Musikalische Fundgrube

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“Das  heftigste Festival, das  Minga je gesehen hat. 18000 Bands an einem Tag ins G’sicht.” Sagt Rainer Gärtner, Sänger von “Impala Ray”. Natürlich übertreibt er ein bisschen. Aber im 15-Minuten-Takt zeigt sich beim Sound Of Munich Now, wie spannend die junge Bandszene der Stadt ist (Fotos: Käthe deKoe).

Von Theresa Parstorfer

Es hätte auch regnen können. Dann wären die Gesichter der Wartenden in der Schlange vor dem Feierwerk mit Sicherheit weniger entspannt, weniger gut gelaunt. Es hätte auch zehn Grad kälter sein können, schließlich ist schon November. Aber die Luft ist angenehm, irgendwo zwischen Herbstfrische und Spätsommerbrise. Es ist 17.45 Uhr, Samstagabend, die Türen zur Hansa 39 sind noch nicht einmal geöffnet, aber die Menschenschlange reicht schon fast bis zur Straße.

Einmal im Jahr trifft sich beim Sound-Of-Munich-Now-Festival, veranstaltet vom Feierwerk und der SZ, die Münchner Musikfamilie. 21 junge Bands spielen im 15-Minuten-Takt auf zwei Bühnen in einer Halle. Hat man einmal einen guten Platz ergattert, genügt eine kleine Körperdrehung, um abwechselnd beschallt zu werden. Hüftschwung rechts, Hüftschwung links ist das Motto des Abends. Zudem ist es ratsam, einen guten Zeitplan zu haben. Denn ist man einmal draußen aus der Halle, könnte es ein wenig dauern, bis man wieder hineinkommt, sodass ein Toilettenbesuch bedeuten könnte, die Lieblingsband zu verpassen.

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„Das heftigste Festival, das Minga je gesehen hat“, begrüßt Rainer Gärtner um 22.10 Uhr das schon schwitzende, aber immer lauter jubelnde Publikum und lacht, „18 000 Bands an einem Tag ins G’sicht.“ Als seine Band Impala Ray, die sich in diesem Sommer durch die beliebtesten Open-Air-Festivals Bayerns gespielt hat, auf die Bühne kommt, wird niemand mehr in die Halle gelassen, ob Bändchen oder nicht. Einlassstopp. Ein wenig gegrummelt wird da vor der Tür schon, von denen, die die lebensfrohen, bunten Folk-Klänge von Tuba, Hackbrett und Banjo nun lediglich von der Vorhalle aus hören können.

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Aber es gibt noch so viel mehr zu entdecken auf diesem Festival. Etwa bei der Electronica-Nacht und beim Show-Case von Alpinerecords am Freitag. Am Samstag treten in den beiden benachbarten Hallen weitere zehn Bands auf. Die beiden Münchner Plattenfirmen „Redwinetunes“ und „Gutfeeling Records“ stellen „handverlesene Acts“ vor. So kann im Orangehouse gleich zu Anfang ein bisschen geschwelgt werden, als Paul Kowol mit seiner Gitarre, einem schmachtenden Hundeblick und einer Stimme, die an Jesper Munk erinnert, süß-melancholische Liebeslieder singt.

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20.45 Uhr, die Schlange der Wartenden vor der Halle wird immer länger. Viele der Menschen, die vor dem Feierwerk warten, sind zum ersten Mal dort, kennen auch keine der Bands, aber harren aus. „Eine halbe Stunde“, sagen zwei junge Frauen aus Aachen, die für ein Wochenende zu Besuch sind – der Ruf des Festivals eilt schon über die Grenzen der bayerischen Hauptstadt hinaus. „Eine halbe Ewigkeit“, wartet hingegen eine Gruppe junger Männer, die schon öfter hier waren, und sich heute wieder von der Münchner Bandvielfalt überraschen lassen wollen. Dafür müssen sie geduldig sein.

Auf einmal ist es aber gar nicht mehr so schlimm, in der Schlange zu stehen, denn plötzlich gibt es auch hier Musik. Les Millionnaires, die das Festival und das Publikumsinteresse kennen, nutzen die Situation für ein Spontankonzert im Freien. Gut, dass Christian Höck und Fredo Ramone nicht mehr unter ihrem alten Bandnamen Phonoboy unterwegs sind, denn streng genommen darf jede Band nur einmal bei „Sound Of Munich Now“ auftreten, und mit Phonoboy waren sie schon vor zwei Jahren dabei – damals in der Halle.

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Jakob Arnu, Philip-Maximilian Meier und Pia Kreissl von Swallow Tailed empfinden es „schon als Ehre, heute spielen zu dürfen“. Schließlich ist das „so ein bisschen die Münchner Musik-Elite, die sich heute hier trifft. Und zu wissen, dass man da dazugezählt wird, ist schön“, sagt Jakob. Auch Lukasz Kolny, Bassist von Chinese Silk and Videotape, freut sich total, hier zu sein. Seine Band wartet schon seit ein paar Jahren auf eine Einladung – und auch wenn sie dieses Jahr sehr kurzfristig eingesprungen sind, versetzen sie um 22.40 Uhr 500 Zuhörer mit den drei Songs, die sie zum Besten geben, in einen elektronischen Indie-Rausch. Das ist eine weitere Folge des strikten Zeitplans: Jede Band hat 15 Minuten, in die kann gepackt werden, was an Liedern reingeht.  Drei bis vier Songs, das ist der Mittelwert.

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Lost Name aka Andreas Langhammer entscheidet sich hingegen für nur zwei Lieder. Das macht auch Sinn, denn seine Musik lebt von den unzähligen Loops, die er strumpfsockig bedient, während er gleichzeitig sehnsuchtsvolle Melodien auf der Gitarre zupft. Seine Musik ist ein bisschen wie wenn der Wind durch buntes Herbstlaub fährt, wie ein Sich-fallen-Lassen in süße oder auch schmerzhafte Erinnerungen. Dann heißt es aber auch schon wieder Hüftschwung rechts, denn auf der großen Bühne hat AMI bereits die Gitarre umgeschnallt. Sie ist derzeit „mit Sicherheit eine der aufregendsten jungen Künstlerinnen in München“, sagt SZ-Moderator Michael Bremmer. Als die junge Amira Warning, unterstützt von ihrem Vater, dem Reggae-Musiker Wally Warning, ihre rauchige Stimme erklingen lässt, ist ihr die Aufmerksamkeit in der ganzen Halle gewiss – und nach ihren vier Songs tobt das Publikum. 

Hüftschwung links: Eine weitere Neuentdeckung steht auf der kleinen Bühne in den Startlöchern. Ella Josaline ist 16 Jahre alt. In zwei Wochen wird ihre erste Platte veröffentlicht, nachdem Musikmanager Gerald Huber vor einem Jahr ein Video von ihr bei Youtube gesehen hat. Ihre verträumte, aber durchaus mitreißende Folk-Musik steht in starkem Kontrast zu den wahrscheinlich experimentellsten Künstlern des Abends: Nalan 381. Improvisierter, sirenenhaft-klagender Gesang auf teilweise gar nicht mehr an Musik erinnernden Geräuschen. Aber gerade diese Mischung schätzt das Publikum, niemand verlässt die Halle. Auch das ist „Sound Of Munich Now“: im 15 Minuten-Takt Einblicke in fremde Musikwelten erhalten.

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Neugierig geworden treibt es einige Zuschauer nach den Auftritten zum Merchandise-Stand neben der Bar. Zwei Damen begutachten den Musik-Sampler des diesjährigen Festivals. „Wer war das ganz junge, blonde Mädchen?“ Ja, das war Ella Joseline. Von ihr und AMI, von Timothy Auld, der um 22.40 Uhr eine locker-coole Show zwischen R ’n’ B, Pop und Hip-Hop abliefert, und von vielen anderen der an diesem Abend zu bestaunenden Bands wird noch zu hören sein. „Sound Of Munich Now“ bietet nicht nur einen Schnelldurchlauf durch alle derzeit möglichen Musikrichtungen, sondern ist Fundgrube und Aussichtsplattform zugleich – und dafür lohnt es sich sogar, eine kleine, halbe Ewigkeit in einer Warteschlange zu verbringen. Vor allem, wenn die Herbstnacht so mild ist.

Von Freitag bis Freitag München – Unterwegs mit Jenny

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Jenny verbringt eine wunderschöne Woche in Münchnen. Eine Woche, die mit dem Sound of Munich Now im Feierwerk beginnt, kann ja gar nicht schlecht werden. Stellt euch ein, auf sieben Tage Tanzen, Wodka auf Eis schlürfen, den Geruch des Herbstes genießen und sich Gedanken über ein gerechteres Wirtschaftssystem machen. Wenn da nicht noch ein kleines Problem wäre! 

Ich sitze hier und bin verzweifelt. Fenster auf, Fenster zu, Heizung, an Heizung aus. Ich schaffe es nicht! Ich schaffe es nicht, eine angenehme Raumtemperatur herzustellen. Zum Einzug hat man mir so ein Heftchen in die Hand gedrückt, in dem Tipps zum perfekten Heiz-Lüftungs-Verhältnis stehen, und mich dabei strengstens ermahnt diese Anleitung durchzulesen. Ich glaube, jetzt ist es an der Zeit, diese elterliche Ermahnung ernst zu nehmen! Aber nicht sofort, meine Nerven liegen eh schon blank. Das schreit nach Abwechslung! 

Also raus aus der Wohnung, rein in die kalte Herbstnacht – es ist Freitag! Heute beginnt das Sound of Munich Now Festival – ich freu mich! Und kalt wird es im Feierwerk bestimmt auch nicht. Heute wird getanzt von 20 Uhr ab bis in den die frühen Morgenstunden.

Den Samstag verschlafe ich größtenteils, aber das ist nicht so schlimm. Heute spielen The Marble Man und Nalan381, zwei meiner persönlichen Höhepunkte des SMON 2015. Dazu kommen Impala Ray, The King of Cons, dAS bAND…puuh! Gestern war schon ein grandioser Abend. Heute wird es noch besser.

Sonntag! Sonntag ist mein absoluter Lieblingstag. Und nach so einem herrlichen Wochenende ziehe ich ohne einen kleinen Funken schlechten Gewissens meine Bettdecke bis über beide Ohren und mache es mir nochmal so richtig gemütlich. Nachmittags schreit mein Kopf dann doch noch nach ein bisschen frischer Luft. Neu für mich entdeckt habe ich den Park und die Gewächshäuser im Botanischen Garten in Nymphenburg. Da bekommt man den richtig guten Sauerstoff, und das von wahren Exoten der Pflanzenwelt. Im Park dann bitte einmal ganz tief einatmen, denn der Herbst riecht ganz wunderbar.

Montage sind kritisch. Montage mag ich genauso wenig wie Garfield. Deswegen versuche ich immer, etwas Besonders zum Wochenanfang zu planen. Ich schwenke die Friedensfahne. Das Heizproblem habe ich allerdings noch immer nicht gelöst und zugegeben, die Infobroschüre auch noch nicht gelesen. Ich nehme es mir fest vor. Jetzt treibt es mich erst mal ins Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung. Mal schauen, wie die Raumtemperatur dort so ist. Vielleicht bekommen die den Ausgleich zwischen stickiger Heizungswärme und Frischluft ja besser hin. Die Ausstellung heißt GENESIS, der Künstler Sabastiaõ Salgado. Seine Bilder sind in Schwarz-Weiß und trotzdem wahnsinnig aufregend.

Panisch stopfe ich in all meine Hand-und Jackentaschen Tempopackungen. Keinesfalls möchte ich zu den nervigen Personen gehören, die immer und immer wieder ihre Nasen am Laufen hindern, indem sie beherzt alles wieder hochziehen, was ihnen davonzulaufen droht. Dieses Schicksal abgewendet, starte ich bester Laune in den Dienstag. Nach einem leckeren Mittagessen in der Waldmeisterei hebt sich die Laune noch etwas mehr. Abends lande ich im Impact Hub Munich. Es ist ein Mitmachabend und das Thema ist Gemeinwohl-Ökonomie Bayern. Klingt trocken, ist es aber nicht. Ein gerechteres Wirtschaftssystem – wie kann man sich das vorstellen, und kann das funktionieren?

Noch vor einiger Zeit, habe ich mir keine Gedanken über einen Mittwochabend gemacht. Mittwoch? Atomic, vorne links an der Bar! Aber ich habe Trost gefunden, nicht nur im Wodka auf Eis mit Zitronensaft, sondern auch im KONG. TYP ISCHE lautet meine neue Antwort auf den Mittwoch.. manchmal auch MIAO, wenn die Nostalgie zuschlägt.

Weil der Mittwoch immer vor dem Donnerstag kommt, ist der Donnerstagmorgen auch immer etwas zäh. Aber als ich heute aufwache, stimmt zumindest mal die Temperatur in meiner Wohnung. Der Trick ist, die Heizung anzulassen, immer, aber auf niedriger Stufe, und dann zwischendurch so richtig stoßzulüften. Das werde ich ab sofort und konsequent so beibehalten. Mit diesem Erfolgserlebnis in der Tasche mache ich mich abends auf den Weg ins Import Export. Dort ist Verlass auf hervorragende Abwechslung zum sonstigen Münchner Programm, wie auch der heutige Abend wieder mal beweist! Ich freue mich auf OPA!, eine St. Petersburger Live-Kapelle, also wenn es da nicht rund geht, dann weiß ich auch nicht.

Und schon klopft der Freitag an die Tür meiner nun perfekt beheizten und belüfteten Wohnung. Schlawaffenland soll in Bildern die extremen Kontraste zwischen den Tragödien der Flüchtlingskrise und der davon scheinbar unbeirrten Konsum-und Feiergesellschaft darstellen. Heute startet die Austellung mit einer Vernissage. Die Erlöse gehen an den Bayerischen Flüchtlingsrat. Und die Ausstellung ist im Westend, das heißt ganz in der Nähe meiner kleinen, jetzt gelegentlich stoßdurchlüfteten, Wohnung!

Von Freitag bis Freitag München – Unterwegs mit Theresa

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Im Supermarkt steht schon der Lebkuchen. Theresa bekämpft die Angst vor dem Winter mit sonniger Musik von Impala Ray bei Munich Rocks, heißen Schockern beim Fantasy Filmfestival und würzigem indischen Tee. Vorsichtshalber deckt sie sich aber am Mädelsflohmarkt im Feierwerk auch schon mit wärmerer Kleidung ein.

Als mir am vergangenen Wochenende am Abendessenstisch von
meiner Mutter und meiner Schwester berichtet wird, dass es im Supermarkt schon
Lebkuchen und Spekulatius zu kaufen gibt, fällt mir spontan die Kinnlade runter
– und die frisch geerntete Tomate aus dem Garten. Das muss ein Scherz sein.
Aber nein, auch meine Wetterapp kündigt für die kommende Woche rund 10 Grad
weniger an als noch die letzten Tage. Und das, wo ich gerade angefangen habe,
mich ans Schwitzen zu gewöhnen und meine blassen Schultern auch endlich so
etwas wie Bikinistreifen aufweisen – zwar noch lange nicht in dem Ausmaß wie die
meiner gerade mit der Schule fertig gewordenen und nur noch im Garten oder an heimischen
Seen anzutreffenden kleinen Schwester, aber doch nicht mehr abzustreiten.
Eigentlich wollte ich an denen noch arbeiten, aber gut …

Ich werde meine Laune ganz bestimmt nicht von denen des
Wetters abhängig machen. Deshalb packe ich am Freitag meinen Regenschirm ein
und mache mich auf den Weg ins Cinemaxx am Isartor. Dort wird derzeit das
Fantasy Filmfestival gefeiert. Heute bin ich mutig und schaue mir „Nina
Forever“
an. Eine britische Komödie über eine tote Exfreundin, die die neue Beziehung
ihres noch lebenden Freundes sabotiert. Mit viel Blut und schwarzem Humor. Bin
mir zwar, um ganz ehrlich zu sein, nicht ganz sicher, ob das der richtige Film
für mich kleines Alptraum-Opfer ist, aber vielleicht findet sich ja noch
jemand, der mich danach in den Schlaf kuschelt.

Letzteres funktioniert leider nicht ganz so wie ich mir das
vorgestellt hatte. Deshalb muss ich mich am Samstag  erst einmal von den ganzen Schockern und
Ex-Freundin-Geistern erholen und mir etwas Gutes tun. Und wie könnte das besser
gehen als beim Shoppen? Heute muss ich mich dafür nicht einmal wirklich
schämen, denn auf dem Mädelsflohmarkt im Feierwerk tue ich nicht nur den Verkäuferinnen einen Gefallen, die ihre alten
Klamotten loswerden wollen, nein, ich trage auch nicht zum
Massenproduktionswahnsinn bei, sondern finde ein paar tolle Teile aus zweiter
Hand. Fühle mich super hipster.
Ich muss niemandem, der schon einmal Shoppen war, noch dazu auf einem Flohmarkt,
erklären, dass es sich dabei um Hochleistungssport handelt, weshalb ich mich
nach diesem Tagesprogramm nur noch auf ein Date mit der Couch einlasse.

Den Sonntag lasse ich langsam angehen. Zuerst spiele ich
Taxi und hole meinen leiblichen Vater und seine Familie vom Flughafen ab. Sechs
Wochen Indien. Regen hatten die da dank Monsun genug, tiefenentspannt sind sie
aber trotzdem. Vor allem meine kleine Schwester, die nach Lust und Laune
fernschauen und Süßigkeiten essen durfte, bei den indischen Großeltern. Gott
sei Dank bin ich alt genug, um darauf nicht neidisch sein zu müssen, und freue
mich stattdessen über meine nun wieder aufgefüllten Cashewnuss-Vorräte.
Am Nachmittag muss ich dann aber erst einmal Platz in meinem Kleiderschrank
schaffen für die neuen Klamotten, die ich gestern gekauft habe.
Schrank-Aufräumen ist sowieso Spitze, fast wie Shoppen, denn dabei finde ich
immer die interessantesten Dinge. Wow, das blaue Trägerkleid hatte ich schon
fast vergessen. Oder den alten oversize-Snoopy-Pulli von meiner Mama aus New
York, voll retro! Der wird heute Abend gleich eingepackt, wenn es zum
vielleicht letzten Mal dieses Jahr zum Open-Air-Kino am Olympiasee geht. Sommer
Ade mit einem Coming-of-Age-Film, aber wenigstens in der englischen
Originalfassung. „Paper Towns“ erzählt von junger Liebe und kleinen Rätseln und
ja, ich habe Taschentücher dabei.

Am Montag muss ich zum Ausgleich aber unbedingt wieder etwas
intellektuell Anspruchsvolles machen und auch wenn sich die Sonne wieder ein
wenig häufiger zeigt, radle ich zum Haus der Kunst zur Ausstellung „Geniale
Dilletanten“.
 Der Titel ist absichtlich falsch geschrieben, lasse ich mir erklären, denn es
geht um jugendliche Rebellion in den 80er Jahren, um Einstürzende Neubauten und
Freiwillige Selbstkontrolle. Ich kontrolliere mich heute Abend auch selbst,
besprühe ausnahmsweise mal keine U-Bahn, sondern informiere mich total spießig und
total freiwillig über Master-Studiengänge und lerne zum krönenden Abschluss sogar
noch für meinen bald anstehenden TOEFL-Test.

Am Dienstag geht es dann weiter mit dem kreativen Input,
dann muss ich nicht über den unmittelbaren Ernst des Lebens nachdenken oder gar
über die in manchen Schaufenstern schon ausgestellten Winterkollektionen. Im
ImportExport in der Dachauerstraße lasse ich mich bei der Rationalversammlung inspirieren,
von Texten mir Herz, Verstand und Witz. Wer weiß, vielleicht schreibe ich
morgen ja endlich meinen Roman fertig. 

Nein, Mist, am Mittwoch muss ich schmachten, denn Jesper
Munk
spielt im Milla beim Abschlusskonzert der aktuellen BR-Startrampe und auch
wenn mein Geldbeutel seit Samstag viel zu leer ist, muss ich da hin. Ich muss. 

Am Donnerstag habe ich viel vor, deshalb sammle ich tagsüber
Kraft bei einer Tasse indischem Chai und starte um 19 Uhr bei der Vernissage von Birgit Wolfram. Es geht um die
Wirkungen und Möglichkeiten einer möglichst exakten Umsetzung der
Darstellungsweise von Fotografie und Malerei.
Dann will ich aber auch noch Musik. Und weil mir gestern aufgefallen ist, wie
gern ich im Milla bin, trotz des schrägen Bodens und des dadurch verursachten Muskelkaters
heute Morgen, fahre ich im Anschluss an die Kunst wieder in die Holzstraße,
denn da spielen Famous Naked Gipsy Circus, The Black Submarines und die
Cassettes. Das Ganze findet über die neue Plattform „Young Bands of Munich“ statt,
die Richard Mahlke, Sänger von den Cassettes zusammen mit Mira Mann vom Milla
organisiert hat. Aufstrebenden Münchner Bands sollen dadurch Auftritte ermöglicht
werden.
Ich bin allerdings ein wenig unruhig,
weil gleichzeitig im Ampere Munich Rocks stattfindet und dort spielt bei freiem
Eintritt Impala Ray. Neuer Sommerhit-Liebling, passt perfekt zu meinem Vorsatz,
den Herbst noch ein bisschen wegzutanzen. Spekulatius werde ich noch früh genug
gemütlich in eine Decke vorm Kamin gewickelt essen können. 

Am Freitag bin ich von all dem Getanze und der Angst vor dem
Winter allerdings auch ein wenig erschöpft und da erinnere ich mich daran, wie
mein Papa am Sonntag vom Nichtstun am Strand unter Palmen erzählt hat. Das
klingt interessanterweise auf einmal sehr, sehr vernünftig. Einfach mal nichts
tun. Ich packe meine Yoga-Matte ein und geselle mich zum Nadism Slow Mob im
alten Botanischen Garten
. Bewusstes Nichts-tun. Das ist echt abgefahren und sollte öfter gemacht werden.
Dann vergeht die Zeit nämlich auf einmal unglaublich langsam und die Lebkuchen
rücken wieder in angenehm weite Ferne.

Theresa Parstorfer

Foto: Tobias M Kraft

Gesucht wird: Unsere Band des Jahres 2014

Die Band der Woche gibt Orientierung – welche Bands in München auffallen, von welchen Bands man in Zukunft garantiert hören wird. Wir gehen jetzt noch einen Schritt weiter. Wir haben 10 Bands der Woche ausgewählt und ins Rennen geschickt zur Wahl der Band des Jahres. Die Abstimmung läuft bis zum 15. Januar.

Wenn man kein Schlagwort finden kann, dann wird halt auf die Vielfalt gesetzt. Münchens Musikszene ist ein Kaleidoskop, ein Potpourri, das nicht festgelegt werden kann und will. Woche für Woche suchen wir aus dieser musikalischen Wundertüte Bands aus, die in der Rubrik „Band der Woche“ auf der Junge-Leute-Seite der Süddeutschen Zeitung vorgestellt werden. Dass sich das alles keiner einheitlichen Bewegung zuordnen lässt, nimmt der Szene wohl auf den ersten Blick die Zugkraft; das hat aber auch etwas Gutes. Immerhin hat der Melting Pot der Münchner Popszene 2014 einige Künstler hervorgebracht, die aus den verschiedenen Einflüssen, die dort herumgeistern, zum Teil ganz eigene und ganz neue Musik zusammengekleistert haben.

Etwa Martin Brugger alias Occupanther: der Jazz-Bassist und früherer Musiker bei This is the Arrival hat aus Elektro, Indie und Post-Dubstep eine Variante elektronischer Musik geschaffen, die weit entfernt ist vom stumpfen Minimal manch Technoclubs und die die Beats vielfältig und ideenreich klingen lässt. Neben Occupanther stehen nun 13 weitere Künstler zur Wahl der Band des Jahres: Etwa die beiden Trip-Hop, Hip-Hop und Dub-Step-Verquirler Akere und Luko. Oder die grundverschiedenen Annäherungen an Sprechgesang von Taiga Trece (klassischer Hip-Hop-Flow mit deutsch-spanischen Texten) und Katrin Sofie F. und der Däne (eine Spoken-Word Variante zwischen Poesie und minimalem Groove). Und während das Duo Baal Techno mit dem Pathos der Klassik versetzt, rumpeln diverse Gitarrenbands durch die Stadt: Jugendlicher Garage-Punk im Sinne der Black Lips gibt es von den Night ShirtsMarathonmann hingegen verabreichen mit verzerrten Gitarren dem Hardcore Popappeal, was ihnen 2014 einen Einstieg in die deutschen Charts verschaffte; etwas das der Band Cosby mit ihrem kommenden Album vermutlich auch gelingen könnte. Immerhin schrauben die in fröhlicher DIY-Manier astreinen Mainstream-Pop zusammen. Imapala Ray hingegen vermischt klassischen Indie-Sound mit Einflüssen der Weltmusik aus der bayerischen Heimat.

Dass also nicht auf die eine Szene gehört wird, der alle angehören wollen, sorgt für diese Vermischungen. In diesem Jahr ist das besonders gut geglückt, weil sich eben nicht nur Bands verschiedener Stilistik in München finden, sondern viele Künstler aus den verschiedenen, um sie herum kreisenden Stilen und Genres eben tatsächlich fast Ungehörtes schaffen. Im gewissen Sinne hat sich in München also eine Gegenbewegung zum Retro-Trend gebildet. Rita Argauer

Hier geht es zu unserer Wahl zur Band des Jahres – bitte dem Link folgen:

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Die Lyrik in den Lyrics

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31 Bands haben am vergangenen Samstag beim „Sound of Munich now“-Festival der SZ ihre Songs präsentiert. Verena Simon, 24, hat ganz genau zugehört und sich einige Bands ausgeguckt. Dabei arbeitet sie nicht etwa für ein Plattenlabel – sie ist Literaturbloggerin. Und für ihr neues Projekt „sound so“ auf der Suche nach Bands mit besonders mitreißenden Songtexten.

SZ: Wie gut kennst du dich in der Münchner Musikszene aus?
Verena Simon: Ich bin privat viel auf Konzerten, weil ich die Musik einfach in meinem Leben brauche. Schon immer. Aber was die Kontakte zu den Münchner Bands angeht, die knüpfe ich erst seit ein paar Monaten. Ein paar der Bands, die beim „Sound of Munich now“ gespielt haben, habe ich vorher schon gehört. Aber eigentlich wollte ich völlig unvoreingenommen auf das Festival gehen und mich einfach umhören.

Welche Eindrücke konntest du dann beim „Sound of Munich now“-Festival sammeln?
Die Vielfalt des Programms hat mir total gut gefallen, vor allem weil ich sie auf jeder Bühne finden konnte; egal ob ich in der Hansa 39, in der Kranhalle oder im Orangehouse war. Ich habe mir vor dem Festival Musiker aufgeschrieben, die ich für meine neue Kategorie „sound so“ im Blick habe – 50/50 zum Beispiel -, bin aber auch auf weitere aufmerksam geworden – Julian Heidenreich beispielsweise. Das „Bandroulette" in der Hansa 39 fand ich toll, obwohl ich manchmal auch gerne länger gelauscht hätte. Aber das konnte ich ja dann bei den anderen Bühnen. Das „Sound of Munich now“ hat auf jeden Fall deutlich gezeigt, was München musikalisch so drauf hat und mich darin bestätigt, dass die lokalen Bands sehr interessant für mein Projekt sind und ich sie unbedingt bei „sound so“ dabei haben möchte.

Eigentlich geht es in deinem Blog schreibstation um Literatur. Wie bist du auf die Idee gekommen, ausgerechnet über Literatur zu bloggen?
Das ist eigentlich ganz einfach. Ich war während des Bachelorstudiums freie Journalistin im Kulturbereich. Dann bin ich für den Master in Buchwissenschaft: Verlagspraxis nach München gekommen und habe gemerkt, dass ich ein neues Format für mein Schreiben brauche. In meinem Blog kann ich so lange und so viel schreiben wie ich will. Meinen Blog schreibstation gibt es jetzt seit genau einem Jahr. Ich schreibe Rezensionen, ich berichte über Literaturveranstaltungen und über das, was mir sonst so in der Literaturwelt auffällt. Besonders interessiert es mich, eine Verbindung zwischen Literatur und anderen Künsten zu knüpfen.

Zwischen Literatur und Musik zum Beispiel?
Genau, deswegen gibt es jetzt auch die neue Kategorie, „sound so“, für die ich Musiker zu ihren Songtexten interviewe. Denn auch die sind Literatur.

Gab es einen konkreten Anstoß zu diesem Projekt?
Ich kam in einem Gespräch mit einer Freundin darauf, ziemlich banal. Wir haben uns darüber ausgetauscht, ob wir eher auf den Text oder die Melodie achten, wenn wir auf ein Konzert gehen oder Musik hören. Und ich höre, sicherlich auch wegen meines Literatur-Hintergrunds, wahnsinnig stark auf den Text. Ich habe deshalb auch schnell Songtexte auswendig im Kopf. Meine Freundin meinte dagegen, dass sie viel eher auf die Melodie hört. Da habe ich im Freundeskreis herumgefragt: Wie ist das eigentlich bei anderen? Die meisten haben in erster Linie die Melodie im Kopf – was jemand singt, geht unter. Und genau das ist die Idee, die hinter „sound so“ steckt: Der Songtext soll hier mal im Vordergrund stehen und nicht mehr nur irgendwie „so und so“ gehen, daher auch der Name der Kategorie.

Wie wird „sound so“ konkret aussehen?
Ich will Musiker interviewen, lokale, aber gerne auch internationale. Dabei frage ich zum Beispiel nach dem Schreiben der Songtexte oder danach, welche Bedeutung die Texte für die Musik haben. Es gibt ja zum Beispiel Bands, die ihre Texte nicht selbst schreiben. Das finde ich auch total spannend – wie fühlt sich der Musiker beim Singen, wenn er den Text nicht selbst verfasst hat? Außerdem hinterfrage ich einen Songtext im Gespräch dann genauer. Den schlage ich entweder vor oder die Musiker suchen ihn aus. Ich bin einfach gespannt, herauszufinden, was hinter den Texten steckt. Das ist natürlich teilweise subjektiv, Interpretationssache. Darin sehe ich auch eine starke Verbindung zur Lyrik.

Wann startet das Projekt denn?
Am vergangenen Sonntag hatte ich mein erstes Interview – mit Impala Ray. Den habe ich zum allerersten Mal im September im Atomic Cafe gehört und seine Musik hat mir so super gefallen, dass ich Impala Ray gleich auf meiner Liste hatte. Der erste Beitrag erscheint dementsprechend schon diese Woche. Andere Zusagen für Interviews, zum Beispiel mit der Band boy miez girl aus Augsburg, habe ich auch schon. Ich höre mich aber weiterhin viel um, weil „sound so“ eine langfristige Kategorie auf der schreibstation werden soll. Und dafür kommen mir Veranstaltungen wie „Sound of Munich now“ natürlich sehr gelegen.

Nach welchen Gesichtspunkten suchst du die Bands aus?
Ich suche mir gerade Bands raus, die mir gefallen, und schreibe sie einfach an. An sich ist mein Musikgeschmack sehr vielseitig, ich bin für vieles offen. Besonders gerne höre ich im Moment Folk-Pop. Bisher habe ich extrem coole Reaktionen von den Bands bekommen – ich glaube, für die Musiker hat es einen gewissen Reiz, einmal über die Hintergründe ihrer Songtexte zu sprechen. 

Sind die meisten Songtexte nicht unglaublich banal?
(lacht) Tatsächlich, ja! Das Lustige ist, es gibt beides: Wahnsinnig banale Lyrics, die aber auch unglaublich gut sein können. Und Songtexte, die sehr überlegt sind. Das ist ja auch das Spannende daran, sich mal bewusst hinzusetzen und genau herauszufinden, was die gerade singen. Vielleicht auch zu vergleichen, was man selbst in den Text hineininterpretiert und zu hinterfragen, was der Musiker eigentlich sagen will.

Interview: Katharina Hartinger

Verenas Blog schreibstation findet ihr unter https://schreibstation.wordpress.com/.

Mehr zum „Sound of Munich now"-Festival gibt es unter http://jungeleute.sueddeutsche.de/post/102187645601/klassentreffen zu lesen.

Impala Ray (Indie-Country)

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Jahr 2014, Woche: 39

Früher geisterte Rainer Gärtner unter dem Namen RainTom mit einer recht skurrilen Mischung durch Münchens Bandlandschaft. Dann tauchte irgendwann der Name Impala Ray auf. Auf dem Debütalbum der Band begleiten Hackbrett, Tuba und Schlagzeug die englischsprachigen Gitarrensongs.

In den vergangenen Jahren hat Rainer Gärtner (Foto: Christopher Wesser) sehr viel richtig gemacht. Obwohl das auf den ersten Blick alles erst einmal gar nicht zusammen passen mag. Rainer spielt Gitarre und singt, das alles recht gut. Er ist im Indie und Blues verwurzelt und hat ein schönes Gespür für eine feine Melodik. Doch dazu hat der Münchner, der ursprünglich aus dem Altmühltal kommt, einen seltsamen bayerischen Strizzi-Humor, ein bisschen g’schert mit dem Lieblingswort „gschmeidig“, das er sowohl in seinen Bühnenansagen als auch in seinem sonstigen Auftreten überfrequentiert benutzt.

Früher also geisterte Rainer unter dem Namen RainTom mit einer recht skurrilen Mischung durch Münchens Bandlandschaft. Dann tauchte irgendwann der Name Impala Ray auf. Man munkelte, dass es sich um den gleichen Musiker handeln könnte, der aber nun nicht mehr mit einem Kumpan an einem schrottigen Kinderschlagzeug (wie das noch bei RainTom der Fall war) auftrat, sondern mit einer Tuba. Man hörte von Auftritten an der Isar und von Akustik-Pop-Musik, die durch das tiefe Blechblasinstrument in schräge Tonlagen gezwungen wurde. Doch langsam entwickelte sich Impala Ray zur Band – und Rainer fand ein Konzept, das seine musikalischen Vorlieben mit seiner Heimatverbundenheit einte. Auf seinem Debütalbum begleiten also Hackbrett, Tuba und Schlagzeug die englischsprachigen Gitarrensongs.

Dabei entsteht Musik, die so stimmig US-amerikanische Country-Romantik mit bayerischer Provinzliebe verbindet, dass sich eine geografische wie musikalische Zuordnung auf angenehme Art erübrigt. Und Rainer weiß diese Mischung nicht nur musikalisch abzufangen. Denn wie das in der Popmusik der Fall ist, braucht es auch immer das richtige Image, das Rainer mit dem kleinen Wortspiel „Old Mill Valley“ ganz gut trifft. Ja, das Tal der alten Mühle könnte auch irgendwo im Mittleren Westen liegen, abgeschlagen von der Schnelllebigkeit der Großstädte und auch ein bisschen konservativ und Werte-versessen. Und auf dem Plattencover zeigt sich dann unter der englischsprachigen Variante des Altmühltals die Postkartenidylle einer Alpenlandschaft, die von einer nostalgischen Briefmarke gerahmt wird.

Und so hat Rainer auf „Old Mill Valley“, das auf dem Münchner Label redwinetunes erschien und nun mit einem Konzert am Samstag, 27. September, im Münchner Atomic Café gefeiert wird, eine eigene fiktionale Welt erschaffen. Und eine musikalische Welt, die so erreichbar und zugänglich ist wie die bayerischen Alpen – und dabei trotzdem seltsam fremd und spannend bleibt. Rita Argauer

Stil: Indie-Country
Besetzung: Rainer Gärtner (Gitarre, Gesang), Nicola Missel (Tuba), Carmen Unterhofer (Hackbrett, Gesang), Dominik Haider (Drums)
Aus: München
Seit: 2013
Internet: impalaray.tumblr.com, www.facebook.com/ImpalaRay.music

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.