„Dieser Austausch tut gut“
„Nowhere to hide“, haben Lena Völk und Benjamin Brown ihren Diskussionsraum genannt. Weil sich niemand vor bissigen Fragen verstecken kann. Bejamin ist nicht auf dem Foto. Er studiert aktuell in Oxford. Foto: Yoav Kedem

„Dieser Austausch tut gut“

Lena Völk und Benjamin Brown organisieren einen Polit-Talk auf Clubhouse – weil das Format neu ist, können sie Kevin Kühnert und Katja Kipping interviewen

Kaum ist das virtuelle Podium für die Diskussion geöffnet, prasseln schon die ersten Fragen auf den SPD-Politiker Kevin Kühnert ein. Fragen über die Zukunft der Partei, den Klimawandel und die Haltung des Politikers zum Islam. Gestellt werden sie von den Hörerinnen und Hörern, die sich an diesem Abend in den virtuellen Diskussionsraum „Nowhere to hide“ von Lena Völk, 21, und Benjamin Brown, 23, auf Clubhouse eingewählt haben. Hier organisiert und moderiert das junge Paar virtuelle Podiumsdiskussionen mit namhaften Politikern wie Katja Kipping, Ria Schröder und Katarina Barley. Wie schaffen es die zwei jungen Menschen Anfang 20 regelmäßig, etablierte Politiker für einen solchen öffentlichen Austausch zu gewinnen?

Lena, lange blonde Haare, karierte Hose, schwarzer Pullover, ist der ruhigere Teil des Paares. Während Benjamin immer wieder aufsteht, auf und abgeht, oder sich in die Hocke begibt, wenn er erzählt, sitzt Lena während des Interviews an der Münchner Freiheit. Man merkt ihnen an, dass sie privat ein eingespieltes Team sind. Sprechen sie von ihrem Projekt, ergänzen sie ihre Wortbeiträge untereinander, beenden sogar manchmal die Sätze des anderen. Auch, wenn man sie nach ihrer Motivation fragt: „Ich glaube, dass es eine Entfremdung zwischen Leuten, die Politik machen, und Leuten, die wählen gehen, gibt. Und ich glaube, dass man dieser Entfremdung entgegentreten kann, wenn es einen direkten Austausch gibt“, sagt Benjamin. „Und weil wir so vielleicht auch Leute für Politik begeistern können, die sonst mit Politik nichts am Hut haben“, ergänzt Lena.

Zwar gibt es schon heute die Möglichkeit, persönlich mit Politikern ins Gespräch zu kommen. Aber viele Angebote sind noch nicht wirklich im 21. Jahrhundert angekommen und häufig zu weit entfernt von der Lebensrealität vieler junger Menschen. „Ich meine, wie viele Leute gehen schon zu einer Bürgerversammlung und stellen da eine Frage“, sagt zumindest Benjamin. Und das, obwohl Politik von der Beteiligung der Bürger lebt. Oder wie Benjamin es ausdrückt: „Dieser Austausch tut gut.“

Der Erfolg ihrer Diskussion liegt aber auch an der Plattform, auf der sie ihr Projekt betreiben, sagen sie zumindest. Clubhouse ist eine erst 2020 ins Leben gerufene Audio-Plattform, auf der Menschen in digitalen Räumen live miteinander diskutieren können. Gerade, dass die Plattform in Deutschland noch so neu war, ist laut Benjamin und Lena einer der Gründe für ihren Erfolg. „Am Anfang gab es eine echte Goldgräberstimmung auf Clubhouse. Als die Räume klein waren, von Prominenz gespickt und plötzlich ein Dialog mit Leuten möglich war, an die man sonst nicht rankommen würde“, sagt Benjamin. Schnell wollten auch deutsche Politiker auf den Trend aufspringen. Es entstand ein regelrechter Wettlauf. Etwa 300 000 Menschen nutzen die App inzwischen alleine in Deutschland. Aber trotz des massiven Zulaufs fehlte es lange an politischen Angeboten. Ein solches haben Lena und Benjamin nun mit Nowhere to hide geschaffen. „Wir haben das Rad nicht neu erfunden, aber ist ja nicht so, dass es neben uns noch eine Milliarde Formate gibt, wo du gerade mit großen Namen in Kontakt treten kannst“, sagt Benjamin.

Aufgeteilt ist das einstündige Format in zwei Blöcke. Zunächst müssen die geladenen Politiker sich fünfzehn Minuten lang den Fragen von Benjamin und Lena stellen. Hier besprechen sie Themen, die sie persönlich bewegen oder solche, die selten in Interviews gestellt werden. „Wir haben schon den Anspruch, Fragen zu stellen, die uns auch einfach interessieren, die auch einfach anders sind“, sagt Benjamin. Dann sprechen die beiden mit den Gästen oft auch über schwierige Themen, wie den Nahostkonflikt oder führen Expertengespräche über den Schulterschluss zwischen Fatah-Jugend und Jusos. „Wir haben schon versucht, bissig zu sein“, sagt Benjamin. Deswegen heißt ihr Format auch nowhere to hide – verstecken kann sich hier niemand.

Im Anschluss an ihre Interviewfragen wird für fünfundvierzig Minuten das virtuelle Podium für alle Besucher des Raums geöffnet. Gerade dieser persönliche Austausch prägt das Projekt. Das sehen auch Benjamin und Lena so: „Ich denke, es ist einfach etwas anderes, wenn ein Politiker oder eine Politikerin bei Lanz oder bei Will seine Weltsicht erklärt, sondern du wirklich deine eigenen Fragen stellen kannst“, sagt Benjamin.

Wer mitdiskutieren darf, entscheiden sie spontan. Zugelassen ist aber zunächst jeder, der seine virtuelle Hand hebt und sich auch traut, seine Frage zu stellen.

Im Gegensatz zu anderen Formaten auf Clubhouse wollen sie aber, dass sich nicht nur Menschen äußern dürfen, die sie kennen. Wen die beiden aufrufen und was diese Person fragen wird, wissen sie daher vorher nicht. Das bringt natürlich mitunter auch Überraschungen mit sich. „Manchmal sind im Gespräch Fragen hochgekommen, die eher in Richtung eines persönlichen Angriffes gegen den Politiker gingen, also keinen wirklich konstruktiven Beitrag zum Gespräch geliefert haben, aber das gehört halt dazu“, sagt Lena. Manche wollen auch gar keine Frage stellen, sondern nutzen den Moment, sich gut darzustellen.

Alle Besucher dürfen Fragen stellen. Wer Monologe hält, wird stummgeschaltet

In solchen Momenten müssen sie dann schnell reagieren und im Zweifelsfall auch mal Teilnehmer stummschalten. „Klar, manchmal ist es dann schwierig, wenn dann jemand mit so einer Nicht-Frage ankommt. Da muss man dann versuchen, die Kurve zu kratzen, damit das kein fünf Minuten langer Monolog wird“, sagt Lena und lacht anschließend. Schließlich sollen möglichst viele Hörerinnen und Hörer zu Wort kommen dürfen. Plumpe Beleidigung und rassistische Äußerungen hingegen sind den beiden bisher erspart geblieben.

Bedenken, dass sie zu jung sind, um ein solches Format zu moderieren, haben sie nicht. Geäußert hat die bisher auch niemand. Im Gegenteil: „Die meisten Leute hatten krass Bock drauf“, sagt Benjamin. Obwohl sie mit ihrem Format so viel Erfolg haben, suchen die beiden derzeit nach einem neuen Zuhause für ihr Projekt. „Weil Clubhouse inzwischen einfach ein bisschen tot ist“, sagt Lena. Die Zukunft ihres Formates sehen sie aber trotzdem gelassen: „Wir haben uns von Anfang an gesagt, dass wir das als Experiment betrachten“, sagt Benjamin.

Lena und Benjamin leben mittlerweile fast 1000 Kilometer voneinander entfernt. Denn während Lena noch in München Fotojournalismus, Politikwissenschaften und Geschichte studiert, ist Benjamin für seinen Master in Nahoststudien an der Universität Oxford bereits nach England gezogen. Wenn sie moderieren, sitzen sie also nie im gleichen Raum. Sehen können sie sich nur über Zoom.

 

Von Laurens Greschat