Fremdgänger: Abschiede

Abschiede sind nie einfach. Vielleicht ganz besonders nicht dann, wenn man Menschen in kurzer Zeit sehr ins Herz geschlossen hat und die Aussicht auf ein Wiedersehen gering zu sein scheint. Unsere Autorin berichtet über das Ende ihres Auslangsjahres.

Hilflos halte ich Rebecca im Arm.
Ihre Schultern zucken und ich spüre ihre Tränen an meinem Hals. Umringt von
unseren Kommilitonen, während des letzten Kurs-Abendessens, ist Rebecca die
erste, die sich verabschiedet. Nicht nur für heute, sondern vielleicht für… immer.
Gestern haben wir unsere Master-Arbeiten abgegeben. Heute steht auf einmal
nichts mehr zwischen uns und der Freiheit. Uns und dem echten Leben. Uns und
dem Abschied.

Neun Monate waren meine 24
Kurskameraden der Mittelpunkt meines Lebens. Wir kommen aus 13 verschiedenen
Ländern und gehen zurück in mindestens genausoviele verschiedene Länder. Am
ersten Tag beäugten wir uns unsicher, ein wenig zurückhaltend. Zu viele Namen,
zu viele beeindruckende Geschichten. Yale, Princeton, Cambridge – ich brauchte
einige Zeit um diese Informationen zu verdauen und den richtigen Gesichtern
zuordnen zu können. Geschichte und Philosophie in München studiert zu haben,
klang da irgendwie nicht so spannend. Deshalb traute ich mich am Anfang kaum,
den Mund aufzumachen. Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass meine Kommilitonen –
egal wie eindrucksvoll ihre Lebensläufe – die liebevollsten und witzigsten
Menschen sind, die ich jemals auf einmal kennengelernt habe.

Ich glaube, Auslandserfahrungen
werden als so wertvoll empfunden, weil von Anfang an klar ist, dass man sich
für einen bestimmten, genau abgesteckten Zeitraum ein Leben aufbaut, bevor man
es nach diesem Zeitraum wieder abbaut. Dieses Wissen macht jeden einzelnen
Moment wertvoll, denn immer ist da die Gewissheit, dass es das letzte Mal sein
könnte, dass man diese Straße entlanggeht, dieses Cafe betritt oder diesen
Menschen trifft. Deshalb werden Freundschaften schneller geknüpft und fühlen
sich dann schnell so innig an, dass der Gedanke, sich am Ende des Jahres
verabschieden zu müssen, kaum auszuhalten ist. Auch in München musste ich mich
nach meinem Abschluss von Freunden verabschieden. Jedoch gestaltete die
Aussicht, dass die meisten von ihnen irgendwie innerhalb Deutschlands bleiben
würden, dieses Ereignis weit weniger dramatisch. Keine Tränen, keine
minutenlangen Umarmungen. Oft reichte ein: bis-in-einem-Jahr-dann.

Wenn ich versuche, meinen
deutschen Freunden das Konzept eines einjährigen Masters zu erklären, ernte ich
große Augen. Zweimal acht Wochen Vorlesungen? Dreimal drei Stunden Prüfung?
Sieben Wochen für eine Masterarbeit? Und dann hat man einen Abschluss? Das
klingt nach akademischem Größenwahn. Ist es auch. Wiederholt hörte ich mich
sagen: „Weiß auch nicht, wer auf diese Idee gekommen ist. Macht eigentlich nicht
so viel Sinn.“

Natürlich ist es im Nachhinein
einfach, zu behaupten, es sei alles nicht so schlimm gewesen. Das Gedächtnis
schleift die schmerzvollen Kanten der Erfahrung ab. Noch weiß ich, dass
Studieren in Oxford hart war. Aber mittlerweile weiß ich auch, dass alles
irgendwie machbar war und darum ist es nun die „menschliche“ Seite, die den
größeren Schmerz verursacht. Und der wird nicht so schnell verfliegen wie die
Verzweiflung angesichts theoretischer Debatten und Wortlimits. Es sind die
Menschen, die fehlen werden. Der eigentliche „Größenwahn“ eines Auslandsjahres
liegt deshalb in der Tatsache, sich ein Jahr lang die Möglichkeit zu geben, ein
Leben aufzubauen, nur um es dann wieder abzubauen, ohne zu wissen, in wie viele
verschiedene Länder man wird reisen können, um Freundschaften aufrecht zu
erhalten. Aus diesem Grund fällt mir auch nichts ein, das ich sagen könnte, um
Rebecca zu trösten. Ich halte sie nur ganz fest. Sie und diesen Moment.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: How to be parisian

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Was passiert, wenn der vorübergehende Wohnort zu der Heimat des Herzens wird? Unsere Autorin berichtet von ihrer nie endenden Begeisterung für Paris und der Traumerfüllung eines jeden Erasmus-Studenten.

Es geht nicht darum, in Paris geboren zu sein. Um Pariser zu
sein, muss man in Paris wieder geboren werden. So und anders lauten viele
Sprüche, die unter Paris-Pilgernden in Mode sind. Der Hype um die Stadt der
Liebe mit all seinen überlaufenen Hotspots von Eiffelturm bis Champs-Elysees
erfährt eine ganz neue Dimension für diejenigen, die wirklich nach Paris gehen,
um dort zu leben, uns Erasmus-Studenten. Ein wenig in der Stadt der Liebe, der
Kunst, der Schönheit, der Freiheit zu leben, rein durch den eigenen Aufenthalt
dort etwas von ihrem Zauber aufzunehmen– wer wünscht sich das nicht. Jedes Jahr
strömen wieder Massen an Hypenden in die Stadt, um sich diese zu eigen zu
machen.

Es gibt einen regelrechten Kult um das Leben in Paris.
Jemand, der einmal mit Wein an der Seine gesessen hat, hält sich jetzt für eine
waschechte Pariserin. Das Ganze noch auf social media inszeniert hashtag
parisienne, „Pariserin“. Doch sie machen alle den einen Kardinalfehler, der sie
für immer im Status erbärmlicher Touristen gefangen halten wird. Sie finden
Paris toll. Die echten Pariser nämlich, finden Paris nicht so besonders. Mein
Gastvater sagt immer zu mir, er verstünde sowieso nicht, was alle immer mit
Paris hätten. So herausragend schön sei die Stadt nun wirklich nicht.

Im Septime la Cave, einer schnuckeligen Weinbar im elften
Arrondissement, die wie ein Weinkeller aussieht, aber viel hipper ist, sprechen
uns zwei Pariser an, wie sie wohl im Buche stehen. Er mit Dreitagebart, Betreiber
mehrerer charmanter Restaurants, Frauenheld, wie mir seine beste Freundin
später augenzwinkernd verrät, sie elegant und klassisch, Psychologin, die sich,
selbst mit kleiner Krise, als Erste verabschiedet. Sie
laden uns ein, mit ihnen weiter zu ziehen, wir gehen in eine noch kleinere,
noch geheimere Bar und trinken Rotwein mit Käse und Baguette. Ich befürchte
schon, vor lauter Klischee fällt die Szenerie gleich in sich selbst zusammen.

Warum wir ausgerechnet in Paris seien, fragen sie
interessiert. Sie verstünden gar nicht warum alle Welt nach Paris wolle. Gut,
ja, es sei schon ganz nett hier, aber doch irgendwie auch immer das Gleiche und
so viel habe die Stadt doch dann auch nicht zu bieten. Ich muss lächeln über
ihre Übersättigung und gekünstelte Unzufriedenheit, die wohl die Pariser zu
charakterisieren scheint. Und irgendwie macht sie mich auch tieftraurig. Wie
kann man in einer Stadt wie Paris leben und für ihre Reize blind werden? Ich
versuche mein begeistertes Lächeln über die ganze Situation, in Paris, mitten
in der Nacht, mit Parisern und Wein, so original, der Traum eines jeden
Austauschstudenten,ein bisschen herunterzuschrauben. Will mich ja nicht gleich
outen, als eine der ewig Paris-Begeisterten.

Aber doch, ich gebe es zu. Aus mir wird niemals eine
Pariserin werden. Ich erhebe auch nicht den Anspruch nach einem Jahr in Paris
zur Pariserin geworden zu sein. Ich will Paris nicht langweilig finden oder
seiner überdrüssig werden. Ich will es jeden Tag von Neuem großartig finden. Will
durch die Parks und Boulevards schlendern und jedes Mal wieder von der
Schönheit des Stadtbilds überwältigt sein. Ich will aufblicken, über die
Brücken der Seine bis zur Notre Dame und es einfach genießen, in dieser
traumhaften Kulisse zu leben. Ich will meinen künstlerischen Idolen auf ihren
Spuren folgen, Monet im Musée d’Orsay besuchen und auf Simone de Beauvoirs
Platz im Les deux Magots heiße Schokolade trinken, im Louvre vor dem
Turnergemälde auf der Couch lesen und es unheimlich romantisch finden, den
Sonnenuntergang vom Arc de Triomphe aus betrachten und mir sagen „hier wohne
ich“.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Kunstsammelnde Piraten

„Posh“ könnte eine mögliche englische Bezeichnung für die Münchner Schickeria sein. Oder passt das doch nicht? Wie sich das vornehme Bürgertum in England von dem der Münchner Maximiliansstraße unterscheidet, darüber berichtet unsere Autorin in ihrer Kolumne.

„Posh“
ist in England so ein Wort, das auf Vieles und Nichts zugleich passt, das
deskriptiv sowie normativ, abstrakt sowie materiell verwendet werden kann. Ein
Dialekt ist „posh“, ein Auto ist „posh“, „super“ vor Adjektive zu kleben ist
„posh“ und der Norden von Oxford, wo ich wohne, ist „posh“. Meine
Übersetzungs-App behauptet, „vornehm“ sei der adequate deutsche Begriff.
Sicherlich könnte man die Münchner Schickeria als Pendant zu britischer
„poshness“ heranziehen. Allerdings würde ich behaupten, dass sich die Sachlage
in Großbritannien ein weniger anders, wenn nicht sogar komplexer gestaltet als
die Münchner Maximiliansstraße.

Zeuge
dieser Vielschichtigkeit werde ich, als ich der Einladung meines Mitbewohner
folge, einige Tage im Ferienhaus des Vaters seiner Verlobten in Cornwall zu
verbringen. Nach einer fünfstündigen Zugfahrt gen Süden, betrete ich ein wenig
nervös das weitläufige, in den 70ern erbaute Haus, das mir als der Inbegriff
von „poshness“ beschrieben wurde. Auf einen Schlag wird damit jedoch mein
persönliches Verständnis eben dieses Begriffs auf den Kopf gestellt.
Sicherlich, die Tatsache, dass das Haus mit Blick auf einen atemberaubenden von
Felsen umrahmten Sandstrand gebaut ist, riecht nach Geld. Allerdings spricht
die simple Ausstattung sowie der Zustand des Hauses eine andere Sprache: Neben
dem überquellenden Mülleimer und zwischen Sand und Muschelschalen türmt sich
eine Armada aus leeren Wein- und Bierflaschen auf. Ein Stapel schmutziger
Teller wartet im ebenfalls sandigen Spülbecken darauf, dass die sauberen Teller
aus der Spülmaschine in die Schränke geräumt werden und der Aschenbecher auf
dem Wohnzimmertisch quillt über. 

Mit
einer festen Umarmung, einem Kuss auf beide Wangen und der Frage, ob ich einen
Drink wolle, werde ich vom 68-jährigen Hausherren begrüßt, der barfuß, mit
langen grauen Locken, einem Sammelsurium an Armbändern und zerrissenen Jeans
aussieht wie eine Mischung aus Pirat, Rockstar und Bill Nighy. 

Die
darauffolgenden Tage versinken in einem bunten Rausch aus Strandspaziergängen,
Schwimmen, Muschel-Sammeln, kuriosen Spielen, Sandburgen bauen, Unmengen an
Essen und noch mehr Alkohol. Normale Tageszeiten (Abendessen irgendwann gegen
22 Uhr) und normale Gepflogenheiten (Duschen, saubere Kleidung) verlieren an
Bedeutung. 

In
München assoziiere ich „posh“ mit den Mitgliedern des Golfclubs, in dem ich
einen Sommer lang bediente – Besitzer teurer Hemden, noch teurerer Uhren und
einem offensichtlichen Desinteresse an allem, was sich außerhalb der Welt der
Reichen und Schönen abspielt. In Cornwall hingegen, scheint niemand Wert auf
Äußerlichkeiten oder eine Performance von Reichtum zu legen. Vermutlich ist
jedoch gerade dieses Verhalten ein wichtiger Aspekt britischer „poshness“, denn
nach einiger Recherche finde ich heraus, dass mein Piraten-Gastgeber im echten
Leben Anzug trägt und erfolgreicher Kunst-Händler ist. Somit würde das Fehlen
jeglicher „poshness“ ebenso eine Performance darstellen wie das Tragen teurer
Uhren und Hemden in München. Ohne jegliches Werturteil über die beiden Seiten
des Vergleichs fällen oder gar versuchen zu wollen, in die viel tiefergreifende
Problematik der fortbestehenden englischen Klassengesellschaft eintauchen zu
wollen, komme ich zu dem Schluss, dass – egal wie reich, angesehen oder „posh“
meine Gastgeber sind – ich mich selten umsorgter gefühlt habe als in diesem
schmuddeligen Haus in Cornwall. Allein deswegen erscheint britische „poshness“
irgendwie sympathischer als die abschätzigen Blicke angesichts meiner nicht
vorhandenen teuren Uhr und die Unwilligkeit auch nur 5 Prozent Trinkgeld zu
geben, die ich während meiner Golfclub-Zeit in München täglich erlebte.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: Was ist schon Schönheit?

Es scheint so, als ob Frauen überall auf der Erde die Französinnen um ihre Schönheit beneiden würden. Aber ist das denn tatsächlich so? Und was ist Schönheit überhaupt?

Sie gelten als der Maßstab für Schönheit und Eleganz: die Frauen aus Paris. Ihr Stil und ihre Klasse werden auf der ganzen Welt als einmalig gehandelt, zum Mysterium erhoben. Egal welchen Alters – Pariserinnen altern schließlich am schönsten. Beauty-Zeitschriften veröffentlichen Tipps, um so schön geschminkt, so toll angezogen zu sein wie die Pariserin. Es gibt sogar einen Reiseführer für junge Frauen, der sich in fast allen Regalen und verschiedensten Sprachen von den Austausch-Studentinnen findet, die ich kenne. „How to be parisian wherever you are“, geschrieben von vier echten Pariserinnen, die verraten, wie man an die richtige Einstellung kommt, um überall Pariserin zu sein.

Doch was ist das Geheimnis der Pariserinnen? Und wie sehen sie in Wirklichkeit aus? Ich bin enttäuscht. Auf der Rue Saint-Honoré – der Straße für Mode à Paris – sehen die Menschen nicht eleganter oder besser gekleidet aus als in jeder anderen Fußgängerzone, die Leute in der Metro sind auch nur angezogen wie Berufstätige. Auch an meiner Uni finde ich nicht, was ich suche. Meine Kommilitonen sehen aus, als hätten sie sich mit besonderem Augenmerk auf Geschmacklosigkeit im Achtzigerjahre-Kleiderschrank meiner Eltern bedient. Die Mädchen scheinen irgendwo tief in der pubertären Schmink-Experimentierphase gefangen zu sein: Make-up-Rand und kuriose Farben überall in der Visage. Ich bin enttäuscht. Ist die Schönheit der Pariser etwa doch nur ein Mysterium?

Doch es gibt sie. Es ist wie mit der Liebe – man entdeckt sie, wenn man nicht danach sucht. Es ist die alte Dame, die während der wackeligen U-Bahnfahrt der Linie 7 ihre Wimpern mit Lancôme tuscht, während sie sich an ihrem faltigen, liebevoll lächelnden Mann festhält. Sie hat keinen Spiegel und macht doch keinen Klecks. Das übersteigt alle meine Schmink-Kompetenzen bei Weitem. Danach knallroter Dior-Lippenstift, den sie auf den Lippen und mit dem Finger als Rouge verteilt. Ihre grünen Augen schauen wach und hell unter schlohweißem Haar hervor. Das ist wahre Schönheit und Ausstrahlung – und zwar mit einfachsten Mitteln. Ich bin voller Demut. Ich habe das Gefühl einer übernatürlichen Szene beigewohnt zu haben.

Das passiert mir des öfteren. Es sind Menschen jeden Alters, Hautfarbe und Geschlechts. Sie sitzen in einem Café, laufen über die Straße oder spielen im Jardin du Luxembourg mit ihren Kindern und sind einfach atemberaubend. Es ist ihre schlichte Eleganz, ihr klassischer Stil – die Ungezwungenheit. So etwas findet man in München einfach nicht. Wer meint, schön zu sein, folgt meistens irgendeinem Trend oder hat sich in teuren Marken eingekleidet. Mir wird schlecht, wenn ich an all die blond gesträhnten Münchner Louis-Vuitton-Handtaschenträgerinnen denke, an denen wahlweise ein Fuchs oder ein Hase hängt. „How to be parisian wherever you are“ hat dazu eine klare Meinung: Du bist doch keine Werbetafel. Das sollte mal einer den jungen Frauen in München verraten.

Und doch gibt es keine klare Regel. Es ist der ewige Widerspruch, aus dem die Pariserinnen die Faszination ihrer Weiblichkeit ziehen. Es ist Arroganz gepaart mit tiefer Unsicherheit, Selbstsicherheit gepaart mit dem Bedürfnis nach Rückversicherung. Es ist die Balance, felsenfest die eigenen Überzeugungen zu vertreten und diese dann doch mit einem Augenzwinkern zu brechen. Frei nach Lust und Laune zu leben, das haben die Pariser kultiviert. Es ist Freiheit und Selbstgeißelung der Schönheit willen zugleich – und das bei gleichzeitiger Leichtigkeit. Daran erkennt man Pariser. Und ja, je länger ich darüber nachdenke: Davon gibt es auch manche in München. 


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Andere Länder, andere Zahlen

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Dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen Fahrenheit und Celsius gibt, steht außer Frage. Allerdings können solche kulturellen Verschiedenheiten schnell zu Kommunikationsproblemen innerhalb von internationalen Freundschaften führen.

Jasmine schickt mir einen stirnrunzelnden Smilie. Es ist uns schon wieder passiert. Totale Verwirrung. „Treffen wir uns jetzt um fünf oder um sieben?“, will sie wissen. Ich scrolle die Unterhaltung nach oben und finde den Fehler. Vor einer halben Stunde habe ich ihr geschrieben: „7 am Theatereingang?“ Gemeint habe ich allerdings 17, also fünf Uhr.

Wie immer wollte ich es Jasmine aus Kanada einfacher machen. Schon in der ersten Uni-Woche haben wir festgestellt, dass in Nordamerika aufgewachsene Studenten nicht wirklich vertraut sind mit dem in Europa gängigeren 24-Stunden-System. Ich erinnere mich, wie Jasmine zu ihrem ersten Supervisor-Treffen beinahe zur falschen Zeit aufgetaucht wäre, da sie nicht wusste, was 15 Uhr bedeutet. Allerdings mache ich regelmäßig alles noch komplizierter, wenn ich versuche, „am“ und „pm“ mit den entsprechenden Zahlen zwischen 1 und 12 zu verwenden – 19 Uhr wird aus irgendeinem Grund zu 5. Ähnliches passiert, wenn wir shoppen gehen. „Welche Schuhgröße hast du“, fragt Jasmine. „Ähhh….“, sage ich. „38… ich meine 5 … ich meine … keine Ahnung, was das in deinem System ist.“ Oder wenn sie mir die Temperaturen in ihrer Heimatstadt beschreibt. 77 Grad? Das kann nicht stimmen – bis mir einfällt, dass Fahrenheit anders funktioniert als Celsius.

Schon vor meinem Studium in England war mir klar, dass Maßeinheiten, Uhrzeiten, Kalender – letztendlich alles, was mit dem menschlichen Versuch zu tun hat, Ordnung in ein sinnloses Universum ohne Meterstäbe und Waagen zu bringen – relativ sind. Allerdings habe ich die Auswirkungen der verschiedenen Arten, Ordnung zu schaffen, noch nie so direkt gespürt wie in Oxford, wo auf sehr begrenztem Raum die unterschiedlichsten Nationalitäten und damit Maßeinheiten aufeinander treffen.

Dazu kommt in Oxford dann noch Oxford. Denn in Oxford wird alles noch einmal ein bisschen anders gemacht. Das akademische Jahr wird in drei „terms“ unterteilt, die wiederum in jeweils acht Wochen zerfallen. Woche 1, Woche 2, Woche 3 und so weiter. Offizielle Veranstaltungen, aber auch private Verabredungen werden nur noch mit Nummern bekanntgegeben. Am Anfang runzelte ich die Stirn, als mir meine Mitbewohnerin einen so nur in Oxford erhältlichen Kalender zeigte. Aber schon drei Wochen später dachte ich selbst ausschließlich in Woche 1, Woche 2, Woche 3 und so weiter. Wochen 4 und 5 sind die schlimmsten – man fühlt sich begraben und erdrückt vom Gewicht der hinter und der vor einem liegenden Wochen. Während man sich in München nach acht Vorlesungseinheiten ebenfalls nur noch nach dem Ende des Semesters sehnt, wird es in Oxford bei Notenbekanntgabe wirklich merkwürdig. Bewertungen werden in Prozent ausgedrückt: 50 Prozent sind für ein Bestehen nötig, 80 Prozent zu erreichen, ist in den Geisteswissenschaften unmöglich. 70 Prozent entspricht möglicherweise einer Münchner 1,2.

Ich schaffe es, mich – mehr oder weniger fehlerfrei – mit anderen Maßeinheiten und Zeitrechnungen anzufreunden, aber für mich ist ein Jahr kaum genug Zeit, ein völlig neues Notensystem zu verinnerlichen. Ich lerne zwar die wichtige Lektion, dass man mehr als zufrieden sein kann mit weit weniger als dem, was theoretisch möglich ist (also 100 Prozent oder 1,0). Was das allerdings über meine intellektuelle Leistung aussagt, bleibt irgendwie ungreifbar. Das wiederum scheint nicht nur mir so zu gehen. Ich schicke Jasmine einen stirnrunzelnden Smilie: „65 Prozent – was heißt das jetzt?“ Ihre Antwort: Ich bekomme einen stirnrunzelnden Smilie, „no idea“.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: Heiß, sehr heiß

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Über das Wetter reden ist eine der bekanntesten Smaltalkstrategien überhaupt. Darin sind wir Deutschen gut. In England scheint das eine Methode der Verarbeitung zu sein.

Schweiß bildet sich auf meiner Stirn. Ein wenig verzweifelt überlege ich mir, was ich noch ausziehen könnte, ohne völlig nackt am Schreibtisch zu sitzen. Aber so besonders viel ist da nicht mehr übrig, denn da sich die Temperaturen in Oxford seit mehr als einer Woche im 30-Grad-Bereich aufhalten, trage ich mittlerweile ausschließlich die leichtest möglichen Sommerkleider und berufe mich regelmäßig auf mein Hitze-Mantra: „Englisches Wetter rockt.“ Das wirkt nach wie vor erstaunlich gut. Denn auch wenn ich persönlich keinesfalls der enthusiastischste Hitze-Fan bin, erweist es sich als erfrischende Genugtuung, meinen Freunden in München Fotos zu schicken, von Bootsfahrten durch englische Parklandschaften im Bikini.

Während meines Bachelorstudiums in München verbrachte ich den Großteil meiner Sommer über Seminararbeiten schwitzend in gut klimatisierten Bibliotheken in der Innenstadt. Deshalb handelt es sich bei den helleren Streifen, die sich mittlerweile auf meinen Schultern zwischen leicht gebräunter Haut abzeichnen, schon um eine kleine Sensation. Vor ein paar Wochen habe ich mein Studium offiziell abgeschlossen und somit zum ersten Mal seit Jahren Zeit, mit einem Roman im Park zu sitzen, Fahrradtouren zu romantischen Palästen zu unternehmen oder mich in einer weiteren Oxford-Tradition, dem Punten (Stocherkahnfahren), zu üben.

Vor einem Jahr, bevor ich zu meinem England-Studium aufbrach, war der zweithäufigste Kommentar, gleich nach: „Oh je, das englische Essen …“, den ich mir anhören musste, ein Verweis auf das angeblich grauselige britische Wetter. Sicherlich, Stimmen munkeln, 2016/17 sei ein besonders mildes Jahr im Vereinten Königreich gewesen. Von daher könnte ich einfach nur Glück gehabt haben. Allerdings halte ich Wetterfragen im Allgemeinen für relativ und die universale Verunglimpfung des englischen Wetters für mehr als übertrieben und deshalb unangebracht. Ich verstehe meine Freunde aus Kalifornien oder Singapur, für die der Winter hier mit Sicherheit eine schockierende Umstellung dargestellt haben muss. Jedoch muss ich ausgehend von meiner deutschen Perspektive zu Bedenken geben, dass es in Oxford weder tagelange Regenfälle gibt, die Keller unter Wasser setzen, noch Schneestürme, die den öffentlichen Nahverkehr lahmlegen, wie ich es von zu Hause nur allzu gut kenne.

Interessanterweise scheinen es jedoch insbesondere Engländer selbst zu sein, die mir gegenüber ihre Frustration angesichts des Wetters aussprechen. Des Öfteren unterhalte ich mich mit meinem Mitbewohner Barney über unvorhergesehenen Sprühregen und dichte Nebelbänke. „I wish there would be more sun in England“, sagt er immer und immer wieder. Besonders für ihn freue ich mich deshalb über diesen strahlenden Sommer. Doch an einem dieser Tage finde ich Barney erschöpft auf unserer Küchen-Couch sitzen. Verzweifelt fragt er mich: „Why is it so hot?“ Zuerst bin ich aufrichtig verwirrt, aber dann fällt mir ein anderes unserer Gespräche ein, während dem er mir erklärte, dass die englische Taktik, mit dem Wetter umzugehen, genau darin bestehe, darüber zu sprechen. Vielleicht ist demnach das Sich-über-das-Wetter-Beschweren schon so etwas wie kulturelle Umgangsform und gar nicht unbedingt an die tatsächliche Grausamkeit eben jenes geknüpft. Darauf möchte ich Barney in diesem beschwerlichen Moment jedoch nicht aufmerksam machen, denn für den einzig passend erscheinenden Kommentar fällt mir keine dem englischen Höflichkeitsethos entsprechende Übersetzung ein: „Euch kann man es wohl auch nicht recht machen.“

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Paris, wie es stinkt und lebt

München, das ist reich und sauber. Dass diese Beschreibung nicht nur einem Klischee, sondern im Vergleich zu anderen Großstädten manchmal auch vollkommen der Wahrheit entspricht, das musste unsere Autorin in Paris erleben.

Gebeugt und tränenüberströmt betritt sie an der République die U-Bahn, torkelt auf mich zu und fällt fast auf mich. Und dann fängt sie an zu klagen. „Bonjour meine Damen und Herren, es tut mir leid, Sie zu stören, ich bin ganz allein, habe Job und Wohnung verloren, haben Sie nicht etwas Geld für mich?“ Sie geht mit der offenen Hand durch den Waggon, bei Temple steigt sie aus und geht einen Waggon weiter. Der nächste steigt ein.

An solche Szenarien musste ich mich in Paris erst gewöhnen. Leid oder Armut im Stadtbild öffentlich zur Schau gestellt sieht man in München kaum. Ich habe wenig Verständnis für all die Heuchler, die, sobald sie einmal über den Münchner Tellerrand blicken, großartigen Städten eine Absage erteilen, weil sie „wegen all der vielen Bettler so verunstaltet“ würden. Wer aus dem Münchner Kaff in eine Metropole wie Berlin, Rom, Madrid, London oder eben Paris reist, der muss eben damit rechnen, dass sie nicht Münchner Schicki-Micki-Standards entsprechen. Trotzdem ist es für jemanden, der das „Münchner Wohlleben“, wie es mein Soziologieprof zu nennen pflegt, gewohnt ist, sehr erschreckend und macht betroffen, wenn man in Paris plötzlich noch nachts Familien mit Kindern auf der Straße sitzen und betteln sieht.

Paris ist die Stadt der Bettler. Dort gab es lange regelrecht eine Kultur der sogenannten „clochards“: ein romantisierter Begriff für Aussteiger, die sich in ihrer bürgerlichen Existenz nicht zurecht gefunden haben und ein ungebundenes Leben außerhalb des Systems wählen, darunter sind Lehrer, Rechtsanwälte. Sie hausen unter den Seinebrücken und leben fernab und doch mitten im restlichen Paris ein eigenes Leben nach eigenen Regeln. Wer aus anderen europäischen Städten, wie München, vertrieben wurde, kommt nach Paris, denn hier kann er bleiben, wird geduldet. Inzwischen heißen die clochards offiziell S.D.F. „sans domicile fixe“, ohne feste Unterkunft, und von ihrem einstigen Ruf sind nur noch Mythen übrig.

Als ich nach einem Jahr Paris wieder in München U-Bahn fahre, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie während der Fahrt jemand durch den Waggon läuft. Instinktiv nehme ich meine Tasche enger an mich und blicke weg. Je weniger Aufmerksamkeit ich der Person schenke, desto wahrscheinlicher torkelt sie nicht zu mir, brabbelt mich lallend voll und beschimpft mich mit „Merde! Putain! Fils de Pute!“ Eine Vielzahl an wilden Schimpfnamen, nur weil ich wirklich kein Bargeld dabei habe, das ich ihr geben könnte. Jedoch setzt sich die Person neben mich. Ich blicke schon entnervt auf. Dann die Überraschung. Die Person ist eine junge Frau, die einen freien Sitzplatz gesucht hatte. Ach ja, fällt es mir ein. In München wird kaum gebettelt.

München ist wie die Wohnung von Kinderfreunden, die jeder kennt. Sie sieht aus wie für ein Fotoshooting im Wohnkatalog präpariert. Neubau, das Interieur verchromt und – man sieht auf den ersten Blick – teuer. Die Eltern arbeiten und haben eine Putzfrau, in der Wohnung liegt nichts rum, absolut nichts. Es sieht aus, als würde hier niemand wohnen. Als Kind fühlt man sich hier exorbitant unwohl, denn man hat Angst, auch nur irgendetwas anzufassen, sich zu bewegen, um diese totale Sauberkeit und Ordnung nicht zu stören. Wirklich leben kann man in so einer Wohnung doch nicht. Was war man froh, wenn man nach Hause kam und alles etwas chaotischer, lebendiger und bewohnt war. So ist es auch mit Paris. Ja, Paris stinkt und man ist mit Leid konfrontiert. Aber es lebt.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Nervös wie vor dem ersten Date

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Dass unter Studenten hin und wieder gelästert und getratscht wird, das dürfte jedem bekannt sein. In Oxford sind es aber nicht die Kommilitonen, sondern die Dozenten, die oftmals zum Mittelpunkt des Gespräches werden.

Mein Herz hämmert. Ich atme tief durch. Dann klopfe ich an die Bürotür meines Supervisors. Er winkt mich herein. Jedesmal wieder, denke ich mir, und ärgere mich. Jedesmal wieder, wenn ich mich mit dem Betreuer meiner Master-Arbeit treffe, bin ich so nervös wie vor einem ersten Date. Diese Analogie ist nicht einmal so weit hergeholt, denn 98 Prozent meines Studienganges, der zu 98 Prozent aus jungen Frauen besteht, ist seit dem ersten Vorlesungstag verliebt in den schlaksigen Anthropologen, der tagein tagaus erstaunlich enge schwarze Jeans und eine Hipster-Brille trägt.

Niemand von uns hätte erwartet, dass es so sexy sein kann, über Foucault zu sprechen. Aber bei jeder sozialkonstruktivistischen Erklärung aus seinem Mund höre ich einen innerlichen Seufzer durch die Reihen der Kommilitoninnen gehen. Und bei jedem gemeinsamen Abendessen mit meinen Freundinnen endet das Gespräch bei unseren Professoren. Nicht nur bei dem für Anthropologie, sondern auch bei unserem Politik-Professor, der jeden seiner Abschlüsse mit dem „highest grade point average in history of the degree“ abgeschlossen, seine Doktorarbeit in 18 Monaten geschrieben und in den letzten sechs Monaten drei Bücher veröffentlich hat, während er nebenbei an Wochenenden Marathon läuft. Ebenso wie bei unserem Ethik-Professor, dessen Handouts gespickt mit Rechtschreibfehlern sind, und nicht zuletzt unserer Jura-Professorin, die schwanger war und jetzt mit Sicherheit Mutter des süßesten kleinen Wesens in Oxford ist.

In anderen Worten: Wir sind besessen von unseren Professoren und unserer Bewunderung für sie. Wir brainstormen, wie viele Kinder sie haben und ob ihre Partner ebenso brillant sind, wir suchen ihre Facebook-Profile, überlegen, wie viel Schlaf sie brauchen und ob sie auf persönlicher Ebene miteinander auskommen. Jede intime Information, die wir irgendwie ausfindig machen, wird gefeiert, weitergesponnen und dann in unsere Schwarmintelligenz integriert, sodass wir nach kürzester Zeit eine Art Geheimsprache voller Insider-Witze und Anspielungen ausgearbeitet haben, unzugänglich für Nicht-Mitglieder unseres Studiengangs.

Mit Sicherheit ist diese Obsession bedingt durch die überschaubare Kursgröße und unseren sozialen Zusammenhalt, über den sich auch besagte Professoren immer wieder wundern und freuen. Womöglich spielt sich in kleinen Studiengängen in Deutschland Ähnliches ab, die Erfahrung während meines Bachelors in München war jedoch anders. Ich erinnere mich nicht, jemals mit Kommilitonen über das Privatleben unserer Dozenten spekuliert zu haben. Abgesehen vielleicht von der ein oder anderen Anekdote, kommt mir das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden in München im Vergleich zu dem in Oxford ein wenig professioneller, vielleicht sogar typisch deutsch vor. Man hält sich höflich zurück und erlaubt sich nicht einmal heimlich darüber nachzudenken, dass eine „öffentliche Person“ wie ein Professor auch eine „private Person“ – Vater, Mutter, Partner oder Marathonläufer – ist.

Wobei: Ich persönlich verspürte schon immer beinahe übertriebene Ehrfurcht vor Menschen mit Doktortitel und Lehrauftrag. Deshalb raste mein Herz auch vor Besprechungen mit meinen Lieblingsprofessoren in München wie vor einem ersten Date. Jedesmal, wenn ich das Büro des Betreuers meiner Bachelorarbeit in der Schellingstraße verließ, ging ich das Treffen noch einmal in Gedanken durch und wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Rückblickend bin ich froh, dass ich in diesen Situationen nicht auch noch die Erinnerung an spätabendliche Spekulationen über sein Privatleben im Kopf haben musste. 

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: So ähnlich, so fremd

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Eigentlich könnte man meinen, dass man sich nach einigen Monaten Auslandsstudium bereits einheimisch und zugehörig im neuen Umfeld fühlen kann. Doch unsere Autorin berichtet darüber, wie es ist auch nach einiger Zeit noch die Fremde zu sein.

Ich sitze nach der Uni mit Mädels aus meinem Studium in einem Café, und sie erzählen sich ihre neuesten Bettgeschichten. „Hahaha, nach dem Wochenende mit Jean-Philippe konnte ich auch nicht mehr aufrecht gehen.“ Ich bin kurz überrascht über so viel Offenheit mir gegenüber, dann bemerke ich: Sie denken, ich verstehe sie nicht. Sie reden, als ob ich nicht da wäre.

Ich seufze tief und lerne, was es heißt, sich einsam unter vielen zu fühlen. Als Erasmus-Studentin habe ich es leider nie geschafft, die gläserne Decke zu durchdringen, die mich von einer echten Freundschaft mit meinen Kommilitonen getrennt hat. Auf Französisch gibt es für Ausländer und Fremde das gleiche Wort. „Etranger“. Ich bin als Etrangère also nicht nur Ausländerin, sondern auch Fremde in Frankreich. Manchmal ist es schon spannend, was Sprache über das grundlegende Verständnis der Dinge verrät.

Man ist freundlich zu uns Austauschstudenten. Neugierig werden wir gefragt, woher wir kommen und wie uns Frankreich gefällt. Aber darüber will ich nach fünf Monaten nicht mehr sprechen müssen. Ich studiere an dieser Uni genauso wie alle anderen Studenten auch. Wir finden alle Musik, Filme, Maler und Schriftsteller großartig, gehen gerne mal was trinken oder stöbern nach ausgefallenen Kleidungsstücken. Wir alle haben die gleichen Kurse und die gleichen Prüfungen zu bestehen. Wir alle haben vielleicht ein Mädchen oder einen Jungen, für den wir schwärmen oder mit der – beziehungsweise mit dem – gerade etwas läuft. Obwohl wir die gleichen Probleme und Sehnsüchte haben und wir uns in Art und Interessen sogar ähnlich sind, werde ich meinen Sonderstatus nicht los. Ich bin hier nur vorübergehend, ich gehöre hier eigentlich nicht hin. Ich könnte es wie die anderen Erasmus-Studenten machen, die unter sich bleiben. Den ganzen Tag Englisch sprechen, mit Leuten aus allen Teilen der Welt, außer mit Franzosen, und am Wochenende auf Sightseeing-Trips mitfahren. Aber das will ich nicht. Ich will richtig in Paris leben.

Doch die Unterhaltungen drehen sich oft um Dinge, die ich nicht verstehen kann. Französische Rapper, die ich noch nie gehört habe, Wortwitze, für die mir der Wortschatz fehlt. Immer nachfragen zu müssen, immer erklären zu müssen, dafür ist irgendwie kein Platz in den Unterhaltungen. Ich habe eine echte Freundin gefunden. Sie kommt aus Ägypten, ist in Schottland aufgewachsen, ihre Mutter ist Französin, sie kann alle Sprachen perfekt, sie weiß, wie es ist, in einem neuen Land zu sein. Aber sie lässt mich nicht fremd sein. Sie hört mir zu, geduldig. Sie wartet, bis ich die Worte gefunden habe, sagt Sätze zweimal. Und plötzlich haben wir so viel zu besprechen. Und plötzlich werden Unterschiede zu Gemeinsamkeiten. Ich koche ihr Kaiserschmarrn, wir gehen ägyptisch essen, und sie zeigt mir die Bretagne, wie man Cidre aus Keramikschüsseln trinkt und Galettes – Buchweizencrêpes mit Spiegelei und Käse gefüllt – isst.

Mir fallen schlechten Gewissens all die Momente ein, in denen mich in München Erasmus-Studenten nach dem Kurs gefragt haben, was ich jetzt noch mache. Und ich völlig in meinem Alltag gefangen nicht darauf eingegangen bin. Und ich nehme mir vor, es von jetzt an anders zu machen. Mit ein bisschen Geduld, Offenheit und echtem Interesse kann man so viel Austausch erreichen. Schade, dass man sich immer erst selbst einmal fremd fühlen muss, um dafür sensibel zu werden.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Der Prinz und mein Pyjama

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In Oxford kann es schon mal vorkommen, dass Prinz Charles dem neuen College-Café einen Besuch abstattet. Unsere Autorin zeigt sich jedoch, im Gegensatz zu ihren aufgescheuchten Kommilitonen, unbeeindruckt vom großen Hype.

Ich bin ein Stubenhocker. Und ein Stalker. Mein College-Zimmer befindet sich im Erdgeschoss, weitab von Türen-schlagenden Mitbewohnern und nächtlichen Küchenpartys. Und die einzige Ruhestörung, der ich regelmäßig ausgesetzt bin, ist das Rattern der Waschmaschine im Zimmer über meinem Bett. Ich mag die Stille und die Tatsache, dass ich in meinem Zimmer im Pyjama am Schreibtisch sitzen und meinen Masterarbeit-Rhythmus abseits fremder Augen gestalten kann. In Bibliotheken gehe ich schon lange nicht mehr. Die sind in Oxford zwar atemberaubend schön, jedoch unruhig und überfüllt.

Neuerdings lässt mein Fenster zudem uneingeschränkte Blicke in das kürzlich eröffnete College-Café – den Hub – zu, weshalb ich mich in Momenten abschweifender Gedanken in der Position des heimlichen Beobachters wiederfinde. Natürlich, es könnte als voyeuristisch ausgelegt werden, zu wissen, wer wann Kaffee trinken geht und wer mit wem am Tisch sitzt. Allerdings manifestiert sich in diesem Raum zwischen meinem Zimmer und dem Hub auch die märchenhafte Absurdität des Lebens in Oxford.

Meine Pyjamahose ist grau mit kleinen schwarzen Herzen. Eigentlich denke ich über Postkolonialismus und Solidarität nach, als ich bemerke, dass Jasmine, eine meiner besten Freundinnen, am Fenster des Hubs sitzt. Den ganzen Vormittag über ist mir schon überdurchschnittliche Geschäftigkeit aufgefallen – von Besuchern bis hin zu Küchenpersonal, das fieberhaft Tassen von einem Ende zum anderen getragen hat. Ich schicke Jasmine eine Whatsapp-Nachricht. Die Antwort erfolgt den Bruchteil einer Sekunde später. In Großbuchstaben. „PRINCE CHARLES IS COMING! GET OVER HERE. NOW.“

Ich starre kurz auf die Herzen auf meiner Hose. Prince Charles. So etwas passiert in München nicht. Die berühmteste Person, die ich dort einmal zufällig gesehen habe, war Jürgen Vogel, oder vielleicht auch nur jemand, der so aussah wie Jürgen Vogel. Ich greife nach dem erstbesten gesellschaftsfähigen Outfit und haste zum Hub. Jasmine umklammert ihr Handy wie einen Rettungsanker und schickt ihrer Mutter in Kanada minütliche Updates. Als dann der britische Thronfolger den Raum betritt, beginnt ein regelrechtes Snapchat-Gewitter.

His Royal Highness bekommt eine Tasse Earl Grey eingeschenkt, dann werden ihm die wichtigsten Personen vorgestellt. Der Anlass des Besuchs ist das Gebäude, in dem wir uns befinden, da es sich um das erste Passivhaus in Oxford handelt, mein College ein Vorreiter im Gebiet des energiefreundlichen Wirtschaftens ist und Prince Charles sich gerne als Umweltfreund präsentiert. Er spricht mit einigen Studierenden, erkundigt sich, wie Oxford gefällt. Nachdem Jasmine ihm die Hand geschüttelt hat, sieht sie mich an und formt mit dem Mund die Worte „OH MY GOD“.

Ich frage mich, warum ich mein Handy nicht wie einen Rettungsanker umklammere, sondern lediglich mit leicht amüsiertem Interesse sowohl die Aufregung meines Umfeldes als auch die erstaunlich großen Hände des potenziellen Königs betrachte. Vielleicht stumpft Oxford mich ab. Vielleicht habe ich mich schon zu sehr daran gewöhnt, dass es hier möglich ist, Berühmtheiten wie einem waschechten Prinzen oder auch Bernie Sanders die Hand zu schütteln – unter Umständen sogar im Pyjama. Vielleicht ist es aber auch das Bewusstsein, dass die Tatsache, dass ich sie treffen durfte, zwar mit Sicherheit eine gute Geschichte abgeben wird, aber nichts daran ändert, dass ich eine halbe Stunde später wieder im Pyjama an meiner Masterarbeit schreiben werde.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat