Band der Woche: Friends of Gas

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Feste Formen gehörten nicht zur Musik der Band Friends of Gas. Aus Protest gab es weder feste Bandmitglieder noch abgeschlossene Songs. Das alles ändert sich nun in ihrem Album
„Fatal schwach”.

Es ist gerade in gewissen Kreisen angesagt, Dinge nicht mehr fertigzustellen. Nun, Vollenden ist zugegeben ein recht groß besetztes Wort, das wusste schon der österreichische Indie-Chansonnier Der Nino aus Wien, wenn er in seiner anschaulichen Jammerlappen-Manier klagte: „Es geht immer ums Vollenden.“ Selbst zu beschließen, etwas sei fertig, der Kunst damit eine veritable Form geben, das will nicht recht zum Stil dieser Post-Indie-DIY-Szene passen.

Vielmehr gehört der Charme des Unvollendeten zum guten Ton. Eine Ästhetik, die den Prozess in den Vordergrund rückt und in deren Dunstkreis etwas Rundes und Fertiggestelltes einen unangenehm pathetischen Beigeschmack bekommt. Der einzige wunde Punkt: Mit der Aussage, das sei nun sowieso nicht fertig, was man da produziere, das sei vielmehr nur ein Ausschnitt, entzieht man sich sämtlicher Kritik.

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Die Münchner Band Friends of Gas ist so etwas wie ein Destillat der Münchner Variante dieser Szene. Als Improvisations-Kollektiv gegründet, bestand da nie ein Anspruch, etwas so Flüchtiges wie die Musik auch nur ansatzweise festzuhalten, geschweige denn, dass man regelmäßig mit den gleichen Musikern zusammenspielte. Doch das ist alles vorbei – die Gruppe hat sich fest formiert, nun haben sie sogar ein Album herausgebracht, auf dem die reduzierten Achtzigerjahre-Postpunk-Songs in eine feste Form geschrieben wurden. Am Freitag, 28. Oktober, wird das nun offiziell veröffentlicht, während im Titel noch der grundlegende Konflikt mit dem Festschreiben steckt: „Fatal schwach“. Sie haben sich also schwach der Versuchung hingegeben, gegen die sie mit ihrem ursprünglichen Auftreten eigentlich protestierten: Sie haben ihre Musik in eine halbwegs Pop-verträgliche Form gegossen, sie haben den Songwriting-Prozess abgeschlossen und veröffentlichen dieses hübsche Paket, das Max Rieger von den Stuttgarter Neo-Postpunkern Die Nerven aufgenommen hat, nun sogar bei der Berliner Plattenfirma Staatsakt – der Heimat der Deutschpopper und Profiironiker der Nation, etwa Ja, Panik, Die Sterne, Fraktus oder Jens Friebe.

Doch Friends of Gas erscheinen mit diesem Album als böser Zwilling dieser Gruppen. Sängerin Nina Walser textet zwar genauso phrasenorientiert wie die Labelkollegen, belegt ihren heiseren Gesang aber mit dem Gefühl, sie spreche von einer bitteren Wahrheit. Sätze wie „Mein Körper ist mein Template“, über das Lied hinweg ständig wiederholt, befreien sich so von dem Anschein des Modewort-Dreschens der Digital Natives und bekommen dadurch einen beklemmend psychotischen Anstrich. Und spätestens wenn sich die Gruppe mit „Involuntary“ Richtung Ballade begibt, und die süße Popschönheit der Harmonien in einem zwischen Höhenflug und Zweifel gesungenen „La-La-Lacrimation“, einem Tränenstrom also, landen, kann da kein Auge mehr zwinkern, wenn schon, dann wird hier richtig geheult. All die Ironie ist hier vorbei. Entweder man nimmt es ernst, oder man lässt es.

Diese ungemein zwingende Haltung lässt das Quintett dann auf dem nationalen Popmarkt ziemlich solitär erscheinen. Diese neue, bisweilen recht destruktive Ernsthaftigkeit kommt an in Pop-Deutschland. Beim Reeperbahn-Festival in Hamburg hinterließen sie gerade ein ekstatisch-entrücktes Publikum, die Booking-Agentur, die auch schon Dirk von Lowtzows Phantom Ghost über die Bühnen schickte, übernimmt das nun auch für die Münchner Friends of Gas. Und live kommen bei dieser Band sowieso einige Altlasten zurück. Da kann ein Song in Noise-Ekstase schon mal von sieben auf vierzehn Minuten ausgedehnt werden.

Stil: Neo-Postpunk
Besetzung: Nina Walser (Gesang), Thomas Westner (Gitarre), Veronica Burnuthian (Gitarre), Martin Tagar (Bass), Erol Dizdar (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2014
Internet: www.friendsofgas.com

Von: Rita Argauer

Fotos: Susanne Beck

Ein Abend mit: Julia Viechtl

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Wenn Julia Viechtl nicht gerade die Manic Street Parade organisiert, geht sie gerne mal feiern, auch wenn das eigentlich nie geplant ist. Wo man sie hinterher zum Pommesessen antrifft, lest ihr hier.

Hier
beginnt mein Abend:

…mit der festen Überzeugung: Heute bleib ich daheim.
Und wenn, dann nur ein Bier!

Danach
geht’s ins/zu:

Zur Zeit gern ums Eck ins Vivo.

Meine
Freunde haben andere Pläne. So überzeuge ich sie vom Gegenteil:

Gar nicht. Ich wollte ja selber nicht weggehen!

Mit
dabei ist immer:

Eine Hand voll hübsche Programme für die manic street
parade.

An
der Bar bestelle ich am liebsten:

Bier.

Der
Song darf auf keinen Fall fehlen:

Carnival Youth: Never Have Enough.

Mein
Tanzstil in drei Worten:

I don´t care. Oder: I love it.

Der
Spruch zieht immer:

Ein Spruch, der immer zieht? Den kenne ich (noch) nicht.
Mir fallen nur Sprüche ein, die niemals ziehen werden. Hier ein Beispiel aus
meiner Sammlung aus dem weiteren Bekanntenkreis: „Magst du Sex?“.

Nachts
noch einen Snack. Mein Geheimtipp ist:

Pommes im Substanz. Livemusik ist nur bis 21:59 Uhr
erlaubt – die Friteuse darf noch länger laut brutzeln. Juhu.

Meine
dümmste Tat im Suff war:

Die Händlmarke auf der Wiesn in Bier investieren. An den
Rest erinnere ich mich nur schemenhaft.

Das
beste Frühstück nach einer durchfeierten Nacht gibt`s im/bei:

Im Bavarese. Toller Sonntagsbrunch. Für Freunde des
Fleisches gibt es sogar Schweinbraten. Ich nehme die Knödel.

 Diesem
Club/dieser Bar trauere ich nach:

Atomic Café – das Wohnzimmer ist und bleibt weg. Bitte
wieder aufmachen. Ich geh immer noch gerne nachts vorbei und schau böse das
Lacoste-Krokodil an.

Foto: Stephan Rumpf

Es ist soweit: The Manic Street Parade 2016

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Mehr Pop für die Stadt – das ist Julia
Viechtls großes Anliegen. Im Mai haben wir deshalb über sie und das von ihr
zusammen mit Andreas Puscher, Stefan Schröder,
Marc Liebscher und Fabian Rauecker organisierte erste Club-Festival Münchens
berichtet – am 8. Oktober ist es soweit!

Vier Monate sind seither vergangen, mittlerweile arbeitet Julia für
die Fachstelle Pop, einer neutralen Beratungsstelle der Stadt München für junge
Bands. Und sie organisierte die
Manic-Street-Parade, die zum ersten Mal im Schlachthofviertel in fünf verschiedenen Clubs
stattfindet. Für 25 Euro sind 13 Bands aus acht verschiedenen Nationen zu sehen, danach legen vier Münchner DJs bis in die frühen Morgenstunden auf.

SZ: Was für ein Gefühl ist es, den
fertigen Programm-Flyer für das Festival in den Händen zu halten?

Julia: Das ist ziemlich genial, weil es,
wie ich finde, ein sehr schönes Programm geworden ist. Wir stellen darin alle Künstler
vor, die auftreten werden, und begründen auch, warum wir genau sie nach München
eingeladen haben. Klangstof aus Holland, Jesse Mac Cormack aus Canada,
Carnival Youth aus Lettland. Aus München exklusiv dabei sind Fiva und die
Jazzrauschbigband.

SZ: Gab es noch Probleme bei der
Organisation?

Julia: Es ist natürlich unfassbar viel
Arbeit, ein neues Festival aufzuziehen, von dem noch nie jemand gehört hat. Es
gab den Moment, wo die Frage im Raum stand, das Ganze auf 2017 zu verschieben.
Da habe ich mich aber durchgesetzt und gesagt: Nein, das packen wir jetzt an. Da
die Manic Street Parade von jetzt an jedes Jahr stattfinden soll, können wir sie dann
ja beliebig ausbauen. Für Jahr eins mussten wir irgendwann den Rahmen
festsetzen, sonst wäre es ausgeufert – nicht noch mehr Bands, nicht noch mehr
Clubs. Ich glaube, so wie wir jetzt starten, haben wir eine gute Größe
gefunden. Die fünf Clubs sind alle gut zu Fuß erreichbar, sodass man sich
einfach treiben lassen und viele verschiedene Bands entdecken kann. 

SZ: Wird der 8. Oktober, der
Festivalabend, für dich noch stressig sein? Oder wirst du ihn auch genießen können?

Julia: Ich denke, ich werde schon viel
rumhüpfen müssen. Ob ich dann tatsächlich in der ersten Reihe bei Klangstof
mitfeiern kann, wird sich zeigen. (lacht) Im Moment werde ich von Tag zu Tag
aufgeregter, aber der Abend wird bestimmt super.

SZ: Du machst nicht nur selbst Musik und
kümmerst dich im Moment ehrenamtlich um die Organisation des Festivals, du hast
auch deine Masterarbeit über das Konzept der „Music Cities“ geschrieben und die
Frage, was München noch braucht, um so eine Music City zu werden. Auf welche
Ergebnisse bist du gekommen?

Julia: Um eine Music City zu werden, muss
eine Stadt insbesondere auch die Musik, die im Moment neu entsteht, beachten.
Wichtig war für meine Arbeit daher zunächst, das Thema „Pop“, wie es
umgangssprachlich verstanden wird, aufzuarbeiten. Pop-Musik ist nicht das, was
viele mit Mainstream, Kommerz und Chart-Musik in Verbindung bringen, sondern
die Musik, die in der Gegenwart entsteht und deshalb einen Spiegel und
vielleicht das wichtigste Kommunikationsmittel der heutigen Gesellschaft
darstellt. Wenn man das einmal verstanden hat, dann wird klar, warum es mir um
die strukturelle Unterstützung von Musik und Kultur in allgemeinerem Sinne
geht. Dabei sind mit „Pop“ viele verschiedene Musikrichtungen gemeint.

SZ:
Wie kommst du darauf?

Julia. Ein guter Beleg dafür sind die
anonymisierten Fragebögen, die ich für meine Masterarbeit von Musikern und
Musikerinnen in München habe ausfüllen lassen. Innerhalb von zwei Wochen hatte
ich mehr 500 Antworten. Und das ist nur ein kleiner Teil der großen Szene. Auf
die Frage nach der eigenen Musikrichtung kamen bei diesen 500 Antworten mehr als 1500
Musikstile heraus. Es geht also heute nicht mehr so sehr darum, eine bestimmte
Richtung zu vertreten, um eingeordnet werden zu können. Wir haben hier in München
eine überwältigende Vielfalt und Offenheit. Aber an der strukturellen Unterstützung,
insbesondere daran, definitionsfreie Orte, Auftrittsmöglichkeiten und Proberäume
zu schaffen, muss verstärkt gearbeitet werden, damit diese Szene auch
sichtbarer werden kann. Ein erster Ansatz ist also die Wertschätzung und
Anerkennung dessen, was diese Kreativen für eine Wirkung auf die Stadt haben.

SZ: Du arbeitest seit kurzem in der
Fachstelle Pop der Stadt München. Wie kam es dazu?

Julia: Lustigerweise habe ich von der
Stelle über eines der Experteninterviews für meine Masterarbeit gehört. Ich
habe mich sofort beworben, weil ich das Gefühl hatte, das passt perfekt. Jetzt
bin ich total dankbar für diese Möglichkeit, weil ich dort genau mit dem Wissen
ansetzen kann, das ich mir durch meine Masterarbeit angeeignet habe.

SZ: Was genau wirst du dort tun können?

Julia: Die Fachstelle Pop sitzt im
Feierwerk und wird vom Kulturreferat der Stadt München finanziert. Wir sind da,
um die Popkulturszene in München zu fördern. Dabei geht es besonders um die
Kommunikation und Vernetzung der Szene. Wir arbeiten im Moment an einem
Konzept, um optimal als Schnittstelle fungieren zu können. Außerdem sind wir
da, um Musiker zu informieren. Vor allem, wenn man beginnt, eine Band
aufzubauen, sollte man bei uns vorbeischauen. Wir beraten nämlich neutral,
unabhängig und ohne Hintergedanken. So kann man sich informieren, bevor man
etwa irgendeinen Vertrag unterschreibt.

SZ: Wie soll es mit der Manic-Street-Parade
weitergehen?

Julia: Wir wissen schon, dass sie am
28.10.2017 das zweite Mal stattfinden wird, und danach jedes Jahr. Ich war gerade
auf dem Reeperbahnfestival in Hamburg und habe auch dort fleißig Programme und
Sticker verteilt, sodass spätestens im kommenden Jahr noch ganz viele Leute von
außerhalb nach München kommen werden.


Interview: Theresa Parstorfer
Foto: Stephan Rumpf

Band der Woche: Nick Yume

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Echte Pop-Musik wird heute nicht mehr von Boybands inszeniert, sondern von Künstlern, die authentisch klingen. Einer von ihnen ist Nick Yume, der zwar bei dem kleinen Münchner Indie-Label Flowerstreet Records unter Vertrag ist, jedoch schon großartigen Pop macht.

Mit dem Tod des Musikmanagers Lou Pearlman vor einem Monat, ist die Ära der tanzenden Boybands nun endgültig vorbei. Pearlman hatte sich Mitte der Neunzigerjahre das Prinzip dieser Bands ausgedacht, die bekanntesten sind die Backstreet Boys und N’Sync, die tatsächlich nach einer Art Rezept erschaffen wurden. Die Sänger, nach Charakteren gecastet, als Mädchen-Schwarm, Verwegener oder Sunny Boy – ganz nach dem Prinzip einer Soap-Opera. Dann wurde ein Hit komponiert, und auf dem Markt funktionierte das dann einwandfrei.

Doch auch schon vor Pearlmans Tod, hat dieser Mainstream-Erfolg nach Rezept nicht mehr wirklich funktioniert. Denn die Popstars erfinden sich heutzutage lieber selbst. Und so kommt es nun immer öfter zu dem Phänomen, dass auch im Underground, in der lokalen kleinen Musikszene, plötzlich Acts auftreten, die nach groß polierten Pop klingen. In München etwa der großartige Sänger Timothy Auld. Oder nun Nick Yume. Der ist Timothy Auld sowieso nicht unähnlich. Beide sind eigentlich aus Großbritannien, jetten immer wieder zwischen der Insel und München hin und her und haben eine ausgesprochen besondere Stimme. Deshalb spielen sie auch nicht in irgendwelchen Bands, sondern verfolgen Musikprojekte, die auf die Stimme zugeschnitten sind. Das ist ein Prinzip der richtig groß gedachten Popmusik. Und bei dem erst 21-jährigen Nick Yume geht das gerade wunderbar auf.

Obwohl er bei dem Münchner Indie-Label Flowerstreet Records veröffentlicht und seine Kontakte in die große Industrie noch nicht so weit gediehen sind, eröffnete er zuletzt Rihannas Anti-Show in Bukarest. Größer kann man als kleiner Musiker derzeit nicht starten. Und dennoch ist es auch irgendwo ganz klar, warum das so gut funktioniert. Denn gegenüber den Retorten-Popstars des vergangenen Jahrzehnts können diese neuen Pop-Acts, die sich selbst erfunden haben, auf eine Authentizität zurückgreifen, die in diesem Geschäft Gold wert ist. Das ist etwas, das sich Miley Cyrus gerade als Skandalnudel schwer zurückerobern muss, weil sie es leider als Disney-Teenie-Star völlig aufgegeben hatte. Das ist etwas, das Rihanna durch ein neues, kühles Image aufrechtzuerhalten versucht. Und das ist etwas, das Nick Yume einfach so hat.

Musikalisch hat er sowieso die besten Voraussetzungen: eine geschmeidige Soul-Stimme, im Falsett leicht brüchig, sicher in der Führung, ohne Scheu vor Drama. Er arbeitet mittlerweile mit verschiedenen Produzenten zusammen, die Musik ist seitdem sanft elektronisch und taucht das Ganze in ein leicht kühles und charmant arrogantes Licht – zeitgemäßer kann Popmusik derzeit kaum klingen. Auch weil Nick sich textlich natürlich längst nicht mehr zu solch phrasenhaften Liebesbekundungen hinreißen lässt, mit denen die Backstreet Boys ihre Fans bezirzten. Wenn schon Phrase und Liebe, dann kommen die bei Nick als Zitat vor – etwa im Song „Should I stay“. Da liegt natürlich The Clash drunter, nur dass Nick nach der Frage an die Geliebte ein zum Schmelzen flehendes und klagendes „Please let me stay“ anhängt.

„Oft fangen meine Lieder als Gedichte an“, sagt er. Und das ist zum Teil ganz schön düster: „My mind is a prison, but I don’t mind“ heißt es etwa in der gerade veröffentlichten Single „Prison“, der Titeltrack seiner aktuellen EP. Doch das wird funktionieren, das ist der Nick Carter des 21. Jahrhunderts, der sich selbst erfunden hat und für den Selbstbestimmtheit und Mainstream-Pop kein Gegensatz mehr ist. Das ist der Anfang einer völlig neuen Art des Popstars, die Rihanna und Miley Cyrus gerade zu imitieren versuchen. Die richtigen, die kommen aber erst noch. Zum Beispiel aus London und München. So wie Nick Yume.

Stil: Pop
Besetzung: Nick Yume (Gesang, Songwriting), wechselnde Produzenten
Aus: München
Seit: 2015
Internet: www.facebook.com/
NickYumeMusic

Von: Rita Argauer

Foto: Keno Peer

Band der Woche: Atlataş

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Der Sänger der Türk-Pop-Band Kafkas Orient Bazaar ist nun auch Solo unterwegs. Im Alleingang nennt sich Attila Atlataş und es klingt wie eine Homage an die Neunziger. 

Vor gar nicht allzu langer Zeit, also schon im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends, passierte auf einer Punkparty etwas, das noch in den sogenannten Nullerjahren undenkbar gewesen wäre. Es war ein Konzert mit dem üblichen Deutsch-Punk-Geschramme, dessen musikalische Melodieverweigerung die politische Aussage und Ernsthaftigkeit der Band unterstützte, vor einem dort üblichen Publikum, das die Aggression der Musik in aggressives, aber nicht unfreundliches Pogo-Getanze übersetzte.

Schlussapplaus, ein paar Zugaben, dann kam der DJ. Und mit ihm „Barbie Girl“, „Boom Boom Boom“ und „Macarena“. Und die Punks, die konnten die Texte. Eigentlich klar, denn als Euro-Dance angesagt war, waren sie Teenager oder Kinder und Radiostationen bestimmten in diesen Prä-Stream-Zeiten noch vehementer, was der Mensch so hörte, auch wenn er es vielleicht gar nicht hören wollte. Aber sie konnten nicht nur „I want you in my room“ auf die Kaugummi-Stimme in „Boom Boom Boom Boom“ reimen, sie machten das auch noch mit Freude, frei nach dem Motto, ein bisschen Vengaboys haben nach so viel Politisierung noch keinem geschadet.

Ein wenig ist das Projekt von Attila von Thermann die Konsequenz dieser Entwicklung. Denn der Sänger der ohnehin etwas eigenwilligen Münchner Indie-Rock-Band Kafkas Orient Bazaar, verhilft dieser alternativen Salonfähigkeit der eigentlich in die Ewigkeit der Ballermann-Geschmacklosigkeit verdammten Euro-Dance-Ästhetik zu neuem Glanz. Atlataş heißt Attilas Elektro-Projekt, das in seiner Ernsthaftigkeit weit von dem entfernt ist, was man mal Elektro-Trash nannte, und in seiner liebevollen Detailarbeit eher an Youtube-Hits wie „Kung Fury“, diese zeitgenössische Adaption der Martial-Art-Ästhetik der Achtzigerjahre, erinnert. Da geht es nur bedingt um Ironie und da geht es auch nicht darum, zu zeigen, dass man etwas ordentlich verballhornen möchte. Es geht um den liebevollen Blick, der die Mainstream-Pop-Ästhetik der eigenen Jugend neu erfahrbar macht.

Attila, der die letzte Veröffentlichung von Kafkas Orient Bazaar noch mit dem Kurzgeschichtenband „Tiefer“ flankiert hatte, entwirft also nun zwei Jahre später eine glatte Oberfläche, die aber wegen dieser spürbaren Liebe berührt (die Susan Sontag vielleicht als „camp“ beschreiben würde). „Ich wollte das Projekt auch bewusst stimmlich anders angehen als Kafkas Orient Bazaar, viel poppiger“, sagt er, der dazu als Duett-Partnerin die Sängerin Leonie gewinnen konnte und mit dem Produzenten Norman Kolodziej zusammenarbeitete, der in der norddeutschen Elektro-Punk-Szene etwa für die Sound Bratze verantwortlich ist. Attila habe mit diesem Projekt den „Neunzigerjahren das Lächerliche“ nehmen wollen. Und das ist ihm gelungen, gerade weil er eben nicht mit erwachsenem und entwachsenem Abstand auf diese Zeit schaut, sondern sich kopfüber in den Strudel aus Plastik-Pop und Nintendo-Sounds wirft. So klingt vieles hoch, etwa die Synthesizer im Song „Like and Sleek“, in dem selbst die Snare-Drum des programmierten Schlagzeugs fast völlig ohne Frequenzen im Bass-Spektrum auskommt. Doch die Inbrunst, mit der Attila singt, die Euphorie der gewählten Akkorde und Harmonien, all das taucht den Klang, der auch aus den Mini-Lautsprechern eines Gameboys kommen könnte, in ein heimeliges Licht. Die Single „Like in July“ setzt dann mit etwas mehr Fülle noch mehr aufs bekannte Euro-Dance-Schema.

Dass Attila trotzdem kein Teenager mehr ist, das zeigt sich in feinem Humor, mit dem er die EP, ein wenig an die Türk-Pop-Experimente von Kafkas Orient Bazaar angelehnt, „Mini Albüm“ getauft hat. 

Stil: Euro-Dance-Revival / Neunzigerjahre-Liebe
Besetzung: Attila von Thermann (Programmierung, Gesang), manchmal Gastmusiker
Seit: 2013
Aus: München
Internet: www.atlatas.com

Von: Rita Argauer

Foto: Konsch In The Boondocks

Band der Woche: Oh Girl!

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Wenn die Fotografin Verena Vötter Musik macht, nennt sie sich Oh Girl!. Ihre Musik ist genauso süß, wie der Name es vermuten lässt und bleibt dabei doch immer authentisch.

Es wirkt fast ein bisschen despektierlich. Oh Girl! nennt sich die Fotografin Verena Vötter als Musikerin. „Oh, Mädchen, was hast Du Dir noch dabei gedacht?“, hallt es ermahnend im Kopf nach, wenn man diesen Künstlernamen liest. „Oh, Girl, da ist Hopfen und Malz verloren“, klingt das erzieherische Besserwissertum und das didaktische Gefälle, das in dieser Phrase liegt. Mädchen, diese schon im Wort angelegte Verniedlichungsform, die unangemessen für eine junge, aber erwachsene Frau zu sein scheint, wie es Verena ist. Doch das Niedliche prägt das Bild, das Frauen heutzutage gerne von sich verkaufen – egal wie alt sie sind, ein Schuss Kleinmädchenhaftigkeit findet sich fast überall. Doch es gibt einen Weg das umzudrehen: Vorgemacht hat das gerade Beyoncé in ihrem aktuellen Video zu „Formation“. Da wird der booty-shakende Gruppen-Formationstanz von Sexyness zum Erreichen einer tatsächlich bedrohlich wirkenden, starken Frauengruppe transferiert – Verena Vötter wählt als Oh Girl! einen gegenteiligen Weg, der aber einen ähnlich beschützendem Effekt hat.

Denn bei Oh Girl! ist alles süß, bei Oh Girl! geht es um die Liebe, da ist die Stimme zart und das Gitarrenspiel schön – und Verena, die sich gern beim Kosenamen Neni nennt, zieht das mit einer derartigen Konsequenz durch, dass das Mädchenhafte nicht anbiedernd, sondern fast authentisch wirkt. Sofern man innerhalb der Popmusik überhaupt von Authentizität sprechen kann. Denn auch Verena, die man in München bisher hauptsächlich aufgrund ihrer fotografischen Tätigkeit kannte, kennt sich natürlich mit Inszenierung aus; vor allem mit der Inszenierung von Liebe. Denn der Liebe, die gesellschaftliche Konventionen überspringt, widmete sie ihre Bachelor-Arbeit in Fotografie: Unter dem Titel „it’s love, actually!“ porträtierte sie gleichgeschlechtliche Paare. Und das Thema Liebe, deren Unbedingtheit, findet sich auch in ihrer Musik. Am vergangenen Freitag hat sie dazu eine EP veröffentlicht. „Share your Love“ heißt die, darauf erzählt sie in fünf schlichten Akustik-Gitarren-Songs eine Liebesgeschichte: Vom ersten Track „Lovely Day“ über dunkle Zeiten („Lost“) zu Verdrängung („Don’t say her name“), endet diese Liebes-Konzept-Platte mit dem Titeltrack „Share your Love“, unterlegt von aufbruchsfreudigem Ukulelen-Geschrabbe. Und damit vermischt sich Autobiografie und Kunstkonzept: Denn die EP funktioniert sowohl als dramaturgisch-gedachte Konzept-Ep zwischen Soap-Opera und Düsterkeit, als auch als psychologische Hintertür für Verena selbst: „Ich kann mit keinem anderen Werkzeug Liebeskummer so gut verarbeiten wie mit meiner Stimme und meiner Gitarre“, erklärt sie: „Das Songwriting hilft mir sehr, meine Erlebnisse zu erzählen und auch oder vor allem traurige Geschichten zu verarbeiten.“

Doch ihre Musik verbreitet sich gerade ähnlich, wie sie es von der Liebe darin fordert. Im August vergangenen Jahres hatte sie ihre erste EP veröffentlicht. Zahlreiche Konzerte folgten. Da sich Verenas Musik in ihrer Schlichtheit keinem Stil besonders zuordnet, passt sie auch gut zu diversen Bands, was ihr einige Support-Auftritte für namhafte Künstler verschaffte – unter anderem als Vorgruppe zur Bierzelt-Tour von La Brass Banda. Und für die Produktion ihrer aktuellen EP konnte sie Oliver Anders Hendriksson von den Young Chinese Dogs gewinnen. Fünf Songs, die mal von subtilem Drama zerrissen werden und dann wieder schmeichelnd von positiveren Zeiten erzählen.  

Stil: Akustik / Folk
Besetzung: Verena Vötter (Gitarre, Gesang)
Seit: 2014
Aus: München
Internet: www.soundcloud.com/ohgirl_music

Foto: Christoph Gaertl

Von: Rita Argauer

Band der Woche: Freddy Gonzales

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Wohldosiertes Drama – Freddy Gonzales, klassisch unterwegs mit seiner Akustik-Gitarre, verzichtet in seinen Songs auf die biographische Ich-Form und singt lieber von Figuren, die etwas erlebt haben. Folk vermengt sich mit wohldosiertem Drama und lässt so etwas Besonderes entsehen, etwas, das Freddy herausstechen lässt aus der kaleidoskopartigen Münchner Musikszene.

Ordnung tut gut. Auch in der Popmusik. Obwohl dort das Chaos und das Anarchische für Neuerungen sorgt, muss Musik gleichzeitig verortbar sein, damit sich Zielgruppe und Musik auch finden können. Das geschieht meist über Labels, die Künstler eines ähnlichen Stils herausbringen. Oder über die Szene und deren Mundpropaganda. Was aber in der Popmusik besonders ist, ist, wie sehr so eine Zuordnung auch über Geografie funktioniert. Berlin steht für einen bestimmten Sound, Hamburg sowieso. Oder Seattle. Die Stadt im Nordwesten der USA, die wie kaum eine andere zum Label für einen Musikstil geworden ist.
München hat da ein Problem, weil es schon länger nicht mehr als Stadt für eine derartige musikalische Eindeutigkeit stehen konnte. Moroder und Munich Disko sind lange vorbei, die Szene ist ein Kaleidoskop. Das ist schön und abwechslungsreich, aber keine Schublade, die als breitenwirksames Genre funktionieren könnte. Doch eines ist hier gerade auffällig: Die große Anzahl an Musikern, die als Solo-Künstler unterwegs sind. Als hätte man sich in der Stadt völlig davon verabschiedet, Bands zu gründen, was vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass man für Bands Probenräume braucht und das ist hier kompliziert. Viel weniger kompliziert ist es, im Alleingang mit den Mitteln, die einem unmittelbar zur Verfügung stehen, Musik zu machen. Ob das der Computer ist wie bei der Sängerin Nalan oder die E-Gitarre wie bei Matthew Austin. Der Münchner Freddy Gonzalez ist da noch etwas klassischer: Akustik-Gitarre, aufgelöste Akkorde in Finger-Picking-Technik und einen unüberhörbaren Irish-Folk-Einfluss. Und dennoch hebt sich der Mittzwanziger, der Deutsch studiert und einmal Grundschullehrer werden möchte, von den Teilnehmern der vielen Open-Stage-Sessions, die es in der Stadt gibt, ab. Und das hat einen simplen Grund. Es wirkt, als würde Gonzales die Haltung der Bänkelsänger in aktuelle Popmusik transferieren. Die traten im 19. Jahrhundert in Wirtshäusern und auf Marktplätzen auf und waren so etwas wie eine analoge und gesungene Version eines Boulevard-Blattes. Denn sie berichteten – stets mit einem gewissen Hang zur Dramatisierung – von Geschehnissen, die sie auf ihren Rundreisen erlebt hatten. Auch Freddy Gonzalez spart sich in seinen Songs die autobiografische Ich-Form und singt lieber von Figuren, die etwas erlebt haben. Etwa „Jacky“, ein Song auf seiner ersten EP „Once“, die er im Frühjahr veröffentlicht hat. „Eigentlich gefällt mir der Name Jacky überhaupt nicht“, erklärt er, doch der Klang hätte sich in seinem Kopf mit der Melodie verwoben – also schrieb er diesem Jacky eine Liebesgeschichte, die sich in dem Song in einer Harmonik zwischen Seeräuber-Shanti und Moritat wunderbar abspielen kann. Dass das so funktioniert, verdankt Gonzales auch seinem gewissen Gespür für ein wohldosiertes Drama.
Das Songwriter-Dasein hat für Freddy Vorteile, weil er es genieße, völlig frei über seine Kunst entscheiden zu können. Band-Erfahrung hat er bereits. Denn seine musikalische Laufbahn begann er als jugendlicher E-Gitarrist in einer Pop-Punk-Band. Nachdem er jedoch mit Anfang 20 in England die Band Treetop Flyers gesehen hatte, habe er gewusst, dass er Folk machen will. Und er begann vor drei Jahren, allein zu musizieren. Derzeit spielt er ab und an mit einer Geigerin, außerdem habe er gerade ein Projekt mit anderen Musikern gegründet, in dem er auf Deutsch singen will. Vielleicht generiert er so auch ein neues Label für München: moritatenhafte Texte und Musik, die sich an gerade Populärem orientiert. Ähnlich wie das Bertolt Brecht und Kurt Weill einst für die „Dreigroschenoper“ erfunden hatten.  

Stil: Songwriter / Folk

Besetzung: Freddy Gonzales

Aus: München

Seit: 2012

Internet: www.freddygonzalez.bandcamp.com/

Text: Rita Argauer
Foto:eartrumpet.net

Band der Woche: Ella Josaline

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Ella Josaline ist vielleicht die größte Pophoffnung,
die München derzeit zu bieten hat. Sie ist gerade einmal 16 Jahre alt und große
Plattenfirmen haben schon ersten Kontakt mit ihr aufgenommen. Ihre erste
Platte zeigt, welch Talent in ihr steckt – und welche Gefahren lauern

Wenn Popmusik funktioniert, veranstaltet sie ziemlich schnell ein Kino im Kopf des Hörers. Da gehen Assoziationen auf, die einen etwa entweder in eine kitschige Jazz-Bar (Norah Jones), auf eine Südstaaten-Veranda (Jolie Holland) oder in einen etwas verdrehten Stadion-Pop-Drogenrausch (Miley Cyrus) versetzen. Das Lebensgefühl, das so an Popmusik gekoppelt wird, ist im gewissen Sinne zwar sehr fiktiv, aber passt gleichzeitig ganz gut zur heutigen Art des Konsums von Populärkultur. Wer sich exzesshaft in die tiefen Fiktionswelten von TV-Serien begibt, baut sich mit Musik auf dem Weg zur Uni oder Arbeit genau diese Fiktion weiter. Je stärker die Musik die eigene Welt in cinemascopegroße Fiktion verwandelt, umso besser. 

Die Münchner Musikerin Ella Josaline Kern verkleidet sich gern. Nicht, dass sie mal als Prinzessin oder als Meerjungfrau auftritt, die erst 16-jährige Musikerin verkleidet ihre Songs und ihre musikalische Persönlichkeit. Und sie hat ein ausgesprochen gutes Gespür dafür, welche Details die Verkleidungen zu der Rolle machen, die sie darstellen will. Und da sie zu diesem Talent noch ziemlich musikalisch ist, eine besondere Stimme hat, die sie vor allem besonders einzusetzen weiß, hat nun eine Musiker-Karriere für sie angefangen – auch, weil sie mit diesen Verkleidungen in der Lage ist, Lebensgefühle bei ihren Zuhörern auszulösen.

Sie ist überschwänglich, wenn sie über ihre Musik redet. Das erklärt, warum es ihr so leicht fällt, den Songs ein überzeugendes und ja, eben erzählendes Gewand zu geben. „Ich habe immer schon Musik gemacht, immer gesungen, als Kind schon Songs geschrieben, Musik ist mein Leben“, sagt sie. Da klingt etwas Absolutes mit, das auch ihre Musik hat. Gerade besucht sie eine Waldorfschule, die sie im kommenden Jahr mit der Mittleren Reife abzuschließen plant. Danach soll dann die Musik zum wirklichen Lebensmittelpunkt werden. Wie das viele junge Musiker derzeit machen, hatte auch Ella Josaline vor einem Jahr damit angefangen, Videos von sich auf Youtube zu stellen; etwa wie sie Damien Rices „Cannonball“ covert. Gerald Huber vom Münchner Label Redwinetunes erkannte ihr Talent und begann, sich der Musikerin anzunehmen. Er stellte sie den wichtigen Menschen in der Szene vor, besorgte ihr Konzerte und organisierte die Aufnahme ihrer ersten Platte. „Ihm habe ich alles zu verdanken“, sagt Ella Josaline, in der für sie eben typischen Hingabe.

Denn von diesem Moment an lief es ziemlich gut für sie. Sie spielte eine Menge Support-Gigs und begann mit den Produzenten Bonifaz Prexl und Nicolas Sierig zu arbeiten. Nun hat sie ihre erste Aufnahme fertig gestellt, die EP „FreEp“, die sie am Samstag, 21. November, im Münchner Ampere bei „Munich Rocks“ vorstellen wird. Und darauf zeigt sie sich in all ihren Verkleidungen fast kaleidoskopartig. Im Opener „Change the World“ präsentiert sie sich als durchaus authentischer moderner Hippie, dessen Stimme über Blues-Harmonien zwischen Entrüstung und Änderungswillen schwankt. Darauf folgt „Free“, immer noch im Hippie-Gewand klingt sie darauf wie eine etwas naive Joni Mitchell, bevor sie in der reduzierten Instrumentierung des deutschsprachigen „Ich will nur“ immer wieder knapp an der Silbermond-Deutschpop-Falle vorbeirauscht. Richtig stark ist sie dann als weiblicher Conor Oberst in „On the Road“ und im folkigen Country-Song „Wondrous Soul“ zur Kontrabassbegleitung. Wenn sie nun im kommenden Jahr beginnt, an ihrem ersten Album zu arbeiten, wird es spannend, welches Kostüm sie darauf für ihre Musik wählt. Denn wenn sie dieses noch ein wenig eindeutiger wird, hat sie vermutlich wirklich gute Chancen, mit der Musik ihr Leben zu bestreiten.  

Stil: Songwriter-Pop

Besetzung: Ella Josaline Kern

Aus: München

Seit: 2014

Internet: www.ellajosaline.com

Rita Argauer
Foto: Fabian Winkler

Band der Woche: Sara Lugo

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Sara Lugo begann als Backround-Sängerin bei Jamaram, der Band ihres großen Bruders. Mit einer sympathischen Leichtigkeit startet sie nun ihre professionelle Solokarriere. Sie erfindet den Reggae-Pop zwar nicht neu, aber trotzdem ist leicht glimmende Sommer-Musik und Saras unbefangene Art hebt sie von der Masse der Popsternchen ab.

Es gibt sympathische Wege zum Erfolg. Und es gibt Karrieren, bei denen der Künstler am laufenden Band damit beschäftigt ist, seinen Ehrgeiz und seinen Erfolgswillen zu rechtfertigen oder zu vertuschen. Die Münchner Band Cosby erfährt das etwa gerade. Da haben sie nun endlich ein Album, die Musik läuft in der Werbung, Mainstream-Pop vom Feinsten, aber alles in Eigenregie produziert – aber in der Szene werden Stimmen immer lauter werden, denen die Karriere der Münchner allzu gemacht erscheint. Anders die Münchner Reggae-Sängerin Sara Lugo (Foto: Max Alberti). Ganz unerwartet erhöhten sich die Klick-Zahlen auf ihren Youtube-Kanal, mittlerweile haben einzelne Videos die Millionen-Grenze überschritten. Und die Künstlerin hat damit ein Niveau wie die österreichische Band Wanda erreicht, dem Überraschungserfolg des vergangenen Jahres. Umso ungeplanter wirkt die Karriere von Sara, die ihre ersten Band-Erfahrungen als Background-Sängerin bei Jamaram, der Band ihres großen Bruders sammelte. Sie ließ sich anschließend Zeit für ihr erstes Album und hat nun mit „Hit me with Music“, ihrem zweiten Album, den großen Bruder auf der Erfolgsskala überholte und ist ganz ohne großes Aufsehen zur Berufsmusikerin geworden ist.

Welche Pläne sie neben der Musik habe? „Keine“, sagt sie, ihren Job in einem Kindergarten in München-Laim hat sie für die Musik aufgegeben. Denn sie möchte touren, neue Lieder schreiben. Sara hat eine seltsame Art der Unbefangenheit, die sie von den Popsternchen abhebt: „Ich möchte alle Länder dieser Welt bereisen und meine Musik mit so vielen Menschen wie möglich teilen.“ Es ginge ihr nicht darum, berühmt zu sein, sie will die Leute berühren, ihre „Herzen öffnen, ihnen Liebe und Kraft geben“. Ein bisschen klingt das nach christlichen Jugendgruppen und wirkt im überdrehten Pop-Biz über alle Maßen fremd. Und dennoch funktioniert die Musik von Sara Lugo auf einem internationalen Niveau, von dem manch anderer Münchner Künstler nur träumen kann. Sie spielt demnächst eine Frankreich-Tour, die schon fast ausverkauft ist, in Hallen, die jeweils um die 1000 Menschen fassen. Im Oktober tritt sie als Headliner in Costa Rica auf, das Video zur Single „Really Like You“ hat sie in Kingston auf Jamaika gedreht. Und dennoch wirkt sie so gar nicht wie ein ehrgeiziger Pop-Star, sie nimmt den Erfolg ehrlich erfreut, aber auch stoisch genügsam an.

Diese Unbefangenheit findet sich auch in ihrer Musik. Sie will nicht viel damit: Ihr Reggae-Pop ist weder wirklich innovativ, noch versucht sie gerade angesagte musikalische Stile mit einzubauen. Das Album „Hit Me With Music“ ist zwar ein wenig poppiger geraten als der Vorgänger. Es bleibt trotzdem leicht glimmende Sommer-Musik mit Off-Beat-Gitarren, sanftem Rhythmus und ihrer weichen Stimme, die ebenfalls nicht spektakulär ist, mit der Sara aber gelernt hat umzugehen.

Man hört ihr den Gesangsunterricht an. Und man hört ihr an, dass die Leichtigkeit ihrer Musik ziemlich genau geplant ist. Denn sie ist gut eingebettet in ihrer Szene. So arbeitet sie schon seit Jahren dem Produzenten Umberto Echo zusammen: „Was ich an Umberto Echo besonders schätze ist, dass er mir meine künstlerische Freiheit lässt. Ich darf machen, was ich möchte, was ich fühle.“ Für die Live-Umsetzung des Albums hat sie zwei verschiedene Aufstellungen: eine gut besetzte Band, die sie Next Generation Family nennt, und die französische Musikerin Supa Mana als DJ. Je nachdem, in welchem Kontext sie spielt, gibt es Live-Sounds oder eine Turntable-Version. Und dazwischen steht Sara Lugo als ein bisschen von sich selbst überraschter Friedensengel, der der Pop-Welt gerade ein lang nicht mehr gesehenes Gutmenschentum zurückgibt.  

Stil: Reggae-Pop

Besetzung: Sara Lugo (Gesang, Songwriting), live entweder mit Band oder DJ

Aus: München

Seit: 2011

Internet: www.sara-lugo.com

Rita Argauer

Foto: Max Alberti

Band der Woche

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Seit drei Jahren ist Musiker Kris Karsai jetzt mit seiner Band The Black Bars in den Münchner Clubs unterwegs. Und am Samstag, den 16.5., sind sie auf dem Streetlife-Festival zu sehen. 

Kris Karsai hat keine Angst vor den vermeintlichen Tabus der Pop-Welt: Da dürfen Schwäne durch sein Musikvideo um ein verliebtes Paar herumschwirren, da dürfen Gesten beim Singen benutzt werden, die man zuletzt Ende der Neunzigerjahre gesehen hat. Und da darf ganz offen erklärt werden, dass man die Musik liebt und genau und nur deshalb Musik macht. Viel zu verletzlich, viel zu uncool für Elektro-Clubs und Urban-Outfitters ist diese Haltung. Und gleichzeitig inszeniert sich der Münchner Sänger zu wenig spektakulär, um auf die gleiche Stufe zu kommen wie etwa Wanda, diese abgründige österreichische Neuauflage der Spider Murphy Gang oder der Hipster-Schlagersänger Dagobert. Doch zusammen mit seiner Backing-Band The Black Bars (Foto: Moritz Korsch) macht Kris Karsai Musik, die sich auch wunderbar auf der „Bravo-Hits 1998“ gemacht hätte, und die dennoch funktioniert.
Kris hat einen natürlichen Flow, in dem er Worte auf Melodien legt. Das ist eine schöne Grundvoraussetzung. Dazu hat er ein Timbre, das zwar aus dem Soul kommt, er aber seine Stimme nicht in die Fülle presst, sondern ihr eine gelassene Haltung verpasst: Eine hauchige Kopfstimme, eine kratzige Bruststimme, die nicht viel will und ganz im Reinen mit sich wirkt. Und so spielte er sich mit deutschsprachigen Liedern durch sämtliche Clubs Münchens, seit drei Jahren wird er nun von seiner Band dabei unterstützt. Derzeit hält er sich mit seiner EP „Start Stop Repeat“ immer noch im musikalischen Underground Münchens auf, trat etwa im Import-Export oder in der Glockenbachwerkstatt auf. Doch die kommerziellen Radio-Sender strecken mittlerweile ihre Finger nach dieser Musik aus. So erklärte Energy die Musik im vergangenen Jahr zur urbanen Neuauflage von Selig, nun treten sie am Samstag, 16. Mai, auf der Charivari-Bühne auf dem Münchner Streetlife-Festival auf. Und das ist die Welt, in der Karsai funktionieren dürfte – eben gerade, weil er sich weder einer Hipster-Inszenierung unterwirft, noch besonders komplizierte Musik machen will. Doch er will Musik machen, eher noch, als berühmt zu werden. Deshalb gelingt ihm auch dieser zugängliche Mainstream-Pop, der aber weder in die Beliebigkeit, noch in die Eitelkeit kippt.  

Rita Argauer

Foto: Moritz Korsch

Stil: Soul-Pop
Besetzung: Kris Karsai (Gesang), Clemens Becker (Bass), Sebastian Böhme (Gitarre), Philipp Cording (Keyboards), Nick Hermann (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2012
Internet: www.kriskarsai.de