Fragen über Fragen: Lorraine Hellwig

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Wir sollten jung und frei sein, aber wenn wir ehrlich sind, sind wir das überhaupt nicht., findet Fotografin Lorraine Hellwig, die bei unserer  Ausstellung “10 im Quadrat – Reloaded” zehn KünstlerInnen porträtiert hat. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt.

Worum geht es bei
deinem Konzept? / Wie bist du darauf gekommen?

Bei mir gehts um Porträts der Künstler im Bezug auf die Generation Y.
Ich befrage die Models zu allem möglichen und schreibe am Ende ein Statement
auf ihr Bild. Die Bilder laufen dann hintereinander wie in einer Art
Insta-Story.

Einflüsse gab es viele: Zum einen ist mir aufgefallen, dass die Fotografie nur
Aufmerksamkeit bekommt, wenn sie provoziert – mit Sex, Nacktheit, Krieg oder
Emotionen. Oder wenn etwas „schön“ ist. Mich interessieren aber Bilder mit
Herz, die eine Geschichte haben.

Zum anderen hat mich ein Dozent letztes Jahr gefragt, woran es liegt, dass der
Großteil unserer Generation absolut nicht politisch ist. Ich glaube, das liegt
vor allem daran, dass wir denken, wir müssen erst „unsere eigenen Probleme“
lösen, bevor wir uns um den Rest der Welt kümmern können. Beziehungsweise dass
wir ja nichts zu sagen haben, weil wir keine erfolgreichen „Influencer“ sind.
Das ist aber nicht ganz wahr. Jeder von uns hat Einfluss.

Wenn man in Städten lebt, wird enormer Druck auf einen ausgeübt – man sollte
berühmt sein, schön, viel gereist sein, erfolgreich mit einem coolen Job,
politisch korrekt, eine Spaßkanone, schlau, digital fit, sportlich und gesund,
unabhängig, sein eigenes Ding machen, tolle Klamotten haben, jederzeit
erreichbar, einen coolen Insta-Feed, interessante Freunde, seinen eigenen Stil
haben und coole Hobbies etc.

Wir sollten jung und frei sein, aber wenn wir ehrlich sind, sind wir das
überhaupt nicht.

Denn viel von diesem Druck, „wer wir sein sollen“, muss man da ausblenden,
anders geht das nicht. Wie unsere 10 das machen, hat mich interessiert und dann
habe ich die Porträts mit solchen „Slogans ihrer selbst“ beschriftet.

Wie war es, so viele unterschiedliche
Leute für eine Bild-Serie zu fotografieren?

Ich glaube die Unterschiedlichkeit hat es so cool gemacht. Jeder hat auf meine Fragen
nach Religion – Politik – persönlichen Einstellungen komplett unterschiedlich
geantwortet. Jeder ist ja auch an einem unterschiedlichen Punkt in seinem Leben
und versucht, irgendwie seinen Weg zu gehen (was manchmal gar nicht so einfach
ist) oder zu verstehen, warum so und nicht anders.

Welche Begegnung hat dich am meisten
beschäftigt?

Ich konnte defintiv von jedem etwas für mich mitnehmen! Aber Anouk hat mich
schon sehr beeindruckt – sie ist 20 und studiert Schauspiel, aber ist auch
total politisch und hat da voll die Meinung. In dem Alter hat mich Politik
komplett frustriert, es war für mich ein Problempool ohne Lösungen, weswegen
ich mich mehr auf mein Studium und die Arbeit konzentriert habe und mich nicht
engagiert habe.
Erst mit der steigenden Anspannung in Deutschland kommt das bei mir jetzt
wieder durch.

War es schwieriger, z.B. einen
Schauspieler/Musiker zu fotografieren (also selbst “Künstler”), als
professionelle Models und wenn ja, inwiefern?

Ich finde Leute, die keine Modelerfahrung haben, ehrlich gesagt interessanter
vor der Kamera, weil die dann nicht in diesen „Posing-Modus“ kommen. Mich
interessiert ein echter Charakter vor der Kamera und keine Maske.

Bist du auch mal an deine Grenzen
gestoßen? / Musstest du deine Vorstellung/ dein Konzept über den Haufen werfen,
weil es schlichtweg nicht ausführbar war?

Nein, ich passe das Konzept ja individuell an und bei so inspirierenden Persönlichkeiten
war das kein Problem.

Nimmst du die Szene dieser Stadt nach
dem Projekt anders war? Braucht es mehr Vernetzung?

Ich hab das Gefühl, die Musiker sind super vernetzt und ich weiß ja von
Fotografen, dass man sich kennt und hilft, aber interdisziplinär fände ich mehr
Austausch schon cool.
Von Künstlern aus anderen Kunstzweigen kann man einfach mindestens genauso viel
lernen wie von visuellen.

Foto: Selbstportät/Lorraine Hellwig

Zeichen der Freundschaft – Felix

Zwei junge Schüler, die unterschiedlicher nicht sein können, werden zur Strafe nebeneinander gesetzt. Aus der Strafe wurde Freundschaft. Eine weitere Kolumne aus unserer Reihe “Zeichen der Freundschaft”.

Okay. Ich habe gequatscht. Ohne Pause. Okay. Die
Kicheranfälle sind nicht einfach zu ertragen gewesen. Aber musste mich mein
damaliger Französischlehrer deswegen umsetzen? Ausgerechnet neben stillsten Jungen
meiner Klasse. Er: Nachzügler. Morgens immer zu spät. Ein Jahr älter als wir
alle und viel zu leise, um mich erkennen zu lassen, was in seinem Kopf hinter
den blonden Wuschelhaaren so los war. Ich: Das Gegenteil.

Mit dem hatte eh niemand etwas zu tun und die geschwätzige
Schülerin aus der zweiten Reihe und er waren viel zu unterschiedlich, um
Gesprächsthemen zu finden. Jetzt würde auch ich wohl endlich Ruhe geben.

Nach nur wenigen Tagen begann unser Französischlehrer zu
bereuen, denn der stille Blonde und die laute Kleine hatten sich angefreundet
und machten ihm das Leben nun zur Hölle.

Heute sitzen wir noch immer an derselben Bank. Im
Oberstufenkurs. Einige Monate vor den Abiturprüfungen. Was damals in der
siebten Klasse als Unterrichtsstörung begann, hat sich heute zu einer
Freundschaft entwickelt, die ich nie missen möchte.

Noch immer sind wir viel zu unterschiedlich und noch immer
schaffen wir es Gesprächsstoff für volle 90 Minuten einer Mathe-Doppelstunde zu
finden und wenn diese nicht ausreichen, sitzen wir nach Schulschluss oft bis
spät in die Nacht auf seinem Balkon und reden.

Ich erzähle ihm von meinen Beziehungseskapaden und er mir von
den durchgefeierten Nächten auf verschiedenen Goapartys.

Er versucht mich ernst zu nehmen, wenn ich schimpfend
berichte, dass meinem Freund mal wieder nicht aufgefallen ist, dass ich etwas
an meinen Haaren verändert habe. Ich erinnere ihn täglich an seine
Abgabetermine, weil in dem blonden Wuschelkopf ein viel zu großes Durcheinander
herrscht, um an Hausarbeiten und Klausurtermine zu denken.

Wir reden über Nagellackfarben und Tabakkosten. Über Sex und
über Liebeskummer. Über Politik und darüber, wie wir werden wollen, wenn wir
groß sind. Wir reden ständig und es fällt uns immer schwer,  einen Punkt zu setzen.

Doch auch wenn wir in zwei verschiedenen Welten leben und
unterschiedlicher nicht sein können, so finden wir uns trotzdem in warmen
Sommernächten auf seinem Balkon wieder. Wir trinken Kaffee, rauchen eine Kippe
nach der anderen und verstehen uns, verstehen einander.

Wäre ich nicht so geschwätzig gewesen und er nicht so ruhig,
wären wir nicht so unterschiedlich gewesen und wären wir es bis heute noch
immer nicht, dann wäre diese Freundschaft nie zu dem geworden, was sie heute
ist. Und ich hoffe auch Jahre später noch auf dem kleinen Balkon zu sitzen und
dann über Masterarbeit und WG-Probleme zu quatschen mit Kaffee in der Hand und
dem Grinsen einer Siebtklässlerin im Gesicht.

 Von: Anastasia Trenkler

Ein letztes Mal Sex. Und Sonntagsbraten

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Beste Freundin. Mitbewohner. Auf jeden Fall Komplize. So fühlten wir uns seit fünf Jahren. 256 Kolumnen haben Lisi Wasmer und Susanne Krause seit Juni 2010 auf der Junge-Leute-Seite geschrieben. Über junge Menschen bei der Paarungssuche. Und über das Zuhause, was immer das auch sein mag. Nun ist es vorbei. Mit Sex. Und mit Sonntagsbraten.  

Heimat.
Sex. Im Wechsel. Kürzer lassen sich die beiden Kolumnen der Jungen Leute Seite,
„Beziehungsweise“ und „Bei Krause zu Hause“, wohl nicht beschreiben. Nun erschien der letzte Text: Nach fünf Jahren voller komischer, absurder und
nachdenklicher Geschichten aus dem Leben und Liebesleben ihrer Freunde und
Bekannten, legen Lisi Wasmer und Susanne Krause den Stift nieder. Ein Abschied.

Kolumnen
binden Leser. Sie sind Aushängeschilder. Konstanten, auf die man sich verlassen
kann. Ein Grund, die Seite aufzuschlagen, auch wenn einen die restliche
Themenauswahl nicht sofort anspricht. Das Spannende: Selbst wenn das Erzählte
oft absurd klingt, im Kern sind die Kolumnen wahr. So oder so ähnlich hat es sich
tatsächlich zugetragen. Marcels Name zum Beispiel, den mag Susanne in ihrem
„Bei Krause zu Hause“ Text verändert haben, sein Balkon allerdings war
tatsächlich eines Tages die Hauswand hinabgestürzt.

Angefangen
hat die Kolumnen Reihe im Juni 2010 – mit einem „Beziehungsweise“-Text von Lisi
und einem Tampon, das auf der Wasseroberfläche eines Toilettenbeckens trieb.
Als ekelhaft kann man das bezeichnen. Oder als Stilmittel. Lisi bedient sich
gerne der Effekthascherei, wählt Ausdrücke und Worte meist so geschickt, dass
sie sich gerade noch in der Zeitung drucken lassen. Und es funktioniert: Was im
ersten Moment obszön oder abstoßend klingt, macht letztendlich doch neugierig –
Sex sells eben. Ganz nebenbei erzählt die Autorin von kleinen und großen
Wahrheiten über Männer, über Frauen, über das Lieben und Geliebt-werden. Spätestens
am Ende, wenn aus dem Tampon zum Beispiel ein Sinnbild für das Verlangen nach
einer festen und ehrlichen Beziehung geworden ist, ganz ohne Make-up und ohne
sich zu verstellen, nach der letzten Zeile also, weicht Abscheu dem Gefühl
von guter Unterhaltung. Lisis Texte sind zum herzhaft Lachen.

„Bei
Krause zu Hause“ im Gegensatz ist anders: Kein Sex, zumindest eher selten und
weniger explizit. Und anstelle eines prustenden Auflachens bleibt am Ende
dieses Lächeln, das sich einstellt, wenn man sich in einer Situation selbst
wiedererkennt. Susanne Krause schreibt Wohlfühl-Texte, die auf genüssliche und
humorvolle Art die Tücken und Überraschungen des Alltags beschreiben, wenn man
einmal das Hotel Mama hinter sich gelassen hat. Es geht um das Leben bei Krause zu Hause. In der Tat gewährt Susanne ihren Lesern Einblicke in ihre
persönlichen vier Wände: In die Burschenschaft, in der sie gelebt hat. In ihre
Küche, in der  sie nur die Stellen und Oberflächen putzt, die ins Auge
eines mittelgroßen Betrachters fallen. In ihr Wohnzimmer, von wo aus sie über
ihre Sehnsucht nach einem eigenen Balkon schreibt – ein Balkon in einem guten baulichen
Zustand, versteht sich, nicht wie Marcels Balkon. Susanne erzählt von Dingen,
mit denen sich jeder immer irgendwie identifizieren kann.

Ebenso
wie ihre Texte für die Leser auf die Seite gehören – nicht umsonst kommen jedes
Jahr viele Zuschauer zu ihren Sex und Sonntagsbraten Lesungen im Farbenladen -,
wird es auch schwer, sich die beiden aus der Redaktion der Junge-Leute-Seite wegzudenken.
Angesichts ihrer eigenen Themenwahl verwundert es nicht, dass sie auch im
echten Leben oft unterschiedlich sind: Man kann Susanne durchaus als verkannte
Rebellin bezeichnen, die mit ihren blonden Locken und manchmal zurückhaltenden
Art zwar unschuldig wirkt, sich aber mit quietschbunten Strumpfhosen
aufbegehrt, wenn die Geschäftswelt einen Stiftrock von ihr verlangt. Lisis Potenzial
zur Rebellion dagegen ist offensichtlicher. Nicht nur ist sie braunhaarig, was
sie vor der Engels-Assoziation bewahrt, auch ihr Blick hat immer etwas freches
und herausforderndes. Wenn ihr die Idee für eine Geschichte gefällt, setzt sie
sich ein, und schreckt auch nicht vor Diskussionen zurück. Sie ist
selbstbewusst, kämpferisch und doch immer mit einem guten Rat zur Seite.

Dass
die beiden eines Tagen nicht mehr als Kolumnistinnen für die Junge-Leute-Seite
schreiben würden, das war eigentlich auch 2010 schon klar. Über die Jahre sind
Autorinnen und Texte gleichermaßen erwachsener geworden. Statt um den
chaotischen Studentenalltag ging es bei „Bei Krause zu Hause“ immer mehr um
Identität und die Frage, wo man hingehört. Und seit einiger Zeit gibt es auch
immer wieder „Beziehungsweise“-Kolumnen, in denen Worte wie Sex, Rammler und
Artverwandtes keinen Platz mehr finden. Stattdessen waren Liebe, Partnerschaft
und selbst Kinderkriegen Thema. Lisi Wasmer und Susanne Krause sind älter
geworden, keine Studentinnen mehr. Es ist also durchaus gerechtfertigt, wenn
auch schade, dass sie aufhören. Im neuen, im echten Leben jetzt werden sie sich
wohl vielen neuen Dingen widmen, Sex und Sonntagsbraten allerdings werden
vermutlich auch weiter eine Rolle spielen.

Dorothée Merkl

Foto: Lorraine Hellwig

Der letzte Strohhalm

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Eva hat sich vorgenommen, ab sofort nur noch bedeutungslosen Sex zu haben. Nur kommt ihr immer das fatale Schirmchen Liebe dazwischen. 

Wenn Sex ein Cocktail wäre, wäre Liebe das Schirmchen – geht auch ohne, ist aber irgendwie nicht dasselbe. Interessant ist dabei auch, dass Männer tendenziell weniger von einem Schirmchen halten als Frauen. Frauen wie Eva zum Beispiel. Und das, obwohl Eva seit der Trennung von ihrem Langzeitfreund im vergangenen Sommer krampfhaft versucht, sich auf unverbindliche Mischgetränke ohne jegliche Deko einzulassen. Weil Eva aber ein Mädchen ist und Mädchen eben ein Faible für unnützen Kram haben, gibt es am nächsten Morgen in der Regel die Rechnung: Der Typ ist weg, der Kater ist da – und in der Pfote hält er ein Schirmchen.

Besonders unangenehm werden solche Überbleibsel, wenn man sie auch noch mit in die Arbeit nehmen muss: Jonas, Evas jüngste Cocktail-Verabredung, arbeitet in derselben Abteilung. Als sie einen Tag nach dem gemeinsamen Abend die Büroküche nach Kopfschmerztabletten durchsucht, steht er auf einmal in der Tür. Er grinst. Sie grinst zurück. Ihr Schirmchen überspannt inzwischen gut und gern den Botanischen Garten. Er holt sich Kaffee und geht. Kein Schirmchen zu sehen. Blödmann, denkt Eva.

Blödmann, denkt sich auch Fabi, als sie uns die Geschichte beim gemeinsamen Abendessen in ihrer Sendlinger Wohnung erzählt. Zumal Eva uns jetzt eröffnet, dass sie in nächster Zukunft erst einmal genug hat von Cocktails, ob nun mit oder ohne Deko. Armer Fabi. Dabei lauert er schon seit gefühlt hundert Jahren auf eine Gelegenheit, seinen Strohhalm in Evas Cocktail zu versenken. Und zwar mit Schirmchen, Palmwedel und notfalls auch Papierpapagei.

Ich versuche, möglichst unbeteiligt in meinem Suppenteller zu rühren. Wenn Fabi Lust auf einen Drink mit Eva hat, muss er sie schon selbst fragen. Er traut sich aber nicht, gesteht er, als Eva kurz auf den Balkon geht, um eine zu rauchen. Dabei wäre es höchste Zeit, habe er sich doch extra alle Mischgetränke verkniffen, seit sie endlich Single ist.

Ich schiebe meinen Suppenteller zur Seite. Wenn Liebe eine Bar wäre, wäre der erste Schritt das Schild über dem Eingang – man findet sie auch so, aber mit ist es leichter.

Von Lisi Wasmer

Unter einer Decke

Kathrin teilt nicht gern, auch nicht die Bettdecke – obwohl sie mit Zölibat eigentlich gar nichts am Hut hat. 

Grundschule, Mathe, dritte Klasse: Anna hat sechs Schokoriegel. Wie viele Schokoriegel bleiben ihr übrig, wenn sie ihre Süßigkeiten gerecht mit ihrer besten Freundin teilt? Sechs, sagt Kathrin. Soll sich ihre beste Freundin doch gefälligst selbst ein Snickers kaufen. Kathrin hat es nicht so mit dem Teilen. In unserem Freundeskreis gilt sie als lebendiger Gegenbeweis für die Hypothese, Einzelkinder seien die Egomanen unter den Heranwachsenden. Denn Kathrin hat zwei Geschwister. Und eine Narbe auf dem Handrücken, an der Stelle, an der ihr großer Bruder sie einmal mit einer Kuchengabel aufgespießt hat, als es darum ging, wer das letzte Tortenstück bekommt. Das Ergebnis dieser frühkindlichen Prägung: Anna hat sechs Schokoriegel und Kathrin keinen Sex, obwohl sie dem Grundschulalter inzwischen eindeutig entwachsen ist.

Das muss man erklären. Nicht die Schokoriegel, den Sex, den Kathrin nicht hat, weil sie nicht teilen kann. Weil sie Paul beim zweiten Date im Sterne-Restaurant den vollen Brotkorb ins Gesicht geworfen hat, als der versuchte, total romantisch lieber nach ihrem Brot zu greifen, als sich ein neues, eigenes zu nehmen. Weil sie es vorzog, im November in voller Montur in den Starnberger See zu springen, als auch nur eine Sekunde länger mit Johannes in diesem blöden Tretboot zu sitzen, nachdem er sie nach einer Stunde immer noch nicht gefragt hatte, ob sie auch mal ans Lenkrad will. Und weil Basti ein Penner ist. Das muss man aber vielleicht auch erklären.

Jedenfalls ist es so, dass Kathrin in der Regel nicht über ein zweites oder drittes Date hinauskommt, ohne ihren Verabredungen die schwerwiegenden Konsequenzen ihres ja geradezu kommunistischen Beziehungsverhaltens aufzuzeigen: Alles für alle – nein danke. Weil sie sich aber das eherne Gesetz auferlegt hat, erst beim fünften Date mit einem Typen ins Bett zu steigen, lebt Kathrin gewissermaßen unfreiwillig zölibatär. Der Vorteil: Die Bettdecke muss sie auch nicht teilen. Der Nachteil: Das hatten wir ja schon.

Bleibt Basti. Basti, den sie von der Arbeit kennt. Basti, der immer so gut riecht und mit dem sie es tatsächlich bis zum fünften Date geschafft hat, ohne ihm eine Standpauke über die im Allgemeinen ideal auf eine Einzelperson zugeschnittenen Portionen bei ihrem Lieblingsitaliener halten zu müssen. Basti, der ein Penner ist. Weil Basti offensichtlich wesentlich lieber teilt, als es anfangs den Eindruck gemacht hat. Kathrin zum Beispiel. Kathrin hätte er sich nach dem fünften Date gerne mit seiner Exfreundin geteilt, mit der alles „super locker“ ist und die abends kurz auf ein kleines Nümmerchen zu dritt vorbeischauen würde – also, wenn Kathrin das okay fände.

Kathrin findet das nicht okay. Kathrin hätte jetzt gerne eine Kuchengabel… Bevor die super lockere Ex-Freundin auftaucht, verlässt Kathrin seine Wohnung. Im Bus auf dem Heimweg entdeckt sie dann doch noch große Freude am Teilen – zumindest, wenn es um peinliche Fotos auf Bastis Facebook-Seite geht. Dann löscht sie seine Nummer aus ihrem Telefon und schaut aus dem Fenster, voller Vorfreude auf ihre Bettdecke, die sie schon wieder nicht teilen muss.

Lisi Wasmer

Mal ehrlich: Jeder junge Mensch ist auf der Suche. Nach Liebe. Nach einem Lebensabschnittsgefährten. Vielleicht nach einer Affäre. Das Problem: Sobald sich das Leben um mehr als nur eine Person dreht, wird es verzwickt – eine Kolumne über die Tücken der Partnersuche. „Beziehungsweise“ erscheint im Wechsel mit der Kolumne „Bei Krause zu Hause“. Weitere Kolumnen unter der Adresse http://jungeleute.sueddeutsche.de/tagged/Beziehungsweise

Miss Helium

Miss Helium hat mit dem Edelgas mehr gemeinsam als man meinen möchte. Bindungsverhalten: nicht vorhanden. Eingegangene Verbindungen: Halbwertszeit von circa null.

Hannah hat den Mittzwanziger-Blues. Sie blättert durch Ihr Facebook-Profil und klickt wehmütig durch Fotoalben vergangener Tage. Damals, als der Hintern noch straffer, die Taille schlanker, der Busen fester war. Damals, das war vergangenes Jahr im Italienurlaub. Hannah spinnt. Auslöser für diesen Wahnsinn war der Vorschlag ihres Freunds, sich eine gemeinsame Wohnung zu suchen. Jetzt muss sie ihn verlassen. Klar. Hannah hat mit ernsthaften Beziehungen ihre Probleme. Und dabei ist es in ihrem Alter so schwer, einen neuen zu finden. Auch klar.

Früher war das anders. Früher war sie ein Model, sagt Hannah. Mit einem theatralischen Seufzer schiebt sie den Laptop zur Seite. Ich schenke ihr Wein nach. Hannahs Model-Karriere beschränkt sich auf ein einziges Foto-Shooting: ein Behandlungstisch, darauf sie, textilfrei; ein Mann beugt sich lächelnd zu ihr herunter. Das klingt versauter als es ist. Hannah war zwei Jahre alt, in der Arztpraxis des Vaters entstanden Aufnahmen für einen Werbekatalog mit Siemens-Geräten. Hannah seufzt schon wieder. Sie stellt sich ans Fenster und untersucht ihr Gesicht in der Spiegelung auf Falten. „Eine Misswahl habe ich auch mal gewonnen“, sagt sie. Ich schenke wieder Wein nach, diesmal mir. Hannah war Miss Helium, ein bescheuerter Titel, den sie für ihr Referat im Chemie-Unterricht verliehen bekommen hat.

Ich stelle mich neben sie ans Fenster. Bei der Gelegenheit schaue ich meinem Spiegelbild auf den Hintern. Könnte schlimmer sein, finde ich – jetzt, wo wir ja offensichtlich schon fast zur Gammelfleisch-Fraktion gehören. Miss Helium untersucht gerade die Haut auf ihrem Handrücken nach Dehnbarkeit und Elastizität. Sie seufzt. Weil die Haut nicht mehr zurückschnalzt wie ein Gummiband. Und ein bisschen auch wegen Martin. Miss Helium hat mit dem Edelgas mehr gemeinsam als man meinen möchte. Bindungsverhalten: nicht vorhanden. Eingegangene Verbindungen: Halbwertszeit von circa null. Jetzt seufze ich. Ich mochte Martin.

Hannah schaut mich an. Martin sei schon auch irgendwie cool, sagt sie. Es ist das Romantischste, was ich je aus ihrem Mund gehört habe. In der Hoffnung, Martin doch noch nicht abschreiben zu müssen, bestärke ich sie in der Ansicht, dass sie vergangenes Jahr wirklich noch wesentlich besser ausgesehen habe, dass es von nun an bergab gehe und dass Martin sicher schon bald eine neue, jüngere Hannah haben würde, sollte sie ihn jetzt ziehen lassen – Männer altern ja nicht, Männer reifen. Hannah nickt langsam. Anstatt Facebook ruft sie eine Immobilienseite auf ihrem Laptop auf. Ich hole uns eine neue Flasche Wein, die fast so alt ist wie wir. Schmeckt genial. Vermutlich eine recht männliche Rebsorte. Wie sonst sollte etwas mit Mitte zwanzig noch so appetitlich sein? Lisi Wasmer

Mal ehrlich: Jeder junge Mensch ist auf der Suche. Nach Liebe. Nach einem Lebensabschnittsgefährten. Vielleicht nach einer Affäre. Das Problem: Sobald sich das Leben um mehr als nur eine Person dreht, wird es verzwickt – eine Kolumne über die Tücken der Partnersuche. „Beziehungsweise“ erscheint im Wechsel mit der Kolumne „Bei Krause zu Hause“. Weitere Sex-Kolumnen gibt es hier.