Statt ewig gleicher Akkord-Kombinationen und weichgespülten Singer-Songwriter-Abenden hat Lisa Holic sich für eine Loop-Station entschieden, bei der sie sich beliebig vervielfachen kann und so nach Lust und Laune zwischen Duo, Hip-Hop-Produzentin samt Rapperin und A-Cappella hin- und herwechselt.
Wer keine Mitmusiker findet – oder keine möchte –, und dennoch die alleinige Kontrolle über die Musik behalten will, dem bleibt oft nur der Griff zur Akustik-Gitarre. Und da wird dann Akkord an Akkord gereiht, obwohl sämtliche Akkord-Kombinationen bei den vielen Singer-Songwriter-Abenden, in den Fußgängerzonen oder im Englischen Garten schon einmal benutzt wurden. Kaum ein Genre ist so abgegrast, in kaum einem anderen Genre braucht es derartig gute musikalische Einfälle und außergewöhnliches Talent, um halbwegs herauszustechen aus der Gewöhnlichkeit. Lisa Holic ist da nicht der Typ dafür. Weder für das Blumenmädchen, das singend die Annäherung an Joni Mitchell sucht. Noch der Surfer-Typ, der im Gedanken an Jack Johnson gute Laune verbreiten möchte. Trotzdem ist Lisa Holic eine Art Songwriterin geworden. Doch zum Glück fiel ihr ein Weg ein, alleine Musik zu machen, sogar die obligatorische Akustik-Gitarre zu benutzen und trotzdem keines der Klischees zu bedienen, die bei den Open-Stage-Sessions lebendig werden.
Lisa Holic ist vielmehr ihre eigene Band. Mittels Loop-Station vervielfacht sich die Münchnerin beliebig zu einem Duo, zu einer Hip-Hop-Produzentin samt Rapperin, zu einem DJ, der Gitarrentöne sampelt oder zum A-Cappella-Projekt. Doch Lisa besitzt nicht nur das Rhythmusgefühl, das man unbedingt haben sollte, sobald man sich einer Loop-Station nähert, weil die kleinste Unregelmäßigkeit den schönsten Flow des Gesamtklangs zerrüttet. Sie hat zudem noch wenig Interesse an Zurückhaltung, Geschlechterbildern oder vermeintlichen Pop-Trends. Genau deswegen gelingt ihr Musik, die tatsächlich neu und erfrischend klingt: sowohl in Münchens Songwriter-Szene als auch in der Hip-Hop-Szene, in Münchens Beatboxer-Riege genauso wie bei Song- oder Poetry-Slams.
Musik macht Lisa schon länger. Doch erst, seit sie diese ziemlich einmalige Mischung aus absurder und in Pop-Deutschland mittlerweile völlig vergessener Tic-Tac-Toe-Rotzigkeit und kluger Wortspielerei aus ernsthaftem Anliegen und herabblickendem Phrasen-Benutzen gefunden hat, steigt die Aufmerksamkeit um sie. Verdient. Und als Songwriterin, singend an der Akustikgitarre mit den üblichen Akkordfolgen, habe sie sich eh nie ganz wohl gefühlt: „Obwohl ich faktisch seit jeher ein Singer-Songwriter war, hat mich dieses Genre nie erfüllt“, sagt sie. Sie sei mit Hip-Hop aufgewachsen, mit Musik und Beats, die sich eher an der oberen Tempo-Grenze bewegen als im Mid-Tempo-Geschunkel. Zudem sei die Textdichte ihrer Lieder schon immer ein bisschen viel für einen Gitarrensong gewesen. Also hat sie vor etwa eineinhalb Jahren begonnen, sich mit der Bauweise von Hip-Hop-Songs zu beschäftigen; und diese Erkenntnisse klug auf ihre Songwriter-Fähigkeiten umgeschlagen. Über eine Internetplattform besorgte sie sich einen Lehrer, der ihr die Grundlagen von Loop-Stations und Beatboxing beibrachte.
Im Sommer steht nun die Veröffentlichung einer EP mit ihren Loop-Stücken an. Auf ihrer Soundcloud-Seite bekommt man einen Eindruck ihrer Entwicklung: Da gibt es auch noch Stücke mit Akustik-Gitarre, etwa „Grüne Männchen“. Der Text ist zwar hier schon rotzig gerappt vorgetragen und die Gitarre eher samplehaft als schrammelnd-schunkelnd, doch erst in der neuen Version von „Gin und Pharmazeutika“ oder dem sich jenseits vieler Grenzen breitmachenden „Wörterejakulat“ zeigt sie, welche Kraft ihre selbstbezeichnete „Ghetto-Lyrik“ über Beat-Box-Beats erfährt. Beats, die sie selbst singt und loopt und die eben zugleich nach weicher menschlicher Stimme und knallhartem Macho-Geballere klingen.
Die Studentin Louisa Wagener dreht einen Film über Flüchtlinge, über Heimat und Familie – und über eine Freundschaft, die weder Nationalität noch Herkunft kennt. Im Herbst zeigt der BR das Debütwerk.
In einer Deutschklasse für geflüchtete Jugendliche in München hat alles angefangen. Louisa Wagener, 23, studiert im siebten Semester Regie an der Hochschule Macromedia in München. Sie war auf der Suche nach einem Thema für ihren Abschlussfilm, als sie im März vergangenen Jahres einen Bekannten ihrer Eltern in seinem Deutschunterricht für 25 junge Männer aus Syrien, Sierra Leone, Iran und Eritrea besuchte. „Damals hatte ich noch keine Ahnung, was für einen Film ich machen wollte. Ich bin da einfach hingegangen. Aber das war so ein eindrückliches Erlebnis, da bekomme ich heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt Louisa.
Louisa – groß gewachsen, schlank und blond – hat blaue Augen, ihr ordentlich gezogener Eyeliner hat die gleiche Farbe wie die dunklen Ränder ihrer Iris. Erst einmal habe sie die Reaktionen der jungen Männer interessant gefunden – von verhaltenem Kichern bis zu coolem Macho-Gehabe. Aber als sie dann angefangen hat, Fragen zu stellen, da sei es plötzlich ganz still im Raum geworden. „Ich habe erzählt, dass ich mir überlegen würde, einen Film zu machen, einen Film über Menschen auf der Flucht“, sagt Louisa und dreht die Enden ihres geflochtenen Zopfes in den schlanken Fingern. Ganz vereinzelt hätten dann die jungen Männer begonnen zu erzählen. Von den Familien, die sie vermissten, von der Wüste, in der es so heiß gewesen sei. „Da entstanden sofort Bilder in meinem Kopf“, sagt Louisa. Und ihr sei in diesem Moment klar gewesen, das dies das Thema ihres Abschlussfilms werden würde.
Dass es nicht einfach sein werde, ein so brisantes Thema zu bearbeiten, war ihr schon klar. Aber mit welchen Hindernissen sie tatsächlich zu kämpfen haben würde, konnte Louisa zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzen. „Die deutsche Bürokratie ist da echt einmal wieder unglaublich“, sagt sie. „Es ist beinahe unmöglich, Geflüchtete im Film mit einzubinden, weil man sie nicht offiziell anstellen darf, wir aber jeden am Set bezahlen müssen.“
Die Besetzung der Hauptrolle mit einem Geflüchteten sei unter anderem daran gescheitert. Und daran, dass das nötige Verfahren für eine Genehmigung der Ausländerbehörde, ihn mit ins Ausland nehmen zu dürfen (die Wüstenszenen sollen auf Fuerteventura entstehen), länger als drei Monate gedauert hätte. „Am Ende war es aber vielleicht für alle Seiten besser so. Er stand auch unter einem immensen Druck, weil er seinen Ausbildungsplatz nicht verlieren wollte“, sagt Louisa. Jetzt übernimmt Alexes Feelmo die Hauptrolle, der bereits seit seinem sechsten Lebensjahr in Deutschland lebt.
Für kleinere Rollen ist es Louisa und ihrem Team am Ende aber doch gelungen, einige Geflüchtete zu besetzen. Und Komparsen seien doppelt so viele gekommen wie sie gebraucht hätten. Denn jetzt, beinahe ein Jahr später, ist gerade die achte Drehbuchfassung fertig geworden. Und in diesen Tagen beginnen die Dreharbeiten.
In der Geschichte geht es um den 17- jährigen Eritreer Teke, dessen älterer Bruder auf der Flucht durch die Wüste gestorben ist. In Deutschland will Teke – von Schuldgefühlen geplagt – den großen Traum seines Bruders, Fußballprofi zu werden, verwirklichen. Er tritt in einen Fußballverein ein und trainiert hart, obwohl er mehr Talent für Mathematik als für Fußball hat. Die meisten Jungen in der Fußballmannschaft wollen nichts mit Teke zu tun haben, da sie geflüchteten Jugendlichen wie ihm ihr Jugendzentrum als Not-Unterkunft überlassen mussten. Nur der ebenfalls 17-jährige Anton, der unter seinem autoritären Vater leidet, freundet sich mit dem jungen Eritreer an. Am Ende wird jedoch auch der Rest der Mannschaft einsehen, dass ein Fußballspiel nur gewonnen werden kann, wenn alle zusammenhalten.
„In Our Country“ soll ein Film werden „über Heimat und Familie, über den Mut, zu sich selbst zu stehen“ und über „eine Freundschaft, die weder Rasse noch Herkunft kennt“, heißt es in der Projektmappe. 30 Minuten darüber, dass uns, „egal, wie fremd wir uns sind, die gleichen Sehnsüchte verbinden“.
Dabei möchte Louisa möglichst „neutral“ bleiben, da sie auch um die Ängste vieler Menschen in Deutschland weiß, und die politisch und emotional so aufgeladene Debatte nicht noch weiter verschärfen möchte. Sie will beide Seiten beleuchten und damit Verständnis schaffen.
„Am Anfang ging es mir wahrscheinlich ähnlich wie vielen, die Ausländern skeptisch gegenüber stehen“, sagt Louisa. Sie stammt selbst aus Ebersberg, einer kleinen Stadt am Ende der S-Bahn-Linie S 4. Als vor einem Jahr immer mehr dunkelhäutige Menschen dort ankamen, habe sie auch das merkwürdige Gefühl gehabt, die würden „da nicht hingehören“. Aber je besser sie die jungen Geflüchteten aus der Deutschklasse kennengelernt und je mehr sie für das Drehbuch recherchiert hat, desto klarer ist ihr geworden, „dass das alles Menschen sind wie du und ich“. Und dass die Deutschen sich noch dazu oft ein Beispiel an den Neuankömmlingen nehmen könnten.
Das ist ihr durch die Freundschaft mit Mülubrhan, einem jungen Eritreer, der das Vorbild für den Protagonisten darstellt, klar geworden. „Das sind so kleine Sachen. Egal, wie wenig Geld er hat: Wenn ich ihn zu Hause besuche, ist es für ihn selbstverständlich, dass er für mich kocht, und wenn es nur eine Tütensuppe ist“, sagt Louisa.
Die Dankbarkeit für Dinge, die uns selbstverständlich zu sein scheinen, hat sie tief beeindruckt. Ebenso wie die Geschichte eines Landes, dessen geografische Lage sie vor ihrem Abschlussprojekt nicht einmal kannte. Jetzt weiß Louisa, dass Eritrea faktisch eine Militärdiktatur ist, obwohl seit 20 Jahren immer wieder Wahlen versprochen werden. Human Rights Watch spricht vom „größten Gefängnis der Welt“, der Militärdienst gilt lebenslänglich. Da viele junge Menschen genau deswegen fliehen, wird Eritrea auch das „Land ohne Jugend“ genannt, während den Eltern der geflohenen Jugendlichen Gefängnis- und Folterstrafen drohen.
Diese Thematik zusammen mit der aktuellen Lage in Deutschland in einen 30-minütigen Fernsehfilm zu packen, ist ein gewagtes Unterfangen, das weiß Louisa. Mehrmals sei sie deshalb an einen Punkt gekommen, an dem sie dachte, sie könne das Drehbuch nicht weiterschreiben, weil die Handlung zu groß, zu komplex geworden sei. Angst vor den Dimensionen ihres Projektes hat sie heute trotzdem nicht mehr. „Man ist da eben drin“, sagt sie pragmatisch, „wenn ich jetzt Panik bekommen würde, dann wäre damit ja niemandem geholfen.“ An diesem Punkt lacht sie ein bisschen.
Mittlerweile konnte sie nicht nur den Bayerischen Rundfunk, der den Film im Herbst ausstrahlen wird, von ihrem Projekt überzeugen, sondern auch Amnesty International, Refugio und „Brot für die Welt“, die den Film verleihen und für nicht-kommerzielle Zwecke nutzen wollen. Darüber hinaus stehen die Organisationen in Fachfragen beratend zur Seite. Auch von zahlreichen lokalen Vereinen und der Stadt Ebersberg wird „In Our Country“ unterstützt. Schauspieler wie Michael Altinger, Joseph Hannesschläger, Ferdinand Hofer und Christian Lerch werden in dem Film zu sehen sein.
Louisa möchte einen Beitrag leisten, auf kleiner Ebene. Es geht ihr nicht darum, die Politik zu verändern, sondern darum, zu zeigen, dass kleine Gesten ein Wirgefühl möglich machen können. Hier in Deutschland, aber auch im Ausland. Untertitel in Arabisch, Englisch, Französisch und Spanisch sind geplant, denn Louisa kann sich auch vorstellen, dass der Film sogar in einigen Herkunftsländern der Geflüchteten gezeigt werden könnte. „Viele Menschen, die kommen, haben ein völlig falsches Bild von Deutschland. Oft wird nicht geglaubt, dass es auch hier Probleme geben kann – auch das möchte ich mit meinem Film zeigen“, sagt sie ernst.
Einmal-kurz-zweimal-lang. Das ist das Klingelzeichen von Marina und ihrer Freundin Rike. Mit der Zeit ist es immer seltener geworden, aber mit ein bisschen Phantasie muss das nichts heißen. Eine weitere Kolumne aus unserer Reihe “Zeichen der Freundschaft”.
Es klingelt, einmal-kurz-zweimal-lang. Ich renne die Treppe nach unten, öffne die Haustüre. Rike. Seit wir klein waren wohnte sie im Haus gegenüber. Wir mussten nur einmal um den Block laufen, dann standen wir vor der Haustür der anderen. Sie lief immer rechts rum und ich immer links rum. Wir hatten unser spezielles Klingelzeichen, einmal-kurz-zweimal-lang, so klingelte sonst keiner. Ich kann unmöglich sagen, wie oft sie vor meiner Haustür stand und ich, sobald ich das einmal-kurz-zweimal-lang hörte, die Treppe nach unten rannte. Wir waren wie Schwestern.
Rike war immer die Realistin. Die genau wusste, wie ihr Leben verlaufen sollte, mit Liebe und heiraten und Kinder, mit Karriere machen, mit Plan. Sie war immer die Realistin, die in der Grundschule schon Zeitung las und das Meiste davon sogar verstand. Ich war immer die Träumerin, die nicht älter werden wollte, und wenn doch, dann bitte Pirat. Ich war die Träumerin, die träumte, dass das Leben ein Abenteuer ist, in dem sie und ich immer befreundet bleiben.
Aber als es dann losging und ich verliebt war und sie nicht, und ich dann wieder verliebt war und sie nicht, und ich plötzlich auch die Zeitung las und sie von Anarchie träumte, da hatte sich etwas verändert. Sie war zur Träumerin geworden, und ich zur Realistin mit Plan. Wir, die wir uns kennen gelernt hatten, als wir uns unsere Träume noch in Kinder Fantasie Sprache erzählten, konnten nicht mehr reden. Wir hatten Rollen getauscht. Das einmal-kurz-zweimal-lang wurde seltener.
Die Träumerin und die Realistin, die wir beide in uns tragen, finden immer wieder zueinander. Sie studiert am anderen Ende Deutschlands, und auch ich bin mittlerweile ausgezogen. Realistisch gesehen könnte das alles das Ende bedeuten, aber ich glaube, mit ein bisschen Fantasie muss es das nicht. Wir kennen jetzt beide beide Seiten, die verträumte und die realistische, und darin finden wir uns wieder. Wenn man so viele Jahre alles zusammen erlebt, gemeinsam von der Zukunft träumt und Pläne schmiedet, dann kann man auch Distanzen vergessen und immer wieder neu anfangen.
Unsere Eltern wohnen immer noch gegenüber. Und wenn wir an Weihnachten oder in den Semesterferien beide zuhause sind, dann laufen wir wieder einmal um den Block, sie immer noch rechts rum und ich immer noch links rum. Und dann wieder: einmal-kurz-zweimal-lang.
Ferdi, Jonas und Max sind zusammen die Folk-Rock-Band Line Walking Elephant. Sie alle sind Mitte 20 und beginnen ihre Abende regelmäßig in ihrem Proberaum an der Donnersbergerbrücke. Wenn sie nicht selbst Musik machen, läuft Don’t Stop Me Now von Queen. Dazu gibts Bier und Döner. Und öfter auch mal den Spruch: “Hey, ich spiel in ner Band…”. Zieht immer!
Hier beginnt unser Abend: Proberaum an der Donnersberger Brücke
Danach geht’s ins/zu: Irish Pub
Unsere Freunde haben andere Pläne. So überzeugen wir sie vom Gegenteil: Live-Musik!!!
Mit dabei sind immer: Ferdi, Jonas und Max
An der Bar bestellen wir am liebsten: Bier, Gin-Tonic
Der Song darf auf keinen Fall fehlen: Don’t Stop Me Now – Queen
Unser Tanzstil in drei Worten: abgefahren, tollwütig, nice
Der Spruch zieht immer: Hey, ich spiel in ner Band…
Nachts noch einen Snack. Unser Geheimtipp ist: Döner
Unsere dümmste Tat im Suff war: „Auf ein Bier ins Pimpernel“, es bleibt nie bei einem Bier.
Das beste Frühstück nach einer durchfeierten Nacht gibt`s im/bei: Döner, nach 10 Uhr Morgens Weißwürst beim Andechser an der Frauenkirche, oder Schneider im Tal.
Diesem Club/dieser Bar trauern wir nach: Atomic :’(
Lange hat Michael Schauer, 25, selbst im Feierwerk gearbeitet, mit seiner ehemaligen Band “Ropes” ist er sogar mehrmals dort aufgetreten und immer noch besucht er dort regelmäßig Konzerte – kein Wunder also, dass er viel mit diesem Ort in der Hansastraße verbindet.
„The World is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die“ ist ein ungewöhnlich langer Name für eine Band und umso einprägsamer. Irgendwie eine schöne und beruhigende Vorstellung, keine Angst vor dem Tod zu haben. Das Bild machte Michael Schauer, 25, beim letzten Song ihres Konzertes im Feierwerk, der Staub noch in der Luft. Die Band, die sich dem atmosphärischen Emocore verschrieben hat, scheint nach einem gelungenen Konzert zufrieden mit sich selbst, die Spannung fällt ab. Das sei einer der wenigen Momente gewesen, in dem Raum auf der Bühne war, die normalerweise bei der achtköpfigen Band ziemlich bepackt ist. Besonders gern fotografiert der Soziologie- und Philosophiestudent bei Konzerten: „Die Musiker driften immer so cool ab und ihr Körper entwickelt dabei eine Eigendynamik. Diese versuche ich einzufangen.“ Die Bühnen des Feierwerks kennt Michi nicht nur aus seiner Zeit als Mitarbeiter, sondern auch als ehemaliger Frontmann der Münchner Hardcore Band „Ropes“ nur allzu gut: „Es bleibt natürlich immer eine besondere Verbindung, man kennt die Leute und kommt gern oft zurück.“ Das Feierwerk ist neben Partyveranstaltung unter anderem für seine Jugendarbeit und politische Aufklärungsarbeit firm bekannt.„Das sind alles Dinge, die das Feierwerk für München wertvoll machen.
Der April ist regnerisch, sonnig, windig, warm und kalt und – gut gelaunt. So wie Yunus, der diese Woche die Münchner Musik- und Kunstszene unsicher macht: Rote Sonne, Muffatwerk, Farbenladen, AWI und Lost Weekend, alles dabei.
April, du machst zwar, was du willst, aber das ist egal, denn du verabschiedest die für mich die 3 schlimmsten Monate des Jahres. Ich bin jetzt bereit für gutes Wetter und noch besser: gut gelaunte Menschen, inklusive mir.
Immer noch total begeistert und elektrisiert wache ich am späten Freitagmorgen auf. Gestern Abend hat die Band „Moderat“, die irgendwo zwischen Pop und Techno auftreten, ihr neues und drittes Album im Zenith vorgestellt. Ich mache mir also einen Kaffee und lege die Vinyl auf, die ich mir gestern noch mitgenommen habe. Die Sonne scheint durch das Fenster. Deswegen schnappe ich mir meine Kamera und mache mich auf den Weg um ein paar Fotos zu schießen. Einen genauen Ort, an den ich möchte, habe ich nicht im Kopf, aber der Weg ist ja bekanntlich das Ziel. Am frühen Abend schaue ich im Carhartt Store vorbei. Dort beginnt heute die Ausstellung “Ausser Mützen und cool sein“. Hier wird von verschiedenen Künstlern bewiesen, dass Skaten schon immer mehr Kunst als Sport war und ist. Später beginnt das egoFM Fest im Muffatwerk. Hier spielen heute ganz viele tolle Bands! Von „ROOSEVELT“, über „Chefket” bis hin zu „The Black Submarines“. Auf die Band „Claire“ und darauf, dass ich nur eine leichte Jacke anziehen muss, freue ich mich aber am meisten.
Am Samstag fällt mir auf, dass das die ultimative Woche der Musik ist. Heute Abend werden im Feierwerk die negativen Aspekte des Lebens und kommerzieller Hip Hop kritisiert. Und zwar von Retrogott und Hulk Hodn. Die Zwei gehen mit ihrem neuen Album „SEZESSION“ auf Tour und besuchen heute das Hansa 39.
Sonntag bleibe ich dem Motto der Woche treu und gehe zur Schallplattenbörse in die Tonhalle. Hunderte Menschen treffen sich hier, um zu kaufen oder zu verkaufen, um zu stöbern oder auch einfach nur, um über Musik zu philosophieren. Ich bin hier auf der Jagd nach Techno und Funk Platten und weiß ganz genau, dass ich heute mehr Geld ausgeben werde, als mir lieb ist. Später gehe ich noch in das Substanz, wo ausnahmsweise bereits am ersten Sonntag des Monats der Original Substanz Poetry Slam im April stattfindet. Ich lasse mich überraschen, was mich heute erwartet.
Es ist Montag und ich schlafe lange. Einen Wecker habe ich mir gestern Abend trotzdem gestellt. Komisch aber, dass es dennoch nervig ist, aufzustehen und den Wecker zu hören, obwohl dieser erst um 14 Uhr anfängt, zu klingeln und ich mehr als 10 Stunden geschlafen habe. Egal. Ich mache mir etwas zu Essen und fange parallel an ein Buch zu lesen. Ich schaue aus dem Fenster. Ich lese weiter.
Dienstag bin ich im im hochfunktionalen Lost Weekend anzutreffen. Hochfunktional da tagsüber Café und Buchhandlung und Abends ein Ort für Konzerte und Veranstaltung. Heute für eine audiovisuelle Lesung und Präsentation von Lydia Dahers neusten literarischen Arbeiten. Die Lyrikerin und Musikerin arbeitet allein oder aber auch gemeinsam mit anderen Künstlern im Bereich der Bildenden Kunst und des Hörspiels. Der Eintritt ist frei!
Welche Wahrheit transportieren Fotos? Das fragte sich der amerikanische Fotograf James Casebere immer wieder. Und ich mich heute am Mittwoch auch. Ich gehe in das Haus der Kunst und schaue mir die über 50 großformatigen Bilder Caseberes an. Unter dem Ausstellungsnamen „Flüchtig“ zeigt der Künstler Fotos, die vor Details strotzen, obwohl oder gerade weil ihre Motive in der Regel nur aus Modellen bestehen. Sie sind beispielsweise aus Styropor oder Gips angefertigt. Am Abend gehe ich zu Tube und Berger in die Rote Sonne. Die zwei DJs und Musikproduzenten stellen ihre neue EP vor und zeigen, wohin ihre musikalische Reise gehen wird.
Der Donnerstag ist toll. Ein Tag voller Vorfreude auf die Rückkehr des größeren Bruders, dem Freitag. Ich beginne den Tag mit einer Runde Joggen. Das klingt so, als wäre es das normalste der Welt. Ist es aber nicht. Ich hatte mir Anfang des Jahres vorgenommen, den Vorsatz, wieder regelmäßig joggen zu gehen, umzusetzen. Habe ich natürlich nicht geschafft. Aber heute bin ich sehr motiviert und fest entschlossen dieses Vorhaben zu realisieren. Danach gibt es einmal wieder Hip Hop auf die Ohren. Spoken Word Artists und Hip-Hop Artists, wie Mc’s, Beatboxer und DJs treffen sich heute im Downtown Flash, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und um Poetry und Hip Hop zu vereinen.
Der Freitag ist da. Ich treffe mich mit Freunden zum Fußball spielen, bevor ich am Abend einen kleinen Marathon hinlege. Mein Lauf beginnt im Farbenladen, wo heute die Vernissage der Ausstellung „BOJEN“ stattfindet. Nachdem die Junge Leute Seite der SZ im März den Farbenladen eingenommen hatte, bin ich gespannt was die internationalen Künstler aller Art auf die Beine gestellt haben! Ich ziehe weiter Richtung Müllerstraße. Im AWI läuft heute Disco und House Musik gemixt von André Dancekowski. Nach ein paar Gin Tonic mache ich mich dann auf den Weg Richtung Ziellinie. Aus Harry Klein wurde Marry Klein. Den ganzen April über stehen weibliche DJanes an den Decks. Ich freue mich heute auf Britta Arnold und besonders auf Alma Gold, die ich beim letzten Sound of Munich now gehört habe.
Beim Filmfestival in Cannes wird in diesem Jahr ein Film vom Münchner Kurzfilmemacher Maxime Weber zu sehen sein. Es geht um mystischen Kult und die immer schlimmer werdende Alpträume eines Journalisten.
Es ist schon etwas Besonderes, beim Filmfestival im französischen Cannes vertreten zu sein. Für den jungen Münchner Kurzfilmemacher Maxime Weber, 22, wird dieser Traum nun Wirklichkeit: Sein Beitrag „Hypnos“ wird im Sommer im short film corner des Festivals zu sehen sein. Ebenso wird Weber die Möglichkeit haben, Privatvorführungen in den Lichtspielhäusern der Stadt zu veranstalten. In „Hypnos“ versucht ein junger Journalist (gespielt vom luxemburgischen Nachwuchstalent Gavin Lesh) mehr über einen mystischen Kult rauszufinden, während er gleichzeitig gegen immer schlimmer werdende Albträume zu kämpfen hat. Die Handlung des Skripts basiert lose auf H. P. Lovecrafts „Cthulhu Mythos“ und Guy de Maupassants „Le Horla“.
Maxime, der auch gelegentlich für die die Junge-Leute-Seite der SZ schreibt, freut sich über die Einladung: „Es ist fantastisch für mich, dass ich ‚Hypnos‘ in Cannes zeigen darf. Und außerdem besteht so die Möglichkeit, mit vielen anderen Filmschaffenden in Kontakt zu treten und an Workshops teilzunehmen.“ Und sobald das Festival vorbei ist, wird es Hypnos im Netz zu sehen geben.
Um guten Sound zu machen, muss man nicht mehr zu großen Major-Produktionen rennen. Mittlerweile geht das auch wunderbar im hauseigenen Laptop-Tonstudio. Manchmal dauert es dann zwar, wie bei der Band Beatnikboy, etwas länger, bis die EP erscheint, aber die angehenden Münchner Elektro-Pop-Platzhirsche sind dennoch siegessicher.
Ein paar Münchner Musiker wollen es gerade wissen. Sie wollen wissen, ob Musik – obwohl sie autonom in Do-it-Yourself-Manier produziert wird – zum Lebensinhalt werden kann, respektive den Lebensunterhalt bezahlen kann. Und ob man als jugendlicher Underground-Musiker mittlerweile im hauseigenen Laptop-Tonstudio derartige Sounds produzieren kann, die vor einigen Jahren noch den großen Major-Produktionen in professionellen Riesenstudios vorbehalten waren. Auch, ob man, ohne dass man von einem Management zusammengecastet wurde, an die Spitze des Mainstream-Pops gelangen kann, auch, wenn es den ja eigentlich (mit Ausnahme von Rihanna und Beyoncé vielleicht) gar nicht mehr richtig gibt. Die Münchner Band Cosby etwa versucht das gerade, oder auch Claire, deren Single zumindest im vergangenen Jahr bei Germany’s Next Topmodel lief und die gerade an ihrem zweiten Album arbeiten. Auch Kytes, die ehemalige Indie-Schülerband, sucht nun den Anschluss an den großen Markt, den etwa die Truderinger Exclusive mit Major-Plattenvertrag schon gefunden haben. Gerade letztere dürften aber mit ihrem eher untergegangen zweiten Album erfahren haben, dass sich die Verheißungen des Mainstreams auf Dauer vielleicht auch nicht erfüllen.
Das Münchner Trio Beatnikboy hingegen befindet sich gerade am Anfang dieses Weges: Nach vier Jahren Bandgeschichte haben sie nun ihre erste EP fertig gestellt. Und für die Veröffentlichung am Mittwoch, 23. März, sprang das Berliner Label Motor Music an. Doch wenn man sich die EP mit dem, nicht wenig wollenden Titel „Empire“ anhört, ist auch klar warum. Beatnikboy versuchen sich damit der Bewegungen an Münchner Underground-Produktionen, die allesamt nach großgedachtem Mainstream klingen, anzuschließen. In den Songs wird so gewalttätig auf die Party-Synthesizer gedrückt, dass man glaubt, die Band wolle sich das Monopol für den Autoscooter-Soundtrack der kommende Jahre sichern. Sänger Moritz Grassinger streut in seinen hymnischen Gesang „E-Ohs“ und „Whoaas“ und bezeichnet sich und seine musikalische Szene im Song „Lions“ selbstbewusst als „Löwen“, denen man jetzt aus dem Weg zu gehen habe – die Münchner Elektro-Pop-Platzhirsche sozusagen, die dem Zeitgeist eine gleichnamige Hymne schreiben und zwischen Heimatseligkeit und Kosmopolitentum München den Glamour großer Disko-Produktionen zurück geben wollen, den die Stadt das letzte Mal in den Achtzigerjahren spüren durfte.
Das Wissen, wie man solche Songs schreibt, haben die drei Musiker. Seit Teenager-Zeiten machen sie Musik – der Stil wechselte von Funk- und Hip-Hop-Combos, von frühen 8-Bit-Synthesizer-Experimenten und bis zuletzt in der Indie-Pop-Band Teilzeitdenker. Seit vier Jahren arbeiten sie nun als Beatnikboy zusammen. Wer dabei an den drogenverhangenen und halluzinogenen Blick der Beatniks der Sechzigerjahre denkt, liegt falsch. Denn Beatnikboy machen Musik, die gerade heraus und ohne psychedelische Verdrehungen funktioniert. Sie sind, wie der Name schon sagt, Söhne dieser frühen Pop-Bewegung. Und die Söhne müssen die Rebellion der älteren Generation nicht mehr austragen. Vielmehr produzieren sie Kunst, die konsensfähiger ist als etwa die so neu politisierte Beyoncé. Doch in einem gewissen Sinne ist das im Mainstream sogar subversiv: Immerhin zeigen sie den großen und mächtig gut bezahlten Produzenten, was die können, können sie zu einem großen Teil in ihren Kellerstudios auch. Das erfindet nun die Musik nicht neu, untergräbt aber die Vermarktungsmechanismen der Entertainment-Industrie.
Stil: Elektro-Pop Besetzung: Moritz Graßinger (Gesang, Synthesizer, Gitarre), Julo Bernhard (Gesang, Synthesizer, Gitarre), Martin Schneider (Schlagzeug, E-Drums, Sampler) Aus: München Seit: 2012 Internet:www.beatnikboy.de
Sandra Schimek heuerte für zehn Wochen auf dem schwimmenden Krankenhaus Africa Mercy an, um medinzische Hilfe in den ärmsten Ländern der Welt zu leisten.
Für Menschen wie Olivienne, 25 Jahre alt, ist die Africa Mercy vielleicht die einzige Chance auf ein neues Leben. Olivienne leidet an einem Gesichtstumor, linksseitig.
400 Ärzte, Krankenschwestern, Reinigungskräfte, Köche, Lehrer und andere Helfer aus mehr als 30 verschiedenen Nationen wohnen und arbeiten auf dem schwimmenden Krankenhaus. Auch die Münchnerin Sandra Schimek war 2015 dabei. Das Schiff, mit dem Mercy Ships seit 1978 medizinische Hilfe in den ärmsten Ländern der Welt leistet, beherbergt sowohl das Personal als auch die OP-Säle und Krankenstationen. Während einer Missionsreise fährt es für eine Dauer von zehn Monaten Häfen im afrikanischen Raum an. Im September 2015 liegt es im Hafen von Tamatave, an der Ostküste Madagaskars, und Sandra Schimek ist zehn Wochen dabei.
Olivienne ist mit ihrem Vater angereist. Für die Kosten der Fahrt bis in den Hafen hat er sein Reisfeld verkaufen müssen. Es ist ihre große Chance auf ein bisschen Normalität in einem Leben, das von Armut, Krankheit und Schikane geprägt ist.
Sandra ist hier nicht hauptberuflich. Eine Mischung aus Fernweh, der Suche nach Neuem und der Pause von Altem hat die Frau mitte Zwanzig hierher verschlagen.
Nach dem Fachabitur beginnt die Münchnerin eine Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin und wird Krankenschwester. Seit 2008 ist sie im Klinikum Großhadern angestellt. Doch das reicht Sandra nicht. Im Winter 2011 schreibt sie sich für das Pflegemanagement-Studium in München ein. Im Frühjahr 2015 folgt die Bachelor-Arbeit. Doch auch das ist ihr nicht genug, oder vielleicht reicht es ihr auch einfach gerade in Deutschland. Sie will mehr tun und anders helfen.
Dass Sandra auf dem Mercy-Schiff arbeiten darf, ist ein Privileg unter jungen Medizinfachkräften. Ihr Wissen im Bereich der Kinderkrankenpflege ist gefragt. Hunderte Bewerbungen erreichen die Organisation Mercy Ships, die sich über Spenden finanziert, jedes Jahr. Trotz der eher streng christlichen Werte und Regeln. Und obwohl die Menschen für ihren Einsatz zahlen müssen, statt entlohnt zu werden. Für Sandra sind das etwa 700 Dollar im Monat für Kost und Logis.
Auf fünf Krankenstationen an Bord des Schiffes werden so viele Patienten wie möglich untergebracht. In fünf OP-Sälen wird beinahe rund um die Uhr operiert. Meist sind es orthopädische Eingriffe, Verbrennungen, gynäkologische Behandlungen und viele gutartige Tumore.
Celestin, acht Monate alt, wird mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte eingeliefert. Beim falschen Füttern mit der Flasche ist Flüssigkeit in seine Lunge gelangt. Seine Lungenentzündung wird behandelt und später die Spaltung operiert. Celestins Eltern ruhen sich unterm Krankenbett aus. Es ist laut und stickig. Aber das ist ihnen egal. Hauptsache, der Kleine wird wieder gesund.
Die wenigen Krankenhäuser in Madagaskar sind verwaist. Für Behandlungen müssen die Menschen selbst zahlen. Und das kann kaum jemand. Mercy Ships ist für viele die einzige Chance, denn die Behandlung ist kostenlos. Doch auch das liegt nicht in ihrer Hand. Wer das Schiff betritt, wurde zuvor bei den Screening Days ausgewählt. Ärzte reisen durch das Land und suchen die Patienten aus. Kriterien sind Krankheit und Heilungschancen. Aber auch, ob die Familien den Weg zum Schiff selbst bewerkstelligen können.
Jeden Tag kommen neue Patienten, der OP-Plan ist streng getaktet. Operiert wird im Schichtwechsel. Am Ende eines Tages siegt das Gefühl, etwas Gutes tun zu können – und die Müdigkeit. Vielleicht sitzt man noch zusammen, ohne Alkohol natürlich. Doch irgendwann kriecht jeder in sein Stockbett und zieht die Vorhänge zu. Einer der wenigen Momente, in denen man auf dem Schiff allein ist. Mit sich und den überwältigenden Eindrücken des Tages. Mit Bildern von unterernährten Kindern, von offenen Verletzungen und Missbildungen, wie sie die meisten Mediziner aus westlichen Ländern nicht kennen.
Manche Bilder gehen Sandra nicht aus dem Kopf. Zum Beispiel das eines Mädchens, das furchtbar weint. Irgendwas in ihrem Rachenraum schien starke Schmerzen zu verursachen. Sandras Kollegin zieht später einen langen Wurm aus der Nase des Kindes. Diese Erlebnisse tauscht sie am Handy mit ihren deutschen Kolleginnen aus. „Die haben es kaum glauben können“, sagt sie. Manche konnten auch nicht verstehen, warum sie dafür noch Geld zahlt. Auch Sandra hatte sich das alles leichter vorgestellt. Medizinische Begriffe fallen ihr zu Beginn nicht auf Englisch ein, die Sprachbarrieren zwischen ihr und den behandelnden Ärzten sowie den Patienten machen ihr anfangs zu schaffen. Sie ist auf ihre Kollegen angewiesen. Doch trotz ständig neuer Besetzung ist das Personal schnell ein eingespieltes Team – hoch motiviert und hilfsbereit, denn wer hier ist, will wirklich hier sein. Und so ist es am Ende der Abschied, der Sandra nicht leicht fällt.
Mit zehn Wochen hat Sandra die Mindestdauer eines Einsatzes bestritten. Viele ihrer Kollegen bleiben länger. Bis Juni 2016 wird die Africa Mercy, die von Spenden abhängig ist, noch im Hafen von Madagaskar liegen. Dann macht sie einen Halt im Trockendock in Südafrika. Der nächste Einsatz beginnt dann wieder Ende August.
Julia Viechtl spielte für die Indie-Band „Fertig, Los!“ Bass und schreibt ihre Masterarbeit über München und seinen Weg zur „Music City“. Nun organisiert sie ein Club-Festival, wie man es aus Hamburg oder Brighton kennt.
Klein, schwarz, ein wenig zerknittert und mit weißen, schnörkellosen Kleinbuchstaben bedruckt – die Masterstudentin Julia Viechtl zieht einen Sticker aus den Tiefen ihrer bunten Tasche. Der hat ein wenig gelitten im Flugzeug aus London, aus dem die junge blonde Frau mit den blauen Augen vor kaum zwei Stunden gestiegen ist.
Auf dem schwarzen Zettel steht in weißer Schrift: „manic street parade“ 08/10/16“. Julia weiß, was das bedeutet. Im Gegensatz zu den Menschen, die diese Aufkleber seit einigen Wochen in München an den unterschiedlichsten Orten von Laternenpfählen bis U-Bahn-Rolltreppen gefunden haben könnten. Bisher ist das die einzige Werbeaktion, die Julia und ihre vier Kollegen Andreas Puscher, Stefan Schröder, Marc Liebscher und Fabian Rauecker – allesamt wichtige Namen in der Münchner Musik-Szene – mit ihrem Verein gestartet haben. Einem Verein zur Förderung der Popkultur in München, den sie eigens für die Organisation des Club-Festivals „manic street parade“ gegründet haben. Club-Festivals gibt es mittlerweile in vielen Städten. Das Reeperbahnfestival in Hamburg ist wahrscheinlich das bekannteste in Deutschland. Julia kommt gerade vom „The Great Escape Festival“ in Brighton. „34 Mal“ unterstreichen will sie, wie unglaublich toll es da war, wie viel Input sie bekommen und wie viele neue Bands sie dort gesehen hat. „Es ist einfach wunderschön, wenn man in einem Moment eine Band aus Mali hören kann und dann geht man einen Club weiter und steht vor einem Singer-Songwriter aus Schweden“, sagt Julia. Sie kramt ein fingerdickes, ebenfalls leicht mitgenommen aussehendes Heft aus ihrer Tasche. Fünf Doppelseiten nimmt der „Stundenplan“ des Londoner Festivals in Anspruch.
Ganz so groß wird die „manic street parade“, die diesen Oktober zum ersten Mal – und danach jährlich – stattfinden soll, noch nicht sein. Aber es sollen auch internationale Künstler auftreten: Gebucht sind mittlerweile die Bands Carnival Youth aus Lettland, Avec aus Österreich und Fai Baba aus der Schweiz. Die Bands werden erstmals am Mittwoch bekannt gegeben. Münchner Acts werden nur angefragt, „wenn sie was Besonderes präsentieren“. Etwa die Rapperin Fiva, die mit der Jazzrausch Bigband auftreten wird. Diese und noch mehr wird man am 8. Oktober im Schlachthofviertel feiern können, im Strom, im Substanz, im Schlachthof, im Pigalle und in der früheren Boazn Zur Gruam.
Der Ansatz sei in München tatsächlich neu, findet auch Amadeus Gregor Böhm, Chef der Plattenfirma Flowerstreet-Records und wahrscheinlich einer der besten Kenner der Münchner Indie-Pop-Nachwuchs-Szene. „Ein Club-Festival mit internationalen Künstlern würde München vielleicht tatsächlich helfen, vom weltgrößten Dorf zu einer richtigen Stadt zu werden“, sagt er. Viele der schon existierenden Festivals, wie das Stadt-Land-Rock oder auch das Flowerstreet-Festival würden doch eher den Münchner „Dunstkreis“ repräsentieren, in dem jeder jeden kennt.
Julia geht es aber um mehr als nur die Organisation eines Festivals. Es geht ihr um Grundsatzfragen. Nach ihrem Bachelor in Musik für Lehramt hat sie ein Masterstudium in Kultur- und Musikmanagement begonnen. Gerade schreibt sie ihre Masterarbeit mit dem Titel: „Der Weg zur Music City. Status Quo und Potenziale der regionalen Pop-Musik-Szene“. Dass es hierbei um München geht, ist klar. Julia liebt München. Das sagt sie mit einem leichten Klopfen auf den Tisch und einem vergnügten Lachen. „Das ist Heimat. Außerdem ist München eine wunderschöne Stadt, in der die Verbindung zur Natur so stark ist wie sonst selten in einer so großen Stadt.“
Auch wegen der Musik liebt Julia die Stadt und sie möchte nicht weggehen, selbst wenn man sich in München als „Kreativer schon sein Schlupfloch suchen muss, um durchzukommen“. Wobei: Sie möchte nicht einmal sagen, dass irgendetwas in München wirklich „fehlt“, aber sie will ihren Beitrag dazu leisten, dass da noch viel mehr entstehen kann, was Musik und Kreativität angeht. Deshalb die Masterarbeit über das Konzept der „Music City“, ein Titel, der von der Unesco vergeben wird. Mannheim und Hannover beispielsweise haben ihn schon. München noch nicht. Julia ist in Kontakt mit einigen der Verantwortlichen beim Kulturreferat der Stadt. „Man ist schon sehr interessiert an Kulturförderung und ich denke, die werden die Arbeit dann auch lesen“, sagt sie. Aber so gut wie beispielsweise in Amsterdam ist man hier eindeutig noch nicht. Wieder lacht Julia. „In Amsterdam gibt es einen Nacht-Bürgermeister, der ausschließlich die Aufgabe hat, sich Gedanken darüber zu machen, wie man das Nachtleben in Amsterdam besser machen könnte.“ Nicht offiziell sei dieses Amt, versteht sich, aber doch anerkannt. Diesen Nachtbürgermeister von Amsterdam hat Julia auf der Music-Cities-Convention, die ebenfalls in der vergangenen Woche in England stattgefunden hat, sprechen hören. Noch mehr Input, wie Münchens Pop-Szene lebendiger und attraktiver gestaltet werden könnte.
Es scheint keinen Aspekt in Julias Leben zu geben, der nicht erfüllt ist von Musik. „Ich habe damit angefangen, bevor ich darüber nachgedacht habe“, sagt Julia auf die Frage, ob sie schon immer gewusst hätte, dass das irgendwann einmal so sein würde. Natürlich, sie kann die Geschichten von der Schulband erzählen, mit 13 oder 14 Jahren, als der Bassist sie drei Tage vor der ersten Aufführung sitzen ließ, weil ihm die vier Sängerinnen zu schlecht waren. Deswegen hat Julia innerhalb von zwei Tagen angefangen, Bass zu spielen – und das hat ihr gefallen. Aber sogar wenn sie von dem Erfolg spricht, den sie mit ihrer Band Fertig, Los! bis zu deren Auflösung vor drei Jahren hatte, und von der großen Tournee mit Sportfreunde Stiller, bleibt sie dabei so ungezwungen und ohne Pathos, ohne Kitsch, ohne verträumte Augen, dass sie genauso gut erzählen könnte, sie würde ihren Abwasch immer gleich nach dem Essen machen, weil es dann eben gemacht ist.
Ein ganz wichtiger Aspekt bei kreativer Arbeit ist in Julias Augen das Einfach-mal-machen, ohne viel darüber nachzudenken und ohne gleich ein mögliches Scheitern mit einzukalkulieren.
Und so ist wohl auch die Idee des Festivals entstanden. „Eigentlich reden wir da schon seit einem Jahr drüber“, sagt Julia, „und dann haben wir es irgendwann einfach gemacht.“ Bis jetzt scheint das wunderbar zu funktionieren und wenn sich die „manic street parade“ als eine jährliche Institution in der Münchner Pop-Szene etablieren kann, dann ist München vielleicht tatsächlich einen Schritt näher dran, eine Music City zu sein.