Band der Woche: LVNG

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Die Band The Living nennt sich jetzt LVNG und zieht ein eindeutiges Selbstbewusstsein aus der Wandlung. Am Samstag, den 14. April werden die Münchner mit einem Konzert im Strom ihre neue EP “Kimono” veröffentlichen.

Mit den Vokalen verschwand bei der Münchner Indie-Band The Living auch die Unschuld. LVNG  nennen sie sich jetzt und eigentlich ist das nun auch eine völlig andere Band als die liebliche Indie-Pop-Folk-Band, die sich die vergangenen drei Jahre unter dem ursprünglichen Namen eine Karriere erspielte, die wirkte, wie für eine deutsche Vorabendserie geschrieben: Zwei Geschwisterpaare plus ein Gitarrist aus dem Münchner Umland spielen seit Jugendtagen zusammen; wunderschön, liebenswert und ein bisschen spießig. Ja, aber diese Unbedarftheit ist wie gesagt mit den Vokalen verschwunden.

Jetzt ist man hip, am Puls der Zeit, der Vorstadt entflohen und hoffentlich im „Kosmopolitischen“ und in den „pulsierenden Großstädten“ angekommen, wie es der Pressetext zur neuen EP „Kimono“ verspricht. Auch wenn die Idee mit den fehlenden Vokalen schon ein bisschen älter ist. Das begann bei den Hip-Hoppern vor weit mehr als zehn Jahren, die Hipster folgten wenig später. Mit der Musik von LVNG ist da im Vergleich Spannenderes passiert. Denn die wurde von Musikern der einstigen Münchner Hochglanz-Pop-Hoffnung Claire produziert. Nun ist sie kaum wiederzuerkennen. Als hätte man die Songs, die früher von sanften Keyboards, einer Akustik-Gitarre und der schon damals beeindruckend souligen Stimme von Sänger Karlo Röding getragen wurde, völlig digitalisiert. Die Klangflächen pumpen sich in Dubstep-Manier voran, als hätten sie Schluckauf, Karlos Gesang ist fragmentiert darüber gesetzt und die Backgroundstimmen wurden mittels Autotune ordentlich robotisiert. Ja, als das anfing, dass man Vokale aus Bandnamen wegließ, befand sich der Gebrauch von Effekten wie Autotune oder Vocodern gerade an der Grenze vom billigen Mainstream-Popmittel zum subversiven Underground-Sound. Denn diese digitalen Stimmwandler klangen, vor allem, wenn man sie überdosierte, schlicht ultra geschmacklos. Man hatte noch Chers späten Neunzigerjahre-Hit „Believe“ im Ohr und noch nicht genug Distanz dazu, um diesen schon wieder cool zu finden, dass es wie die ultimative Auflehnung gegen das popkulturelle Establishment erschien, solche Klänge in Underground-Produktionen zu benutzen. Seit Längerem erlebt Autotune, spätestens seit dem derzeitigen Erfolg von Haiytis Album „Montenegro Zero“, wieder eine Renaissance im Mainstream.

Ein bisschen machen also die zu LVNG umgestylten The Living den Eindruck, als würden sie all diese ehemaligen Subkultur-Codes, die es in den Mainstream geschafft haben, an sich nehmen und zu einer hyper-hippen zeitgenössischen Popästhetik verquirlen wollen. Eine solche Herangehensweise ist nicht ganz ungefährlich, zumal LVNG damit ihr einstmals größtes Gut, ihre Natürlichkeit, mit der sie sich hartnäckig beibrachten immer bessere Songs zu schreiben, verabschieden. Denn man hört der Musik, die sie als vorerst nicht im Netz verfügbare, rein physikalischen EP am Samstag, 14. April, im Münchner Strom veröffentlichen, an, dass der Style wichtiger ist als alles andere. Doch die Band zieht ein eindeutiges Selbstbewusstsein aus ihrer Wandlung, auch wenn Musik und Stil weniger die Speerspitze als das derzeit Etablierte der Popmusik sind.

Foto: Andreas Strunz

Text: Rita Argauer

Neuland: Stray Colors Album-Release

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Nach langen sechs Jahren ist es im Mai endlich soweit: Die Stray Colors veröffentlichen ihr Debüt-Album mit einem Release-Konzert in der Milla.

Vor sechs Jahren veröffentlichte die Münchner Folk und Balkan-Pop Band Stray Colors ihre erste EP. Seitdem ist viel passiert: Die Wahl zur Band des Jahres der SZ im Jahr 2012, ihr Song „Moonlight Ride“ wurde bei verschiedenen Radiosendern gespielt, aber auch Wechsel der Bandmitglieder hat es gegeben. Es sei deshalb nicht einfach gewesen, ein gutes Bandgefühl zu entwickeln. „Gerade fühlt es sich wieder richtig gut an“, sagt Sänger Rüdiger Sinn. So gut, dass nun das Debüt-Album „Atomic Bombs and Pirouettes“ entstanden ist. Am 20. Mai soll es bei einem Release-Konzert in München in der Milla veröffentlicht werden. „Wir haben im Januar beschlossen, das Album zu machen, sind im Februar ins Studio, jetzt sind wir durch. Wir hatten einen guten Drive. Den wollten wir einfangen und bewusst auf langes Rumdoktoren verzichten“, sagt Rüdiger.
Der Titel des Albums zielt auf die Ambivalenzen dieser Welt: einerseits viel Wärme, andererseits auch viel Beängstigendes. Musikalisch ist das Album ist eine Rückkehr zu den Wurzeln der Band. „Nach Jahren der Experimente erlauben wir uns, wieder schlicht und organisch zu klingen“, sagt Rüdiger.

Foto: Niklas Keller

Text: Ornella Cosenza

Band der Woche: Sunspiration

Bereits zwei Alben hat die Indie-Folkband Sunspiration veröffentlicht. Die Bandmitglieder kennen sich schon seit Kindertagen – die Songtexte stammen aus der Feder von Violetta Ditterich, der Cousine des Gitarristen Lenny Bachmeier.

Die menschliche Stimme umweht ein besonderer Mythos. Das beginnt in der Bibel, in der das “Wort” Gottes eine oberste Wahrheitsinstanz ist – und zieht sich bis in die Postmoderne, wenn der französische Philosoph Jacques Derrida den Wahrheitsanspruch beschreibt, der im gesprochenen Wort liegt, das also direkt mit dem Hirn und dem Denken verbunden ist. Auch die Popmusik gewinnt durch die Dringlichkeit, die eine Stimme mit selbstgeschriebenen Texten vermitteln kann. Funktioniert diese Ebene nicht, wirkt die Musik gleich viel unzugänglicher. Sei es bei Instrumentalmusik oder aber bei einer Sängerin oder einem Sänger ohne Charisma. Dabei geht es nicht darum, ob jemand die Töne trifft, sondern vielmehr, ob sich die Worte des Texts in Timbre und Ausdruck der Stimme so spiegeln, dass sie den Hörer treffen können.

Umso überraschend wirkt der Songwriting-Prozess der Münchner Band Sunspiration . Denn die Musik klingt äußerst dringlich, ein bisschen so wohlig melancholisch wie die BrightEyes. Jedoch brechen Sunspiration die Vereinigung zwischen Textdichter und Sänger in einer Person auf. Es textet Violetta Ditterich, die Cousine von Gitarrist, Keyboarder und Sänger Lenny Bachmeier, für die drei Musiker. Sie selbst tritt in der Band nicht in Erscheinung. Doch Lenny und seine beiden Bandkollegen – der Gitarrist und Sänger Florian Heimbuchner sowie Stefan Gackstatter am Schlagzeug – kommen mit dieser Aufgabenverteilung gut klar. Denn daraus ergebe sich auch eine ganz eigene Dynamik, erklärt Violetta: Sie schreibe ein paar Zeilen, die Musiker lassen sich davon zu Musik inspirieren – und so schreibt sich der Song mit gemeinsamen Assoziationen fort. “Dabei kommt es immer wieder zu Überraschungen. Wir entwickeln uns zusammen weiter”, sagt sie. Geschrieben habe sie schon immer gerne. Irgendwann habe ihr Cousin gefragt, ob sie nicht ein paar Strophen auf die Musik seiner Band schreiben wolle. “Die Konstellation harmoniert bisher sehr gut bei uns. Sowohl ich als auch die drei Jungs können sich frei im eigenen Bereich ausleben, bevor es dann zu einem großen Ganzen wird”, erklärt Violetta.

Angefangen, zusammen Musik zu machen, haben sie noch zu Schulzeiten, sie kennen sich seit Kindertagen. Mittlerweile versuchen sie ihr Leben auf die Musik auszurichten und haben bereits zwei Alben veröffentlicht. Darauf findet sich zweistimmiger Gesang, klirrende Keyboards, treibende Beats und anachronistische Orgeln: “Damit ist unsere Musik einerseits modern und nah am Zeitgeist dran, gleichzeitig schwingt ein Flair der Sechzigerjahre mit”, erklären sie, die ursprünglich aus Ebersberg stammen und nun in München, Leipzig und Würzburg studieren und deshalb viel Zug fahren, um weiterhin gemeinsam zu proben und Songs zu schreiben. Gezupfte Gitarren-Patterns treffen auf zum Teil fast altmodisch und ritterlich klingenden mehrstimmigen Gesang. Die Musik plätschert vor sich hin, umgarnt den Hörer, anstatt unbedingte Aufmerksamkeit zu fordern. “Am Anfang waren es bei uns eher Singer-Songwriter-Melodien, mittlerweile hat sich einiges verändert”, sagen sie. 

Doch vielleicht trägt auch der ungewöhnliche Songwriting-Prozess und Violettas Ghostwriter-Tätigkeit dazu bei, dass etwa der Song “Three Men” besonders, ja beinahe episch klingt. Denn wenn man sich drei junge Männer vorstellt, die über drei junge Männer in der dritten Person schreiben, ist das vielleicht ein bisschen seltsam. Doch in diesem Song, dessen Gitarren-Picking schließlich von noisigen Keyboards und einem konkret trabenden Beat eingeholt wird, hat man das Gefühl, einer spannenden, fremdartigen Geschichte zu lauschen. Eine Geschichte, die eben oft ein Außenstehender besser erzählen kann als der, der selbst drinsteckt. Am Montag, 12. März, spielen Sunspiration im Münchner Club Milla.

Foto: Simon Heimbuchner

Text: Rita Argauer

Band der Woche: Cat & the Kings

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Das Album von Cat & the Kings ist wunderbar ausgewogen und bekommt Tiefe und Glanz durch bedachte Details in den Arrangements. In den Songs geht es um die Höhen und Tiefen des Lebens, mit denen sich jeder konfrontiert sieht.

Es ist erstaunlich, dass es so viele Musiker gibt, die sich als Singer-Songwriter sehen und sich mit der Akustik-Gitarre begleiten – und an diesem Punkt stehen bleiben. Nicht, weil man auf Akustik-Gitarren nicht wunderbare Songs schreiben könnte. Sondern, weil es bei vielen Songwritern so wirkt, als würde die Musik dabei in einem Zwischenstatus steckenbleiben. Die Harmonien sind an der Gitarre gefunden, der Text ist melodiös darauf gesetzt. Aber eigentlich fängt ja jetzt die Arbeit erst an, aus diesem Gerüst einen Song zu bauen, die Leerstellen mit Stil und Ideen anzufüllen und dann eine wie auch immer instrumentierte Musik zu präsentieren. Es gibt talentierte Glückskinder, denen reicht Gitarre und Gesang aus, um daraus mitnehmende Musik zu machen: den Surfer-Boy Jack Johnson oder den Hipster-Waldschrat Bon Iver. Doch es gibt auch viel Songwriter-Musik, deren Potenzial in der bloßen Besetzung aus Gitarre und Stimme nicht ausgeschöpft ist und die Musik eben beliebig und gleichsam provisorisch klingt.

In dieses Gefahrenfeld begibt sich Conny Merritt nicht. Die Münchner Musikerin, die an der Berufsfachschule für Jazz und Pop lernte, weiß genau, wann ein Song trägt. Das ist auf ihrem ersten Album „The Great Unexpected“, das sie 2017 mit ihrer Band Cat & the Kings  veröffentlicht hat, deutlich hörbar. Denn Conny und der Schlagzeuger Aron Hantke, Lorenz Huber am Bass und der E-Gitarrist Sebastian Heim haben da ein wunderbar ausgewogenes Album veröffentlicht, das zunächst nach klassischer Songwriter-Musik klingt, aber Tiefe und Glanz erst durch die bedacht gesetzte Detailarbeit in den Arrangements bekommt. Hier schreiben Menschen Musik, die sich nicht mit dem Offensichtlichen – man hat ein schönes Gitarren-Riff und eine gute Melodie darauf – zufrieden geben. Das Quartett beginnt an diesem Punkt zu arbeiten: „Es ist bei uns wirklich so, dass sich die Stile mischen und etwas Neues ergeben“, erklärt Conny, als sei ihr das fast unangenehm. Doch dass sich auf diesem Album Songs finden, wie etwa der Titeltrack „The Great Unexpected“, die trotz der weichen und Jazz-geschulten Stimme von Conny, trotz der folkig dahinplätschernden Drums und des beinahe funkigen Basses, die Dringlichkeit von Grunge-Songs in sich tragen, ist bemerkenswert.

„Vieles sind Themen, mit denen sich jeder konfrontiert sieht, wie das Leben eben so ist mit seinen Höhen und Tiefen, Erkenntnissen, Enttäuschungen, Freuden und Leiden“, sagt Conny; da sie aber mit einer chronischen Krankheit lebe, hinterfrage sie zwangsläufig mehr und nehme nicht alles für selbstverständlich an. Vielleicht sind es solche Erfahrungen, die ihre Musik aus dem typischen Songwriter-Sumpf hinausheben. Vielleicht ist es aber auch nur ein besonderes Gespür für die Musik, sich eben nicht mit dem erstbesten Einfall zufrieden zu geben. So haben sich Cat & the Kings für ihr nächstes Album auch eine neue Herausforderung gesetzt: Sie wollen noch mehr in die akustische und unverstärkte Richtung gehen, etwa mit einem Kontrabass anstelle des E-Basses. Das bedeutet jedoch auch, auf so einfache musikalische Stilformer wie Sounds und Effekte zu verzichten, was es schwieriger macht, einen Song interessant zu machen. „Aber gutes Songwriting in der Tradition à la Neil Young und den Beatles mit eben den ganzen Einflüssen, die man so hat, vor allem wenn man viel Musik hört und selbst auch viele Musikstile spielt, das ist unser Ziel“, erklären sie. Es ist hochgesteckt, dürfte aber bei der Präzision, mit der die Musiker die bisherigen Songs arrangiert haben, auch spannend werden.

Foto: Julia Göltl
Text: Rita Argauer

Band der Woche: Snowfall

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Snowfall ist das
Nebenprojekt der Young Chinese Dogs. Der Sound ist dunkler, es wird mehr
Elektronik verwendet, mehr Beat und mehr Sphäre. Birte
Hanusrichter und Oliver Anders Hendriksson wollte eine ganz eigene Version der
Popmusik machen.

Es ist schon erstaunlich, was Quentin Tarantino in der Popmusik angerichtet hat. Denn fast immer, wenn jemand heute modernen Americana-Sound mit zeitgenössischem Popflair machen möchte, dann wird dieser Regisseur zum atmosphärischen Vorbild der Musik erklärt. Am liebsten von Musikern, die in Mitteleuropa aufgewachsen sind und deren persönliche Prägung dementsprechend weit entfernt ist von einer abgewrackten Südstaaten-Kneipe, in der man vom Alter von zehn Jahren an gelernt hat, Whiskey zu trinken und den Blues zu spielen. Tarantino ist in solchen Fällen als stimmungsmäßige Chiffre schon beinahe zum Genrebegriff für einen bestimmten Musikstil geworden.

Mal abgesehen von diesem etwas seltsamen Disziplinen-Übersprung, der geschieht, wenn ein solcher Regisseur zum musikalischen Vorbild erklärt wird, weil er ein gewisses Händchen dafür hat, die Stimmungen seiner Filme mit retrotrunkenen Soundtracks zu garnieren, liegt in dieser Verdrehung aber noch ein zweiter Bruch: Denn bezieht sich Popmusik auf Tarantino, liegt unter der lässigen Haltung eine unverhohlene Romantik. Aus dieser Musik, die im öfter verregneten als schwülen Deutschland entsteht, aber nach der bluesig-gedämpften Lässigkeit von New Orleans klingen soll, spricht auch immer eine Sehnsucht und die damit einhergehenden Verklärung. Denn der Alltag eines semi-professionellen Musikers in New Orleans sieht wohl ziemlich anders aus, als man sich das hier vorstellt. Die Musiker, die in Deutschland solche Musik machen, sind also letztlich so etwas wie die cinemascope-geschulten Romantiker der Postmoderne.

Bei Birte Hanusrichter und Oliver Anders Hendriksson wird dieses musikalisch gewordene Fernweh nach einer fiktiven Version der USA allerdings hochprofessionell umgesetzt. Nachdem deren in Deutschland doch recht bekannt gewordene Band Young Chinese Dogs wegen differenter privater Ziele der einzelnen Bandmitglieder zurückgefahren wurde, gründeten die beiden Snowfall. Ein Duo, das seinen Stil selbst als Pop-Noir bezeichnet. Das erinnert rein begrifflich nicht von ungefähr an den Film Noir, bedient sich also dort schon des Kinos. Den Einfluss Tarantinos lässt die Band dann als sofortige Referenz in der Selbstbeschreibung folgen. Doch Birte, die neben ihrem Dasein als Musikerin auch eine im TV-Deutschland gefragte Schauspielerin ist, kennt sich dementsprechend aus mit der Erzeugung von Atmosphären und dem fiktiven Erschaffen einer Welt, die im Idealfall für den Zuschauer, respektive Hörer zur willkommenen Alltagsflucht werden kann.

Für Birte und Oliver ist Snowfall gerade ein Herzensprojekt: „Mit Snowfall leben wir uns künstlerisch aus“, sagt Oliver. Auf „#1 Gold“, ihrer ersten EP, die am Freitag, 25. August, erscheinen wird und zuvor mit einem Konzert beim Münchner Theatron im Olympiapark am Sonntag, 20. August, auch live vorgestellt wird, beginnt das jedoch erst einmal noch mit „Oh-Oh“-Gesangslieblichkeit. Der Opener „Carry me home“ klingt dabei mehr nach etwas reduziertem Nashville-Pop als nach dem destruktiven Exzess, den Tarantino atmosphärisch unter fast alle seiner Themen zu mischen vermag. Verheißungsvoller kündigt sich da die Single „Cemetry Lovesong“ an, in der der Themenkomplex morbider Liebschaften in experimentellerer Struktur und mit einer Art folkig reduziertem Gothic-Pathos verhandelt wird. Doch erst im letzten Song „Marry Me“ entsteht aus Moll-Akkorden und einem Dur-Refrain, einem Telefoneffekt auf der Stimme, einer anachronistischen Akustik-Gitarre sowie einer verhallten fernen Orgel die atmosphärische Dichte, bei der das Kopfkino illusionsreich anspringt.

Stil: Folk/ Blues/ Pop
Besetzung:
Birte
Hanusrichter (Gesang), Oliver Anders Hendriksson (Gitarre)


Aus: München
Seit: 2016
Internet: www.listentosnowfall.com

Text: Rita Argauer

Foto:
Lennja White

Akustische Bilder

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In wenigen Tagen ist Stadt Land Rock 2017. Hier geben wir Einblicke
in die Tiefen des diesjährigen Kosmos aus Britpoppern, Traumwandlern und
Chartstürmern. Heute im Kurzportrait: Nikolaus Wolf.

Mit einem
Künstlernamen wie „Nikolaus Wolf“ kann man ja fast schon wieder ein Rebell
sein. Denn der Folk-Gitarrist Michi Rieder hat weder das Bedürfnis, sich einen
englischen, noch einen extravaganten Namen zu geben, wie es heute die meisten
Musiker und Bands machen. Nein, er benennt sich einfach nach seinem
Urgroßvater. Das hat doch Stil. Stil hat vor allem aber der Sound des Chiemgauers:
Absolut in den Sechzigerjahren geerdeter, entspannter und doch spielerisch
sowie kompositorisch anspruchsvoller Gitarrenfolk. Immer ohne Hast, immer relaxed.
Freunde des Soundtracks vom Coen-Film „Inside Llewyn Davis“ werden Nikolaus Wolf lieben. Seine EP „Roekki
Zimt“ hat er beim eigenen Label „Oimomusic“ rausgebracht und  offenbart neben dem Singen und Gitarre
spielen seine Fähigkeit, stimmungsvoll produzieren zu können. „Im Zentrum steht
bei mir immer der Klang“, erklärt Michi, den Inhalt und den Text suche er erst
ganz am Ende, wenn der Song in seiner Melodie und vor allem in seinen
„akustischen Bildern“ fest stehe. Vor allem aber ist es eine Freude, Nikolaus Wolf live zu sehen – mit seiner
erfrischender Selbstironie und Herzlichkeit ist er ein absolutes Unikat in der
Münchner Musikszene.

Das Stadt Land Rock Festival findet dieses Jahr vom 29. Juni bis
zum 1. Juli statt, täglich von 19 bis 22:30 Uhr in der Half Moon Bar auf
dem Sommertollwood. Nikolaus Wolf spielt am 29. Juni zusammen mit Jordan Prince, Chuck Winter und Klimt.


Text: Tilman Waldhier

Foto: Nikolaus Wolf

Band der Woche: Eliza

Elizas Musik erzeugt Kopfkino von Fantasy-Landschaften. Der experimentelle Alternative-Pop spielt mit Naturromantik in Game-Of-Thrones-Manier.

Manche Musik klebt nahezu an bestimmten Landschaften. Etwa Stoner-Rock. Diese schweren Gitarren, die den Blues noch kennen, aber träger sind im Rhythmus und verzerrter im Sound, die verbinden sich im Kopf so schnell mit den so vielfach dazu abgebildeten kalifornischen Wüstenlandschaften, dass man mittlerweile sogar glaubt, den Sand zu spüren, wenn man diese Musik hört. Oder eisig-blaue Gebirgsseen, irgendwo in Nordeuropa, im fahlen Licht, womöglich mit einem darüber segelnden schwarzen Raben, wer denkt da nicht an die Pathos-Opern-Metaller von Nightwish? Dass auch die Städte quasi eine Art natürliche Umgebung für die Menschen von heute sind, zeigt sich dann in Bands wie The Strokes, deren visuelles Umfeld sich assoziativ auf New Yorker Klinkerbauten samt Feuerleitern aufbaut, genauso wie The Libertines so sehr nach London verortet waren. Wenn eine solche Ort-Band-Koppelung aufgeht, erschafft die Musik unbändig für alle, die sich nicht an solchen Orten befinden, eine Sehnsucht dahin, die mit dem Hören der Musik gleichzeitig befriedigt wird; und marktorientiert gedacht, kann man keinen besseren Verkaufsgrund für ein Produkt erschaffen. Bands tun also in gewisser Hinsicht gut daran zu überlegen, an welchen Orten sie sich positionieren. 

Bei der Münchner Band Eliza ist das recht eindeutig: Sängerin Elisa Giulia Teschner steht in schwarz-rotem Spitzen-Outfit vor einem See, gesäumt von Tannen und einem etwas verhangenen Himmel – „Game of Thrones“ lässt grüßen. Und dieses groß angelegte Fantasy-Reich findet sich auch in der Musik. Eliza, wie die Band heißt, seit Gitarrist Wolfgang Stefani, Bassist Shmagi Liklikadze und Schlagzeuger Alexander Scherffig seit 2015 dabei sind, machen Musik, die vom großen Gefühl und dem Natur-Pathos à la Nightwish gar nicht so weit entfernt ist. Doch wo Nightwish eher wie ein Genre-Film funktionieren, also Musik für eine sehr eng gezirkelte Publikumsnische machen, sind Eliza eben so zugänglich wie die Serie Game of Thrones es auch für Nicht-Fantasy-Fans ist. Man hört die Akustik-Nummern, die unter den Songs liegen. Elisas Stimme ist dabei voluminös genug, das feine Gitarren-Gezupfte ihres Bandkollegen Wolfgang zu füllen. Doch die Band tut gut daran, sich auf diesem schon sehr stabilen Gerüst nicht auszuruhen. Im Gegenteil, Schlagzeuger Alexander füllt Beats und elektronisches Geblubber dazu, die Gitarre wird durch Effekte und Verzerrungen verfremdet und Elisa singt sich selbst eine zweite Stimmen dazu. Als Letzter kam Shmagi Liklikadze am Bass dazu. Er hatte die Band noch in Trio-Besetzung bei einem Konzert kennengelernt.

Es entsteht Musik, die nicht unbedingt die Popmusik neu erfinden will. Es entsteht aber auch Musik, die in Deutschland so eher selten entsteht. Und deshalb ist auch der visuelle Ort, den Eliza als Bebilderung für ihre Musik wählten, klug. Denn dieser etwas kitschige Naturbezug im Fantasy-Outfit sieht nicht nach einer deutschen Band aus. Doch es sieht auch nicht gewollt deplatziert aus. Natürlich ist die optische Verortung von Eliza mit Burgfräulein, Pathos und See ein bisschen schräg. Doch sie ist auf eine gewisse Art auch erfrischend unbefangen.

Und das spiegelt sich in der Musik: „Uns ist es, wichtig Musik zu machen, die uns selbst auch gefällt“, erklärt Elisa. Und so wird ohne Bedenken das stimmliche Timbre von Aimee Mann visuell und kompositorisch mit Einflüssen der Cardigans auf „Gran Turismo“ (auch darauf findet sich eine derartige Naturromantik) vermengt. Hinzu kommt ein gewisses Faible für die Effekt-Experimente von Massive Attack. Gerade arbeiten sie an den Aufnahmen für ihre erste EP.

Stil: Experimenteller Pop und Folk
Besetzung: Elisa Giulia Teschner (Gesang), Wolfgang Stefani (Gitarre), Shmagi Liklikadze (Bass), Alexander Scherffig (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2015
Internet: www.elizamusic.de


Text: Rita Argauer

Foto: Conny Mirbach 

Band der Woche: Young Fast Running Man

Fabian Hertrich vereint Blues und Folk mit seiner Band Young Fast Running Man. Zusammen klingt das nach amerikanischem Highway und Roadtrips durch den Mittleren Westen. 

Eine ganz treibende Kraft der Musik ist die Sehnsucht. Immer schon. Denn kaum eine andere Kunstform vermag sich so leicht um ein wie immer auch geartetes Gefühl zu schlingen. Kaum eine andere Kunstform als die an sich schon abstrakte Musik kann sich so magnetisch einfach mit den eigenen Erfahrungen ihrer Rezipienten verbinden. Und so wird in der Musikgeschichte – vom Barock über die Klassik, und natürlich in der Romantik und im Pop schon fast obligat – kräftig gesehnt; nach der Liebe, nach der Heimat, nach fremden Ländern oder nach der Vergangenheit.

In der deutschen Popmusik ist aber ab und an noch ein anderes Sehnen zu beobachten. Da wird sich bisweilen danach gesehnt, als Musiker in einem anderen Land und/oder in einer anderen Zeit zu praktizieren, da wird also das Sehnen in musikalischen Inhalt transferiert, da decken sich quasi Musik und Sehnen im künstlerischen Ausdruck. Weniger kompliziert ausgedrückt kommen dabei dann Stile wie Retro-Rock oder Formulierungen wie die „britischste Band Baden-Württembergs“ heraus. Manchmal kippt das zwischen Fremdschämen und Sehnsuchtserfüllung hin und her, etwa als Lena Meyer-Landrut ihren „Satellite“-Song mit einem gestelzten Phantasie-Cockney-Akzent sang. Manchmal aber können die sehnenden Musiker ziemlich perfekt von ihrem musikalischen Sehnsuchtsort erzählen – und den Hörer deshalb wie in einem Hörfilm eben genau dorthin mitnehmen.

Ziemlich gut ist darin der Münchner Fabian Hertrich. Als Musiker nennt er sich Young Fast Running Man und mit seiner Musik prescht er recht zielstrebig in Richtung eines einsamen US-Highways. Seine Musik klingt so, als würde er sie schreiben, nachdem er während eines Road-Trips in einem Motel im Mittleren Westen abgestiegen wäre und die Akustik-Gitarre aus dem Kofferraum gezogen hätte: eine tiefe Stimme, die zu feinen Gitarren-Pickings von den Erfahrungen des Lebens berichtet. Eine Stimme, die zuvor im Auto-Radio Musik wie die von Canned Heat, John Mayall oder Peter Green gehört hat und nun ihre eigene Reise über die bluesigen Gitarren-Skalen besingt, während der Straßendreck noch auf den Fingern klebt. Ja, diese Musik weiß von Sehnsüchten zu erzählen, die Fabian durch sein äußeres Erscheinen mit den anachronistischen Koteletten noch zu unterstützen vermag.

Entstehen tut diese Musik aber seit etwa einem Jahr in München. Hertrich studiert hier Umweltplanung und arbeitet im Milla-Club. Und hat sich vor kurzem eine ziemlich kompetente Band zusammen gesucht, die seine Gitarren-Songs mit Mandolinen, Geigen, aber auch mit Bass und Schlagzeug komplettiert. Sein Bruder Gabriel etwa, mit dem er schon als Kind zusammen musizierte, unterstützt ihn, sein Freund Michael Hofmann spielt nun für ihn Schlagzeug – und erst vor kurzem stieg dessen Bekannter Michael Karl am Bass ein.

Ein erstes Album haben sie gerade fertig gestellt. Neun Songs als wunderbares Kopfkino im rauen Folk- und Blues-Gewand, das im kommenden November im Import-Export vorgestellt werden soll. Doch der zehnte Song ist anders. Denn da springt Fabians musikalisch-imaginierte Welt, seine Sehnsucht plötzlich nach Spanien. Das Instrumental-Stück „Spanish Silence“ ist ein fast weltmusik-melancholischer Schnipsel, der gerade immer wieder an der Grenze zum Kitsch der spanischen Romanze vorbei schrabbt und den Fabian für einen Film des Visual-Artists Matthias Pfeiffer geschrieben hat. Und durch den die Illusion des einheitlichen Sehnens auf charmante und subtil humorvolle Weise gebrochen wird. Am Montag, 12. September, werden sie einen ersten der neuen Songs im Internet unter soundcloud.com/youngfastrunningman veröffentlichen.

Von: Rita Argauer


Foto: Vipasana Roy