Der Münchner Samurai

Ryūnosuke Ōtsuka, 26, heißt eigentlich Markus Lösch. Fasziniert von der Kampfkunst wanderte er mit 18 Jahren nach Japan aus und ist heute der erste nicht-japanische Großmeister. In der aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle erzählt er Besuchern von der Tradition der Schwertkämpfer

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Text: Ornella Cosenza / Fotos: Lara Freiburger

 

 

 

 

 

 

Bass ohne Grenzen

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Simon Schötz war erfolgreicher Testfahrer, dann kündigte er. Jetzt produziert er elektronische Musik – für die USA, denn Dubstep tut sich in München schwer

Schwitzende Menschen. Tanzend wie in Trance. Eine meterhohe Wand aus Lautsprechern. Nebel. Blitzlichter. Eine Alarmsirene, ein Schrei, und dann: Bass. So tief, dass man ihn nicht mehr hört. Man spürt ihn, und das so heftig, dass sich Nackenhärchen aufstellen, dass das Atmen schwerfällt, dass manchmal sogar die Sicht ein wenig verschwimmt. Schnitt. Ein Wohnzimmer, mit Schwarzlicht ausgeleuchtet. Eine kleine Gruppe junger Menschen sitzt entspannt auf Bett und Boden. Im Vordergrund Turntables, eine Kamera überträgt das Geschehen live ins Internet.

An den Decks in beiden Welten: Simon Schötz alias „Busted Fingerz“. Der 28-jährige Münchner produziert Dubstep, ein Subgenre der elektronischen Musik, das dem breiten Publikum meist nur durch einen kurzen Hype im Jahre 2011 bekannt ist. „Wenn man Dubstep sagt, denken alle sofort an Skrillex“, sagt Simon in bairischem Dialekt. Denn das war der US-amerikanische DJ und Produzent, der das Genre kurzzeitig in die Charts und Clubs brachte. Doch der ursprüngliche Dubstep, wie auch Simon ihn produziert, ist minimalistischer, weniger aggressiv und noch stärker fokussiert auf das Kernelement, den Bass, der tief wabernd auf teilweise unhörbaren Frequenzen spielt.

Aufgewachsen ist Simon in der Nähe von Straubing. Durch seinen Vater, von Beruf Volksmusikpfleger, hat er seit frühester Kindheit Kontakt zur Musik. Mit der urtümlich bayerischen Musik allerdings „hab’ ich nie was anfangen können“, sagt er. Simon trägt Kapuzenpulli, Mütze und eine auffällige Brille. Zehn Jahre lang lernte Simon Klavier und spielte Posaune in der Schulbigband. Mit Ende der Schulzeit jedoch „hat sich das alles verlaufen. Aber Musik kriegst du halt nicht raus. Selbst wenn ich nur fünf Minuten ins Zimmer reingelaufen bin, um was zusammenzupacken, hab’ ich die Stereoanlage eingeschaltet und irgendwas laufen gelassen.“ Über einen Freund entdeckte er den Dubstep, kaufte sich Produktionssoftware und arbeitete sich in die Grundlagen ein.

Doch professionell Musik zu produzieren, daran dachte Simon damals noch nicht. Er machte eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker und zog für eine Arbeitsstelle nach München. Er arbeitete sich hoch, wurde Testfahrer und übernahm mehr und mehr Verantwortung. „Der Job ist geil“, erzählt er, „in irgendeinem Februar vor drei oder vier Jahren bin ich durch sechs Länder gekommen, das war schon krass.“ Allerdings machten ihm der entwurzelte Lebensstil als Testfahrer und vor allem die mangelnde Wertschätzung durch seine Vorgesetzten zu schaffen.

Zu einem Ende kam all das 2013. Bei der Arbeit an der heimischen Kreissäge verlor er das vorderste Fingerglied von Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand. „Im Leben kann dir jederzeit was passieren. Du hast da überhaupt nicht die Kontrolle drüber“, sagt er in ruhigem, abgeklärten Tonfall, „das hat mich zum Umdenken gebracht.“ Heute bezeichnet er den Unfall als „glückliche Fügung“. In der U-Bahn sah er ein Plakat der Deutschen Pop und beschloss, von diesem Moment an das zu machen, was ihm „wirklich liegt“. So begann Simon ein Studium in „Music Technology“. Ein mutiger Schritt, hatte er zuvor noch keinen einzigen Song produziert.

„Eine Guideline und Leute, mit denen ich reden konnte.“ So beschreibt er das, was die Privatakademie ihm nach wie vor bietet. Denn das Wichtigste ist hierbei Eigeninitiative. Doch das sieht Simon eher positiv. „Ich bin kein Akademiker im Sinne des deutschen Systems, weil ich nicht auf eine Abschlussarbeit hin lernen kann“, erklärt er, „aber wenn mich was interessiert, dann les’ ich mich ein bis zur atomaren Ebene.“ Doch auch nach Beginn des Studiums dauerte es noch mehr als ein Jahr bis zum Release der ersten Songs. „Ideen hab’ ich schon immer gehabt, und mich hat es extrem geärgert, dass ich die nie umsetzen konnte. Aber nach viel trial and error macht’s halt dann Schnack.“

Das „Schnack“ in Simons Karriere passierte im Internet, auf der Streaming-Plattform Twitch. Der erfolgreiche US-amerikanische Dubstep-Produzent „The Widdler“ entdeckte seine Musik und gab ihm in einem Livestream Feedback. „Das hat mir sehr geholfen, weil du da halt wirklich Leute hast, die deine Musik hören und Ahnung von deiner Musik haben.“ Denn auch unter den Zuschauern des Streams waren große Namen der Szene. „Du triffst viele Leute, mit denen du Collabs machen kannst. Dadurch lernst du auch wieder viel, weil du siehst, was die für Produktionen machen.“ Denn Leute zu treffen, die die gleiche Musik hören oder sogar produzieren, ist für Simon nicht einfach. „Die Musik ist sehr speziell. Man tut sich schwer, andere da mit reinzuziehen.“ Zusätzlich stellt der Dub-step durch den Fokus auf den massiven Bass besondere Anforderungen an Locations. „Eine normale Club-Anlage hält da nicht mit“, sagt Simon, „jeder Veranstalter, der so was spielen möchte, bringt mindestens Zusatzboxen. Am geilsten ist es auf einem Soundsystem.“ Ein Soundsystem, das sind meterhohe Boxen-Wände, die die Leistung einer Club-Anlage oft um das Zehnfache übertreffen.

Besonders in München ist es für Newcomer wie Simon schwer, Zugang zur lokalen Szene zu finden. „Die machen halt nur für sich die Party, und damit die Leute kommen, buchen sie größere Namen von außerhalb“, sagt er, „support your local artist“ gebe es in München nicht. „So bleibt die Szene bei denen – und wenn es die nicht mehr gibt, dann ist die Szene auch weg.“
 Erfolg hat Simon dennoch. Er produziert Tracks für zwei US-amerikanische Labels und legt zusammen mit seinem Bruder auf Underground-Festivals auf. Vergangenen Monat spielte er seinen ersten Support-Auftritt – in Nürnberg.
 Gerade schreibt er an seiner Abschlussarbeit. Sein Wunschziel danach: ganz klar Berlin. „Ich war von meinem Studium aus schon in vielen Städten unterwegs, und da hat mir Berlin am meisten gefallen. In Berlin ist Dubstep jetzt auch nicht so mega riesig, aber da hast du wenigstens die Zugangspunkte.“
 Von der Musik leben kann und will Simon jedoch noch nicht. Eine Arbeit als Testfahrer kommt für ihn allerdings nicht mehr in Frage. Denn die Wochenenden möchte er sich freihalten für seine Leidenschaft: den Bass.  

Foto: Alessandra Schellnegger

Text: Maximilian Mumme

Neues Leben


Adnan Albash, 24, lebt seit mittlerweile zweieinhalb Jahren in Deutschland. Weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie schwierig es sein kann, sich in einem fremden Land zu integrieren, arbeitet er als Kulturdolmetscher.

Die Tierwelt macht es vor: Zugvögel fliegen jährlich gen Süden und finden sich in ihrer neuen Umgebung problemlos zurecht. Niemand fragt sie, woher sie kommen oder wie lange sie bleiben wollen. Integration leicht gemacht.

Vor seiner Flucht aus Syrien war Adnan Albash, 24, überzeugt davon, dass Integration unter Menschen viel leichter sein müsse, als unter Tieren – immerhin ist kein anderes Lebewesen so intelligent wie der Mensch. Heute weiß er, dass der menschliche Verstand die Sache häufig sogar erschwert. Somit sei Integration unter Menschen zwar möglich, nehme aber viel Zeit in Anspruch, sagt Adnan. „Integration ist wie Brot backen – es braucht Zeit“, sagt der junge Mann mit dem rundlichen Gesicht. An diesem warmen Sommertag trägt er ein weißes Leinenhemd und eine schwarze Jeans.

Adnan weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig der Weg nach Deutschland sein kann. Er selbst war fünf Monate mit seinem vier Jahre älteren Bruder auf der Flucht. Fast wären die beiden bei der Überfahrt im Meer ertrunken, in Mazedonien sperrte man sie vorübergehend ins Gefängnis. Wer mit jungen Jahren schon so viel erlebt hat, dem fällt es nicht immer leicht, sich in einer neuen Gesellschaft, einem fremden Land zurechtzufinden – zumindest nicht ganz ohne Starthilfe.

Weil vor allem die Sprachbarriere anfangs ein großes Problem darstellt, hat Adnan sich von der Caritas zum Kulturdolmetscher ausbilden lassen. Er kann mittlerweile sowohl Arabisch als auch Deutsch sprechen und so dabei helfen, sprachliche Barrieren zu überwinden. Adnan unterstützt hierbei auch die studentische Initiative „Ahlan wa Sahlan – Studenten helfen Flüchtlingen“ der Ludwig-Maximilians-Universität. Zu seinen Aufgaben gehört es, Flüchtlinge bei Behördengängen und Arztterminen zu begleiten, vor allem aber die interkulturelle Vermittlung. Aktuell betreut er die syrischen Brüder Faris und Nabil (Namen geändert), 18 und 20 Jahre alt, die ihre Eltern im Krieg verloren haben. Adnan hilft ihnen, sich einzuleben, und beantwortet all ihre Fragen: Wie komme ich mit dem Bus in die Stadt? Wo kann ich Fleisch kaufen, das halal ist? Zu welchem Arzt muss ich gehen, wenn ich Zahnschmerzen habe? Wie finde ich einen Ausbildungsplatz? Fragen über Fragen.

Für Adnan ist es ganz selbstverständlich zu helfen. „Wenn ich das nicht mache, wer soll das sonst machen“, sagt er. Trotzdem weiß Adnan, dass er nie für alle Syrer sprechen, sondern immer nur seine Sicht der Dinge erzählen kann. Das müsse aber auch umgekehrt gelten. „Wenn ich einen Fehler mache, dann hat Adnan den Fehler gemacht und nicht alle Syrer“, sagt er bestimmt und runzelt dabei kurz die Stirn. Wenn er auf Deutsch spricht, hört man seinen Akzent, aber Fehler macht er kaum noch.

Als er Ende Januar 2015 nach Deutschland kommt, kann er gerade einmal zwei Sätze auf Deutsch sagen: „Ich komme aus Syrien.“ Und: „ Ich bin neu hier.“ Fürs Erste bleibt es jedoch dabei, denn kaum in München angekommen, werden er und sein Bruder nach Deggendorf gebracht. Dort leben sie in einem Haus voller Flüchtlinge ohne Kontakt zur Außenwelt. Niemand, der sich Zeit nimmt, mit ihnen über das Erlebte zu sprechen oder ihnen etwas über Deutschland und die Deutschen zu erzählen. An Integration ist nicht zu denken.

Als er im Mai desselben Jahres zurück nach München kommt und kurz darauf seinen Asylbescheid erhält, beginnt für ihn endlich ein neues Leben. Sein Leben in Deutschland. Adnan macht einen Intensiv-Sprachkurs, findet ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft und sogar einen Arbeitsplatz als Laborassistent. Das Wichtigste aber ist für ihn der soziale Kontakt. „Es gibt Dinge, die kann man nicht im Sprachkurs lernen, sondern nur im Austausch mit anderen Menschen“, sagt Adnan. Denn Dinge, die in der Heimat üblich sind, sind es hier nicht unbedingt. Das bedeute nicht, dass das Eine richtig oder falsch sei, sagt er, aber trotzdem sei es wichtig, die andere Kultur verstehen zu lernen. „Korruption ist in Syrien normal, in Deutschland nicht“, sagt er und lacht bei diesem Beispiel. Er hat gelernt, die Dinge mit Humor zu nehmen.

In Damaskus hat Adnan bereits zwei Jahre Medizin studiert, als er fliehen muss. Er hat gute Noten, ist ein fleißiger Student. Trotzdem müssen einige der Flüchtlingshelfer erst lernen, Neuankömmlinge wie ihn nicht wie ein Kind zu behandeln. Nur so sei ein Kontakt auf Augenhöhe möglich. „Nur weil jemand kein Deutsch spricht, heißt das nicht, dass er dumm ist“, sagt Adnan. Das versucht er auch bei seinen Vorträgen immer wieder deutlich zu machen. Kürzlich wurde er von einer Münchner Stiftung eingeladen, um im Dialogforum über das Thema Flüchtlingshilfe zu sprechen. An der Münchner Volkshochschule hat er an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Der neue Anfang in Deutschland – Flüchtlinge erzählen“ teilgenommen. Und auch in der Dokumentation über Integration „Mit dem falschen Fuß aufgestanden“ kommt Adnan zu Wort. Durch die Vorträge, die er über seine Heimat und seine Kultur hält, möchte er den Menschen klar machen, dass die Unterscheidung zwischen „wir“ und „ihr“ nicht sein muss. „Wir können viel voneinander lernen“, sagt Adnan. Und er meint, was er sagt: Einmal haben er und seine syrischen Arbeitskollegen im Labor deshalb für die anderen Mitarbeiter ein Essen zubereitet, um ihnen die Küche ihrer Heimat näher zu bringen. Lernen mit allen Sinnen.

Adnan selbst fühlt sich nach mehr als zwei Jahren in Deutschland angekommen. Für ihn bedeutet das, sich sicher zu fühlen in dem Land, von dem ihm schon sein Großvater, der lange vor dem Krieg in Deutschland Medizin studiert hat, so viel erzählt hat. Aber er weiß auch, dass er Glück gehabt hat. Er ist gemeinsam mit einem seiner Brüder gekommen, auch sein 17-jähriger Bruder ist mittlerweile in Deutschland und hat nun die Möglichkeit, die Mutter, die alleine zurückgeblieben ist, nachzuholen. Adnan hat viele Freunde, seine Arbeit als Laborassistent und als Kulturdolmetscher, seit kurzem sogar eine feste Freundin, mit der er zusammenziehen möchte, und vom kommenden Wintersemester an – wenn alles nach Plan läuft – sogar einen Studienplatz für Medizin an der LMU.

Adnan ist das, was manche Menschen wohl einen Vorzeige-Flüchtling nennen würden. Es sind dieselben Menschen, die nicht verstehen, was denn so schwer daran sein soll, sich zu integrieren.

Adnan mag vergleichsweise Glück gehabt haben – aber was heißt schon Glück, wenn man vor dem Krieg flieht? Viele andere haben weitaus mehr Schwierigkeiten als Adnan. Ein befreundeter Syrer sei mit seinem vierjährigen Sohn nach Deutschland gekommen, der schwer krank ist, sagt Adnan. Statt seinen Deutschkurs zu besuchen, hetzt er von Krankenhaus zu Krankenhaus. Wie solle so jemand in Deutschland ankommen können? „Sie sind immer noch auf der Flucht“, sagt Adnan ernst. Erst, wenn sich jemand sicher fühle, könne er sich integrieren. Das braucht Zeit.

Text: Jacqueline Lang

Foto: Robet Haas

Fremdgänger: „Na, auch militant?“

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Unsere Autorin wundert sich diese Woche darüber, dass die politische Mentalität der

Deutschen so viel weniger enthusiastisch ist als die der Franzosen.  

„Und du? Bist du auch ein bisschen militant?“, fragt mich eine französische Kommilitonin. Als wäre das gerade in Mode und ungefähr so normal wie gerne Vanilleeis zu essen. Wir haben uns vor zehn Minuten kennengelernt und seitdem nutzt sie die Gelegenheit, mich über ihr politisches Engagement zu informieren. Ich lausche ihr mit einer Mischung aus Belustigung und ernsthafter Besorgnis. Denn die typisch französische Passion, wenn es um Politik geht, fasziniert mich ebenso so sehr, wie ich ihr gleichzeitig suspekt gegenüberstehe.

Französische Studenten sind politisierter, als ich es aus Deutschland kenne. Prinzipiell kann über alles eine wortreiche, laute und extrem leidenschaftliche Grundsatzdiskussion vom Zaun gebrochen werden. Sie haben klare Überzeugungen und bringen diese regelmäßig bei sogenannten „Manifestations“, das sind Demonstrationen, zum Ausdruck. Sonntag ist immer Demonstrationstag. Sie mobilisieren sich gegenseitig für alles Mögliche, vor der Uni stehen täglich neue Menschen mit Flugblättern, die zu Demonstrationen aufrufen. Ich bin ehrlich beeindruckt. 

Nun komme ich als Politikwissenschaftsstudentin aus einem überdurchschnittlich politisch interessierten und informierten Umfeld. Doch eine politische Kultur à la francaise kenne ich aus München nicht. Auch wir diskutieren in München bis spät in die Nacht und ergehen uns in links-intellektueller Selbstgefälligkeit, was das Zeug hält. Auch wir sind davon überzeugt, dass sich etwas ändern muss. Auch wir demonstrieren für Themen, die uns am Herzen liegen. Und doch fehlt uns eine gewisse Radikalität, die hier zum Umgangston zu gehören scheint. Unsere politische Mentalität ist viel systemunkritischer und weniger revolutionär, als es die französische schon immer gewesen ist, finde ich.

In München waren für mich Toilettenbesuche im Geschwister-Scholl-Institut immer eine spaßige Angelegenheit, fand sich doch immer irgendein amüsanter Spruch, den ich noch nicht kannte. Französische Unitoiletten meide ich, denn nicht nur ihr desolater Zustand, sondern auch die politischen Parolen an den Wänden schrecken mich ab. Dort finden sich Aussagen wie „Wählt Le Pen als eine Lehre für die kommenden Generationen!“ Ist das noch jugendlich-naive Verirrung oder schon strafbare Dummheit? Leider bin ich auf Französisch noch nicht eloquent genug, um Dinge, wie „Hitler war auch eine Lehre für die folgenden Generationen“ entgegnen zu können.

Meine Kommilitonin hier zum Beispiel ist links-radikal, möchte die Repräsentative Demokratie abschaffen und Selbstverwaltung einführen, Austritt aus der Europäischen Union und kommunistische Planwirtschaft inklusive. Stünde es in der zweiten Wahlrunde zwischen Marine le Pen und dem liberalen Kandidaten, wird sie nicht wählen. Warum auch, ihrer Meinung nach kann dann ja endlich die Regierung gestürzt werden und die ersehnte kommunistische Revolution kommen. Ich beginne mich zu fragen, was schlimmer ist. Das in Deutschland um sich greifende Desinteresse an Politik oder diese Politisiertheit, die sich fatal gegen die Demokratie richtet? Es macht mich unendlich wütend, mir vorzustellen, dass aufgrund linker Befindlichkeiten in Frankreich bald eine rechte Präsidentin all das, woran ich glaube, beseitigen soll. Auf ihre Frage antworte ich mit: „Ich identifiziere mich mit Demokratie.“

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Weil der Mensch ein Mensch ist

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Die Studentin Louisa Wagener dreht einen Film über Flüchtlinge, über Heimat und Familie – und über eine Freundschaft, die weder Nationalität noch Herkunft kennt. Im Herbst zeigt der BR das Debütwerk.

In einer Deutschklasse für geflüchtete Jugendliche in München hat alles angefangen. Louisa Wagener, 23, studiert im siebten Semester Regie an der Hochschule Macromedia in München. Sie war auf der Suche nach einem Thema für ihren Abschlussfilm, als sie im März vergangenen Jahres einen Bekannten ihrer Eltern in seinem Deutschunterricht für 25 junge Männer aus Syrien, Sierra Leone, Iran und Eritrea besuchte. „Damals hatte ich noch keine Ahnung, was für einen Film ich machen wollte. Ich bin da einfach hingegangen. Aber das war so ein eindrückliches Erlebnis, da bekomme ich heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt Louisa.

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Louisa – groß gewachsen, schlank und blond – hat blaue Augen, ihr ordentlich gezogener Eyeliner hat die gleiche Farbe wie die dunklen Ränder ihrer Iris. Erst einmal habe sie die Reaktionen der jungen Männer interessant gefunden – von verhaltenem Kichern bis zu coolem Macho-Gehabe. Aber als sie dann angefangen hat, Fragen zu stellen, da sei es plötzlich ganz still im Raum geworden. „Ich habe erzählt, dass ich mir überlegen würde, einen Film zu machen, einen Film über Menschen auf der Flucht“, sagt Louisa und dreht die Enden ihres geflochtenen Zopfes in den schlanken Fingern. Ganz vereinzelt hätten dann die jungen Männer begonnen zu erzählen. Von den Familien, die sie vermissten, von der Wüste, in der es so heiß gewesen sei. „Da entstanden sofort Bilder in meinem Kopf“, sagt Louisa. Und ihr sei in diesem Moment klar gewesen, das dies das Thema ihres Abschlussfilms werden würde.

Dass es nicht einfach sein werde, ein so brisantes Thema zu bearbeiten, war ihr schon klar. Aber mit welchen Hindernissen sie tatsächlich zu kämpfen haben würde, konnte Louisa zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzen. „Die deutsche Bürokratie ist da echt einmal wieder unglaublich“, sagt sie. „Es ist beinahe unmöglich, Geflüchtete im Film mit einzubinden, weil man sie nicht offiziell anstellen darf, wir aber jeden am Set bezahlen müssen.“

Die Besetzung der Hauptrolle mit einem Geflüchteten sei unter anderem daran gescheitert. Und daran, dass das nötige Verfahren für eine Genehmigung der Ausländerbehörde, ihn mit ins Ausland nehmen zu dürfen (die Wüstenszenen sollen auf Fuerteventura entstehen), länger als drei Monate gedauert hätte. „Am Ende war es aber vielleicht für alle Seiten besser so. Er stand auch unter einem immensen Druck, weil er seinen Ausbildungsplatz nicht verlieren wollte“, sagt Louisa. Jetzt übernimmt Alexes Feelmo die Hauptrolle, der bereits seit seinem sechsten Lebensjahr in Deutschland lebt.

Für kleinere Rollen ist es Louisa und ihrem Team am Ende aber doch gelungen, einige Geflüchtete zu besetzen. Und Komparsen seien doppelt so viele gekommen wie sie gebraucht hätten. Denn jetzt, beinahe ein Jahr später, ist gerade die achte Drehbuchfassung fertig geworden. Und in diesen Tagen beginnen die Dreharbeiten.

In der Geschichte geht es um den 17- jährigen Eritreer Teke, dessen älterer Bruder auf der Flucht durch die Wüste gestorben ist. In Deutschland will Teke – von Schuldgefühlen geplagt – den großen Traum seines Bruders, Fußballprofi zu werden, verwirklichen. Er tritt in einen Fußballverein ein und trainiert hart, obwohl er mehr Talent für Mathematik als für Fußball hat. Die meisten Jungen in der Fußballmannschaft wollen nichts mit Teke zu tun haben, da sie geflüchteten Jugendlichen wie ihm ihr Jugendzentrum als Not-Unterkunft überlassen mussten. Nur der ebenfalls 17-jährige Anton, der unter seinem autoritären Vater leidet, freundet sich mit dem jungen Eritreer an. Am Ende wird jedoch auch der Rest der Mannschaft einsehen, dass ein Fußballspiel nur gewonnen werden kann, wenn alle zusammenhalten.

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In Our Country soll ein Film werden „über Heimat und Familie, über den Mut, zu sich selbst zu stehen“ und über „eine Freundschaft, die weder Rasse noch Herkunft kennt“, heißt es in der Projektmappe. 30 Minuten darüber, dass uns, „egal, wie fremd wir uns sind, die gleichen Sehnsüchte verbinden“.

Dabei möchte Louisa möglichst „neutral“ bleiben, da sie auch um die Ängste vieler Menschen in Deutschland weiß, und die politisch und emotional so aufgeladene Debatte nicht noch weiter verschärfen möchte. Sie will beide Seiten beleuchten und damit Verständnis schaffen.

„Am Anfang ging es mir wahrscheinlich ähnlich wie vielen, die Ausländern skeptisch gegenüber stehen“, sagt Louisa. Sie stammt selbst aus Ebersberg, einer kleinen Stadt am Ende der S-Bahn-Linie S 4. Als vor einem Jahr immer mehr dunkelhäutige Menschen dort ankamen, habe sie auch das merkwürdige Gefühl gehabt, die würden „da nicht hingehören“. Aber je besser sie die jungen Geflüchteten aus der Deutschklasse kennengelernt und je mehr sie für das Drehbuch recherchiert hat, desto klarer ist ihr geworden, „dass das alles Menschen sind wie du und ich“. Und dass die Deutschen sich noch dazu oft ein Beispiel an den Neuankömmlingen nehmen könnten.

Das ist ihr durch die Freundschaft mit Mülubrhan, einem jungen Eritreer, der das Vorbild für den Protagonisten darstellt, klar geworden. „Das sind so kleine Sachen. Egal, wie wenig Geld er hat: Wenn ich ihn zu Hause besuche, ist es für ihn selbstverständlich, dass er für mich kocht, und wenn es nur eine Tütensuppe ist“, sagt Louisa.

Die Dankbarkeit für Dinge, die uns selbstverständlich zu sein scheinen, hat sie tief beeindruckt. Ebenso wie die Geschichte eines Landes, dessen geografische Lage sie vor ihrem Abschlussprojekt nicht einmal kannte. Jetzt weiß Louisa, dass Eritrea faktisch eine Militärdiktatur ist, obwohl seit 20 Jahren immer wieder Wahlen versprochen werden. Human Rights Watch spricht vom „größten Gefängnis der Welt“, der Militärdienst gilt lebenslänglich. Da viele junge Menschen genau deswegen fliehen, wird Eritrea auch das „Land ohne Jugend“ genannt, während den Eltern der geflohenen Jugendlichen Gefängnis- und Folterstrafen drohen.

Diese Thematik zusammen mit der aktuellen Lage in Deutschland in einen 30-minütigen Fernsehfilm zu packen, ist ein gewagtes Unterfangen, das weiß Louisa. Mehrmals sei sie deshalb an einen Punkt gekommen, an dem sie dachte, sie könne das Drehbuch nicht weiterschreiben, weil die Handlung zu groß, zu komplex geworden sei. Angst vor den Dimensionen ihres Projektes hat sie heute trotzdem nicht mehr. „Man ist da eben drin“, sagt sie pragmatisch, „wenn ich jetzt Panik bekommen würde, dann wäre damit ja niemandem geholfen.“ An diesem Punkt lacht sie ein bisschen.

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Mittlerweile konnte sie nicht nur den Bayerischen Rundfunk, der den Film im Herbst ausstrahlen wird, von ihrem Projekt überzeugen, sondern auch Amnesty International, Refugio und „Brot für die Welt“, die den Film verleihen und für nicht-kommerzielle Zwecke nutzen wollen. Darüber hinaus stehen die Organisationen in Fachfragen beratend zur Seite. Auch von zahlreichen lokalen Vereinen und der Stadt Ebersberg wird „In Our Country“ unterstützt. Schauspieler wie Michael Altinger, Joseph Hannesschläger, Ferdinand Hofer und Christian Lerch werden in dem Film zu sehen sein.

Louisa möchte einen Beitrag leisten, auf kleiner Ebene. Es geht ihr nicht darum, die Politik zu verändern, sondern darum, zu zeigen, dass kleine Gesten ein Wirgefühl möglich machen können. Hier in Deutschland, aber auch im Ausland. Untertitel in Arabisch, Englisch, Französisch und Spanisch sind geplant, denn Louisa kann sich auch vorstellen, dass der Film sogar in einigen Herkunftsländern der Geflüchteten gezeigt werden könnte. „Viele Menschen, die kommen, haben ein völlig falsches Bild von Deutschland. Oft wird nicht geglaubt, dass es auch hier Probleme geben kann – auch das möchte ich mit meinem Film zeigen“, sagt sie ernst.

Fotos: privat

Von: Theresa Parstorfer