München hat Hausarrest: Zuhause mit Max
Max Fluder / Foto: Murilo Macena

München hat Hausarrest: Zuhause mit Max

Wir wollen euch die Zeit zu Hause ein bisschen schöner machen. Unsere Rubrik “Von Freitag bis Freitag München” heißt deswegen jetzt “München hat Hausarrest”. Denn, zusammen ist man weniger allein

Hausarrest hatte ich noch nie – auch als Kind nicht. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, in dem mir meine Eltern erklärten, weshalb sie nichts davon halten: Eine dicke Lüge meinerseits war aufgeflogen und ich befürchtete das Schlimmste. Mindestens drei Monate Ausgangssperre, vielleicht auch mehr. Dann kam die Entwarnung. Warum sie nichts davon halten? Tut mir leid, kann ich leider nicht mehr sagen. Die Begründung habe ich mittlerweile vergessen.

Jetzt ist es also Hausarrest – offiziell verordnet, dafür aber vermutlich nicht weniger schlimm. Meine Gemütslage schwankt derzeit zwischen Tatendrang und einem absoluten Ohnmachtsgefühl, klare Tendenz zum letzteren. Wären da nicht soziale Pflichten und ein anstehender Umzug, hätte ich wohl Probleme, aus dem Bett zu kommen. Immerhin: Die jetzige Begründung dafür, dass ich nun in einen Zimmer sitze, das immer beklemmender wird, vergesse ich nicht so leicht.

Man merkt diesen Zeilen vielleicht an: Ich bin ein Grübler. Und das ist nicht immer gut, besonders dann, wenn man alleine ist. Geputzt habe ich schon alles. Und Thomas-Bernhard-Romane sind auch nichts, womit sich die Stimmung aufhellen ließe. (Für Bernhard Einsteiger eignet sich übrigens immer “Frost”. Wenn man Bernhard schätzen lernen möchte, sollte man “Heldenplatz” lesen.) Doch Abhilfe ist in Sicht. Ohne religiös zu sein, kann ich sagen: Gott hat uns die Möglichkeit gegeben, aus dieser Nummer herauszukommen. Gott, das sind in diesem Fall Tech-Unternehmen, die ihren Sitz überwiegend in Kalifornien haben.

Ich habe ein iPhone. Das heißt, ich kann durch die Bildschirmzeit-App gerade beobachten, wie ich Woche für Woche länger am Handy sitze. Gefallen daran finde ich nicht, also rede ich mir ein, dass das vom vielen Facetimen mit Verwandten kommt. Das ist natürlich eine Lüge und das weiß ich ganz genau: Die meiste Zeit stecke ich in Instagram. Dort bin ich unter anderem ein großer Freund des Salon Irkutsk geworden. Regelmäßig werden auf dem Account Videos veröffentlicht, in denen gezeigt wird, wie die Barkeeper Getränke mischen. Und nein, ich mache das dann nicht zu Hause nach, aber es ist ungemein beruhigend, die Clips anzuschauen. Wofür ich Insta noch benutze: Clubs, wie der Bahnwärter Thiel oder das Blitz kündigen dort Veranstaltungen an, die sie dann (meistens auf Facebook) streamen. Wenn man gute Boxen hat, muss das ein Traum sein. Wenn nicht, kann man trotzdem lachen: Der Bahnwärter streamt auch Comedy Nights.

Mein Leben hat sich ins Digitale verschoben. Dabei hatte ich letztens erst beschlossen, nicht mehr so viel Zeit im Netz zu verbringen. Diese Pläne habe ich mittlerweile über Bord geworfen. Gut so – denn sonst würde ich auch die ganzen Auftritte bei Wastl Stream verpassen, die Münchner Musiker auf Twitch auftreten lassen. Einen Account bei der Streaming-Plattform hatte ich eh schon, aber bisher schaute ich dort nur dem Maler Bob Ross zu. Das sollte ich übrigens wieder öfter tun, Bob Ross ist wie Balsam für die Seele.

Hat man den Text bis hierhin gelesen, könnte man denken, ich verbringe meine Tage nur vor Bildschirmen. Das stimmt auch größtenteils; da gibt es nur wenig zu beschönigen. Und wenn ich nicht schaue, dann höre ich. Den Münchner Podcast „Die Sebastians“ oder Malik Harris’ neue Single, zum Beispiel. Die Krise verändert uns: Ich habe sogar angefangen, wieder mehrere Alben am Stück zu hören. In den vergangenen Jahren habe ich mich immer mit Playlists zufrieden gegeben.

Zum Schluss noch einen kleinen Blick in die Zukunft: Kommenden Dienstag wird die Autorin Sophia Fritz eine neue Kurzgeschichte vorlesen – live auf Instagram. Das letzte Mal, dass ich ihr beim Vorlesen zugehört habe, war vergangenen Januar in einer kleinen Bar in der Maxvorstadt. Übrigens: Nachdem meine Eltern mir als Kind erklärten, weshalb sie generell keinen Hausarrest verhängen, haben sie mich trotzdem bestraft. Eine Woche lang durfte ich keine technischen Geräte benutzen. Damals gab es noch keine Smartphones und keine Apps, heute wäre diese Form des Entzugs wohl schlimmer als die Ausgangsbeschränkung.

Aber es wird sie geben, eine Zeit nach Corona. Wenn es so weit ist, freue ich mich drauf, denn dann wird mein Handy nicht mehr mein Fenster zur Welt sein (wenn ich aus dem echten Fenster schaue, sehe ich höchstens noch die Nachbarn, wie sie auf dem Balkon grillen). Ich komme dann raus aus diesem Zimmer mit zu vielen klinisch-weißen Möbeln, das sich immer mehr wie eine Zelle anfühlt.

Max Fluder