Band der Woche: Urbaner Verschleiss

Von Marietta Jestl

Kaum ein Musikgenre bediente in der Vergangenheit so konsequent seine Klischees wie der deutsche Punkrock. Politische Themen und eine Abneigungshaltung gegenüber dem deutschen Staat prägten lange diese Szene. Auch Alkohol und Sauf-Lieder schienen eine ziemlich entscheidende Rolle zu spielen, was den Bands trotz ihrer politischen Aktivität oftmals auch ein wenig die Ernsthaftigkeit nahm. Außerdem entstand ein Sub-Genre namens Fun-Punk – auch hiermit gewann der Punkrock nicht gerade an Seriosität.

Doch in den vergangenen Jahren hat sich diese Szene in Deutschland weiterentwickelt. So folgten auf Bands wie Turbostaat, die zu Beginn des neuen Jahrtausends anfingen, musikalische Elemente des Punks mit tiefgründigen, düsteren Texten zu versehen, eine Reihe an deutschen Post-Punk- und Post-Hardcore-Gruppen, die plötzlich das Emotionale und die Melancholie in den Vordergrund stellten. Auch
Urbaner Verschleiss (Foto: privat) aus München bedienen diese melancholische Richtung des Post-Punks. Oskure Lyrics prägen die Songs, fast schon poetisch werden Nostalgie-geladene Themen behandelt, über Selbstzweifel bis hin zu Freundschaft und Zusammenhalt.

Sicher gibt es auch noch Punkbands, die den Fokus in ihren Texten hauptsächlich auf politische Aktivität legen, nichtsdestotrotz sind die Träumer und Poeten in der Szene ebenso vertreten. Und sie treffen einen Nerv. Denn was thematisch in einen Popsong gesteckt wie ein farbloses Abziehbild wirkt oder fast schon an der Grenze zum Schnulzigen stehen könnte, wird von Bands wie Urbaner Verschleiss durch die Verbindung mit dem dreckigen Sound des Punkrocks radikal auf den Boden zurückgebracht. Ein unverzerrtes Bild des Lebens und der Gefühlswelt wird dem Zuhörer schnörkellos vor die Füße gerotzt.

„Geschichten der Nacht“, der erste Song der neuen EP von Urbaner Verschleiss, ist beispielsweise eine Hymne an die alternativen Kneipen der Stadt, die das Thema der Gentrifizierung von einer nicht-politischen Seite zeigen soll: „Es geht nicht nur um den Fakt, dass Subkultur schicken Geschäften weichen muss, sondern um all die Erinnerungen, die an diesen Orten hängen. Mit dem Verlust dieser Locations bricht bei vielen Menschen ein Stück Lebensgefühl weg“, sagt Sänger Max Ludi. Gemeinsam mit Ferdinand Lindmayer gründete er 2014 die Band in einem Club, der heute nicht mehr existiert. „Aber diese Erinnerungen sind etwas Wertvolles und begleiten uns beim Aufbruch in ein neues Kapitel, mit neuen Orten, an denen Freundschaften Geschichte schreiben.“

Die Musiker verbinden teilweise selbst schon jahrelange Freundschaften. Nach der Gründung erschien bald die Debüt-EP „Ballast“, doch durch mehrfache Wechsel und Änderungen in der Besetzung entwickelte sich die Band stetig weiter. Unter anderem stieß 2017 auch Michi Lettner, der bereits deutschlandweit als Lead-Sänger und Bassist der Münchner Punkrocker Marathonmann bekannt geworden ist, als festes Bandmitglied hinzu. „Der Plan, den Sound von Urbaner Verschleiss mit einer weiteren Gitarre zu bereichern, bestand schon länger. Und ich hatte mal wieder Lust auf Songwriting für die Gitarre“, sagt Michi. Im März 2018 erschien die zweite EP „Komplizen“ mit vier merkbar professioneller produzierten Songs. Mal abwechselnde, mal zweistimmige kraftvolle Gesangsparts, die dann in einem Ohrwurm-tauglichen Chorus gipfeln, hämmern sich einprägsam in den Kopf. Derzeit arbeitet die Band an ihrem ersten Studioalbum, Songwriting steht momentan im Vordergrund. Dennoch folgen in diesem Jahr noch einige Auftritte, etwa als Support bei der Tour von KMPFSPRT in Nürnberg, Wien und Stuttgart und für Illegale Farben am 3. November in der Milla.

Urbaner Verschleiss

Stil: Post-Punk / Deutsch-Punk
Besetzung: Max Ludi (Vocals), Ferdinand Lindmayer (Bass), Michael Lettner (Gitarre), Maximilian Weinberg (Schlagzeug), Jonny Goers (Gitarre)
Aus: München
Seit: 2014
Internet: http://urbanerverschleiss.de/