Outing an der Ampel

Als einen der größten Kulturschocks empfindet unsere Autorin in Paris den rasenden Verkehr. Da wird gerne mal unangeschnallt 20 km/h zu schnell über die rote Ampel gefahren. Doch bei all ihrem Unverständnis merkt sie: ein bisschen Pariserin ist sie selbst geworden.

Ich spüre einen scharfen Luftzug an meinem Handgelenk, das Geräusch eines Motors reißt mich aus den Gedanken. Jaulend rauscht ein Roller denkbar knapp an mir vorbei. Einen Zentimeter weiter links, ein unbedachter Schlenker – und das wäre es mit mir gewesen. Mit solchen Gedanken muss ich mich in Paris jeden Tag auseinandersetzen. Ich sitze auf dem Fahrrad und fahre den Boulevard Saint-Germain entlang. Schön ist das, dachte ich früher, nur so kann die Stadt besser kennenlernen. Fahrrad fahren, das lohnt sich! Aber Schreckmomente, wie dieser, häufen sich. Als ich endlich an der Uni ankomme, bin ich völlig fertig mit den Nerven.

In Paris Fahrrad zu fahren, ist nichts für Freunde von geregeltem Straßenverkehr. Es gibt etwa keine Haltelinien für Autos an Ampeln, hier hält man nach Gefühl. Ein einziges Mal bin ich in Paris mit einem Einheimischen Auto gefahren. „Tempo 50“, erklärt er mir, „ist in Paris nur eine freundliche Empfehlung.“ Was dann gelte, frage ich. „Tempo 70“, sagt er kurz. Er zwinkert mir zu, schnallt sich nicht an und gibt Gas. Damit begann die größte Höllenfahrt meines Lebens. Rote Ampeln? Für ihn nicht existent. Fußgänger? Fahrradfahrer? Andere Autos? Wer nicht selbst ausweicht, hat Pech gehabt. Am Anfang habe ich noch alle zwei Sekunden „Vorsicht!“ gebrüllt, dann habe ich es aufgegeben und mich mit geschlossenen Augen meinem Schicksal ergeben – verbunden mit der Hoffnung, dass ich und alle anderen Verkehrsteilnehmer diesen Höllenritt lebendig überstehen.

So viel zu den Autofahrern. Am schlimmsten sind allerdings die Fußgänger. Es gilt als elegant, die Straße nach Belieben an jeder Stelle und ohne Seitenblicke zu überqueren. Um an dieser Stelle meine absolut favorisierte Autorin Anna Gavalda zu zitieren: „Hinweis: Eine Pariserin, die etwas auf sich hält, überquert den Boulevard Saint-Germain niemals zwischen den weißen Linien an der Ampel. Eine Pariserin, die etwas auf sich hält, beobachtet den Verkehr und wirft sich zwischen die Autos, wohl wissend, dass sie ihr Leben riskiert.“ Als Tourist outet sich, wer die Fußgängerüberwege nutzt. Anfangs blickte ich meine französischen Freunde immer entgeistert an, wenn sie einfach bei Rot über die Straße liefen: „Du weißt schon, dass du in Deutschland dafür deinen Führerschein verlieren würdest?“ In besonders schweren Fällen zumindest.

Zurück in München dann der Kulturschock. Ich bin mit Freunden unterwegs. Es ist mitten in der Nacht. Die Straße ist komplett leer und verlassen, weit und breit kein Auto in Sicht. Ich überquere wie selbstverständlich die leere Straße – Und komme auf der anderen Seite alleine an. Hinter mir wartet die restliche Gruppe brav an der roten Ampel. Entgeisterte Blicke mustern mich von der anderen Seite der Straße. Ich merke, dass ich wohl ein bisschen pariserisch geworden bin.



Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Teure Exzesse

Der Wahnsinn von Oxford zeigt sich für unsere Autorin diesmal anhand der alljährlich abgehaltenen Bälle: Alle Organisatoren wollen mit noch mehr Show das Vorjahr in den Schatten stellen. Eine Karte kostet dann auch mal eben 200 Pfund.

Die Ahnen starren uns von ihren Leinwänden aus an. Mit einer Mischung aus Entsetzen und Resignation, möchte man im Schein der Discokugel meinen. Im Speisesaal des Harris Manchester Colleges hüpfen in Abendkleider und Smokings gewandete Studierende zu Abba auf und ab. Der Alkoholpegel ist mittlerweile so hoch, dass niemand zu bemerken scheint, dass der auf der Orgel-Empore positionierte DJ mit „Give me a man after midnight“ zum dritten Mal innerhalb einer Stunde den gleichen Song spielt. Abgesehen von der Möglichkeit, dass dies der schlechteste DJ der Welt sein könnte, lässt sich meine erste Ball-Erfahrung in Oxford jedoch durchaus sehen – eine Tatsache wiederum, die vor allem mich selbst überrascht.

So gut wie jedes der 38 Colleges rühmt sich mit einem solchen alljährlichen Großereignis, wobei natürlich jedes neue Ball-Komitee alles Vorhergegangene in den Schatten zu stellen versucht. Deshalb befindet Oxford sich, was Bälle angeht, in einer kontinuierlichen Aufwärtsschleife aus Bemühen und Größenwahn. Man munkelt, vor einigen Jahren habe Coldplay auf einem der Bälle gespielt – die Latte liegt also hoch. Dieses Beispiel lässt allerdings auch vermuten, dass großes Vergnügen teuer ist. Unter 70 Pfund kommt niemand auf einen Ball. Der Durchschnitt bei den „angeseheneren“, älteren Colleges liegt eher bei 150 bis 200 Pfund. Wie viele Bälle kann man sich da schon leisten? Meine studentische Sparsamkeit verbündete sich noch dazu mit einer gewissen feministischen Frustration angesichts der Beobachtung, dass auf einmal überdurchschnittlich viele Mädchen um mich herum in regelmäßigen Abständen von Abendkleidern, Frisuren, Make-up und potenziellen Dates zu sprechen begannen, während meine männlichen Freunde debattierten, ob es sich für einen oder maximal zwei Abende lohnen würde, ein White-Tie-Outfit (70 Pfund) zu kaufen. Gender-Diskurs hin oder her, „the Oxford experience“ stellte sich einmal mehr als Totschlagargument heraus. Ich rechtfertigte meine Entscheidung, wenigstens zu einem der billigsten Bälle (50 Pfund) zu gehen, damit, dass mein Abiball-Kleid unbedingt noch einmal getragen werden wollte.

Als ich dann jedoch, nach Hüpfburg, Foto-Boot, Süßigkeiten-Brunnen, fünf unglaublich guten Bands, exquisitem Büffet, Pimms, Wodka-Shots und Zaubershow zum dritten Mal Abba höre und meine ursprünglich sorgfältig gelockten Haare nur noch in losen Strähnen in meinem schwitzigen Nacken kleben, denke ich mir, dass die Situation vielleicht gar nicht so übertrieben ist, wie ich sie mir ausgemalt habe. Auch in München zahlen meine Kommilitonen Hunderte von Euros, um auf Festivals zu tanzen, zu trinken, zu flirten und dem Universitätsalltag für kurze Zeit zu entkommen. Auch wenn sich zu Hause niemand erst in einen Smoking oder ein Abendkleid zwängt, haben wir in diesen Outfits ebenso viel Spaß, sind teilweise ebenso betrunken und freuen uns ebenso wie Münchner Studenten, dass es Freitag ist. Dass wir viel Geld dafür gezahlt haben, einen Abend lang vergessen zu dürfen, dass nach dem Wochenende ein Montag auf uns wartet, an dem wir wieder vor unseren Büchern und Computern, Hausarbeiten und Prüfungsvorbereitungen sitzen. Insofern sollte das Entsetzen auf den Gesichtern der gemalten College-Ahnen angesichts des feucht-fröhlichen Exzesses in ihren ehrwürdigen Speisesälen nicht allzu groß sein, denn auch sie werden hin und wieder gefeiert haben – möglicherweise sogar noch sehr viel exzessiver und exzentrischer als wir.


Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: Professoren und andere Götter

Unsere Autorin hätte nicht gedacht, dass sie in Frankreich mal ihre Professoren vermissen wird, die den ganzen Tag unverständliches hochkomplexes Zeug daherreden. Tut sie aber – in Paris fühlt sie sich von Zeit zu Zeit unterfordert.

Meine Lieblingskurse sind immer im vierten Stock. Von hier aus hat man einen extraordinären Ausblick über das Pariser Dächermeer. Er ist das einzig Schöne an meiner Sechzigerjahre-Plattenbau-Universität. In diesen Kursen kann ich hinausblicken und fühle mich nicht mehr beschränkt von dem, was meine Professoren mir als einzige Wahrheit unterbreiten. Ich kann mir vorstellen, mein Geist könnte frei wachsen, sich entfalten und blühen. Irgendwo außerhalb dieser Universitätsmauern.

Wenn ich eines in Paris gelernt habe, dann, dass Studieren nicht gleich Studieren ist. In Frankreich herrscht eine andere universitäre Kultur als in Deutschland. In Deutschland gilt das humboldtsche Bildungsideal von studentischer Freiheit und Eigenständigkeit. Dort vollzieht sich zwischen Schule und Studium ein Bruch. An der Uni komprimiert niemand mehr Stoff in leicht verständliche Einheiten und unterstreicht dir die Überschrift in unterschiedlichen Farben. Ich saß in München nach fünf Minuten Vorlesung komplett verloren da und spitzte meine Lauscher, weil das Gelehrte nicht nur hochkomplex war, sondern auch alles bisher Gelernte überstieg. Was ich nicht konnte, musste ich nacharbeiten. Das Studium ist wie ein großer gedanklicher Gebäudekomplex aus Namen, Begriffen und Theorien. Man selbst legt das Fundament und erarbeitet Querverstrebungen. Wie kunstvoll ausgearbeitet und dicht dein Gedankengebäude zum Schluss ist, hängt von deinem Engagement ab, Themen zu erarbeiten. Eigenständigkeit, kritisches, analytisches Denken fordern die Münchner Dozenten, die mit uns auf Augenhöhe diskutieren.

Und hier? Dass das französische Universitätssystem verschulter ist als das deutsche, wusste ich. Die Profs führen sich auf wie Götter in Weiß und lehren ihre eigene Version der Geschichte. In den Vorlesungen bin ich umgeben vom demütigen Klacken der Tastaturen. Sarah neben mir tippt jedes Wort bis auf das letzte „ähm“ mit. Selbst das wirklich Wichtige herausfiltern können die Studenten hier nicht. Müssen sie auch nicht. Die Profs hier erklären auch die simpelsten Dinge sehr genau, was wir wie zu denken haben. Alles wird – in kleine Happen vorgekaut – den Studenten in den Mund gelegt. Madame Manigand, die Geschichtslehrerin, wiederholt Phrasen gern mehrmals. Damit man den Wortlaut zitieren kann? In den Klausuren gewinnt, wer am brillantesten nachgeredet hat.

Jedoch sind die Kurse inhaltlich einfach erschreckend wenig fordernd. Nun kann ich nur für meine Erfahrung an meiner Universität in meinem Studiengang sprechen. Aber ich bekomme hier exemplarisch die Ungerechtigkeit des französischen Bildungssystems zu spüren. Wer nicht an der Grande Ecole ist, bekommt eine Ausbildung zweiter Klasse. Ich werde demütig und dankbar für die großartige Bildung, die mir der deutsche Staat kostenlos überall im Land an verschiedensten Universitäten zur Verfügung stellt. Ich blicke aus dem Pariser Fenster und freue mich darauf, in München wieder meine Professoren ansehen zu können, die meinem Geist zu neuen Höhenflügen verhelfen.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Wo ist zu Hause, Mama?

Unsere Autorin sinniert darüber, wie sich ihr Verhältnis zu “zu Hause” in den letzten Monaten auf ihrem Auslandsaufenthalt in Oxford verändert hat. Und merkt, dass das Ganze ziemlich kompliziert ist.

Da ist Staub. Unter dem Schreibtisch in meinem Zimmer zu Hause in München, am östlichen Ende der S4. Ich liege auf meiner Yogamatte und strecke die Füße Richtung Zimmerdecke in eine Kerze. Ich atme tief durch. Nicht nur, weil man das so macht beim Yoga, sondern auch, weil ein Teil von mir gerne aufspringen und den Staubsauger aus der Abstellkammer holen würde.

Ich befinde mich auf kurzem Heimaturlaub. Eine Woche ist jedoch nicht lang genug und mein Programm zu voll, um den Staubsauger auspacken zu können. Ich denke darüber nach, was es eigentlich heißt, nur kurz auf Heimaturlaub zu sein und Häuslichkeit hintenan zu stellen. Ich habe nur das Nötigste an Kleidung in einen Rucksack gestopft, ich wasche kein einziges Mal Wäsche und ich muss mir eine neue Zahnbürste kaufen, weil im Bad keine mehr für mich vorgesehen ist. Spätestens als ich merke, dass ich mich schon wieder auf England freue, verwandelt sich das Bewusstsein, dass „zu Hause“ eben nicht mehr wirklich „zu Hause“ ist, in einen leichten ziehenden Schmerz, irgendwo zwischen meinem Blinddarm und meinem Magen.

Dieses Gefühl ist keineswegs ausschließlich mit einem Auslandsstudium verbunden, klar. Alle meine Freunde, die nach dem Abitur von „zu Hause“ weggezogen sind, haben diese Erfahrung schon vor Jahren gemacht. Nur weil ich immer wieder „zu Hause“ gelebt habe zwischen den unterschiedlichsten Auslandsaufenthalten, ist es für mich nach wie vor ein überraschender und sehr viel langsamerer Ablösungsprozess.

Oft betone ich, wie gern ich zu Hause gelebt habe, wie dankbar ich während meiner Studienzeit in München für die Tatsache war, dass ich am Abend in den Zug steigen und zu meinem Pferd, meiner Schwester und meinem ruhigen Zimmer kommen konnte. Zum ersten Mal spüre ich, dass sich das verändert hat. Nicht nur ist meine Schwester mittlerweile ebenfalls ausgezogen und mein Pferd zu alt, um geritten zu werden: Auch „ich“ zu sein, fühlt sich anders an, als ich den Rucksack dieses Mal „zu Hause“ in unserer Diele abstelle. Die überproportionale Verwendung von Anführungszeichen ist nur der semantische Ausdruck der Realisierung, dass wir irgendwann alle erwachsen werden und unsere Kinderzimmer zu klein und zu sehr mit einer Kindheit verbunden sind, in die wir nicht mehr zurückkehren können. Egal, wie verlockend sich eine solch nostalgische Rückkehr anfühlen mag in Momenten, in denen das Erwachsenenleben zu anstrengend wird. In meinem Fall, vor allen Dingen dann, wenn es mir zu viel wird, an einer fremden Universität in einem fremden Land, in einer fremden Sprache etwas über fremde Dinge zu lernen. Heimweh ist dennoch eine Rarität geworden und schon jetzt tut der Gedanke, in ein paar Monaten mein Zimmer in Oxford für immer von meiner Persönlichkeit befreien zu müssen, ebenso weh wie das Bewusstwerden, dass „zu Hause“ nach diesem Jahr auch nicht mehr „zu Hause“ sein wird, egal, wie oft ich dann Zeit haben werde, Staub zu wischen.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Nackt im Schlossgarten

Dass wir Münchner uns ziemlich glücklich schätzen können, was Abkühlungsgelegenheiten in den heißen Sommermonaten angeht, merkt unsere Autorin erst jetzt in Paris so richtig – es kann eben nur eine Isar geben.

In Paris ist über Nacht Sommer geworden. Die schönste Stadt der Welt erwacht zu ganz neuem Leben. Den ganzen April hindurch hatte es noch geregnet, Wintermantel und Erkältung inklusive. Und dann, eines Morgens Ende Mai, gehe ich gewappnet mit Wollpulli und Jacke vor die Haustür. Und kehre zurück, um mich direkt wieder umzuziehen, so heiß ist es. Ich komme in Sommerkleid mit Sandalen zurück. Jetzt scheint bis spät abends noch die Sonne und taucht die Stadt in ein fröhliches Licht. Alle Pariser Parks sind voll mit Picknickgesellschaften und Sonnenbadenden. Die Seine und der Kanal Saint Martin sind bevölkert von Jugendlichen und Liebespärchen mit Wein.

Wenn in München Sommer wird, ist die Vorgehensweise klar. Sommerkleid, Bikini drunter, ab Richtung Badesee, oder Freibad, völlig egal, Hauptsache abkühlen. Es gibt nur noch einen Modus: Der Hitze muss mit Baden entgegengewirkt werden. Deswegen ist auch hier meine erste psychische und physische Reaktion: „Ich möchte schwimmen.“ Doch als ich mich bei meinen Gasteltern nach dem nächstgelegenen Badesee oder Freibad erkundige, schauen sie mich nur völlig irritiert an. Ich bin total erschlagen von den Temperaturen hier! Es hat durchgehend 30 Grad, ich will einfach nur ins Wasser springen, aber Badeseen gibt es in Paris leider nicht und Freibäder auch nicht in der Form, wie wir es kennen mit Liegewiesen.

Mein Semester in Paris neigt sich dem Ende zu. Zehn Monate war ich jetzt hier. Kein einziges Mal in diesem Zeitraum habe ich München so sehr vermisst wie jetzt. Oder Paris als so lebensunwert empfunden. In München gibt es eine echte Kultur für Sommer, die hier in Paris niemand kennt. Wenn im Juli in der Klausurenphase traditionellerweise die drei Wochen mit dreißig Grad Temperatur eintreten, dann ist das zwar ätzend, aber: Die Bibliotheken sind klimatisiert. Und: Welcher gute LMU-Student hat nicht als Back-up während eines langen Lernmarathon-Tages im Schließfach Badekleidung und Handtuch eingeschlossen, um sich nach getaner Lernarbeit in der Isar abkühlen gehen zu können? Hier schwitze ich tagsüber in der unklimatisierten Bibliothek. Wenn ich an die spontanen Badeausflüge denke, will ich einfach nur zurück nach München.

30 Grad Anfang Juni sind für eine Münchnerin schon gewöhnungsbedürftig. Da beginnt die Phase der Übergangskleidung, wenn man sich langsam aus dem Pulli-Knödel, der man den Winter über ist, herausschält und sich bei mittleren Temperaturen langsam daran gewöhnt, sich wieder draußen bewegen zu können, bevor man kurz darauf dazu übergeht, mit kurzer Hose und Bier die Abende im Englischen Garten zu verbringen. Hier ist es jetzt schon so heiß, dass ich mit offenem Fenster und nur einem Bettlaken schlafen muss, um nicht zu zerfließen. Meine Gastmutter sagt: „Ach, das ist doch noch erträglich, jetzt kühlt es nachts wenigstens noch ein bisschen ab.“ Also kühle Nächte sehen für mich anders aus. Auch meine Erasmus-Kommilitoninnen aus Portugal, Italien und Brasilien lachen mich aus. Und die Pariser tragen weiter stur lange Hosen und langärmlige Hemden. Hallo? Bin ich hier die einzige, die merkt, dass Sommer geworden ist? Ein Glück bin ich von Juli an wieder in München.

Eine französische Freundin hat mir als Geheimtipp empfohlen, in Versailles – verbotenerweise – einfach nackt in den Kanal zu springen, das würde sie immer machen. Ob ich mich das noch mal traue?

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Nelken, Trash und Pogo

Vor ihrer ersten Prüfung in Oxford muss sich unsere Autorin mit außergewöhnlichen Prüfungsritualen vertraut machen – und die reichen von Blumen am Revers bis hin zu Konfettiregen.

Mit zitternden Händen schneide ich den Kopf der weißen Nelke ab. Seit vier Tagen steht sie in einer Vase auf meinem Nachttisch zusammen mit einer rosaroten und einer roten Nelke. Nach wochenlangem fiebrigem Lernen ist es so weit: Der Morgen meiner ersten Prüfung ist da. Eine weitere, merkwürdige Tradition in Oxford ist es, „carnations“ zu tragen. Nelken, die wie ein Hochzeitsanstecker an das Revers des Talars geheftet werden. Für die erste Prüfung eine weiße Nelke, für die letzte eine rote und für alle dazwischen eine rosarote. Die drei Farben sollen das Herzblut des Akademikers symbolisieren, das während der Prüfungen vergossen wird, in Form all des Wissens, das er zu Papier bringen soll.

Nachdem ich mich schon lange leer und ausgeblutet wie ein Zombie fühle, ist eine solche Tradition vielleicht genau das Richtige für einen abergläubischen Menschen wie mich. Man darf sich die carnations nicht selbst besorgen, das bringt Unglück. Da mein Freundeskreis sich die Nelken gegenseitig gekauft hat, bin ich eigentlich bestens gewappnet für alle Eventualitäten. Dennoch: Ich habe kaum geschlafen, noch nie war ich so nervös vor einer Prüfung. Nicht einmal vor dem Abitur. Tapfer bin ich aufgestanden, habe ein wenig Frühstück heruntergewürgt und mich in mein „academical dress“ geworfen. Der erste Kreis meiner Oxford-Laufbahn schließt sich. Der erste Anlass, zu dem ich den schwarzen Rock, das weiße Hemd, das schwarze Kragenband, den Talar und das Barrett getragen habe, war die Immatrikulationszeremonie vor sechs Monaten. Jetzt, zu Beginn meines letzten Trimesters in Oxford und in Form der Prüfungen, steht der nächste Anlass vor der Tür, an dem erwartet wird, dass wir dieses Outfit tragen.

Die majestätische Eingangshalle der Examination School, in der alle offiziellen Prüfungen abgehalten werden, ist voller Studenten, die weiße Nelken tragen, noch einmal einen letzten Blick auf ihre Notizen werfen und sich gegenseitig Mut zusprechen. Schließlich verkündet eine durch einen Lautsprecher verstärkte Stimme die Räume für die jeweiligen Prüfungen und verbietet die Mitnahme jeglicher nicht zugelassener Gegenstände. Wie Schafe werden wir in einen noch majestätischeren Saal gelotst, in dem wir einige Minuten später drei Aufsätze in drei Stunden zu Papier bluten, während die „vigitilators“ darauf achten, dass jeweils nur eine Person auf die Toilette geht und jeder die richtige Nummer auf seine Fragebögen schreibt.

Performance und symbolischer Akt, das ist Prüfung-Schreiben in Oxford. Ich denke an die Prüfungen, die ich während meines Bachelors in München abgelegt habe. Auch dort war ich aufgeregt, habe mir sorgfältig überlegt, was ich tragen würde, während meine Professoren ebenso darauf bedacht waren, dass alles mit rechten Dingen zuging. Trotzdem denke ich, dass niemand in München sich vorstellen könnte, was für eine Zeremonie aus Prüfungen gemacht werden kann. Nicht einmal in Cambridge wird ein vergleichbarer Aufwand betrieben. Als jedoch im vergangenen Jahr ein Referendum unter den Studierenden in Oxford abgehalten wurde, sprach sich die Mehrheit für eine Fortführung des academical dresses aus.

Am dritten Tag, nach der letzten Prüfung, trete ich mit meiner roten Nelke durch den Hintereingang der Examination School und in die wartenden Arme einer Menge aus Freunden und Unbekannten, bereit mich zu „trashen“: noch so eine Tradition, bei der die mit den Prüfungen fertigen Studenten mit Konfetti und Alkohol, Rasierschaum, Farbe und Gummischlangen überhäuft werden, was je nach Anzahl der Geprüften schon einmal die Ausmaße eines größeren Musikfestivals inklusive Pogo annehmen kann. Jenseits von jeglicher derzeitiger Angst, nicht bestanden zu haben, denke ich mir, dass diese drei Tage meines Lebens mit einiger Sicherheit irgendwann einmal eine gute Geschichte abgeben werden.


Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: Glatze und Glamour

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Was sich unsere Autorin in München niemals hätte vorstellen können, hat sie sich in einem kleinen Dorf in der französischen Provinz nun getraut: Die Haare abzuschneiden, komplett. In ihrer neuen Heimat Paris fühlt sie sich pudelwohl damit.

Ich habe meine Haare abgeschnitten. Raspelkurz. So kurz, dass man die Kopfhaut sehen kann. So kurz, dass ich den Wind um meinen Kopf streifen spüre. So kurz, dass die Leute auf der Straße mir Platz machen, wenn ich ein bisschen aggressiv schaue. So kurz, dass man auf den ersten Blick nicht weiß, welches Geschlecht ich habe – eine genderfreie Frisur. Aber: Damit falle ich hier in Paris in der Menge nicht groß auf. An modischen Kuriositäten, ausgefallenen Persönlichkeiten und Anonymität gibt es hier genug. In München hätte ich so etwas nie machen können. München ist ein Dorf und die Breite an verschiedenen Stilen und gesellschaftlicher Offenheit gering.

Ich bin in der Bretagne, als ich mich entscheide, meine Haare endlich abzuschneiden. Ich wohne bei der Tante einer Freundin. Sie macht mir spontan einen Termin bei ihrer Friseurin aus, zu der sie seit ihrer Jugend in irgendeinem winzigen bretonischen Kaff geht. Auch der Friseursalon ist winzig. Drei ältere Damen erwarten mich. Wir tragen unser Anliegen vor und sind plötzlich Attraktion des ganzen Salons. Meine Friseurin war früher in Paris bei einem renommierten Friseur und ist eine richtige französische Diva, wie sie im Buche steht. Laut ruft sie erst einmal „mon dieu“. Ja die schönen Haare, ja ganz weg damit. Radikal. Ja. 

Und dann schneidet sie mir so souverän und künstlerisch die Haare, wie noch niemand vorher. Wild fuchtelt sie mit der Schere um meinen Kopf herum, völlig irrational schneidet sie immer mal wieder irgendwo etwas ab, während sie auf Französisch vor sich hin redet. Als sie alle Haare einmal rundherum abgeschnitten hat, habe ich einen so schönen Kurzhaarschnitt wie nach Jahren des Experimentierens und Friseurwechsels nicht. Danach kommt der Rasierer. Ich muss kurz schlucken, dann beginnt die endgültige Verwandlung.

Während in Paris oder gar in Städten wie New York gesellschaftliche Vielfalt allgegenwärtig ist und auf der Straße so richtig gelebt wird, ist die Münchner Mentalität eine komplett andere. Ich hatte hier immer das Gefühl, äußerlich nicht besonders auffallen, aus der Masse herausstechen zu dürfen. Der Kontrast zum Durchschnitts-Münchner wäre dabei so groß, dass ich mich viel zu sehr beobachtet fühlen würde, als für mein Wohlbefinden gut ist. Die Ray-Ban Sonnenbrille auf der Nase, Burberry oder Barbour Coat um die Schultern gelegt, Bluse zu beigem Pulli und dunkelblauer Hose – so laufen sie in München herum. Dazu passen keine raspelkurzen Haare. Die gesellschaftlichen Normen basieren in Paris mehr auf ehrlichem und glaubwürdigem Auftreten, und das bringt einen viel eher dazu, sich einfach mal was zu trauen und zu schauen, was dabei rauskommt.

Ich kann plötzlich auch ästhetisch Widersprüchliches miteinander verbinden, das mir schon immer gefallen hatte. Ich wage jetzt zu tun, was mir gefällt und habe plötzlich einen eigenen Stil. So unbeschwert, leger und eigenwillig overdressed wie es für die Pariserinnen eben typisch ist. Dieses „nach freier Lust und Laune“ einfach machen, was man will. In einer Stadt, einer Gesellschaft, einem Lebensgefühl kultiviert. Das ist Paris. 

Die Strähnen fallen. Die alten bretonischen Frauen um mich herum kommentieren, wie groß meine Augen plötzlich wirken und wie mutig sie mich finden. Aber ich höre nicht zu, sondern lächle glücklich in den Spiegel. Seit einem Jahr schon wollte ich meine Haare einmal so kurz schneiden. Aber in München schien das einfach nicht möglich. Ich schaue zufrieden dabei zu, wie mit jeder Strähne ein sozialer Zwang mehr von mir abfällt. Eine echte Münchnerin wäre ja doch nie aus mir geworden.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Zombie in Jogginghosen

Wenn sogar Marielena, die griechische Eleganz in Person und Kommilitonin unserer Autorin, im Schlabberlook in die Uni kommt, kann das nur eines bedeuten: es ist Prüfungszeit in Oxford, und die Studenten nehmen langsam zombieähnliche Zustände an.

Langsam verwandle ich mich in einen Zombie. Morgens krieche ich aus meinem Bett, viel zu früh, viel zu unausgeruht, wenn es nach meinem Körper gehen würde. An wirklich engagierten Tagen schaffe ich es, meine Schlafanzughose gegen eine Jogginghose einzutauschen. Make-up, gezupfte Augenbrauen oder gefeilte Fingernägel – brauche ich nicht. Im Moment sind alle Schalter auf Überleben gestellt, auf „Bulimie-Lernen“, wie eine meiner Freundinnen in München es einmal nannte. Die Prüfungen rücken unaufhaltsam näher und ich bin gefangen in einem paradoxen Interessenkonflikt. Auf der einen Seite will ich nichts sehnlicher, als dass der erste Prüfungstag endlich da ist. Ich will endlich nicht mehr jeden Tag aufstehen müssen, wissend, dass da ein unbezwingbarer Berg an akademischer Literatur auf mich wartet, dessen Steilhänge womöglich immer mit Fragezeichen gespickt bleiben werden. Ich will nicht mehr wie ein Zombie in Jogginghosen mit mir selbst debattieren müssen, ob ich es mir leisten kann, einen Spaziergang zu machen, zu duschen oder ein anständiges Abendessen zu kochen, weil ich dadurch wertvolle Lernzeit vergeuden würde.

Auf der anderen Seite sind gerade diese Fragezeichen das, was mich mindestens einmal am Tag panisch meine Atemzüge zählen lässt, weil ich merke, dass ich niemals alles lesen und lernen und verstehen und verinnerlichen werde können, was möglicherweise für ein Bestehen der Prüfungen hilfreich sein könnte.

Manchmal ist es tröstlich, dass es uns allen gleich geht. Ich sehe andere Zombie-Gestalten an meinem Fenster vorbeiwandeln auf dem Weg zur Bibliothek. Sogar Marielena, normalerweise die griechische Eleganz in Person, trägt einen dunkelblauen Jogginganzug, Turnschuhe und ihre Haare fallen in wilden Locken über ihre Schultern, Theas Augenringe werden bedenklich dunkel und das Licht im Zimmer meiner Mitbewohnerin scheint immer an zu sein, egal, zu welcher Uhrzeit es mich in der Nacht auf die Toilette treibt. Manchmal ist es aber auch sehr verunsichernd, dass jeder eine andere Lernstrategie verfolgt. Die Facebook-Gruppe meines Kurses läuft heiß, nicht nur mit Fragen, sondern auch mit spätabendlichen Fotos aus Bibliotheken, die ich meide. Auch wenn ich nicht dankbarer für die Unterstützung und den Zusammenhalt meines Kurses sein könnte, wünschte ich mir, es wären ein paar entspanntere, vom Lernstress unberührtere Persönlichkeiten unter uns.

Ich weiß, auch in München stellen Prüfungen und die Phase davor einen Stressfaktor dar. Auch hier verwandeln sich Studenten in Zombies, wenn das Semesterende näher rückt. Aber wieder einmal habe ich das Gefühl, in Oxford ist alles ein bisschen intensiver, alles ein bisschen gewichtiger als in Deutschland. Weil es in Oxford so schwer ist, aus dem Universitätskosmos auszubrechen, weil es letztlich keine Trennung zwischen „zu Hause“ und „Uni“ gibt, ist es leicht, 15 Stunden am Tag fieberhaft Papers zu lesen und Karteikarten zu beschriften. Während es gleichzeitig quasi unmöglich ist, ein Gespräch zu führen, bei dem es nicht früher oder später (meistens früher) um die anstehenden Prüfungen und den Lernstoff geht. Deshalb ist es womöglich gut, dass ein Ende des Zombie-Zustands absehbar ist, egal, ob wir alle Papers gelesen und alle Karteikarten beschriftet haben oder nicht.

Manchmal, in lichten Momenten, schaffe ich es dann aber sogar, die zwei Seiten des Paradoxes zu vereinen. Wenn ich merke, wie viel ich tatsächlich schon gelernt habe, wie viel weiter mein Horizont ist im Vergleich zu Beginn des Kurses, wird mir bewusst, dass ich tatsächlich nicht ausschließlich für die Prüfungen lerne, sondern für mich und vielleicht sogar für die Welt.

Text:
Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: Flirten mit dem Goldfisch

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Wo die schönen Jungs sich tummeln: Unsere Autorin erlebt in Paris ein wahres Eldorado an begehrenswerten jungen Männern – und hat doch das Gefühl, sie bräuchte einen deutsch-französischen Freund zum Glücklichsein.

Ein Umzug von München nach Paris ist für eine junge Frau mit aufgewecktem Herzen wie ein Schritt aus dem Dunkel ins Licht. Endlich weg von dem ständigen Anblick dieser Hemd-Träger, die einen beige-farbenen Pulli darüber tragen, die ihren dicken Autoschlüssel von Papi dabei haben. Endlich weg von diesen eindimensionalen wohlstandsverwöhnten Münchner Schnösel-Bubis, die mich einfach nicht anziehen. Rein ins Pariser Paradies.

In Paris kann man quasi nicht das Haus verlassen, ohne attraktiven Männern zu begegnen. Diesen Typus Mann, für den ich leider eine besondere Schwäche habe – Dreitagebart, krause dunkle Locken, verwegener Blick, modisch, aber nicht gewollt gekleidet – sieht man zu meinem Leidwesen und meiner Freude zugleich überall in Paris. Ich gehe eine ganz normale Straße entlang und blicke währenddessen in mindestens fünf Gesichter, die ich ohne Weiteres so interessant und anziehend finde, dass mein Kopfkino vom ersten Date bis zum gemeinsam möblierten bücherüberladenen Salon mit Soiréen im Kreise unserer intellektuellen Freunde durchgelaufen ist. Wenn man sich dann noch im Vorbeigehen in die Augen blickt und anlächelt – hach – das ist einfach zu viel für mich. Ich muss zum Schutze meiner Fantasie und meines armen Herzens wegsehen.

Auch können Franzosen etwas, das deutschen Männern genetisch wohl auf ewig verschlossen bleiben wird: flirten. Sie sprechen mit dir wie ein Mann, der weiß, was er will. Wenn das du bist, ist es ein Kompliment. Sie schaffen es, dass du dich von der simplen Frage, ob du mal gemeinsam was trinken gehen möchtest, geschmeichelt fühlst. Sie schaffen es, nach ein paar Sätzen Small-Talk nach deiner Nummer zu fragen und zwar ohne dabei wie ein Psychopath, verunsicherter kleiner Junge oder überheblicher Arsch zu wirken. Und zum ersten Mal fühle ich mich als Frau, wenn ich durch die Straßen laufe. Endlich keine Polohemd tragende neutral-langweilige Wegschaukultur mehr, sondern tiefe, interessierte Blicke aus Augen, die Poesie und Gefahr versprechen.

Ich lerne, dass Franzosen in Liebesdingen anders sind, als ich es aus Deutschland gewöhnt bin. „L’amour Parisien“ unterscheidet sich sehr von dem klassisch-amerikanischen Dating-Ritual, bei dem man sich mehrmals zum Rendezvous trifft und sich frühestens nach dem dritten Date küssen darf. Die Franzosen hingegen schlafen zuerst miteinander, bevor am Morgen danach auf eine Zigarette und schwarzen Kaffee in der Küche entschieden wird, ob man sich besser kennenlernen will. Außerdem ist es so eine Sache mit der französischen Leidenschaftlichkeit. Zwar sind Franzosen unglaublich passionierte Liebhaber und verlieben sich aus tiefster Seele. Doch sie sind auch wankelmütig und haben das Gedächtnis eines Goldfischs. Warst du eben noch Mittelpunkt ihrer Welt, drehen sie sich um und können innerhalb von Sekunden die gleichen tiefen Gefühle für die nächstbeste, zufällig vorbeischlendernde Frau aufbringen.

Und da merke ich, dass für mich Liebe doch eher dem Modell deutscher Partnerschaft entspricht. Dein Partner ist vor allen Dingen dein Vertrauter und Freund, bevor sich etwas Sexuelles entwickelt. Liebe ist für mich nicht nur eine flammende, alles verschlingende Welle der Leidenschaft, sondern auch Zuverlässigkeit und Stabilität. Denn erst sie machen ein Vertrauen möglich, auf dessen Basis ich echte, tiefe Gefühle für jemanden entwickeln kann. Einen deutsch-französischen Freund müsste man haben.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Hochstapler an Elite-Unis

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Oxford, die Heimat des „Hochstapler-Syndroms“: Unsere Autorin hat das Gefühl, ihre Mitstudenten in Oxford machen sich mit noch mehr Zweifeln Gedanken über die Zukunft, als es die Studenten in München tun.

Ganz bestimmt werden wir alle arbeitslos sein. Obwohl wir einen Abschluss in Oxford gemacht haben. Ich warte gerade auf zwei Kommilitonen im Eingangsbereich meiner Fakultät, als ich ein wenig ungewollt das Gespräch einer Gruppe von Studierenden mit anhöre. Es geht um Stellenausschreibungen bei Internationalen Organisationen, NGOs, den Vereinten Nationen und der EU. „Ich stelle gerade fest, dass ich hoffnungslos unterqualifiziert bin für all diese Dinge“, sagt eine der Studentinnen und seufzt. Zustimmendes Gemurmel. Es folgt das notorische Googlen berühmter, erfolgreicher Weltenretter und deren Lebensläufe. So gut wie die werden wir niemals, so weit der allgemeine Konsens.

Recht schnell habe ich herausgefunden, dass Oxford die Heimat des „Imposter-Syndroms“, des „Hochstapler-Syndroms“ ist. Ein nicht geringer Anteil der Leute hier denkt, er sei zuallererst nicht gut genug, um überhaupt einen Platz an dieser Uni verdient zu haben. In einem zweiten, logischen Schritt sind wir davon überzeugt, „hoffnungslos unterqualifiziert“ zu sein für jeden potenziellen Beruf, den wir gerne ausüben würden, wenn wir das Studium abgeschlossen haben werden. Besonders dringlich werden diese Sorgen jetzt, da das zweite Trimester vorbei ist und die meisten Studierenden in einjährigen Masterprogrammen beginnen, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Hilfreich ist es dabei, dass unsere Oxford-Postfächer täglich von E-Mails überflutet werden – mit Einladungen zu Karriere-Messen, Jobangeboten und offiziellen Servicestellen der Universität, die bei der Erstellung eines professionellen Lebenslaufs unter die Arme greifen wollen.

Gedanken über die Zukunft machen sich Studenten in München genauso. Zweifel sind auch dort involviert. Zweifel, Abwägungen und Entscheidungen. Es mag tröstlich sein zu wissen, dass Studierende überall auf der Welt von den gleichen Sorgen und Unsicherheiten geplagt zu werden scheinen. Dennoch: Manchmal wünschte ich mir, meine Freunde in Deutschland in einem Gespräch mit den Studierenden hier in Oxford zusammenzubringen. Manchmal kommen mir die Sorgen, die hier geäußert werden, realitätsfern, um nicht zu sagen aufgesetzt vor.

Mag sein, dass es immer jemanden geben wird, der „besser“ ist als man selbst, auch wenn man es nach Oxford geschafft hat. Mag sein, dass es immer eine noch beeindruckendere Ausbildung gibt, und natürlich ist Erfolg auch immer abhängig von einem jeweiligen Ziel, das angestrebt sein mag. Es kann manchmal hilfreich sein, sich in Erinnerung zu rufen, was man schon erreicht hat und welche Möglichkeiten das mit sich bringt. Und dass es Menschen gibt, die von diesen Möglichkeiten vielleicht nicht einmal träumen können. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher: Wenn meine Freunde in München wüssten, wie unterqualifiziert sich viele Leute in Oxford fühlen, würde ich zu hören bekommen: „Was wollt ihr denn noch mehr als einen Abschluss an dieser Elite-Uni?“

Wahrscheinlich würde ich entgegnen: „Wisst ihr, Oxford ist auch nur eine Uni.“ Und: Die Ausbildung, die in Deutschland ermöglicht wird, ohne sich finanziell in dem Ausmaß verschulden zu müssen, wie das in England meistens der Fall ist, ist definitiv nicht weniger relevant für unseren späteren Beruf. Niemand von uns, der auch nur ein bisschen Leidenschaft, Ausdauer und Begeisterung mitbringt, wird am Ende seines Studiums ohne Arbeit dastehen. Da bin ich mir fast sicher. Aber ein bisschen Sorgen darf man sich doch noch machen, oder?

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat