Fremdgänger: How to be parisian

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Was passiert, wenn der vorübergehende Wohnort zu der Heimat des Herzens wird? Unsere Autorin berichtet von ihrer nie endenden Begeisterung für Paris und der Traumerfüllung eines jeden Erasmus-Studenten.

Es geht nicht darum, in Paris geboren zu sein. Um Pariser zu
sein, muss man in Paris wieder geboren werden. So und anders lauten viele
Sprüche, die unter Paris-Pilgernden in Mode sind. Der Hype um die Stadt der
Liebe mit all seinen überlaufenen Hotspots von Eiffelturm bis Champs-Elysees
erfährt eine ganz neue Dimension für diejenigen, die wirklich nach Paris gehen,
um dort zu leben, uns Erasmus-Studenten. Ein wenig in der Stadt der Liebe, der
Kunst, der Schönheit, der Freiheit zu leben, rein durch den eigenen Aufenthalt
dort etwas von ihrem Zauber aufzunehmen– wer wünscht sich das nicht. Jedes Jahr
strömen wieder Massen an Hypenden in die Stadt, um sich diese zu eigen zu
machen.

Es gibt einen regelrechten Kult um das Leben in Paris.
Jemand, der einmal mit Wein an der Seine gesessen hat, hält sich jetzt für eine
waschechte Pariserin. Das Ganze noch auf social media inszeniert hashtag
parisienne, „Pariserin“. Doch sie machen alle den einen Kardinalfehler, der sie
für immer im Status erbärmlicher Touristen gefangen halten wird. Sie finden
Paris toll. Die echten Pariser nämlich, finden Paris nicht so besonders. Mein
Gastvater sagt immer zu mir, er verstünde sowieso nicht, was alle immer mit
Paris hätten. So herausragend schön sei die Stadt nun wirklich nicht.

Im Septime la Cave, einer schnuckeligen Weinbar im elften
Arrondissement, die wie ein Weinkeller aussieht, aber viel hipper ist, sprechen
uns zwei Pariser an, wie sie wohl im Buche stehen. Er mit Dreitagebart, Betreiber
mehrerer charmanter Restaurants, Frauenheld, wie mir seine beste Freundin
später augenzwinkernd verrät, sie elegant und klassisch, Psychologin, die sich,
selbst mit kleiner Krise, als Erste verabschiedet. Sie
laden uns ein, mit ihnen weiter zu ziehen, wir gehen in eine noch kleinere,
noch geheimere Bar und trinken Rotwein mit Käse und Baguette. Ich befürchte
schon, vor lauter Klischee fällt die Szenerie gleich in sich selbst zusammen.

Warum wir ausgerechnet in Paris seien, fragen sie
interessiert. Sie verstünden gar nicht warum alle Welt nach Paris wolle. Gut,
ja, es sei schon ganz nett hier, aber doch irgendwie auch immer das Gleiche und
so viel habe die Stadt doch dann auch nicht zu bieten. Ich muss lächeln über
ihre Übersättigung und gekünstelte Unzufriedenheit, die wohl die Pariser zu
charakterisieren scheint. Und irgendwie macht sie mich auch tieftraurig. Wie
kann man in einer Stadt wie Paris leben und für ihre Reize blind werden? Ich
versuche mein begeistertes Lächeln über die ganze Situation, in Paris, mitten
in der Nacht, mit Parisern und Wein, so original, der Traum eines jeden
Austauschstudenten,ein bisschen herunterzuschrauben. Will mich ja nicht gleich
outen, als eine der ewig Paris-Begeisterten.

Aber doch, ich gebe es zu. Aus mir wird niemals eine
Pariserin werden. Ich erhebe auch nicht den Anspruch nach einem Jahr in Paris
zur Pariserin geworden zu sein. Ich will Paris nicht langweilig finden oder
seiner überdrüssig werden. Ich will es jeden Tag von Neuem großartig finden. Will
durch die Parks und Boulevards schlendern und jedes Mal wieder von der
Schönheit des Stadtbilds überwältigt sein. Ich will aufblicken, über die
Brücken der Seine bis zur Notre Dame und es einfach genießen, in dieser
traumhaften Kulisse zu leben. Ich will meinen künstlerischen Idolen auf ihren
Spuren folgen, Monet im Musée d’Orsay besuchen und auf Simone de Beauvoirs
Platz im Les deux Magots heiße Schokolade trinken, im Louvre vor dem
Turnergemälde auf der Couch lesen und es unheimlich romantisch finden, den
Sonnenuntergang vom Arc de Triomphe aus betrachten und mir sagen „hier wohne
ich“.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: So ähnlich, so fremd

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Eigentlich könnte man meinen, dass man sich nach einigen Monaten Auslandsstudium bereits einheimisch und zugehörig im neuen Umfeld fühlen kann. Doch unsere Autorin berichtet darüber, wie es ist auch nach einiger Zeit noch die Fremde zu sein.

Ich sitze nach der Uni mit Mädels aus meinem Studium in einem Café, und sie erzählen sich ihre neuesten Bettgeschichten. „Hahaha, nach dem Wochenende mit Jean-Philippe konnte ich auch nicht mehr aufrecht gehen.“ Ich bin kurz überrascht über so viel Offenheit mir gegenüber, dann bemerke ich: Sie denken, ich verstehe sie nicht. Sie reden, als ob ich nicht da wäre.

Ich seufze tief und lerne, was es heißt, sich einsam unter vielen zu fühlen. Als Erasmus-Studentin habe ich es leider nie geschafft, die gläserne Decke zu durchdringen, die mich von einer echten Freundschaft mit meinen Kommilitonen getrennt hat. Auf Französisch gibt es für Ausländer und Fremde das gleiche Wort. „Etranger“. Ich bin als Etrangère also nicht nur Ausländerin, sondern auch Fremde in Frankreich. Manchmal ist es schon spannend, was Sprache über das grundlegende Verständnis der Dinge verrät.

Man ist freundlich zu uns Austauschstudenten. Neugierig werden wir gefragt, woher wir kommen und wie uns Frankreich gefällt. Aber darüber will ich nach fünf Monaten nicht mehr sprechen müssen. Ich studiere an dieser Uni genauso wie alle anderen Studenten auch. Wir finden alle Musik, Filme, Maler und Schriftsteller großartig, gehen gerne mal was trinken oder stöbern nach ausgefallenen Kleidungsstücken. Wir alle haben die gleichen Kurse und die gleichen Prüfungen zu bestehen. Wir alle haben vielleicht ein Mädchen oder einen Jungen, für den wir schwärmen oder mit der – beziehungsweise mit dem – gerade etwas läuft. Obwohl wir die gleichen Probleme und Sehnsüchte haben und wir uns in Art und Interessen sogar ähnlich sind, werde ich meinen Sonderstatus nicht los. Ich bin hier nur vorübergehend, ich gehöre hier eigentlich nicht hin. Ich könnte es wie die anderen Erasmus-Studenten machen, die unter sich bleiben. Den ganzen Tag Englisch sprechen, mit Leuten aus allen Teilen der Welt, außer mit Franzosen, und am Wochenende auf Sightseeing-Trips mitfahren. Aber das will ich nicht. Ich will richtig in Paris leben.

Doch die Unterhaltungen drehen sich oft um Dinge, die ich nicht verstehen kann. Französische Rapper, die ich noch nie gehört habe, Wortwitze, für die mir der Wortschatz fehlt. Immer nachfragen zu müssen, immer erklären zu müssen, dafür ist irgendwie kein Platz in den Unterhaltungen. Ich habe eine echte Freundin gefunden. Sie kommt aus Ägypten, ist in Schottland aufgewachsen, ihre Mutter ist Französin, sie kann alle Sprachen perfekt, sie weiß, wie es ist, in einem neuen Land zu sein. Aber sie lässt mich nicht fremd sein. Sie hört mir zu, geduldig. Sie wartet, bis ich die Worte gefunden habe, sagt Sätze zweimal. Und plötzlich haben wir so viel zu besprechen. Und plötzlich werden Unterschiede zu Gemeinsamkeiten. Ich koche ihr Kaiserschmarrn, wir gehen ägyptisch essen, und sie zeigt mir die Bretagne, wie man Cidre aus Keramikschüsseln trinkt und Galettes – Buchweizencrêpes mit Spiegelei und Käse gefüllt – isst.

Mir fallen schlechten Gewissens all die Momente ein, in denen mich in München Erasmus-Studenten nach dem Kurs gefragt haben, was ich jetzt noch mache. Und ich völlig in meinem Alltag gefangen nicht darauf eingegangen bin. Und ich nehme mir vor, es von jetzt an anders zu machen. Mit ein bisschen Geduld, Offenheit und echtem Interesse kann man so viel Austausch erreichen. Schade, dass man sich immer erst selbst einmal fremd fühlen muss, um dafür sensibel zu werden.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Wo ist zu Hause, Mama?

Unsere Autorin sinniert darüber, wie sich ihr Verhältnis zu “zu Hause” in den letzten Monaten auf ihrem Auslandsaufenthalt in Oxford verändert hat. Und merkt, dass das Ganze ziemlich kompliziert ist.

Da ist Staub. Unter dem Schreibtisch in meinem Zimmer zu Hause in München, am östlichen Ende der S4. Ich liege auf meiner Yogamatte und strecke die Füße Richtung Zimmerdecke in eine Kerze. Ich atme tief durch. Nicht nur, weil man das so macht beim Yoga, sondern auch, weil ein Teil von mir gerne aufspringen und den Staubsauger aus der Abstellkammer holen würde.

Ich befinde mich auf kurzem Heimaturlaub. Eine Woche ist jedoch nicht lang genug und mein Programm zu voll, um den Staubsauger auspacken zu können. Ich denke darüber nach, was es eigentlich heißt, nur kurz auf Heimaturlaub zu sein und Häuslichkeit hintenan zu stellen. Ich habe nur das Nötigste an Kleidung in einen Rucksack gestopft, ich wasche kein einziges Mal Wäsche und ich muss mir eine neue Zahnbürste kaufen, weil im Bad keine mehr für mich vorgesehen ist. Spätestens als ich merke, dass ich mich schon wieder auf England freue, verwandelt sich das Bewusstsein, dass „zu Hause“ eben nicht mehr wirklich „zu Hause“ ist, in einen leichten ziehenden Schmerz, irgendwo zwischen meinem Blinddarm und meinem Magen.

Dieses Gefühl ist keineswegs ausschließlich mit einem Auslandsstudium verbunden, klar. Alle meine Freunde, die nach dem Abitur von „zu Hause“ weggezogen sind, haben diese Erfahrung schon vor Jahren gemacht. Nur weil ich immer wieder „zu Hause“ gelebt habe zwischen den unterschiedlichsten Auslandsaufenthalten, ist es für mich nach wie vor ein überraschender und sehr viel langsamerer Ablösungsprozess.

Oft betone ich, wie gern ich zu Hause gelebt habe, wie dankbar ich während meiner Studienzeit in München für die Tatsache war, dass ich am Abend in den Zug steigen und zu meinem Pferd, meiner Schwester und meinem ruhigen Zimmer kommen konnte. Zum ersten Mal spüre ich, dass sich das verändert hat. Nicht nur ist meine Schwester mittlerweile ebenfalls ausgezogen und mein Pferd zu alt, um geritten zu werden: Auch „ich“ zu sein, fühlt sich anders an, als ich den Rucksack dieses Mal „zu Hause“ in unserer Diele abstelle. Die überproportionale Verwendung von Anführungszeichen ist nur der semantische Ausdruck der Realisierung, dass wir irgendwann alle erwachsen werden und unsere Kinderzimmer zu klein und zu sehr mit einer Kindheit verbunden sind, in die wir nicht mehr zurückkehren können. Egal, wie verlockend sich eine solch nostalgische Rückkehr anfühlen mag in Momenten, in denen das Erwachsenenleben zu anstrengend wird. In meinem Fall, vor allen Dingen dann, wenn es mir zu viel wird, an einer fremden Universität in einem fremden Land, in einer fremden Sprache etwas über fremde Dinge zu lernen. Heimweh ist dennoch eine Rarität geworden und schon jetzt tut der Gedanke, in ein paar Monaten mein Zimmer in Oxford für immer von meiner Persönlichkeit befreien zu müssen, ebenso weh wie das Bewusstwerden, dass „zu Hause“ nach diesem Jahr auch nicht mehr „zu Hause“ sein wird, egal, wie oft ich dann Zeit haben werde, Staub zu wischen.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Nackt im Schlossgarten

Dass wir Münchner uns ziemlich glücklich schätzen können, was Abkühlungsgelegenheiten in den heißen Sommermonaten angeht, merkt unsere Autorin erst jetzt in Paris so richtig – es kann eben nur eine Isar geben.

In Paris ist über Nacht Sommer geworden. Die schönste Stadt der Welt erwacht zu ganz neuem Leben. Den ganzen April hindurch hatte es noch geregnet, Wintermantel und Erkältung inklusive. Und dann, eines Morgens Ende Mai, gehe ich gewappnet mit Wollpulli und Jacke vor die Haustür. Und kehre zurück, um mich direkt wieder umzuziehen, so heiß ist es. Ich komme in Sommerkleid mit Sandalen zurück. Jetzt scheint bis spät abends noch die Sonne und taucht die Stadt in ein fröhliches Licht. Alle Pariser Parks sind voll mit Picknickgesellschaften und Sonnenbadenden. Die Seine und der Kanal Saint Martin sind bevölkert von Jugendlichen und Liebespärchen mit Wein.

Wenn in München Sommer wird, ist die Vorgehensweise klar. Sommerkleid, Bikini drunter, ab Richtung Badesee, oder Freibad, völlig egal, Hauptsache abkühlen. Es gibt nur noch einen Modus: Der Hitze muss mit Baden entgegengewirkt werden. Deswegen ist auch hier meine erste psychische und physische Reaktion: „Ich möchte schwimmen.“ Doch als ich mich bei meinen Gasteltern nach dem nächstgelegenen Badesee oder Freibad erkundige, schauen sie mich nur völlig irritiert an. Ich bin total erschlagen von den Temperaturen hier! Es hat durchgehend 30 Grad, ich will einfach nur ins Wasser springen, aber Badeseen gibt es in Paris leider nicht und Freibäder auch nicht in der Form, wie wir es kennen mit Liegewiesen.

Mein Semester in Paris neigt sich dem Ende zu. Zehn Monate war ich jetzt hier. Kein einziges Mal in diesem Zeitraum habe ich München so sehr vermisst wie jetzt. Oder Paris als so lebensunwert empfunden. In München gibt es eine echte Kultur für Sommer, die hier in Paris niemand kennt. Wenn im Juli in der Klausurenphase traditionellerweise die drei Wochen mit dreißig Grad Temperatur eintreten, dann ist das zwar ätzend, aber: Die Bibliotheken sind klimatisiert. Und: Welcher gute LMU-Student hat nicht als Back-up während eines langen Lernmarathon-Tages im Schließfach Badekleidung und Handtuch eingeschlossen, um sich nach getaner Lernarbeit in der Isar abkühlen gehen zu können? Hier schwitze ich tagsüber in der unklimatisierten Bibliothek. Wenn ich an die spontanen Badeausflüge denke, will ich einfach nur zurück nach München.

30 Grad Anfang Juni sind für eine Münchnerin schon gewöhnungsbedürftig. Da beginnt die Phase der Übergangskleidung, wenn man sich langsam aus dem Pulli-Knödel, der man den Winter über ist, herausschält und sich bei mittleren Temperaturen langsam daran gewöhnt, sich wieder draußen bewegen zu können, bevor man kurz darauf dazu übergeht, mit kurzer Hose und Bier die Abende im Englischen Garten zu verbringen. Hier ist es jetzt schon so heiß, dass ich mit offenem Fenster und nur einem Bettlaken schlafen muss, um nicht zu zerfließen. Meine Gastmutter sagt: „Ach, das ist doch noch erträglich, jetzt kühlt es nachts wenigstens noch ein bisschen ab.“ Also kühle Nächte sehen für mich anders aus. Auch meine Erasmus-Kommilitoninnen aus Portugal, Italien und Brasilien lachen mich aus. Und die Pariser tragen weiter stur lange Hosen und langärmlige Hemden. Hallo? Bin ich hier die einzige, die merkt, dass Sommer geworden ist? Ein Glück bin ich von Juli an wieder in München.

Eine französische Freundin hat mir als Geheimtipp empfohlen, in Versailles – verbotenerweise – einfach nackt in den Kanal zu springen, das würde sie immer machen. Ob ich mich das noch mal traue?

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Glatze und Glamour

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Was sich unsere Autorin in München niemals hätte vorstellen können, hat sie sich in einem kleinen Dorf in der französischen Provinz nun getraut: Die Haare abzuschneiden, komplett. In ihrer neuen Heimat Paris fühlt sie sich pudelwohl damit.

Ich habe meine Haare abgeschnitten. Raspelkurz. So kurz, dass man die Kopfhaut sehen kann. So kurz, dass ich den Wind um meinen Kopf streifen spüre. So kurz, dass die Leute auf der Straße mir Platz machen, wenn ich ein bisschen aggressiv schaue. So kurz, dass man auf den ersten Blick nicht weiß, welches Geschlecht ich habe – eine genderfreie Frisur. Aber: Damit falle ich hier in Paris in der Menge nicht groß auf. An modischen Kuriositäten, ausgefallenen Persönlichkeiten und Anonymität gibt es hier genug. In München hätte ich so etwas nie machen können. München ist ein Dorf und die Breite an verschiedenen Stilen und gesellschaftlicher Offenheit gering.

Ich bin in der Bretagne, als ich mich entscheide, meine Haare endlich abzuschneiden. Ich wohne bei der Tante einer Freundin. Sie macht mir spontan einen Termin bei ihrer Friseurin aus, zu der sie seit ihrer Jugend in irgendeinem winzigen bretonischen Kaff geht. Auch der Friseursalon ist winzig. Drei ältere Damen erwarten mich. Wir tragen unser Anliegen vor und sind plötzlich Attraktion des ganzen Salons. Meine Friseurin war früher in Paris bei einem renommierten Friseur und ist eine richtige französische Diva, wie sie im Buche steht. Laut ruft sie erst einmal „mon dieu“. Ja die schönen Haare, ja ganz weg damit. Radikal. Ja. 

Und dann schneidet sie mir so souverän und künstlerisch die Haare, wie noch niemand vorher. Wild fuchtelt sie mit der Schere um meinen Kopf herum, völlig irrational schneidet sie immer mal wieder irgendwo etwas ab, während sie auf Französisch vor sich hin redet. Als sie alle Haare einmal rundherum abgeschnitten hat, habe ich einen so schönen Kurzhaarschnitt wie nach Jahren des Experimentierens und Friseurwechsels nicht. Danach kommt der Rasierer. Ich muss kurz schlucken, dann beginnt die endgültige Verwandlung.

Während in Paris oder gar in Städten wie New York gesellschaftliche Vielfalt allgegenwärtig ist und auf der Straße so richtig gelebt wird, ist die Münchner Mentalität eine komplett andere. Ich hatte hier immer das Gefühl, äußerlich nicht besonders auffallen, aus der Masse herausstechen zu dürfen. Der Kontrast zum Durchschnitts-Münchner wäre dabei so groß, dass ich mich viel zu sehr beobachtet fühlen würde, als für mein Wohlbefinden gut ist. Die Ray-Ban Sonnenbrille auf der Nase, Burberry oder Barbour Coat um die Schultern gelegt, Bluse zu beigem Pulli und dunkelblauer Hose – so laufen sie in München herum. Dazu passen keine raspelkurzen Haare. Die gesellschaftlichen Normen basieren in Paris mehr auf ehrlichem und glaubwürdigem Auftreten, und das bringt einen viel eher dazu, sich einfach mal was zu trauen und zu schauen, was dabei rauskommt.

Ich kann plötzlich auch ästhetisch Widersprüchliches miteinander verbinden, das mir schon immer gefallen hatte. Ich wage jetzt zu tun, was mir gefällt und habe plötzlich einen eigenen Stil. So unbeschwert, leger und eigenwillig overdressed wie es für die Pariserinnen eben typisch ist. Dieses „nach freier Lust und Laune“ einfach machen, was man will. In einer Stadt, einer Gesellschaft, einem Lebensgefühl kultiviert. Das ist Paris. 

Die Strähnen fallen. Die alten bretonischen Frauen um mich herum kommentieren, wie groß meine Augen plötzlich wirken und wie mutig sie mich finden. Aber ich höre nicht zu, sondern lächle glücklich in den Spiegel. Seit einem Jahr schon wollte ich meine Haare einmal so kurz schneiden. Aber in München schien das einfach nicht möglich. Ich schaue zufrieden dabei zu, wie mit jeder Strähne ein sozialer Zwang mehr von mir abfällt. Eine echte Münchnerin wäre ja doch nie aus mir geworden.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Flirten mit dem Goldfisch

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Wo die schönen Jungs sich tummeln: Unsere Autorin erlebt in Paris ein wahres Eldorado an begehrenswerten jungen Männern – und hat doch das Gefühl, sie bräuchte einen deutsch-französischen Freund zum Glücklichsein.

Ein Umzug von München nach Paris ist für eine junge Frau mit aufgewecktem Herzen wie ein Schritt aus dem Dunkel ins Licht. Endlich weg von dem ständigen Anblick dieser Hemd-Träger, die einen beige-farbenen Pulli darüber tragen, die ihren dicken Autoschlüssel von Papi dabei haben. Endlich weg von diesen eindimensionalen wohlstandsverwöhnten Münchner Schnösel-Bubis, die mich einfach nicht anziehen. Rein ins Pariser Paradies.

In Paris kann man quasi nicht das Haus verlassen, ohne attraktiven Männern zu begegnen. Diesen Typus Mann, für den ich leider eine besondere Schwäche habe – Dreitagebart, krause dunkle Locken, verwegener Blick, modisch, aber nicht gewollt gekleidet – sieht man zu meinem Leidwesen und meiner Freude zugleich überall in Paris. Ich gehe eine ganz normale Straße entlang und blicke währenddessen in mindestens fünf Gesichter, die ich ohne Weiteres so interessant und anziehend finde, dass mein Kopfkino vom ersten Date bis zum gemeinsam möblierten bücherüberladenen Salon mit Soiréen im Kreise unserer intellektuellen Freunde durchgelaufen ist. Wenn man sich dann noch im Vorbeigehen in die Augen blickt und anlächelt – hach – das ist einfach zu viel für mich. Ich muss zum Schutze meiner Fantasie und meines armen Herzens wegsehen.

Auch können Franzosen etwas, das deutschen Männern genetisch wohl auf ewig verschlossen bleiben wird: flirten. Sie sprechen mit dir wie ein Mann, der weiß, was er will. Wenn das du bist, ist es ein Kompliment. Sie schaffen es, dass du dich von der simplen Frage, ob du mal gemeinsam was trinken gehen möchtest, geschmeichelt fühlst. Sie schaffen es, nach ein paar Sätzen Small-Talk nach deiner Nummer zu fragen und zwar ohne dabei wie ein Psychopath, verunsicherter kleiner Junge oder überheblicher Arsch zu wirken. Und zum ersten Mal fühle ich mich als Frau, wenn ich durch die Straßen laufe. Endlich keine Polohemd tragende neutral-langweilige Wegschaukultur mehr, sondern tiefe, interessierte Blicke aus Augen, die Poesie und Gefahr versprechen.

Ich lerne, dass Franzosen in Liebesdingen anders sind, als ich es aus Deutschland gewöhnt bin. „L’amour Parisien“ unterscheidet sich sehr von dem klassisch-amerikanischen Dating-Ritual, bei dem man sich mehrmals zum Rendezvous trifft und sich frühestens nach dem dritten Date küssen darf. Die Franzosen hingegen schlafen zuerst miteinander, bevor am Morgen danach auf eine Zigarette und schwarzen Kaffee in der Küche entschieden wird, ob man sich besser kennenlernen will. Außerdem ist es so eine Sache mit der französischen Leidenschaftlichkeit. Zwar sind Franzosen unglaublich passionierte Liebhaber und verlieben sich aus tiefster Seele. Doch sie sind auch wankelmütig und haben das Gedächtnis eines Goldfischs. Warst du eben noch Mittelpunkt ihrer Welt, drehen sie sich um und können innerhalb von Sekunden die gleichen tiefen Gefühle für die nächstbeste, zufällig vorbeischlendernde Frau aufbringen.

Und da merke ich, dass für mich Liebe doch eher dem Modell deutscher Partnerschaft entspricht. Dein Partner ist vor allen Dingen dein Vertrauter und Freund, bevor sich etwas Sexuelles entwickelt. Liebe ist für mich nicht nur eine flammende, alles verschlingende Welle der Leidenschaft, sondern auch Zuverlässigkeit und Stabilität. Denn erst sie machen ein Vertrauen möglich, auf dessen Basis ich echte, tiefe Gefühle für jemanden entwickeln kann. Einen deutsch-französischen Freund müsste man haben.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Zeichen der Freundschaft: 10 Schwedische Kronen

Bei Erasmus-Aufenthalten entstehen oftmals ganz besondere internationale Freundschaften. Eine solche hat unsere Autorin bei ihrem Studium in Schweden mit ein bisschen Glück und Zufall auch gefunden.

Es ist eisig kalt. Bibbernd und Zitternd stapfe ich in
meinen dicken Fellstiefeln zur S-Bahn. Meine Hände stecke ich tief in die
Taschen meiner extra warmen Fjällräven-Daunenjacke. Die habe ich seit meinem Erasmusstudium
im bis zu -26 Grad kalten Winter Stockholms nicht mehr aus dem
Schrank geholt. Und da spüre ich es. Etwas kühles, glattes, das gegen meine
Fingerspitzen stößt. Ich ziehe das flache und glänzende Ding heraus und fühle
mich sofort an den ersten Tag in Stockholm zurückversetzt.

Der  „Welcome-Day“ auf
dem mir noch ziemlich unvertrauten Campus der Stockholm University.  In dem bunten Getümmel der Erasmusstudenten
in der großen Aula fühle ich mich fremd, unsicher und vor Allem eines: Alleine.

Meine Gedanken schweifen ab in die Heimat, nach München, zur
LMU. Meine liebgewonnen Mitstudenten haben sich sicherlich genau in diesem
Moment lachend und tratschend einen Kaffee am U-Bahn-Kiosk geholt und machen
sich gemeinsam auf den Weg ins nächste Seminar. Erst ein bisschen später fällt
mir auf, dass ich ja auch in der LMU einmal ein ganz ähnliches
Fremdheits-Gefühle hatte.

Ich lasse meinen Blick über die Masse der internationalen
Studenten schweifen. Dabei erkenne  ich neidvoll,
dass sich viele bereits so angeregt und unbekümmert miteinander unterhalten,
als wären sie schon Jahrelang die allerdicksten Freunde. Mir schießen gut
gemeinte Ratschläge durch den Kopf. Ehemalige Erasmus-Studenten hatten sie mir mit
auf den Weg gegeben: „Häng lieber nicht so viel mit deutschsprachigen Leuten
rum, du bist schließlich im Ausland, deutsch sprechen kannst du auch daheim. “
oder: „An einer ausländischen Uni  zu
studieren ist nicht einfach, zu viele Party-wütige Erasmus-Freunde zerstören
dir deinen Noten-Durchschnitt“.

Werde ich letztendlich einsam, Freunde-los und ohne jegliche
Zugehörigkeit meinen Erasmus-Aufenthalt überstehen müssen? Um zu überprüfen, ob
man mir diese ängstlichen Gedanken ansieht, mache ich mich auf den Weg zur
Toilette. Dort kommt es zu einer dieser zufälligen Begegnungen, die ich so am
allerwenigstens erwartet hätte: Eine italienische Erasmusstudentin versucht
verzweifelt und laut schimpfend ihre Toilettentür zu entriegeln.  Der Moment, in dem ich sie mithilfe einer
schwedischen 10-Kronen-Münze aus ihrem Gefängnis befreit habe, legt den
Startschuss zu meiner ganz besonderen Erasmus-Freundschaft. Lara, eine quirlige
Mathematikstudentin aus Mailand, die immer gleich sagt was sie denkt, fällt mir
sofort um den Hals. Ihr liebenswerter italienischer Akzent lässt mich augenblicklich
schmunzeln. Von nun an vergeht kein Wochenende, an dem wir nicht gemeinsam
unterwegs sind. Schnell ist der Lieblings-Burger-Laden gekürt oder eine Nacht
bis zum Morgengrauen durchgetanzt. Und plötzlich fühlt sich diese Stadt gar
nicht mehr so fremd an.

Aus diesem ersten Tag und auch in der gesamten, aufregenden
Zeit in Stockholm habe ich gelernt, dass es keine Rezepte für das Finden und
Festhalten von Freundschaften gibt. Und dass man auch immer ein bisschen auf
den Zufall und das Glück vertrauen muss, die Menschen zu finden, die einen auch
an zunächst fremden Orten vorm Allein-sein bewahren.

Bevor meine nackten Hände noch
blau werden vor Kälte, stecke ich sie zusammen mit der 10-Kronen-Münze schnell
wieder in meine Manteltasche. Die S-Bahn-Fahrt werde ich nutzen, um Lara eine
Sprachnachricht zu schicken, so beschließe ich. Denn auch wenn inzwischen
wieder viele Kilometer zwischen uns liegen, so fühle ich mich ihr gerade wieder
so nah wie damals, als uns eine 10-Kronen-Münze die Tür zu unserer
Freundschaft öffnete.

Text: Amelie Völker

Foto: Yunus Hutterer