Fremdgänger: How to be parisian

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Was passiert, wenn der vorübergehende Wohnort zu der Heimat des Herzens wird? Unsere Autorin berichtet von ihrer nie endenden Begeisterung für Paris und der Traumerfüllung eines jeden Erasmus-Studenten.

Es geht nicht darum, in Paris geboren zu sein. Um Pariser zu
sein, muss man in Paris wieder geboren werden. So und anders lauten viele
Sprüche, die unter Paris-Pilgernden in Mode sind. Der Hype um die Stadt der
Liebe mit all seinen überlaufenen Hotspots von Eiffelturm bis Champs-Elysees
erfährt eine ganz neue Dimension für diejenigen, die wirklich nach Paris gehen,
um dort zu leben, uns Erasmus-Studenten. Ein wenig in der Stadt der Liebe, der
Kunst, der Schönheit, der Freiheit zu leben, rein durch den eigenen Aufenthalt
dort etwas von ihrem Zauber aufzunehmen– wer wünscht sich das nicht. Jedes Jahr
strömen wieder Massen an Hypenden in die Stadt, um sich diese zu eigen zu
machen.

Es gibt einen regelrechten Kult um das Leben in Paris.
Jemand, der einmal mit Wein an der Seine gesessen hat, hält sich jetzt für eine
waschechte Pariserin. Das Ganze noch auf social media inszeniert hashtag
parisienne, „Pariserin“. Doch sie machen alle den einen Kardinalfehler, der sie
für immer im Status erbärmlicher Touristen gefangen halten wird. Sie finden
Paris toll. Die echten Pariser nämlich, finden Paris nicht so besonders. Mein
Gastvater sagt immer zu mir, er verstünde sowieso nicht, was alle immer mit
Paris hätten. So herausragend schön sei die Stadt nun wirklich nicht.

Im Septime la Cave, einer schnuckeligen Weinbar im elften
Arrondissement, die wie ein Weinkeller aussieht, aber viel hipper ist, sprechen
uns zwei Pariser an, wie sie wohl im Buche stehen. Er mit Dreitagebart, Betreiber
mehrerer charmanter Restaurants, Frauenheld, wie mir seine beste Freundin
später augenzwinkernd verrät, sie elegant und klassisch, Psychologin, die sich,
selbst mit kleiner Krise, als Erste verabschiedet. Sie
laden uns ein, mit ihnen weiter zu ziehen, wir gehen in eine noch kleinere,
noch geheimere Bar und trinken Rotwein mit Käse und Baguette. Ich befürchte
schon, vor lauter Klischee fällt die Szenerie gleich in sich selbst zusammen.

Warum wir ausgerechnet in Paris seien, fragen sie
interessiert. Sie verstünden gar nicht warum alle Welt nach Paris wolle. Gut,
ja, es sei schon ganz nett hier, aber doch irgendwie auch immer das Gleiche und
so viel habe die Stadt doch dann auch nicht zu bieten. Ich muss lächeln über
ihre Übersättigung und gekünstelte Unzufriedenheit, die wohl die Pariser zu
charakterisieren scheint. Und irgendwie macht sie mich auch tieftraurig. Wie
kann man in einer Stadt wie Paris leben und für ihre Reize blind werden? Ich
versuche mein begeistertes Lächeln über die ganze Situation, in Paris, mitten
in der Nacht, mit Parisern und Wein, so original, der Traum eines jeden
Austauschstudenten,ein bisschen herunterzuschrauben. Will mich ja nicht gleich
outen, als eine der ewig Paris-Begeisterten.

Aber doch, ich gebe es zu. Aus mir wird niemals eine
Pariserin werden. Ich erhebe auch nicht den Anspruch nach einem Jahr in Paris
zur Pariserin geworden zu sein. Ich will Paris nicht langweilig finden oder
seiner überdrüssig werden. Ich will es jeden Tag von Neuem großartig finden. Will
durch die Parks und Boulevards schlendern und jedes Mal wieder von der
Schönheit des Stadtbilds überwältigt sein. Ich will aufblicken, über die
Brücken der Seine bis zur Notre Dame und es einfach genießen, in dieser
traumhaften Kulisse zu leben. Ich will meinen künstlerischen Idolen auf ihren
Spuren folgen, Monet im Musée d’Orsay besuchen und auf Simone de Beauvoirs
Platz im Les deux Magots heiße Schokolade trinken, im Louvre vor dem
Turnergemälde auf der Couch lesen und es unheimlich romantisch finden, den
Sonnenuntergang vom Arc de Triomphe aus betrachten und mir sagen „hier wohne
ich“.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Zuhause ist da, wo man barfuß läuft

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Der letzte Samstag der Ausstellung “10 im Quadrat” zeigt, wie schnell man sich in einem öffentlichen Raum heimisch fühlen kann, wenn die richtige Stimmung entsteht. Und wie sehr München Heimat ist – für die junge Kunst und für junge Künstler.

Das Motto des Abends war so klar wie der Himmel an diesem
Samstag über München: barfuß laufen. Dass man sich die Schuhe auszieht, kennt man normalerweise nur, wenn man einen privaten Raum betritt, in südlicheren
Ländern oftmals sogar nur, wenn man wirklich zuhause ist. Doch so sehr sich der
Farbenladen auch bemüht, ein öffentlicher Ausstellungsraum zu sein, so sehr
wird man sich durch die Ausstellung “10 im Quadrat” bewusst, wie eng die
Vernetzung in der Münchner Szene ist, wie sehr Zuhause solche Orte sind, wo Kunst
auf Künstler und Künstler auf Kunst treffen. 

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Die erste, die ihre Schuhe auszieht und ihre Komfortzone erweitert, ist Milena Wojhan, eine der Fotografen. Sie
entfernte sich wohl von den anderen Teilnehmern am weitesten von dem gewöhnlichen Konzept
des Porträts. Sie trat den Künstlern nicht mit ihrer Kamera gegenüber, sondern
fing die Künstler so ein, wie sie auf sich selbst reagierten. Inmitten eines selbstgebauten
Kastens, in dem ein Spiegel platziert wurde, nahmen die Künstler für eine halbe
bis ganze Stunde Platz und konnten sich ganz auf sich selbst konzentrieren.
Durch diesen Spionspiegel fotografierte Milena – und lernte die Künstler
dabei von einer sehr intimen Seite kennen, denn sie zeigten sich nicht einem
anderen Menschen, sie öffneten sich vor sich selbst. Während und nach diesen
Sessions flossen viele Tränen, Milena führte teilweise sehr lange und sehr
offene Gespräche mit den Künstlern. Sie fungierte in diesem Projekt auch als Therapeutin und lernte die Fotografierten noch besser kennen. Auch für Rahmatullah Hayat war dies eine
besondere Erfahrung. Man musste sich nicht verstellen, sondern setzte sich mit
dem eigenen Ich auseinander. So anstrengend dies auch gewesen sein mag, Rahmatullah auf
die Frage, ob er bei einem Projekt wie 10 im Quadrat noch einmal mitmachen
würde: „Auf jeden Fall!“

Neben den Fototalk gibt es an diesem Abend geballte
Frauenpower: Zu Gast sind die jungen Münchner Literaten Carolina Heberling und Desiree Opela, sowie die
Musikerinnen KLIMT und Spring. KLIMT alias Verena Lederer steht barfuß am
Klavier, stellt dem Publikum ihren Tour-Freund “Mister Loop” vor und erzählt enthusiastisch von ihrer neuen Band, die weniger enthusiastisch an die Sache
geht und das gute Wetter lieber an der Isar genießt. Doch KLIMT tut das
keinen Abbruch, die Proben waren noch nicht abgeschlossen und auf Mister Loop
ist eben Verlass. Auch sie lässt das Publikum über das eigene Ich nachdenken und
nutzt Melodien, aus denen man nicht mehr hinausfindet. Ebenfalls barfuß, jedoch
nun mit Gitarre findet sich dann auch Spring alias Marina Sprenger ein. Ihre
Blues-Melodien lockern die Stimmung, es wird mal laut, die eigenen Gedanken
werden übertönt von Springs Stimme. „Ich habe das Gefühl, ich schreie euch an“,
meint Spring, doch selbst wenn – sie hätte gegen die gewöhnliche Stille in
einer Ausstellung angeschrien. Gegen einen unpersönlichen Ort, der zum Wohlfühlraum wird, indem man die Lieblingsmusik aufdreht.

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Für die meisten Besucher und teilnehmenden Künstler ist
zuhause immer noch München – und auch wenn man zum Studieren oder Arbeiten in
die Ferne schweift, hängt man mit seinen Gedanken doch noch an Orten, die so
vertraulich wie das eigene Wohnzimmer sind. Für Desiree Opela gibt es in München
viele dieser Orte, die sie nicht mehr loslassen. In ihrer literarischen
Masterarbeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig erzählt sie von zwei
Geschwistern, die in der Landeshauptstadt heimisch sind. Von Leipzig aus über diese Orte zu
schreiben, stellte sie vor eine gewisse Herausforderung – trotz all der
persönlichen Nähe, München aus Distanz ist eben nicht wie barfuß gehen, es ist
mindestens strumpfsockig gehen – vielleicht fühlt es sich sogar an wie in fremden Schuhen zu laufen.

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Auch Carolina Heberling liest aus einer ihrer
Kurzgeschichten vor, die ebenfalls eine bayerische Seite zeigt – die
griesgrämige, wenn man so will. In ihrer Geschichte streicht die Ich-Person in
einem kleinen Dorf mit ihrem Onkel den Zaun – Nachbarn machen eine so
einfache Sache jedoch zu einer echten Herausforderung. Es gibt Vorschriften und
Forderungen: Ist blau genehmigt, sieht blau gut aus und welches blau
eigentlich? Ja, Deutschland ist ein Land der Vorschriften – doch auch das ist
irgendwie ein Teil unseres Zuhauses. Und während die einen gedanklich noch barfuß entlang des blauen Zauns entlang laufen, machen die anderen dies längst entlang der weißen Wände des
Farbenladens.

Text und Fotos: Sandra Will

Band der Woche: Martin Piehlmeier

Bei dem Münchner

Akustik/Instrumental-Musiker

Martin Piehlmeier treffen Postrock-Strukturen auf kluge rhythmische Arbeit. Seine erste EP 

„Bergblick“ hat er, passend zum Titel, ganz abgeschottet in der österreichischen Berglandschaft aufgenommen.  

Manche Menschen ziert von Geburt an ein großartiger Name. Dafür braucht es das Glück, in eine Familie hineingeboren zu werden, die über einen spektakulären Nachnamen verfügt. Beispiele hierfür ist etwa das Adelsgeschlecht „von Streit“. Bei diesen Voraussetzungen braucht es dann nicht mehr viel Fantasie. Selbst wenn man einen recht normalen deutschen Vornamen davor setzt, hat der potenzielle Namensträger den besten Künstlernamen, den sich etwa der Gitarrist einer Punkband für sich ausdenken könnte. Das Pop-Biz liebt alles, was schillert. Etwa, wenn Kate Esther Calvert auf einem Plattencover stehen würde, würde man am ehesten noch eine bodenständige Songwriterin erwarten, nicht aber die spitzfindigen, wütenden und gleichsam poetischen Zustandsbeschreibungen der jüngeren britischen Gesellschaft, die besagte Mrs. Calvert unter dem Namen Kate Tempest veröffentlicht.

Künstlernamen sind, wenn es um den ersten Eindruck geht, nicht unerheblich. Wenn sich jemand also dafür entscheidet, unter seinem eigenen, süddeutsch gefärbten Namen aufzutreten und seine erste EP auch noch „Bergblick“ nennt, assoziiert der geneigte Musikentdecker damit wohl erst einmal eine Art von Mundart-Gitarrenfolk, wie ihn auch Claudia Koreck veröffentlicht. Doch beim Münchner Musiker Martin Piehlmeier und seiner ersten EP liegt man mit dieser Annahme ziemlich daneben. Denn dessen in vielerlei Hinsicht unprätentiöses Auftreten dient keinem bestimmten Image. Vielmehr wirkt es tatsächlich so, als sei ihm all der Firlefanz um Imagebildung und Namensfindung herzlich egal. Der Neurowissenschaftler macht mit seinen 25 Jahren Musik, die wie eine auf Akustik-Instrumente heruntergebrochene instrumentale Version von The Notwist klingt. Postrock-Strukturen ohne die obligate Verstärker-Verzerrer-Kombination dieses Genres treffen auf kluge rhythmische Arbeit, zusammengeklopft auf dem Gitarrenkorpus. Die Gitarre ist für ihn nicht nur harmonisches Instrument, sondern auch getrommelter Rhythmusgeber. Es klingt, als wären da weit mehr Menschen am Werk, de facto spielt er das jedoch alleine. 

Auf all diese an sich schon ziemlich beeindruckenden Voraussetzungen wirft Martin jedoch einen trocken-unterkühlten, ja, naturwissenschaftlichen Blick. Die Musik dient nicht der Selbstdarstellung, kein bisschen Glamour umweht diesen Musiker. Hier macht jemand, der auch noch auf einem anderen Gebiet recht begabt ist, Musik zum Ausgleich: „Obwohl ich während meines Studiums sehr viel zu tun hatte, habe ich so viel Musik gemacht wie noch nie und gemerkt, dass das Eine ohne das Andere einfach nicht funktionieren kann“, sagt er. Dennoch beeinflusse seine wissenschaftliche Seite die Musik, er habe an den molekularen Zusammenhängen in der Entstehung von Alzheimer geforscht und suche „instinktiv den Kontrast zwischen der strengen Naturwissenschaft und der weichen Musik“. Ähnlich pragmatisch erklärt er auch den heimatseligen Titel seiner ersten Veröffentlichung: Um sich vom Großstadtlärm zu distanzieren und die Natur zu genießen, habe er diese EP in abgeschiedenen Hütten in den Bergen aufgenommen. Außerdem sei ihm in den acht Jahren Auslandsstudium der Begriff der „Heimat“ vielfältig bewusst geworden. Für den Sommer habe er nur ein paar Konzerte in seiner ehemaligen Heimat London geplant, im Herbst will er verstärkt in München auftreten.

Stil: Akustik/Instrumental
Besetzung: Martin Piehlmeier (Gitarre, Songwriting)
Aus: München
Seit: 2006
Internet: martinpiehlmeier.com

Text: Rita Argauer

Foto:

privat

Wenn Oma Anna fehlt


Der junge Kabarettist Martin Frank kommt aus Niederbayern nach München, um Schauspieler zu werden. Und er fährt an jedem Wochenende von München nach Niederbayern, um wirklich daheim zu sein.

Von Anne Gerstenberg

Die Blicke der Fahrgäste: irritiert, abweisend. Dabei wollte Martin Frank, 24, doch nur freundlich sein. Mit einem herzlichen „Grüß Gott beinand“ betritt er am Marienplatz die U-Bahn – so hat ihm das seine Großmutter vom Bauernhof, wo er herkommt, beigebracht. Und doch blickt Martin in lauter konsternierte Gesichter. Dass diese Form der Höflichkeit in München nicht so üblich ist und nicht zur allgemeinen Stimmung beiträgt, wusste er nicht. Diese typische Szene zeigt den Kontrast zwischen Land und Stadt, es ist eine von vielen Beispielen aus dem Programm des jungen Kabarettisten, der aus dem tiefsten Niederbayern kam, um sich in München seinen großen Traum zu erfüllen, Schauspieler zu werden. Und doch ist seine Suche nach dem Glück noch nicht ganz abgeschlossen. 

Heute ist Martin Frank Kabarettist und besucht eine Münchner Schauspielschule, die schon viele Kabarettisten hervorgebracht hat. Er ist mit seinem Programm an den Wochenenden ausgebucht und kann sich davon die Schauspielschule und das Leben in München leisten. Die Neugierde und die Lust auf die große Welt haben ihn in die Großstadt getrieben. Aber so richtig heimisch fühlt sich Martin in München aber nicht. Die Unfreundlichkeit der vermeintlich so weltoffenen Stadtmenschen verwundert ihn. Er sitzt in der U-Bahn, ist seinem Traum zum Greifen nahe und fühlt sich doch verloren und fehl am Platz.

So ist auch sein aktuelles Programm entstanden. In „Alles ein bisschen anders“ erzählt seine Bühnenfigur, der leicht affektiert-infantile, naive und grenzunbekümmerte „Bua vom Bauernhof“ von seiner Konfrontation mit der Großstadt und all den Fettnäpfchen, die da so auftauchen. Seine Pointen bestechen durch ihre entwaffnende Ehrlichkeit. Oft taucht als moralische Instanz seine streng katholische Großmutter Anna in seinem Programm auf. Die hat ihn großgezogen auf dem Bauernhof und ihm eben den Benimm beigebracht, der in München nicht so recht funktionieren mag.

„Ich finde
mich selbst
gar nicht lustig.“

„Ich mochte es schon immer am liebsten, Menschen zum Lachen zu bringen“, sagt Martin. Schon in der Schule war er immer der Klassenclown. Und auch in der Schauspielschule liegen ihm eher die komischen Rollen. Oft wird er ermahnt, weil er in ernsten Szenen fast automatisch in seine Bühnenrolle verfällt und somit alles ins Lächerliche zieht.

Die Bühnenfigur entwickelte er, als er mit 16 sein erstes Programm „Ich pubertiere“ schrieb, mit dem er über die Grenzen Bayerns hinaus die Wirtshäuser zum Lachen brachte. „Ich finde mich selbst gar nicht lustig“, sagt Frank völlig unvermittelt. Seine Bühnenrolle, sagt er ernst, gehe ihm mit ihrer Affektiertheit total auf die Nerven.

Eigentlich ist Martin Frank gelernter Standesbeamter. In seiner niederbayerischen Heimatgemeinde Hutthurm, irgendwo hinter Passau, Richtung tiefster Bayerischer Wald, hat er Paare getraut. Bis er vor fünf Jahren die Krise gekriegt hat. An dem Tag saß er lachend und gleichzeitig weinend unter seinem Schreibtisch, hatte seinen Aktenvernichter in den Armen und wusste: So konnte es nicht weiter gehen mit ihm. Am selben Tag hat er bei seinem Chef, dem Hutthurmer Bürgermeister, gekündigt und später sein Fachabitur nachgeholt. Während dieser Zeit nahm er all seinen Mut zusammen und entschied sich, seinen großen Traum zu verfolgen und auf die Schauspielschule zu gehen.

Immer noch fühlt er sich hin- und hergerissen zwischen seiner Neugierde und seiner Heimatverbundenheit. Die vier Tage, die er mit Auftritten vergangenen Monat in Berlin verbrachte, waren die längste Zeit, die er von zu Hause weg war. Ansonsten fährt er jedes Wochenende nach einer Show wieder heim auf den Bauernhof zu seiner Familie. Er ist Organist der heimischen Pfarrgemeinde Sankt Martin und spielt dort jeden Sonntag in der Messe. Und er ist Mitglied im Hutthurmer Gemeinderat: Er will informiert bleiben über das Geschehen in seiner Heimat.

Trotzdem zieht es ihn wie magisch hinaus in die Welt. „Ich bin süchtig nach neuen Eindrücken und Bekanntschaften“, sagt er. Sein Blick streift überall umher, saugt alles auf und analysiert. Fast hat es den Anschein, als würde er prüfen, ob die Situation für eine Pointe reicht. Er redet durchgehend Bairisch und, wenn er mal Hochdeutsch redet, dann nimmt sein Gesicht einen affektiert-ernsten Blick an. Er spricht sehr bedacht, und doch klingt es, als wolle er sich über etwas lustig machen.

Martin hat mittlerweile eine große Routine auf der Bühne. Trotzdem leidet er unter Lampenfieber. Anfangs setzte er zu den Auftritten einfach seine Brille ab, damit er das Publikum nur unscharf wahrnahm. Inzwischen trägt er seine Brille, um den Kontakt zu Publikum zu haben und besser festzustellen, ob seine Pointen auch zünden. „Ich fixiere mich auf einen Grantler, der die ganz Zeit ernst ist, und spiele ihn so lange an, bis er lacht.“ Für ihn gibt es zwei Sorten von Publikum. Das Abonnement-Publikum, das sich vor lauter Routine von nichts mehr mitreißen lässt, und das dankbare Publikum, das über alles lacht. Der junge Kabarettist tritt am liebsten vor einer gesunden Mischung aus beiden auf.

In der Welt von Martin Frank ist jedes Erlebnis eine lustige Geschichte. So hat ihn zum Beispiel kurz vor einem Auftritt im Münchner Viehhof Monika Gruber angerufen und ihn eingeladen, gemeinsam mit ihr Silvester in Salzburg zu feiern. Monika Gruber? Martin wundert sich, warum die Frau vom Nachbarbauernhof in Hutthurm, eben die „Gruber Monika“, ihn einfach so anruft und fragt, wie es ihm geht. Erst langsam wird ihm bewusst, wer da gerade am Telefon ist.

Mutter Afrika

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Für einen Freiwilligendienst geht Valerie Seitz nach Äthiopien. Anfangs fühlt sie sich dort gar nicht wohl, doch nach einer Reise mit ihren Eltern und ihrem Freund Abiy beschließt sie zu bleiben. Mit dem von ihr gegründeten Verein Enat Ethiopia will sie nun den Öko-Tourismus im Land fördern.

Ferengi. Das bedeutet auf Amharisch, der Amtssprache Äthiopiens: Weiße, Ausländer. Mit ihren blonden Engelslocken und den Sommersprossen auf der Stupsnase kann Valerie es ohnehin nur schwer verbergen: Sie kommt nicht aus Afrika. Und fühlt sich dort doch so angekommen. So sehr, dass sie einen gemeinnützigen Verein gegründet hat und dort hinziehen wird, obwohl sie zu Beginn eigentlich nur wieder weg wollte. Eine Geschichte über Liebe auf den zweiten Blick.

Nach ihrem Abitur 2014 entscheidet sich die Münchnerin Valerie Seitz, 19, zunächst für einen Freiwilligendienst. Ein halbes Jahr reicht ihr, weshalb sie bei einer Organisation in Äthiopien landet, die auch halbjährige Volontariate anbietet. „Ich wollte schon immer nach Afrika“, sagt Valerie. Äthiopien hingegen war reiner Zufall. 

Die kleine Hilfsorganisation bei der sie in der Hauptstadt Addis Ababa arbeitet, organisiert AIDS- und HIV-Aufklärungsprojekte. Oder zumindest soll Valerie das mit Beiträgen auf der Homepage belegen. Sie selbst sagt, dass vieles gar nicht stattgefunden hat und sie sich für falsche Zwecke benutzt fühlte. Nach der Hälfte der Zeit will Valerie ihre Koffer packen. Ihre Eltern kommen sie besuchen und nach einer gemeinsamen Reise zusammen mit ihrem äthiopischen Freund Abiy will sie eigentlich zurück nach Deutschland. Doch es kommt alles ganz anders, und Valerie beschließt zu bleiben. Denn sie hat sich verliebt. In Abiy im Speziellen und in Äthiopien im Allgemeinen. 

Mit neuem Elan entwickelt Valerie nun selbst Ideen, um den Menschen vor Ort zu helfen. „Das Bild, das wir von Äthiopien haben, stimmt überhaupt nicht“, sagt Valerie, die einen dicken Schal um den Hals geschlungen hat, wie er in Äthiopien üblich ist. Nicht jedes kleine Kind hat einen dicken Bauch, weil es unterernährt ist, und Äthiopien ist nicht nur rote Erde. Trotzdem herrscht große Armut. Valerie kann nicht länger wegsehen und will handeln.

Als ihr Vater an seinem Geburtstag einen Spendenaufruf startet, kommt genug Geld für Uniformen zusammen, die Kinder brauchen, um in die Schule gehen zu dürfen. Außerdem baut Valerie einen alten Hühnerstall zu einem kleinen Computerraum um. Im Juli 2015 gründet sie mit anderen Ehrenamtlichen aus Deutschland und Äthiopien den Verein Enat Ethiopia. Enat bedeutet im Amharischen so viel wie Mutter oder Unterstützerin. So sieht sich die zierliche Valerie, die vorsichtig an ihrem Kamillentee nippt: Als Unterstützerin der weniger Privilegierten. 

Bildungsprojekte sind das vorrangige Ziel des Vereins. Die ersten Paten aus dem weiteren Bekanntenkreis sind schnell gefunden. Finanziert werden mit nur 20 Euro im Monat Schulgeld, alle benötigten Materialien und falls ein Bus fährt, auch der Transport. Finanziert werden aber auch Einzelschicksale wie das eines 13-jährigen Mädchens, das an Inkontinenz leidet. Aufgrund ihrer Krankheit wurde sie von ihrer Familie verstoßen. Enat Ethiopia findet eine Patin und kann das kleine Mädchen in einem Krankenhaus behandeln lassen.

Als Valerie nach sieben Monaten ihre neue Heimat Äthiopien verlassen muss, weil sie ihr Visum nicht mehr verlängern kann, ist eines gewiss: Sie will nicht „weitermachen, als wäre nichts gewesen“. Dementsprechend schwer fällt ihr auch die Rückkehr nach Deutschland. Ohne es richtig zu bemerken, kritisiert sie ihre Eltern für deren Lebensstil. Im Vergleich zu dem Leben, das sie aus Äthiopien kennt, scheint alles nur so vor Überfluss und Verschwendung zu strotzen. Sie verkriecht sich in das alte Gewächshaus in Giesing, in dem sie als kleines Kind mit ihrer Familie eine Zeit lang gelebt hat. Über ihrem Kopf raschelt es, weil Vögel über das Glasdach laufen und es riecht nach feuchter Erde. Heimat?

Nachdem der erste Schock überwunden ist, stürzt sie sich in das lang geplante Physikstudium. Nach sechs unglücklichen Wochen steht sie vor der Frage: „Äthiopien oder dieses Physikstudium?“ Die Entscheidung ist schnell gefällt. Der neue Plan: Den Öko-Tourismus in Äthiopiens Choke-Bergen fördern und damit den Menschen vor Ort eine Perspektive bieten. Die Kinder sollen zur Schule gehen, danach aber nicht auf der Suche nach Arbeit in die großen Städte abwandern müssen. Denn dort erwartet sie im Zweifelsfall ein Leben als Bettler oder Haushaltshilfe. Die Eco-Lodge, die Valerie mit ihrem Freund Abiy bauen will, soll ihr eigenes Zuhause werden, aber auch eine Möglichkeit, komfortabel die touristisch wenig erschlossenen Choke-Berge zu besuchen. Später sollen auch erneuerbare Energien in das Projekt integriert werden, Valerie plant ein Fernstudium im Bereich Energieverfahrenstechnik.

Gibt es etwas, das Valerie an München vermissen wird? Spontan fällt ihr nichts ein. „Ich bin Vegetarierin, deswegen kann ich Weißwürste nicht vermissen“, sagt sie und lacht. Außerdem sei das äthiopische Nationalgericht, der Sauerteigfladen Injeira, dem deutschen Sauerteigbrot gar nicht so unähnlich. Wenn es nur das Essen ist – Valerie ist mit dem Herzen schon gar nicht mehr so richtig hier.

Von: Jacqueline Lang

Foto: privat

Tiefkühlpizza zum Frühstück

Bei Krause zu Hause: Die Anonymität der Großstadt ist für niemanden faszinierender als für Menschen, die in der Provinz aufgewachsen sind. Oder: Nur Menschen vom Land sind so naiv, sich davon Positives zu erwarten.

Mamas stecken mit der Föhn-Lobby unter einer Decke: Für beide sind nasse Haare das Übel schlechthin. Gemeinsam erhalten sie den Mythos, dass Erkältungsviren nicht etwa über die Atemwege oder Schleimhäute, sondern bei kaltem Wetter über nasse Haarspitzen in den Körper gelangen. Zum Glück sieht Mama nicht, dass ich mit nassen Haaren Semmeln holen gehe.

Dafür meckert die Bäckereiverkäuferin, ich solle nicht mit feuchten Haaren nach draußen. Davon bekomme ich – nein, keine Erkältung, sondern: Kopfschmerzen. Nicht sofort, aber so in zehn Jahren. Wie man über eine so lange Zeitspanne ausmachen kann, dass meine Kopfschmerzen gerade auf diesen Samstagmorgen zurückzuführen sind, ist mir schleierhaft. Ich lächle nett, während mir die Verkäuferin erläutert, warum junge Menschen nie auf gute Ratschläge hören. Und ich naives Ding vom Dorf habe einmal geglaubt, dass mich, sobald ich von daheim aus- und in die Stadt gezogen bin, niemand mehr belehrt, ich solle nicht mit nassen Haaren ins Freie gehen.

Wenigstens kann die Verkäuferin es nicht meiner Mutter stecken – das wäre auf dem Dorf längst passiert. Warum auch sonst sollte es uns Landkinder irgendwann in die Stadt getrieben haben, wenn nicht für die Freiheit, dienstags am Nachmittag in Badelatschen zum Supermarkt an der Ecke zu schlurfen, um Tiefkühlpizza und Red Bull zum Frühstück zu kaufen – und das völlig unbehelligt von der Föhn-Lobby! Die Anonymität der Großstadt ist für niemanden faszinierender als für Menschen, die in der Provinz aufgewachsen sind. Während ich auch nach jahrelanger Abwesenheit im Dorfladen meiner Heimat dazu aufgefordert werde, mir etwas aus den Süßigkeitengläsern auszusuchen – und das mit Mitte zwanzig! –, ignoriert der übellaunige Besitzer des Pizzaservices unter meiner Wohnung in Giesing meinen Stammkunden-Status rigoros. So rigoros, dass ich mir einreden kann, so oft husche ich doch gar nicht im Schlafanzug nach unten, um mir überteuerte Erdnussflips zu kaufen. Über nasse Haare schimpft er übrigens nie. Ein wenig einsam fühle ich mich ja da schon. Susanne Krause

Jugend: Das bedeutet Nestflucht. Raus aus der elterlichen Einbauküche, rein ins Leben. Nur dauert es nicht lange, bis man sich plötzlich einen Pürierstab zum Geburtstag wünscht – oder Sehnsucht nach Mamas Gulasch hat. Eine Kolumne über das Zuhause, was auch immer das sein mag. „Bei Krause zu Hause“ erscheint im Wechsel mit der Kolumne „Beziehungsweise“. Weitere Kolumnen gibt es hier.

Suche Zimmer, keine Liebe

Nein, man ist kein schlechter Mensch, wenn man Leute, die man zum ersten Mal sieht, ihren Namen tanzen lässt. Ist doch deren Schuld – sie wollen schließlich das WG-Zimmer haben…

Selbstpräsentation ist alles. Das gilt für Vorstellungsgespräche. Das gilt für Flirtversuche und erste Dates. In München gilt dieser Slogan jedoch insbesondere für die Beschaffung von Wohnraum. Denn Singles und Jobs gibt es hier ja quasi im Überfluss – Zimmer, in die man diese Singles nach Feierabend auf einen Kaffee einladen könnte, sind jedoch rar.

Zu allem Überfluss ist es viel schwieriger, sich als idealer Mitbewohner zu präsentieren, als den perfekten Bewerber für Büro, Beziehung oder Bettgeschichte zu geben. Denn die Ansprüche an den Lover, Liebsten oder Lohnbuchhalter sind meist sehr viel klarer umrissen. Als Mitbewohner hingegen muss man oft recht widersprüchliche Eigenschaften vereinen: ein locker-cooler Typ sein, der sich strikt an den Putzplan hält, etwa. Oder eine partyfreudige Wochenendheimfahrerin, die eine Waschmaschine in die Wohnung mitbringt. Klar ist eigentlich nur eins: Dass man als Mitbewohner unkompliziert sein muss. Da steht man dann also in einer fremden Küche, lächelt nett und versucht möglichst unkompliziert zu wirken, um bald ein Fach in diesem Kühlschrank zu ergattern – aber auch nicht so unkompliziert, dass sich nach Abzug des zwanzigsten Interessenten überhaupt niemand mehr an einen erinnert. Eigentlich ziemlich hoffnungslos.

Viele Menschen, die Zimmer vergeben, haben deshalb schnell erkannt, dass Besichtigungen und WG-Castings kaum dazu taugen, den idealen Mitbewohner ausfindig zu machen und sie zu reinen Spaßveranstaltungen erklärt. Warum sonst sollte etwa Anne auf einer Besichtigung ein Selbstporträt anfertigen, wenn nicht, damit ihre potenziellen neuen Mitbewohner endlich all die Allmachtsfantasien ausleben konnten, für die sie bisher nie das passende Druckmittel hatten. Nach all den frustrierenden Stunden, die man als Münchner bereits auf Wohnungsbörsen und WG-Besichtigungen verbracht hat, ist eigentlich das Einzige, was zumindest im Nachhinein ein wenig Genugtuung verschafft, einmal im Leben selbst Horden verzweifelter Wohnungssuchender dazu anzustiften, Bier zur Besichtigung mitzubringen und sie dann ihren Namen tanzen zu lassen. Susanne Krause

Jugend: Das bedeutet Nestflucht. Raus aus der elterlichen Einbauküche, rein ins Leben. Nur dauert es nicht lange, bis man sich plötzlich einen Pürierstab zum Geburtstag wünscht – oder Sehnsucht nach Mamas Gulasch hat. Eine Kolumne über das Zuhause, was auch immer das sein mag. „Bei Krause zu Hause“ erscheint im Wechsel mit der Kolumne „Beziehungsweise“. Weitere Kolumnen gibt es im Internet unter der Adresse http://jungeleute.sueddeutsche.de/tagged/ Bei-Krause-zu-Hause

Mein München – Landwehrstraße

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München ist für Gina Bolle ihre Heimat. Die Nähe zu den Bergen, die Verschiedenheit der einzelnen Stadtviertel und die Entfaltungsmöglichkeiten in der Stadt sind ihr wichtig. Mit ihrer Fotografie möchte die 23-Jährige die Realität auf ihre subjektive Art und Weise darstellen.

Wenn Gina Bolle, 23, aus dem Fenster ihrer Wohnung in der belebten Landwehrstraße schaut, sieht sie die Frauenkirche und zahlreiche Dachterrassen sehen. Ein Kontrast zu den vorbeirauschenden Autos auf der anderen Seite. Diese Unterschiede schätzt die Studentin für Fotografie an München. Die Vielfältigkeit der verschiedenen Stadtviertel, die Nähe zu den Alpen und die Entfaltungsmöglichkeit, die die Stadt bietet, macht München zu Ginas Heimat. Schon früh hat sie sich für Fotografie interessiert. Ihre Eltern haben ihre Kindheit auf Bild und Film festgehalten, da war sie neugierig und hat ihre eigenen Fotos gemacht.In der Schule hat sie ihr Kunstlehrer gefördert. „Fotografie bedeutet für mich, jeden noch so unscheinbaren Augenblick wertzuschätzen und festhalten. Ich will die Realität auf meine subjektive Art und Weise darstellen und auch verfremden.“ Damit will ich mich und die Betrachter meiner Bilder glücklich machen“, sagt Gina. Die besten Ideen für Motive kommen ihr, wenn sie mit dem Fahrrad unterwegs ist.

Mehr unter: www.ginabolle.de

Stefanie Witterauf