Fremdgänger: Chaos an der Uni

Lange Schlangen vor den Sekretariaten und kein offizieller

Kurskatalog an der Uni in Paris: Unsere Autorin hat sich langsam daran gewöhnt, dass es dort ganz anders zugeht als bei der geordneten Verwaltung an der LMU.

Was ich in Paris gelernt habe? Gute Frage. Küssen? Quatsch! Ein Croissant in den Milchkaffee zu tunken? Widerlich. Das Einzige in Paris, was mir auch später weiterhelfen wird: Ich habe hier gelernt, die Ruhe zu bewahren, wenn alles um mich im Chaos versinkt. Was für die Franzosen Verwaltung heißt, ist für uns Deutsche wohl eher Verwaltungschaos. Manche Situationen sind dermaßen absurd, dass man sich immer wieder an den Kopf fasst und denkt: „Das kann doch nicht wahr sein, das passiert gerade nicht wirklich.“ 

Als Münchner Student an der Sorbonne verabschiedet man sich langsam aber sicher von allem, was man bisher unter Ordnung kannte. Das lernte ich bereits, bevor die Uni überhaupt losging. Die Einschreibung in diese Universität – von den Franzosen „la fac“ genannt, was man in Momenten der Verzweiflung auch durchaus als „la fuck“ verstehen kann – ist wie ein Hürdenlauf durch ein Irrenhaus. Natürlich ist keines der zehn verschiedenen Sekretariate, zu denen man weitergereicht wird, zuständig. Überall braucht man neue Anträge. Auch gibt es kein offizielles Vorlesungsverzeichnis. Bevor die Uni losgeht, weiß niemand, welche Kurse er das Semester über haben wird.

Dieser Moment, wenn an der LMU der Kurskatalog für das neue Semester veröffentlicht wird, der von den Studenten wie Weihnachten erwartet wird, in Vorfreude, all die neuen Kursangebote entdecken zu können – das ist essenzieller Bestandteil des Studentendaseins. Aber: Das gibt es hier in Paris einfach nicht. Am Tag der Vorlesungszeit wird am Sekretariat ein Stundenplan ausgehängt, nach dem sich die Studenten zu richten haben. Der Stundenplan ist vom Wintersemester des Vorjahres, die Jahreszahlen in der Überschrift handschriftlich mit Bleistift geändert. Die Räume und Uhrzeit stimmen natürlich nicht mehr, und so kommt der gesamte Studiengang kollektiv zu spät zu seinen Kursen. 

Hier ist es normal, Klausuren eine Woche vorher im Kurs anzusagen, ohne den Termin zu veröffentlichen. Wer nicht da war, hat Pech gehabt. Ein Münchner Student weiß in der ersten Universitätswoche alle Termine seiner Klausuren verbindlich, das ist in der Prüfungsordnung juristisch geregelt. Eine wild im Semester platzierte Klausur ohne offizielle Ankündigung und inhaltliche Einschränkung wäre so irreal wie rechtlich unmöglich umsetzbar, dass ich bis zum letzten Moment nicht glauben kann, dass diese Klausur wirklich so stattfinden wird.

Wer sich schon einmal über das Kursverteilungsverfahren in München geärgert hat – zu willkürlich, zu kompliziert und bürokratisch –, der wird es lieben lernen, war er einmal in Paris an der Sorbonne. Als Erasmus-Student muss ich meine Kurse persönlich bei der Sekretärin belegen, per Kreuzchen auf einem rosa Stück Papier. Doch die Sekretärin ist zu Semesterbeginn Mitte Januar noch bis Ende Februar im Urlaub. Wo ich jetzt meine Kurse belegen soll? Das weiß keiner. Ich beginne, alles mit einer gewissen ironischen Distanz zu belächeln, um nicht verzweifelt in hysterisches Gelächter auszubrechen. 

Und dann bin ich wieder in München. Unser Koordinator hat eine automatische LED-Ampel an seiner Tür, die mir in rot und grün anzeigt, ob ich eintreten darf. Ich bin erst einmal völlig irritiert, weil das so dermaßen in Kontrast steht zu den gewohnten Schlangen vor französischen Sekretariaten, die so lang sind, dass man die Tür des Raums nicht mehr sehen kann. Warten ist angesagt. Gut, dass ich mir Milchkaffee und ein Croissant mitgenommen habe.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Am Rand der Tanzfläche

Auf den Partys in München war unsere Autorin meist nicht unter den Tanzenden zu finden. In Oxford lässt sie im Angesicht des neuen Umfelds alle Hemmungen fallen und scheint sich auf der Tanzfläche

plötzlich richtig wohl zu fühlen.

Meine Feinstrumpfhose klebt an meinen Fußsohlen. Ich brauche einige Zeit, um den, wie sich herausstellt, sehr effektiven Klebstoff aus Alkohol, Dreck und Schweiß zu lösen, ohne den seidigen Stoff zu zerreißen oder das Gleichgewicht zu verlieren. Es ist kurz vor ein Uhr morgens und ich stehe auf einem Bein balancierend in meinem Zimmer. Eine horrende Zeit für alle Oxfordstudenten, die um spätestens acht Uhr morgens geduscht und angezogen den Kampf mit ihren reading lists aufnehmen wollen oder müssen. Trotzdem war ich heute auf einer Party. BOP heißen diese Partys hier. Akronym für Big Opening Party. Meistens gibt es ein Motto – alles schon da gewesen: von ABBA über Noah’s Ark bis hin zu Halloqueen (Achtung: Wortspiele immer gern gesehen). 

Heute war James Bond dran – James BOP quasi. Und ich bin der Meinung, im langen, schwarzen Abendkleid und vor allem mit Zehn-Zentimeter-Stiletto-Absätzen, mit denen es ein Leichtes gewesen wäre, jeden potenziellen Angreifer zu erdolchen, mache ich einem Bond-Girl alle Ehre. Die Absätze waren dann aber auch der Grund, warum ich nach einer Stunde Tanzen doch auf Barfuß beziehungsweise Strumpfsockig umdisponiert und nun die Konsequenzen ob dieses Übermuts zu tragen habe: verklebte und verfärbte Fußsohlen und Feinstrumpfhose. So viel getanzt zu haben, dass ich mir tatsächlich die Schuhe ausziehen musste, ist jedoch an sich schon bemerkenswert, denn der Nerd, das bin normalerweise ich. Vor allem auf Partys. 

In München war ich immer ein bisschen zu steif, immer ein bisschen zu verkrampft, immer ein bisschen zu schüchtern. Und auf jeden Fall immer ein bisschen zu nüchtern, um als wirklich „cool“ im Münchner Sinne des Wortes gelten zu können. Damit hatte ich mich dort eigentlich schon ganz gut abgefunden. Ebenso wie mit dem Gefühl, dass die Partykultur in der bayerischen Landeshauptstadt in all den Jahren ein für mich nicht wirklich zugängliches Reich geblieben ist, so gern ich auch dazugehört hätte. Tanzen gehen blieb für mich immer mit dem Anspruch verbunden, irgendwo dazuzugehören und einem bestimmten Bild entsprechen zu müssen.

Oxford stellt diese Ordnung jedoch interessanterweise auf den Kopf. Während ich mich in München im Vergleich zu all den erfahrenen Club-Tänzern stets außen vor gefühlt habe, bin ich in Oxford auf einmal die Tanzflächen-Attraktion. Mag sein, dass sich die vielen Stunden Tanzunterricht mittlerweile doch auszahlen. Oder aber, ich lasse auf einmal jegliche Hemmung fallen, angesichts all dieser klugen Menschen, die tagsüber an den Problemen der Welt knobeln, während sie in der Nacht (oder sagen wir: am Abend) eher an unbeholfene Teenager auf den ersten Jugendtreffpartys erinnern, wie sie unsicher zu Radiomusik mit dem Kopf oder dem Fuß wippen. Vielleicht ist es eine Kombination aus beidem, noch zusätzlich verstärkt durch die Tatsache, dass mich mein Körper in diesen (seltenen) Momenten, in denen ich ihm eine Auszeit von all der Lernerei gönne, daran erinnert, wie befreiend die Dunkelheit der Nacht sein kann. 

Gerade kommt mein Mitbewohner mit strahlenden Augen auf mich zugetanzt, während ich dabei bin, durchgeschwitzt und strumpfsockig, aber verdammt glücklich, zu einem alten Chartsong auf und ab zu hüpfen. „Du weißt, wie man tanzen geht“, sagt er mit überraschter Anerkennung im Blick. Insgeheim bin ich dankbar für all die Jahre in München, in denen ich Zeit hatte, mir, mit dem Kopf und dem Fuß wippend, vom Rand der Tanzfläche abzuschauen, wie man tatsächlich tanzen geht.


Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: „Na, auch militant?“

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Unsere Autorin wundert sich diese Woche darüber, dass die politische Mentalität der

Deutschen so viel weniger enthusiastisch ist als die der Franzosen.  

„Und du? Bist du auch ein bisschen militant?“, fragt mich eine französische Kommilitonin. Als wäre das gerade in Mode und ungefähr so normal wie gerne Vanilleeis zu essen. Wir haben uns vor zehn Minuten kennengelernt und seitdem nutzt sie die Gelegenheit, mich über ihr politisches Engagement zu informieren. Ich lausche ihr mit einer Mischung aus Belustigung und ernsthafter Besorgnis. Denn die typisch französische Passion, wenn es um Politik geht, fasziniert mich ebenso so sehr, wie ich ihr gleichzeitig suspekt gegenüberstehe.

Französische Studenten sind politisierter, als ich es aus Deutschland kenne. Prinzipiell kann über alles eine wortreiche, laute und extrem leidenschaftliche Grundsatzdiskussion vom Zaun gebrochen werden. Sie haben klare Überzeugungen und bringen diese regelmäßig bei sogenannten „Manifestations“, das sind Demonstrationen, zum Ausdruck. Sonntag ist immer Demonstrationstag. Sie mobilisieren sich gegenseitig für alles Mögliche, vor der Uni stehen täglich neue Menschen mit Flugblättern, die zu Demonstrationen aufrufen. Ich bin ehrlich beeindruckt. 

Nun komme ich als Politikwissenschaftsstudentin aus einem überdurchschnittlich politisch interessierten und informierten Umfeld. Doch eine politische Kultur à la francaise kenne ich aus München nicht. Auch wir diskutieren in München bis spät in die Nacht und ergehen uns in links-intellektueller Selbstgefälligkeit, was das Zeug hält. Auch wir sind davon überzeugt, dass sich etwas ändern muss. Auch wir demonstrieren für Themen, die uns am Herzen liegen. Und doch fehlt uns eine gewisse Radikalität, die hier zum Umgangston zu gehören scheint. Unsere politische Mentalität ist viel systemunkritischer und weniger revolutionär, als es die französische schon immer gewesen ist, finde ich.

In München waren für mich Toilettenbesuche im Geschwister-Scholl-Institut immer eine spaßige Angelegenheit, fand sich doch immer irgendein amüsanter Spruch, den ich noch nicht kannte. Französische Unitoiletten meide ich, denn nicht nur ihr desolater Zustand, sondern auch die politischen Parolen an den Wänden schrecken mich ab. Dort finden sich Aussagen wie „Wählt Le Pen als eine Lehre für die kommenden Generationen!“ Ist das noch jugendlich-naive Verirrung oder schon strafbare Dummheit? Leider bin ich auf Französisch noch nicht eloquent genug, um Dinge, wie „Hitler war auch eine Lehre für die folgenden Generationen“ entgegnen zu können.

Meine Kommilitonin hier zum Beispiel ist links-radikal, möchte die Repräsentative Demokratie abschaffen und Selbstverwaltung einführen, Austritt aus der Europäischen Union und kommunistische Planwirtschaft inklusive. Stünde es in der zweiten Wahlrunde zwischen Marine le Pen und dem liberalen Kandidaten, wird sie nicht wählen. Warum auch, ihrer Meinung nach kann dann ja endlich die Regierung gestürzt werden und die ersehnte kommunistische Revolution kommen. Ich beginne mich zu fragen, was schlimmer ist. Das in Deutschland um sich greifende Desinteresse an Politik oder diese Politisiertheit, die sich fatal gegen die Demokratie richtet? Es macht mich unendlich wütend, mir vorzustellen, dass aufgrund linker Befindlichkeiten in Frankreich bald eine rechte Präsidentin all das, woran ich glaube, beseitigen soll. Auf ihre Frage antworte ich mit: „Ich identifiziere mich mit Demokratie.“

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Alles geregelt

Sind Deutsche generell regelgehorsamer? Unsere Autorin pfeift in Oxford inzwischen wie ihre Mitstudenten auf so manche rote Ampel und entdeckt dabei feine kulturelle Unterschiede zu ihrer Heimat. 

Die Ampel springt auf Rot. Ich trete in die Pedale und sause über die rote Ampel. Zeit ist kostbar und Ampeln sind eher eine Empfehlung. Zumindest in Oxford. Zumindest für Radfahrer. Außerdem bin ich spät dran für ein Seminar und es regnet. 

Oxford und München bezüglich ihrer Verkehrslage und Infrastruktur zu vergleichen, ist Quatsch. München ist eine Millionenstadt, Oxford darf mit seinen 152 000 Einwohnern durchaus als Provinznest bezeichnet werden. Spannend zu beobachten ist jedoch, wie sich die Dimensionen dieser kleinen Stadt in meiner subjektiven Wahrnehmung von Zeit und Raum verschieben. Nachdem ich drei Jahre lang ungefähr eine Stunde für den Weg zur Uni einplanen musste, konnte ich es nach meiner Ankunft hier in Oxford einfach nicht glauben, dass ich innerhalb von nur fünf Minuten mit dem Rad zu meiner Fakultät gelangen konnte – und deshalb prinzipiell immer mindestens zehn Minuten zu früh in jeder Vorlesung saß. Jetzt, nach vier Monaten, kommen mir jedoch bisweilen sogar diese fünf Minuten zu lang vor. Jede rote Ampel kommt da irgendwie ungünstig. 

Deshalb hat sich parallel zu meiner neuen Wahrnehmung von Entfernungen auch eine gewisse Resistenz gegen Verkehrsregeln entwickelt. Denn Oxfords Verkehrssystem ist verwirrend. Ganz davon abgesehen natürlich, dass hier alle Autos auf der falschen Seite fahren (!), verästeln sich Straßen an den unwahrscheinlichsten und denkbar ungünstigsten Stellen, Ampeln funktionieren nicht oder sind so unmöglich geschaltet, dass man sich oft in der Mitte der Hauptverkehrsader befindet und nicht mehr weiterkommt, Einbahnstraßen tauchen aus dem Nichts auf, Fahrradwege führen einmal über den Fußgängerweg und dann wieder auf der Straße entlang, und von Schlaglöchern und porösem Asphalt und Wanderbaustellen will ich gar nicht anfangen.

Die ersten Male, als ich zögernd ein paar Radfahrern folgte, wie sie bei Rot skrupellos weiterfuhren, musste ich an eines meiner Ethik-Seminare in München denken. Es ging um Thomas Hobbes, den Leviathan und um die Frage, ob Gesetze in einem Staat immer befolgt werden müssen beziehungsweise ob ziviler Ungehorsam auch mal richtig sein kann. Ich erinnere mich deshalb an diese eine Stunde, weil das Beispiel von Verkehrsampeln genannt wurde. Wenn keine negativen Konsequenzen aus meiner illegalen Straßenüberquerung resultieren, ist es dann in Ordnung, das Gesetz zu brechen? Oder unterminiert das die gesamte Idee eines legitimierten Souveräns? Als ich dann einmal auf einer Party, relativ zu Beginn des Jahres in Oxford, meine Bedenken ob zivilen Ungehorsams an roten Ampeln äußerte, erntete ich einige Lacher. „You don’t have the time to wait for a traffic light – just think of all the reading you could be doing in the accumulated time over the years, that you spent waiting for the light to turn green“, wurde mir gesagt. 

Und auch wenn das auf den ersten Blick oberflächliche Überlegungen sind, so sagt es doch vielleicht mehr über feine kulturelle Unterschiede aus. Sind Münchner und Deutsche generell regelgehorsamer? Oder inwieweit sagt es etwas darüber aus, wie überlegt und vernünftig Bürger (zumindest im Straßenverkehr) miteinander umgehen können, selbst wenn sie nicht auf das offizielle grüne Licht der Ampel warten? Soweit ich weiß, passieren in Oxford nicht verhältnismäßig mehr Unfälle als anderswo.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: München, Stadt der Liebe

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Kann Paris in Bezug auf Romantik so viel mehr als andere Städte? Unsere Autorin startet ein Experiment und begibt sich in München auf die Suche nach dem Zauber für frisch Verliebte.

„Ah Paris – da ist das Leben so süüüß!“ bekam ich zu hören, wann immer ich erzählte, dass ich dort für eine Weile wohnen würde. Oder „ohoo, in der Stadt der Liebe!“ war auch ein echter Klassiker. Nun, viele dieser hübschen Vorurteile konnten der Realität nicht standhalten, denn Paris stinkt, lärmt, schmutzt und die Überzahl an Obdachlosen und Bettlern an jeder Straßenecke führen einem schnell vor Augen, dass das süße Leben hier nicht zu finden ist. Ist Paris die vielbesungene, mythisierte Stadt der Liebe?

Ich wollte daran zunächst nicht glauben. Paris ist doch eine Stadt wie jede andere und Liebe à Paris war für mich nicht mehr als diese furchtbaren Schlösser an Pariser Brücken und furchtbare Pärchen-Menüs in furchtbaren Touristenrestaurants. Denn wer ein Kuss-Selfie vor dem Eiffelturm – gedrängt zwischen einer Überzahl an Touristen – für den Gipfel der Romantik hält, dessen Einschätzung ist sowieso ungültig. 

Und doch bin ich dem Zauber, den diese Stadt auf frisch Verliebte versprüht, auch verfallen. Es ist schwer, sich nicht in Paris zu verlieben. Denn wer schon mal am Morgen danach ein frisches Pain au Chocolat in Jardin des Plantes gefrühstückt hat, gemeinsam stundenlang vor einem Espresso und mit Zigaretten in einem hübschen Straßencafé geplaudert hat, spätabends durch den fast leeren Louvre flaniert ist oder in einem winzigen originellen Weinkeller „Cave“ eine Flasche Wein geleert hat und dann durch einen pompösen Hauseingang in ein Bohème-Apartement, wie man es sich vorstellt, gelangt ist, der weiß, dass die Leichtigkeit, Süße und Romanik dieser Szenerien schon Verführung genug sind. Hat man dann noch einen verdammt schnuckeligen Begleiter – wie soll man ihm in einer solchen Kombination nicht verfallen? Dem Charme der Stadt zu widerstehen, ist einfach unmöglich.

Doch kann Paris in Bezug auf Romantik so viel mehr als alle anderen Städte? Auf Heimaturlaub in München wage ich den Selbstversuch und erkunde die bayerische Landeshauptstadt mit einem charmanten Münchner an der Hand. Und stelle fest, wenn man sich die Zeit nimmt, zu flanieren und die Stadt zu betrachten, statt wie sonst, sie vom Alltag blind zu durchlaufen, dann steht München der Zahl und Grad romantischer Plätze Paris nicht nach. 

Die Leopoldstraße ist genauso breit und lang und eindrucksvoll wie jeder Pariser Boulevard. Der Blick vom Friedensengel über die Lichter der Stadt kann genauso viel wie ein Blick von der Pont Neuf über „La ville de lumière“. Eine Breze im Hofgarten und ein Helles in einer gemütlichen Kneipe sind als Münchner Pendant zu Pariser Wein und Pain au chocolat unschlagbar.

Lange Spaziergänge durch den Englischen Garten sind genauso schön wie die durch die Tuileriengärten oder den Jardin du Luxembourg. Die Münchner Oper hat mindestens genauso viel Pomp wie die Pariser, und das Resi das bessere Programm als die Comédie Francaise. Will ich zu impressionistischen Gemälden seufzen, kann ich das auch in der neuen Pinakothek. Auch das Münchner Rathaus ist mindestens genauso eindrucksvoll wie das Hôtel de Ville. Und der viel besungene Himmel über Paris ist auch nicht blauer, seine Wolken nicht fluffiger als die bayerischen. 

Außerdem ist München gemütlicher, leiser, sauberer und weniger anstrengend als Paris. Ich stelle fest, Romantik lässt sich mit der richtigen Einstellung überall finden. Nur die richtige Einstellung findet man nur in Paris.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Gedichte da, Geld weg

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Gewalt oder Gesetzeswidrigkeiten bekommt man in München nur äußert selten zu Gesicht. Gerade deshalb muss sich unsere Autorin erst einmal daran gewöhnen, dass

in Paris

Taschendiebstähle zur ganz normalen Tagesordnung gehören. 

Als ich eine leichte Berührung an meiner Tasche spüre, greife ich panisch fester nach ihr. Solche Reaktionen sind für mich in Paris alltäglich geworden. Jemand geht verdächtig nah an mir vorbei, und ich zucke zusammen. Denn Taschendiebstähle sind in Paris so normal wie die Stammstreckensperrungen in München. Ein Übel, das – wenn es passiert – große Unannehmlichkeiten bereitet, aber in seiner Unvermeidbarkeit wie selbstverständlich hingenommen wird. Fast regelmäßig erzählt mir jemand, dass ihm etwas geklaut wurde: die Handtasche, der Geldbeutel, das Handy. Das ist für mich eine ganz neue Erfahrung.

Wer in München aufgewachsen ist, der bewegt sich mit einer völlig naiven Vorstellung von Unverwundbarkeit durch die Welt. Denn den meisten ist noch nie in irgendeiner Form Übel widerfahren, man kennt es gar nicht. Gewalt oder Gesetzeswidrigkeit bekommt man in München nur äußert selten zu Gesicht. Das Wohlleben in München geht so weit, dass man durch die Stadt läuft mit einem Gefühl von Sicherheit, als wäre man in seinem eigenen Wohnzimmer. Nie im Leben wäre mir in München der Gedanke gekommen, auf meine Sachen acht zu geben. Wenn ich meine Jacke im Englischen Garten liegen gelassen habe, bin ich einfach eine Stunde später wieder zurückgegangen und sie ist immer noch da gewesen. Einmal machte mich eine ältere Münchnerin sehr besorgt in der U-Bahn darauf aufmerksam, dass mein Geldbeutel doch sehr weit aus meiner Tasche herausstünde. Ich war völlig irritiert – na und? Warum ist das problematisch? Hier in Paris wird in der Metro auf zwanzig verschiedenen Sprachen auf die Gefahr von Taschendieben hingewiesen. Es gilt, dass man die Menschen, die mal in Paris gelebt haben, daran erkennt, ob sie auf Chinesisch und Spanisch vor Taschendieben warnen können. Meine Handtasche verschließe ich inzwischen immer und greife sie zusätzlich am Riemen. Manchmal ertappe ich mich, wie ich panisch überprüfe, ob ich sie auch wirklich verschlossen habe.

Seit mir in Paris einmal selbst die Handtasche gestohlen wurde, bin ich vorsichtiger geworden. Ich saß eine Stunde auf einer Parkbank und unterhielt mich. Als ich aufstehen wollte, war die Tasche, die die ganze Zeit neben mir stand, verschwunden. Ohne Handy, Geld, Ausweis oder Schlüssel in Paris zu stehen, war schon eine Erfahrung der besonderen Art. Als ich bei der Polizei den Diebstahl meldete, wurde nicht mal nach einer Täterbeschreibung gefragt – dass ich die Tasche nie wieder sehen würde, stand außer Frage. Bei meiner Auflistung, was alles in der Tasche gewesen war, lachte die Polizistin: „Mon dieu, Sie hatten ja Ihr gesamtes Leben in ihrer Handtasche.“
Studentenausweise, Bankkarten, Personalausweis, Führerschein, Lieblingslippenstift, Handy und Adressbuch – all das musste neu beschafft werden. 

Als ich mich panisch nach demjenigen umdrehe, der da an meiner Tasche zugange ist, blicke ich in das Gesicht des jungen Franzosen, den ich vor zwei Monaten abserviert hatte. Er ist mir aus der Uni gefolgt und versucht, mir anonym einen Abschiedsbrief in meine Handtasche zu schmuggeln. Ich frage mich seufzend, warum in der Metro eigentlich niemand vor diesen jungen gedichtschreibenden Franzosen warnt.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Nix verstehen

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„Profiter de quelque chose“ – Hört sich viel zu sehr nach „von etwas profitieren“ an. Dabei will unsere Autorin ihren Pariser Freunden doch nur sagen, wie sehr sie ihren Aufenthalt genießt. Für manche essenzielle Wendungen scheint es einfach kein Französisches Pendant zu geben. Ihr wird zum ersten Mal klar, was das Wort Sprachbarriere bedeutet.

Im Französischen gibt es kein Wort für Heimat. Ich bin nun schon seit sechs Monaten in Paris und dank meiner neuen Freunde, die mich ohne weiteres zu ihrer Familie in die Bretagne einladen, und meiner großartigen Gastfamilie, die mir hier ein echtes Zuhause gegeben hat, fühle ich mich in Paris inzwischen richtig heimisch. Aber ich kann es ihnen einfach nicht sagen. Außerdem gibt auch kein Wort für Gemütlichkeit, auch keines für Genuss. All das sind Worte, die ich zur Beschreibung des französischen Lebensgefühls auf jeden Fall benutzen würde.

Wie definieren sich denn die Franzosen selbst, wenn sie keine Worte haben für das, was ihre prinzipiellen Eigenschaften ausmacht? Beziehungsweise fühlen sich für mich die Wörter, die sie in diesem Sinne nennen, falsch an. Viele Worte gibt es in der jeweils anderen Sprache gar nicht; oder in dem Zusammenhang wird ein anderes Wort benutzt als das, was meiner Meinung nach nicht aussagen kann, was ich sagen möchte.

Genießen heißt „profiter de quelque chose“, das wiederum auch „von etwas profitieren“ heißt. Viel zu utilitaristisch für schlichten Genuss. Noch schlimmer wird es mit „sich freuen“ für, über, auf etwas. Es gibt zwar jouir und réjouir, das freuen bedeutet, man kann sich sogar freuen und „wiederfreuen“, es wird aber nicht wie im Deutschen benutzt. Es heißt dann „je suis contente“: Ich bin zufrieden. Zufrieden?

Für eine junge Münchnerin, die ihre Freude zum Ausdruck bringen möchte, sind solche Formulierungen nicht ausreichend. Ich habe die Ausdrücke aus München immer noch im Gedächtnis: „Taugt mir.“ „Nice.“ „Saugut.“ Und plötzlich: „Ich bin zufrieden.“ Was ist denn das für ein Volk, das solche Höflichkeiten in der Interaktion ausklammert, dafür keinen Ausdruck hat? In der Unterhaltung mit Franzosen merke ich, dass wir in zwei völlig unterschiedlichen Wortwelten aufgewachsen sind, eine perfekte Verständigung ist fast unmöglich. Zum ersten Mal verstehe ich, was das Wort „Sprachbarriere“ beschreibt. Zwei Menschen, die willens sind, sich zu verständigen, sich gegenseitig in der Sprache des anderen schon halbwegs sicher bewegen, die Worte kennen, können sich trotzdem nicht verstehen. Worte haben im französischen Sprachgebrauch oft einen ganz anderen Sinn, als die deutsche Übersetzung es vermuten lassen würde.

Mein Ich, das ich auf Französisch präsentieren kann, ist zurückgeworfen auf das grenzdebile Level einfacher Sätze und entbehrt plötzlich völlig jeglicher Komplexität oder ironischer Feinheit. Und selbst das kann ich nicht zufriedenstellend zu den Franzosen sagen. Ich kann nur sagen: „J’ai des problèmes à m’exprimer“ – also: „Ich habe Probleme damit, mich auszudrücken.“ Dabei steckt schon hinter diesem Satz so viel mehr als die Worte, die ich dafür finde. Ich gewöhne mich daran, dass die französische Übersetzung weder in Wort noch in Aufbau meinem deutschen Satz entspricht. Dass mir der französische Satz in Struktur und Wortwahl gar nicht einleuchtet, daran werde ich mich nie gewöhnen. Welche Frustration. „Quelle frustration!“

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: So kurvig wie die Lombard Street

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. ‘Unheimlich kurvig, dafür mit den schönsten Blumen am Wegrand’ – So vergleicht unsere Autorin den American Dream mit unserem Streben nach einem möglichst geradlinigen Lebenslauf. 

Mit dem amerikanischen Traum ist es schon so eine Sache. Da war ich tatsächlich an meiner Traum-Uni gelandet und wollte jeden Eukalyptusbaum auf dem weitläufigen Campus mit den vielen Eichhörnchen umarmen. Bis ich dann zum ersten Mal vor dem VWL-Gebäude stand. Baufällig, nicht erdbebensicher, die meisten Hörsäle fensterlos.

Ich habe mich trotzdem in dieses Gebäude reingetraut, für den amerikanischen Traum muss man wohl flexibel sein. Drinnen: Forschungsseminare mit indischem Mittagessen inklusive und jeden Mittwoch Kekse für alle – das wäre doch auch was für die LMU! Dazu noch ein paar extra reservierte Parkplätze für Nobelpreisträger und wir könnten endlich wirklich mit den amerikanischen Unis mithalten.

Auch an Kurse mit acht Teilnehmern könnte ich mich glatt gewöhnen. Vor allem, wenn der Professor mit Leidenschaft Witze über Kollegen reißt, während er einen großen griechischen Buchstabensalat an die Tafel malt. Außerdem wird er sein Fahrrad hoffentlich bald auf einem der ganz besonderen Parkplätze für Nobelpreisträger abstellen, auch das sorgt für besondere Spannung. „Und jetzt zeige ich euch, wie manche Kollegen eine Studie aufziehen, wenn sie unbedingt weiterhin daran glauben wollen, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt nicht diskriminiert werden“, sagt er in der letzten Vorlesung mit trockenem Unterton. So ein Einblick in die unterste Schublade der Wissenschaft ist selten. Aber umso lehrreicher.

Draußen auf dem Campus sind die Studenten im Grunde nicht spannender, wenn auch etwas nerdiger als die an der LMU. Football, das neue iPhone, der Taco Tuesday, wer mit wem und wie oft auf dem letzten Backpacking-Trip durch Europe, das nächste iPhone – alles beliebte Themen auf dem Campus. Bemerkenswert war das Motivationslevel. Wollen wir uns den ganzen Tag zusammen im Büro verbarrikadieren, um das Übungsblatt zu lösen? Na klar.

 Abseits der Uni habe ich Menschen getroffen, die so herzlich gerne bereit waren, mir ihr San Francisco zu zeigen: Den schönsten Blick auf die Golden Gate Bridge, das beste Sushi, den verblüffendsten Wald mitten in der Stadt oder die verrückteste Schwulenbar – all das hätte ich alleine wohl gar nicht entdeckt.

Doch neben 1000 Fotos haben sie mir auch eine neue Lebenseinstellung mit nach Hause gegeben. Denn der amerikanische Traum verträgt sich nicht mit dem in Deutschland so hoch gelobten geradlinigen Lebenslauf. Die kalifornische Unbekümmertheit will ich mir auf jeden Fall abgucken. Dazu die Fantasie des alten Freundes, der jedes Jahr eine halbe Million Weihnachtslichter in seinem Garten aufbaut. Und die Coolness des neuen Bekannten, der erst als Tontechniker, dann als Rollschuhverkäufer gearbeitet hat und jetzt Käseexperte ist.

Mittlerweile bin ich zurück in München und muss meine Tüten im Supermarkt wieder selbst packen. Aber ich weiß jetzt: Es läuft vielleicht nicht immer alles geradeaus im Leben, sondern – zum Glück – manchmal auch wie die Lombard Street in San Francisco. Unheimlich kurvig, dafür mit den schönsten Blumen am Wegrand.

Text: Katharina Hartinger

Foto: Privat

Fremdgänger: Mantra und Muffins

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Unsere Autorin versteht die allgegenwärtigen Klischees über die englische Küche nicht und verspeist freudig ein Stück Triple-Chocolate-Salted-Caramel-Kuchen

Ein Jahr England. Als ich vergangenen Sommer davon erzählte, erntete ich mitunter schon den ein oder anderen mitleidigen Blick. Nicht nur wegen des Brexits, nicht nur (aber auch) wegen des englischen Wetters, nein, erstaunlicherweise vor allen Dingen wegen des englischen Essens. „Und dann bist du ja auch noch Vegetarierin“, bekam ich des Öfteren zu hören. Oder alternativ:  „Oh, das englische Essen soll ja … gewöhnungsbedürftig sein.“

Stereotype Aussagen über nationale kulinarische Traditionen finde ich – um ehrlich zu sein – anstrengend. Als müsste man als Gast in einem fremden Land gezwungenermaßen jede Eigenheit, was Ernährung angeht, mitmachen. Als hätte man in England nicht die Möglichkeit, Nudeln und Tomatensoße zu kaufen, so wie alle Studenten das in München auch tun, um bei Klischees zu bleiben. Als wäre es eine Zumutung für jeden Deutschen, neun Monate lang auf echtes Brot und Sauerkraut verzichten zu müssen.

Natürlich, auch ich vermisse Laugengebäck und Mürbteig, aber nicht so sehr, als dass ich es nicht nach wie vor spannend und erfrischend finden würde, herauszufinden, welche Gerichte die traditionelle britische Küche nun tatsächlich umfasst. Wie ich feststellen darf, ist Oxford dafür nicht der schlechteste Ort, denn sowohl die Colleges als auch Departments, Cafés und Restaurants bieten vieles an, was vermutlich als typisch englisch verstanden wird. Mittlerweile rangieren dabei Scones mit Clotted Cream und Jam (wobei es regionale Streitigkeiten gibt, ob man nun zuerst die sündhaft fette Sahne auf den noch warmen halb salzig, halb süßen Muffin streicht, oder erst die Marmelade – ähnliches gilt für die Frage, ob zuerst die Milch oder zuerst der Tee in die Tasse kommt) schon recht weit oben auf meiner neuen Lieblingsessensliste. Gleiches gilt für Eton Mess (eine sahnige Creme mit Äpfeln und Beeren und Baiser) und auch das englische Frühstück (wenn auch vielleicht lieber erst als Mittags- oder gar Abendessen) mit Rühreiern, Bohnen, Tomaten und Pilzen.

Über Weihnachten kam es zwar zu leichter Enttäuschung, da die englischen Weihnachtsnaschereien wie Fruit Cake und Christmas Pudding, die zu 99 Prozent aus in Rum getränkten Rosinen und Orangeat bestehen, nicht wirklich mit Vanillekipferln und Bratäpfeln mithalten können. Abgesehen davon gehe ich nach wie vor gerne in den regulären Supermarkt und freue mich, wenn das Sortiment im asiatischen Regal nicht lediglich aus einer überteuerten Marke Kokosmilch und Sojasoße besteht, sondern ich die Qual der Wahl zwischen Reisnudeln, Fertig-Chapati und Sushi-Essig habe.

Auch was die Herausforderung meiner Nichts-was-mal-gelebt-hat-Einschränkung angeht, bieten sich in Oxford weit mehr Optionen als die zwei Antwortmöglichkeiten auf meine in Deutschland oft geäußerte Frage, ob ich denn den Salat mit Putenstreifen ohne Putenstreifen haben könnte: Vegetarisches Essen ist in Oxford unheimlich beliebt. Und das in Verbindung mit dem Trend zu hippen Cafés mit Fahrrädern an den Wänden, ökologischem Kaffee und selbstgebackenen Brownies, macht es wirklich mehr als einfach, gut zu essen und sich dabei so richtig hip zu fühlen.

Gerade stehe ich mit einer meiner Kommilitoninnen in eben einem solchen Café an der Theke und bestelle eine Tasse Tee und ein Stück Triple-Chocolate-Salted-Caramel-Kuchen. Der wie aus einem Katalog ausgeschnitten wirkende Barista reicht mir die Rechnung. Nicht umrechnen, sage ich mir leise. Das ist mein Mantra. Nicht umrechnen und dabei trotzdem an München denken. Denn: wenn ich wieder in Deutschland bin, wird mir sogar ein Stück Kuchen in Schwabing billig vorkommen.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: Freunde für eine Nacht

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Zum Beispiel auf einer wochenendlichen WG-Party, auf der sich alle auf einmal in den Arm fallen und wie wild zu tanzen beginnen

Ich sitze auf dem Sofa eines Pariser Appartements. Um mich herum steigen die Rauchschwaden der unzähligen selbst gedrehten Zigaretten der um mich sitzenden Franzosen auf. Sie füllen die Luft gemeinsam mit den hitzigen Bemerkungen der Diskussion, die gerade leidenschaftlich geführt wird, und vermischen sich in meinem Kopf zu einem verschwommenen Dunst. Es kann auch sein, dass es um etwas Banales geht, aber ich bin schon lange ausgestiegen aus den Themen, die schneller wechseln als die Lieder. Egal was, die Franzosen diskutieren aus Prinzip mit Leidenschaft. 

Mir wird ein Glück zuteil, das vermutlich nicht vielen Austauschstudenten vergönnt ist. Ich werde auf die Partys der einheimischen Studenten eingeladen. Vielleicht sind meine Kommilitonen mit der allgemein als verschlossen bis unhöflich und arrogant geltenden Spezies französischer Studenten nicht artverwandt. Vielleicht liegt es daran, dass sie als Europawissenschaftler ihre eigene Spezies bilden, die an internationalem Austausch und fremden Sprachen interessiert sind. 

Jeder bringt seinen Alkohol mit, meistens Wein, den man langsam, aber sicher im Laufe der Zeit leert. Man sitzt zusammen und spricht über Filme, Musik und warum der Kommunismus eben doch noch nicht gescheitert sein muss. Die anfangs nette Runde wird leidenschaftlich, der Rausch beginnt um sich zu greifen, man wird offener, der Exzess kann beginnen. Vielleicht stehlen sich zwei Verliebte davon in eines der Schlafzimmer, in der Hoffnung, dass niemand es bemerkt, um dann natürlich doch für mehrere Wochen Mittelpunkt des Geredes zu werden. Mädchen beginnen, eng umschlungen miteinander zu tanzen. Die Jungs verschwinden mit Augenzwinkern und fantasievoll erfundenen Begriffen, um einen durchzuziehen. Der Franzose, mit dem ich in der Uni immer mal Small-Talk geführt hatte, wird emotional. Er erklärt mir wortreich und unter vielen verschwitzten Umarmungen, wie froh er sei, eine so wunderbare Freundin wie mich kennengelernt zu haben, und wir trinken auf die Amitié Franco-allemande.

So weit, so gut. Meine Strategie, zu nicken und im rechten Moment zu lachen, obwohl ich dank des Lärm- und zunehmenden Alkoholpegels der Gesprächspartner nicht verstehe, was man mir wohlwollend ins Ohr grölt, funktioniert bestens. Ich bewege mich auf sicherem Terrain. Doch dann die Überraschung. Es wird getanzt. Auch von den Jungs. Kaum einer sitzt mehr, alle stehen und bewegen sich zur Musik, manche wild, andere in Grüppchen. Man hat hier seine Hymnen, es wird auf die Freundschaft, die Liebe getanzt und gesungen, leidenschaftlich werden Texte mitgegrölt. Man fasst sich an den Schultern und zu „meine Freunde sind meine Liebe“ werden alle Unbekannten zu Freunden. 

Nach solch Liebesproklamationen wird man auf deutschen WG-Feiern lange suchen. Der Münchner verschwendet seinen nächtlichen Kräftevorrat eher auf eine unglaubliche Vielzahl an beinahe grenzdebilen Trinkspielen. Würfeln, saufen. Immer wieder, solange, bis sich die Welt sowieso schon viel zu stark dreht, als das man noch tanzen könnte. Und während die Franzosen ihr letztes Hemd durchschwitzen, ist Bierpong die wohl einzige Sportart, an die sich der Münchner nachts noch herantraut. 

Ich stehe nun abseits, mit gezwungenem Lächeln halte ich mich an meinem Becher fest. Ich kenne die Texte nicht, kann die Euphorie nicht teilen. Und beginne, mich etwas fehl am Platz zu fühlen. Macht nichts. Einer legt mir den Arm um die Schultern, und ich werde mit in die tanzende Menge gezogen, und alles andere wird egal, Nationalität, Geschlecht, ich bin jetzt Teil der Menge der sich zur Musik bewegenden Körper.

Text: Anne Gerstenberg 

Foto: Privat