Brutal und ungeschönt

„Der Rauch hinter den Hügeln“ – Jonas Niesmann, 23, hat einen Dokumentarfilm über geflüchtete  gedreht. Die Szenen sind mit wenig Equipment gedreht und lassen viel Raum für die Bilder und Erzählungen der Rohingya. Ihre Wucht steht für sich allein, kommentiert wird wenig.

Von Lea Weinmann

Jonas Niesmann, 23, grübelt nicht immer viel über Dinge. Er macht sie einfach. Würde er mehr über den Aufwand nachdenken, wäre er vielleicht nicht sieben Stunden hin und sieben Stunden zurück mit der Bahn gefahren, um ein Interview zu führen. Würde er mehr abwägen, hätte er vielleicht nicht begonnen, erneuerbare Energien zu studieren, nur, um „was Sinnvolles zu machen“ – er hat es wieder abgebrochen. Und würde er mehr zögern, wäre er wohl nie ohne genauen Plan nach Bangladesch gefahren, um einen Dokumentarfilm über geflüchtete Rohingya zu drehen.

Er hat aber nicht gezögert. Er ist gefahren. Er hat gefilmt, ohne damals zu wissen, wie man einen Dokumentarfilm dreht. Er hat Menschen interviewt, ohne ihre Sprache zu sprechen. „Wie vom Sprungbrett springen, ohne runterzuschauen“, so beschreibt der gebürtige Münchner seinen Entschluss heute. Das Ergebnis: 30 Minuten Film, roh, brutal und ungeschönt, Bilder, die den Zuschauer mit einem dicken Kloß im Hals zurücklassen.

Knapp eine Million Rohingya sind seit Ende August 2017 von Myanmar nach Bangladesch geflohen, genauer in den Distrikt Cox’s Bazar an der südöstlichen Grenze beider Länder. Dort leben sie seitdem in provisorischen Camps. Die muslimische Minderheit wird im überwiegend buddhistischen Myanmar schon seit Jahrzehnten unterdrückt. Am 25. August 2017 attackierten rebellische Rohingya Grenzposten des myanmarischen Militärs. Das Militär übte Vergeltung: In den Wochen darauf startete es eine Offensive gegen die Rohingya, bei der viele von ihnen ermordet wurden. Wer überlebte, flüchtete ins Nachbarland.

Foto: Jonas Niesmann

Als die Gewalt in Myanmar eskalierte, verbrachte Jonas gerade sein Auslandssemester in Thailand – weil er die dortige „Kultur des Lächelns“ mag. Er ist in München-Laim aufgewachsen. Nachdem aus den erneuerbaren Energien nichts geworden ist, hat er sich an der Technischen Hochschule in Lübeck eingeschrieben und studiert dort Informationstechnologie und Design. Jonas – grau melierte Baskenmütze, zotteliger Bart mit Rotstich, den Stoffbeutel vom Fußballverein FC St. Pauli über der Schulter – erzählt schnell: das Studium, das Abitur, alles nicht so besonders wichtig. Wichtiger ist ihm das Reisen und der Film, sein erster Dokumentarfilm. Man muss nicht groß danach fragen, die Geschichte sprudelt aus ihm heraus, ein bisschen zu laut, ein bisschen durcheinander und vor allem mit viel Leidenschaft in der Stimme.

In einem Bus in Bangkok las Jonas im August 2017 die Nachrichten über die militärischen Angriffe in Myanmar. Ihm wurde bewusst, „dass das nur eine Flugstunde von mir entfernt passiert“. Ohne groß darüber nachzudenken, wandte er sich zu seiner Freundin Theresa auf dem Nebensitz: „Ich will da was tun.“ Wahrscheinlich wäre es dabei geblieben, sagt er, aber Theresa sei eine noch größere Macherin als er. Sie sagte „okay“. Gemeinsam stiegen sie aus und fuhren auf direktem Weg zurück zur Universität. Sie sprachen mit der Koordinatorin der ausländischen Studenten und sammelten Spenden, 300 Euro kamen zusammen.

Foto: Jonas Niesmann
Foto: Jonas Niesmann
Foto: Jonas Niesmann

Im mehrheitlich buddhistischen Thailand haben die Rohingya nicht viele Freunde. Einige thailändische Studenten riefen auf Facebook sogar zum Boykott der Spendenaktion auf. Jonas war geschockt und wütend. Doch, gibt er zu, „ich hatte ja wirklich wenig Ahnung“, also wollte er selbst hin, mit den Leuten reden und die Spenden überreichen. Nach und nach wuchs die Idee, den Trip mit der Kamera zu begleiten – „um ihnen das Material auf den Tisch zu knallen“, sagt er und man merkt, wie die Wut auf die thailändischen Studenten noch leise in ihm schwelt.

Weiter hatten er und seine Freundin zu dem Zeitpunkt noch nicht gedacht. Ihre grobe Vorstellung, allein als große Retter mit Wagen voller Spenden in die Camps zu fahren, hatte mit der Realität wenig zu tun: „Wir konnten nicht einfach hin und Schokolade vom Laster werfen.“ Sie brauchten Hilfe und Sponsoren. Über Bekannte lernten die beiden Saif Mithu kennen, den Leiter der Hilfsorganisation „Project Kombol“, die in den Lagern Unterstützung leistet. Nur mit seiner Hilfe und mittels seiner Kontakte zum Militär durften die deutschen Studenten überhaupt nach Bangladesch einreisen und filmen. Die Spenden überwiesen sie schon zuvor an die Organisation. Am Ende war der einzige Grund, selbst in die Camps zu fahren, der geplante Dokumentarfilm.

Ende Oktober flogen sie los, erst nach Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Von dort aus ging es weiter nach Süden in den Disktrikt Cox’s Bazar. Hunderttausende Rohingya sind hierher geflüchtet; allein im Camp Kutupalong – ehemals ein Waldgebiet – haben mittlerweile mehr als 620 000 Menschen ihre Zelte in die Lehmhügel gegraben. Zeltplanen so weit das Auge reicht – es ist das derzeit größte Flüchtlingslager der Welt. Wenn es trocken war, klebte dort der rote Staub auf der Haut und brannte in der Nase. Wenn es regnete, verwandelten sich die Lehmhügel in eine glitschige Schlammlandschaft. In der Luft hing der Geruch nach Fäkalien, erzählt Jonas, ordentliche sanitäre Anlagen gab es nicht. Aber Kinderlachen hörte man überall, sonst war es sehr still im Lager.

Die Hilfsorganisation habe vorher gefragt, wen die Studenten interviewen möchten. Widerwillig mussten sie die Menschen klassifizieren. Er zählt auf: eine Vergewaltigte, jemand, der seine Eltern verloren hat, jemand, der schwer verletzt wurde. „Es war eine Objektifizierung von Leid. Ich habe mich schrecklich dabei gefühlt.“ Aber anders hätten sie es in dieser Zeit nicht geschafft, sagt der 23-Jährige.

Sechs Tage erzählten ihnen die Menschen von Vergewaltigungen, Exekutionen, Kindern, die ins Feuer geworfen wurden. Vieles, was der Dolmetscher übersetzte, kam bei Jonas erst gar nicht richtig an. „Ich dachte oft, er hat da was falsch verstanden, das kann die Frau nicht wirklich erlebt haben.“ Er und Theresa verarbeiteten das Gehörte erst im Monat danach, als sie tage- und nächtelang wieder und wieder das Filmmaterial sichteten. Erst da haben sie sich mit den Interviewten identifizieren können, sagt Jonas, und zum ersten Mal stockt er beim Erzählen. Er blickt kurz ins Leere. „Es hat uns heftig erwischt. Wir haben in dieser Zeit viel gestritten, geredet und viel Wein getrunken.“
Oft wollten sie aufgeben, das Material nicht noch einmal durchsehen. Aber „wir waren es ihnen schuldig“, den Flüchtlingen, den Unterstützern. Am Ende steht ein Dokumentarfilm, der gar nicht erst versucht, besonders professionell zu sein – „das hätten wir sowieso nicht geschafft“, sagt Jonas. Die Szenen sind mit wenig Equipment gedreht und lassen viel Raum für die Bilder und Erzählungen der Rohingya. Ihre Wucht steht für sich allein, kommentiert wird wenig. „Der Rauch hinter den Hügeln“ haben die Studenten ihren Film genannt, das bedeute „Rohingya“ ins Deutsche übersetzt, erklärt er.

Seitdem Jonas in Bangladesch war, ist fast ein Jahr vergangen. Verändert hat sich seitdem kaum etwas, immer noch leben die Rohingya in den Camps. Im August haben die Vereinten Nationen dem Militär in Myanmar nun offiziell Völkermord vorgeworfen. Bis heute ist die Minderheit als Volksgruppe nicht anerkannt. Jonas zuckt hilflos mit den Schultern. Er habe in Bangladesch mit einem Vertreter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR gesprochen. Auch der war ratlos. „Niemand auf der Welt weiß, was mit den Leuten passieren soll.“ Bisher haben den Film nur Freunde und Bekannte gesehen, nach der Vorführung herrschte erst einmal lange Zeit betroffenes Schweigen. Die Studenten möchten ihr Projekt nun noch mehr in der Öffentlichkeit zeigen, am liebsten in kulturellen Zentren, verbunden mit einem Vortrag.

Der Film ist nicht perfekt, weder technisch noch inhaltlich, aber Jonas will sich „das jetzt alles in der Theorie aneignen“. Das Genre gefällt ihm. Erst die Praxis, dann die Theorie – rücklings zu lernen scheint zu dem 23-Jährigen zu passen.