Mann, ganz schön feminin!

Schriller Protest gegen Rollenbilder: Die Dragqueens Pasta Parisa, 23, Luna Jones, 19, und Dean DeVille, 25

Von Ornella Cosenza

München ist bunt. Nicht nur am Christopher Street Day: Die junge Dragqueen-Szene floriert hier. Dragqueens sind Männer, die sich auf der Bühne mit Kleidern und Make-up als Frauen darstellen. Das Ganze dient nicht nur als Show, sondern auch als Statement: Die herkömmlichen Rollenbilder werden durch zu schrilles Outfit ad absurdum geführt.
Viele junge Dragqueens beginnen ihre Karriere mittwochs bei der Veranstaltung „Garry Klein“ im Club Harry Klein. „Die Nachwuchsförderung liegt uns sehr am Herzen, früher gab es diesen Raum für junge Drags nicht“, sagt Peter Fleming vom Harry Klein, deshalb wird hier einmal im Jahr der Queen-of-the-Night-Contest veranstaltet. Doch, was genau verstehen junge Dragqueens heute unter Drag? Wie funktioniert dieses Business? Und was fasziniert daran?

Foto: Pixxpower Photography     Renato Richina | BOYAHKASHA

Pasta Parisa, 23
„Auf dem CSD habe ich einmal von jemanden eine Zeichnung von mir als Dragqueen geschenkt bekommen – das hat mich sehr berührt“, sagt Pasta Parisa. So lautet der Bühnenname, ungeschminkt heißt der junge Mann Dennis Hurler. In München tritt Pasta Parisa vor allem im Café Nil in der Hans-Sachs-Straße auf und im Garry Klein. Pastas Markenzeichen ist das „Gender Blending“, wie sie es nennt. Bart und Brusthaare gepaart mit langen Wimpern, dickem Lidstrich, rotem Lippenstift und reizvoller Damenkleidung. „Manchmal nervt mich der Vergleich zu Conchita Wurst. Sie singt Balladen und trägt schicke Abendkleider – ich mache das als Pasta Parisa nicht. Und: Ja, sie hat vieles zum Mainstream gemacht, aber nicht erfunden. Drags, die behaart sind, gibt es schon seit den Siebzigerjahren“, sagt die 23-jährige Dragqueen. Wenn Dennis Hurler nicht in Frauenkleidung auf der Bühne steht, arbeitet er in Vollzeit als Visual Merchandiser. Von den Drag-Jobs lebt er nicht, obwohl er nicht nur in München Auftritte hat, sondern auch in Zürich.

Angefangen hat alles mit einem Schauspielstudium in Ulm, anschließend zog er nach München um, weil er in einer Großstadt leben wollte. Aus der Schauspielerei ist zwar nichts geworden, aber sein Talent kann er jetzt als Dragqueen ausleben. „Ich liebe es, mich in das andere Geschlecht zu verwandeln, optisch und schauspielerisch“, sagt Dennis. Drag bedeutet für ihn vor allem eins: Spaß. „Das Schönste ist außerdem, wenn man Leute zum Lachen bringen kann – oder zum Weinen, vor lauter Lachen“, sagt Dennis. Der Drag-Name Pasta Parisa ist übrigens ein Wortspiel: „Ich bin Schwabe. Und wenn man den Namen im schwäbischen Dialekt aussprechen würde, dann heißt es: Passt der Pariser?“
Im Garry Klein hat Dennis als Pasta Parisa 2016 den Queen-of-the-Night-Contest gewonnen. Ein Contest, bei dem Drag-Newcomer zeigen können, wie sie das Publikum beeindrucken. „Zu der Zeit war ich nicht nur Drag-Newcomer, sondern auch komplett neu in München. Ich hatte nur einen besten Freund dabei und nicht eine ganze Freundesgruppe, wie viele andere, die an dem Contest teilgenommen haben“, sagt Dennis. Am Ende gewann er den Wettbewerb dennoch, weil er die Mehrheit mit seinem Auftritt überzeugen konnte.

Die Drag-Szene in München schätzt Dennis sehr, weil sie seiner Meinung nach sehr vielseitig ist. Es gebe unterschiedliche Stilrichtungen. „Ich gehe eher so in die Burlesque-Richtung, gemischt mit viel Humor“, sagt er. In anderen deutschen Städten sei die Szene vielleicht größer, dafür aber nicht so unterschiedlich. Was ihn allerdings manchmal enttäuscht, ist, dass es auch Dragqueens gibt, die „denken, dass das, was sie machen, das einzig Wahre ist“, sagt er. Das könne er nicht so richtig verstehen. „Ich respektiere andere trotzdem, auch wenn mir ihr Stil vielleicht nicht so gut gefällt.“ Die Show einer Dragqueen sei für ihn außerdem eine Art schöne Rebellion gegen Stereotype und Normen. Und: Man müsse auch gar nicht queer sein, um Drag zu mögen oder es sich anzusehen. „Meine Eltern haben sich an Weihnachten auch zum ersten Mal eine meiner Shows angesehen und es hat ihnen gefallen“, sagt er.

Foto:privat

Luna Jones, 19
Luna ist ganz neu in der Drag-Szene Münchens. Sie ist Gewinnerin des Queen-of-the-Night-Contests im Dezember 2018. „Ich habe mich sehr kurzfristig – einen Monat vorher – entschieden, dass ich bei dem Contest mitmachen möchte“, sagt Luna. Und dieser Wettbewerb war auch ihr erster Abend als Dragqueen. Davor war Luna, die ihren bürgerlichen Namen nicht nennen möchte, weil viele in ihrem Umfeld noch nichts davon wissen, viel in der Gay- und Drag-Szene feiern. Sie freundete sich mit der Dragqueen Janisha Jones an. „Wir sind unzertrennlich“, sagt Luna. Die beiden gehören zu einer „Drag-Familie“, die sich „Haus of Jones“ nennt. „Janisha hat mich total inspiriert“, sagt die 19-jährige Dragqueen.

Die Faszination für das Weibliche war bei Luna schon sehr früh ausgeprägt: „Ich finde Frauen extrem interessant, als kleiner Junge wollte ich immer die hohen Schuhe meiner Mutter tragen“, sagt Luna. Inspiration findet sie bei ganz normalen Mädchen, wie zum Beispiel auch ihrer besten Freundin. Als Dragqueen könne man diese feminine Seite richtig rauslassen, auch wenn man dafür natürlich übertreibt, was aber dazugehört. „Ich finde, dass das Schwerste das Gesicht ist: Es erfordert viel Übung, aus einem Männergesicht ein Frauengesicht zu machen“, sagt Luna. Auch, wie man mit Perücken umgeht und sie richtig für einen Auftritt stylt, war eine Herausforderung und musste erst gelernt werden. Dank Youtube-Tutorials und Tipps von Drag-Schwester Janisha Jones hat Luna sich das aber angeeignet. Mittlerweile geht die Vorbereitung schneller als beim ersten Mal.

Die Welt aus Theaterschminke und Haarspray ist ihr auch gar nicht fremd, denn wenn Luna nicht als Dragqueen auf der Bühne steht, arbeitet sie hauptberuflich im Theaterbereich. „Drag kann manchmal auch weh tun: Wenn man fünf Stunden auf High Heels unterwegs ist, kann das schmerzhaft werden“, sagt Luna. Aber das ist halb so schlimm. Für den Spaß und den Look nimmt sie das in Kauf.
Luna schätzt besonders einen Aspekt am Drag-Queen-Dasein: „Drag bringt Menschen zusammen. Manche Leute kommen ins Garry Klein, weil sie wissen, dass sie an dem Abend eine bestimmte Dragqueen sehen können. Dass man dadurch anderen Menschen einen schönen Abend bereitet, oder ihnen den Tag verschönern kann, ist ein tolles Gefühl“, sagt Luna. Dass sie einmal wirklich Shows in Clubs machen würde, das hätte sie bis vor Kurzem nie gedacht. „Ich bin selbst stolz auf mich und auch dankbar, die Queen-of-the-Night- Nacht werde ich nie vergessen.“ Und obwohl Luna erst ein paar Schritte in der Drag-Queen-Welt in München gegangen ist, geht es für sie in großen Schritten weiter: Im Mai wird sie zusammen mit Janisha Jones in Amsterdam beim Superball 2019 – dem größten Dragball Europas – teilnehmen: ein Wettbewerb für Dragqueens und -kings aus der ganzen Welt.

Foto: privat

Dean DeVille, 25
Dean DeVille ist in der Münchner Drag-Szene bereits professionell unterwegs: Auf seinen Visitenkarten nennt er sich Travestiekünstler. Im normalen Leben heißt er Dennis Gutmann und hat bis vergangenen Sommer noch als Friseur gearbeitet. Mittlerweile verdient er seinen Lebensunterhalt komplett mit Shows als Dean DeVille. Angefangen hat er mit 18 Jahren als Candy-Boy im New York Club in München, wo er auch schon als Barkeeper gearbeitet hat: „Das war immer freitags, da habe ich mit hohen Schuhen Süßigkeiten an die Clubbesucher verteilt“, sagt Dean. Damals sei sein Stil noch sehr androgyn gewesen. „Da habe ich nie gesagt, dass ich Drag oder Travestie mache. Ich wusste zu dem Zeitpunkt auch nicht, dass das alles einen kulturellen und künstlerischen Hintergrund hat und etwa sehr präsent in den USA ist – das habe ich dann erst begriffen“, sagt Dean.

Irgendwann wollte er sich weiterentwickeln, hat angefangen mit Make-up und Outfits zu experimentieren, hat sich vieles auch mal selbst zusammengebastelt. Heute trifft man Dean DeVille nicht nur bei Garry Klein an. Dean Deville macht auch Comedy, zusammen mit Kollegin Tracey und den beiden Münchner Travestie-Künstlerinnen aus der älteren Generation: Winnie Winter und Conny Condor. Ein zweistündiges Programm. „Seit August 2018 mache ich nur noch Travestie, hauptberuflich“, sagt er. In den vergangenen Jahren, sagt Dean, habe es in Deutschland einen extremen Aufschwung im Bereich Drag und Travestie gegeben. Dazu habe auch die Fernsehsendung „RuPauls Drag Queen Race“ beigetragen. Allerdings: „Diese Sendung verändert einerseits das gesellschaftliche Interesse an Drag, aber es geht gleichzeitig auch ein Grundstein menschlicher Kreativität verloren“, sagt der 25-Jährige. Viele in der Szene würden den Idealen nacheifern, die in der Sendung vermittelt werden, und selten eigene Ideen umsetzen. „Das ist schon sehr schade“, sagt Dean.

Wenn er von der Drag-Szene spricht, weiß er genau, worauf es ankommt, denn „es ist einfach ein ganz eigenes Business“. So müsse man auch in dieser Branche eine gewisse Seriosität mitbringen. „Ich muss wissen, wie ich vor Club-Besitzern auftrete, wie ich mit ihnen spreche und ja, man muss sich auch damit auskennen, wie man seinen Preis zusammensetzt und das dann begründen“, sagt er. Dabei sei es aber auch wichtig, dass man sich nicht selbst überschätzt, wenn man etwa neu in der Szene ist und seine ersten Jobs macht. „Aller Anfang ist schwer. Ich habe mir vieles erst einmal erarbeiten müssen“, sagt Dean. Das mit dem Schminken hat er sich über die Jahre selbst antrainiert, er hatte niemanden, der ihm geholfen hat. „Anfangs hatte ich noch Schminke aus dem Drogeriemarkt, dann bin ich aber recht schnell zur Theaterschminke übergegangen“, sagt er.

Foto: privat