sieht aus wie für ein Fotoshooting im Wohnkatalog präpariert. Neubau, das Interieur verchromt und – man sieht auf den ersten Blick – teuer. Die Eltern arbeiten und haben eine Putzfrau, in der Wohnung liegt nichts rum, absolut nichts. Es sieht aus, als würde hier niemand wohnen. Als Kind fühlt man sich hier exorbitant unwohl, denn man hat Angst, auch nur irgendetwas anzufassen, sich zu bewegen, um diese totale Sauberkeit und Ordnung nicht zu stören. Wirklich leben kann man in so einer Wohnung doch nicht. Was war man froh, wenn man nach Hause kam und alles etwas chaotischer, lebendiger und bewohnt war. So ist es auch mit Paris. Ja, Paris stinkt und man ist mit Leid konfrontiert. Aber es lebt.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat