Zwischen Clown und Krankenhaus

Was es bedeutet, sich in München als junge Schauspielerin zu behaupten: Vera Flück, 23, und Mona Vojacek Koper, 24, sind begeistert von der Theaterlandschaft, fragen sich aber manchmal, ob ein sozialer Beruf nicht doch besser für sie wäre.

Auf der Bühne der Kammer 3 steht nur diese Tür. Mona Vojacek Koper tritt durch sie auf, wieder und wieder. Sie mimt in „Push Up 1 – 3“ eine Geschäftsfrau Ende 20: weiße Bluse, hohe Schuhe, Kaffee in der Hand. Anfangs versprüht diese Figur gute Laune, Professionalität, doch langsam wandelt sich Monas Spiel. Man merkt: Da steckt jemand fest in einer Lebenskrise. Einbauschränke und Einsamkeit, und das mit 28. Mit jedem neuen Auftreten durch die Tür steigert sich so der Grad der Verzweiflung. Als ihr Monolog zu Ende ist, bekommt Mona vom Münchner Publikum einen intensiven Applaus.

Dieses Vorspiel beim sogenannten Intendantenvorsprechen ist einige Monate her, im Sommer ist Mona fertig mit ihrer Ausbildung. Wie hat sie die Zeit in München als Schauspielstudentin erlebt? Und was bedeutet es, sich in dieser Stadt als junge Schauspielerin zu behaupten? Überall auf der Welt gibt es junge, talentierte Schauspieler mit großen Plänen und Visionen. Meist ist es ein kräftezehrender Kampf, bis es diese aufstrebenden Künstler so weit geschafft haben, dass sie ihr Leben ausschließlich vom Schauspiel finanzieren können. Bei kaum einem Beruf klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie hier. Wie verhält es sich damit in München? Hat man als junger Schauspieler hier vielleicht eher Existenzängste als anderswo? Und ist München generell eine attraktive Stadt für junge Künstler? 

Ein Treffen mit den beiden jungen Münchner Schauspielerinnen Vera Flück, 23, und Mona Vojacek Koper, 24 – beide Schauspielstudentinnen an der Otto-Falckenberg-Schule. Um sich ein genaueres Bild von den zwei Schauspielerinnen machen zu können, lohnt ein Blick in die jeweilige Zeit vor dem Schauspielstudium der beiden. Für Vera ist die Schauspielerei eine Art Lebenstraum. Seit sie denken kann, möchte sie in diesem Beruf arbeiten. „Ich war schon immer der Klassenclown und es war schon früh eine Leidenschaft von mir, Menschen zu beobachten und mir deren Welten zusammen zu spinnen“, sagt sie. Weil sie jedoch mit 15 schon mit der Schule fertig war, wollte sie zunächst etwas „Anständiges“ machen. Vielleicht auch etwas, auf das sie zurückgreifen kann, sollte es mit dem Lebenstraum Schauspiel nicht funktionieren? Vera absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester in ihrer Heimat Bern und arbeitete auch eine Zeit lang in diesem Beruf. „Da lernt man Menschen unverblümt kennen, das empfinde ich als wichtige Erfahrung“, sagt sie. Der Schauspielberuf und das Krankenschwesterdasein – zwei Beschäftigungen, die sich nicht unbedingt ähnlich sind. Doch was sind hier die größten Differenzen bei den Arbeitsbedingungen? Neben den geregelten Arbeitszeiten, sei es insbesondere der Kontakt mit Menschen, den sie im Krankenhaus hatte, sagt Vera. „Da gab es eine größere soziale Komponente als beim Schauspiel. Ich habe dort gesehen, dass ich als Mensch etwas Gutes tue.“ Das sei ein Teil ihres Berufs gewesen, den sie zu Beginn des Schauspiel-Studiums zunächst vermisst habe, erinnert sich Vera. 

Bei Mona war es ganz anders. Sie entdeckte ihre Liebe zum Schauspiel erst später. „Als dann aber mein Wunsch entstanden ist, hatte ich eigentlich keinen Plan B. Ich dachte mir damals: Entweder das klappt jetzt, oder ich geh halt noch einmal auf Weltreise“, sagt Mona und lacht. Zunächst sei sie eher naiv und arglos an die Schauspielerei herangegangen. Erst im Laufe des Studiums habe es sich ihr erschlossen, was der Schauspiel-Beruf wirklich für sie bedeutet. Mona hat ursprünglich viel im Bereich Tanz gearbeitet. Das sieht man ihr auch an: Kerzengerade sitzt sie da, die Beine im Schneidersitz verschränkt. Hin und wieder dehnt und streckt sie ihre Arme. Noch während den Nachwirkungen einer schweren Knieverletzung hat sie sich 2013 an der Otto-Falckenberg-Schule beworben. Ging mit Krücken zum Vorsprechen. Und wurde genommen.

Trotz Passion und Traum-Berufsziel scheinen beide Frauen den Schauspielberuf auch hin und wieder zu hinterfragen. Mona gibt zu, dass sie sich manchmal die Frage nach dem Zweck und Nutzen des Berufs stellt. So habe sie gelegentlich auch Zweifel, ob das alles nicht zu „leer“ für sie sei. Dass ein sozialer Beruf nicht vielleicht doch der bessere Weg für sie wäre. In diesen Gedankengängen sind sich die beiden Münchnerinnen sehr ähnlich. „Ich frage mich manchmal, ob ich meine Energie nicht besser für etwas nutzen könnte, was Menschen direkter etwas bringt“, sagt auch Vera.

Trotz der Zweifel und den immer wiederkehrenden Existenzängsten sind Vera und Mona ihrem Ziel auf der Spur. Ein Beruf und ein Leben im – nicht immer einfachen – Kulturbereich und Theaterbetrieb. Sie wissen, worauf sie sich einlassen, und scheinen jegliche unrealistischen Träumereien hinsichtlich des Schauspielberufs abgelegt zu haben. Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb – sind sie ihrem Berufsziel treu geblieben. Sie brennen für die Bühne, wollen Dinge erreichen und anpacken. Denn ihnen ist klar, dass man mit Schauspiel im besten Falle Menschen auch berühren kann.

Wie steht es mit München? Kann man sich hier verwirklichen? „Mir ist München zu wenig bunt“, sagt Vera und meint damit insbesondere die Subkultur dieser Stadt. Außerdem hätten Vera und Mona anfangs Mühe gehabt, sich hier einzuleben. Was daran lag, dass das erste Bild, das beide von München hatten, größtenteils aus dem Flair der Maximilianstraße bestand – hier liegt die Otto-Falckenberg-Schule. Die Theaterlandschaft Münchens sei jedoch großartig, da sind sie sich auf Anhieb einig. Auch Leonard Hohm, 26, Schauspieler aus München, ist da gleicher Meinung: „München ist eine ganz tolle Stadt voller Möglichkeiten. Dass viele immer so drauf schimpfen, verstehe ich nicht. Zwar hat die Stadt einen anderen finanziellen Druck und kulturellen Anspruch, aber das alles kann auch dazu führen, seinen Arsch hoch zu bekommen. In München gibt es zwar weniger Leute in der freien Szene als in Berlin, aber dafür habe ich hier tausend Möglichkeiten, etwas auf die Beine zu stellen.“

„Im Gegensatz zu Berlin finde ich es in München schön, dass alles so übersichtlich ist“, sagt Mona. „Ich habe das Gefühl, ich weiß, was es hier für freie Gruppen gibt und was so an den Theatern gespielt wird.“ Die kleine, überschaubare freie Szene Münchens also mal nicht als Makel, sondern als Vorteil? Vera ist davon überzeugt: „Hier in München hat man das Gefühl, man kann noch etwas bewirken, in Berlin hast du ja schon alles. Man muss es halt machen.“ Auch Kjell Brutscheidt, 21, der an der Theaterakademie August Everding Schauspiel studiert, sieht es ähnlich: „München ist schon eine attraktive Stadt für Schauspieler, allein wegen der drei großen Theater – Resi, Kammerspiele und Volkstheater. Und durch den Sitz der Bavaria und der Hochschule für Fernsehen und Film gibt es sogar die Möglichkeit, im Bereich Film neue Leute kennenzulernen und Verbindungen aufzubauen“, sagt er.

Kjell, Leonard, Vera und Mona sind momentan auf einigen Fotos der Ausstellung „10 im Quadrat“ der Junge-Leute-Seite im Farbenladen des Feierwerks zu sehen. Ein Ziel dieser Ausstellung war es, junge Münchner Fotografen und Künstler untereinander zu vernetzen. Wie wurde nun dieses Projekt von den drei Schauspielern wahrgenommen? „Ich bin ein großer Fan von Crossover“, betont Mona. Durch dieses Projekt habe sie auch erstmalig die vielen jungen Fotografen Münchens kennengelernt. Was sie künstlerisch so machen und auch wo diese am Wochenende gerne feiern gehen. Eine weitere positive Horizonterweiterung also, in gewisser Hinsicht. Auch Kjell gefällt das: „In München oder im Studium, so war es jedenfalls für mich, ist es relativ schwierig, andere Leute aus theaterfremden Bereichen kennenzulernen. Durch den vollen Stundenplan, besonders in den ersten beiden Jahren, ist man von morgens bis abends fast nur in der Akademie und somit in seiner eigenen kleinen Welt. Mir hat es echt gut getan, mal mit nicht theaternahen Leuten zu arbeiten, zu sehen was die so machen. Das hat Spaß gemacht.“

Text: Ornella Cosenza, Carolina Heberling und Amelie Völker

Fotos: Josef Beyer, Regine Heiland

Sponsorensuche für die Schauspielschule

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Susanne Junghans, 22, hat einen Platz an einer Schauspielschule in New York ergattert. Doch für die Ausbildung fehlen 85 000 Dollar. Ihre Crowdfunding-Kampagne ist am Scheitern

Warren Buffet hat es vorgemacht. Wer mit der Investor-Legende zu Mittag essen will, muss sein Bankkonto plündern – und ganze 2,2 Millionen Dollar zahlen. Susanne Junghans verlangt nicht so viel. Die 22-Jährige hat in München Theaterwissenschaften studiert und spart jetzt auf einen Studienplatz am Lee Strasberg Institute: An der Schauspielschule in New Yorkhaben schon Al Pacino, Robert De Niro und Dustin Hoffman ihr Handwerk gelernt. In
einer Crowdfunding-Aktion bittet Susanne nun Sponsoren zur Kasse: Für 10 000
Dollar will sie ihre Gönner zum Mittagessen ausführen. Für 250 Dollar verspricht
sie eine Postkarte. Statt der erhofften 85 000 Dollar hat sie bisher
nur 240 Dollar gesammelt. Heute endet die Kampagne.

Was du in deiner
Crowdfunding-Kampagne versprochen hast, klingt ganz schön arrogant. 250 Dollar für
eine Postkarte, 500 Dollar für einen Chat und 10 000 Dollar für ein
Mittagessen…
Susanne Junghans: Ich kann mir vorstellen, dass manche das als arrogant
empfinden. Aber man muss sich schon fragen: Wie kann man das, was man
verspricht, auch einhalten? Hätte ich ein Mittagessen für 10 Dollar angeboten,
wäre mein Terminkalender fürs nächste Jahr schon ganz voll. Hätte ich einen Muffin
für einen kleinen Betrag angeboten, hätte ich 100 Muffins backen und
verschicken müssen. Das wäre logistisch zu schwierig. Zudem biete ich außer einem Blog und einem Film kein greifbares Produkt
an, das man auf verschiedenste Arten hätte anbieten können. Die Kampagne war
ein Experiment, ein Versuch. 

Für dein Studium in
den USA brauchst du 85 000 Dollar. Deine Kampagne ist davon aber weit entfernt.
Hättest du die Aktion im Nachhinein anders gestaltet?
Man hätte vieles anders machen können. Meine Freunde haben gesagt, das
Video sei nicht fröhlich genug. Aber das war mir zu fake. Warum einen Abklatsch
von all den Videos machen, die es schon gibt? Ich wollte authentisch sein. Und
dass die Kampagne nicht gut gelaufen ist – das hat auch damit zu tun, dass die Deutschen
recht verhalten sind. Ich habe von Anfang an nicht damit gerechnet, dass ich den
Betrag zusammenbringe. Aber: Man muss alles versuchen.
Das ist jetzt etwas, was ich von meiner Liste streichen kann.

Kannst du dir die
Schule wirklich nicht leisten? Du kommst ja nicht aus ärmlichen Verhältnissen.
Nein, aber dass meine Eltern Geld haben, bedeutet nicht, dass ich es ebenfalls
habe! Meine Eltern haben schon früher meine Einladungen zu Bewerbungsgesprächen
im Schauspielbereich so lange versteckt, bis sie abgelaufen waren. Für sie ist
Schauspiel etwas, das man im privaten Rahmen macht. Nicht etwas, das Wohlstand
und gesellschaftlichen Status bringt.
Mein Vater, in der Nachkriegszeit aufgewachsen, hat eben auch viel Armut
erlebt und denkt demnach in anderen Parametern. Aber für mich ist natürlich ein emotionaler Schmerz da. Würden mich
meine Eltern unterstützen, könnte ich das, wovon ich träume, mit Leichtigkeit
machen.

Eine Studentin, die
bisher nur im Studium auf Theaterbühnen gestanden hat, muss sich doch glücklich
schätzen, überhaupt genommen worden zu sein…
Ja, aber macht der Umstand der Mittellosigkeit dieses Glück
nicht zur Illusion? Solange es nicht real wird, bringt es mir nichts. Das ist
das Ironische daran. Dieses Glück ist nicht greifbar.

So viel
Lebenserfahrung mit 22 Jahren?
Es ist sicherlich gerechtfertigt, anzuzweifeln, dass ich Lebenserfahrung
habe. Aber: Das biologische Alter kann für die Erfahrung sprechen, muss es aber
nicht. Natürlich denken die Leute oft: oh, 22 Jahre alt, so ein Küken. Dann ist
es doch angenehmer, zu überraschen als zu enttäuschen, oder? Ich habe die Erfahrung
gemacht: Schlimmer geht es immer – aber es kann auch wieder besser werden. 

Was fasziniert dich
denn am Schauspielern?
Eine Geschichte mit seinem eigenen Körper zu vermitteln. Das ist für mich
wahnsinnig erfüllend – mit Rollen zu arbeiten, die schwer zu fassen sind. Im
Film „Monster“ hat Charlize Theron etwa eine Serienmörderin gespielt. Die für
das Publikum sympathisch zu machen – das zu verstehen – das finde ich
wahnsinnig interessant.

Der letzte
Hoffnungsschimmer sei die Kampagne, hast du auf deinem Blog geschrieben. Wie
soll es jetzt weitergehen?  

Ich könnte Lotto spielen. Ich könnte Autos klauen. Juwelierläden ausrauben,
Drogen verticken, Zuhälter werden. Zuallerletzt würde ich meine Eltern fragen.
Das ist die letzte realistische Möglichkeit. Wenn das nicht klappt, dann war es
das mit New York.

Willst
du nicht versuchen, hier Schauspielerin zu werden?

In Deutschland ist es schwierig, als Schauspieler Fuß
zu fassen. Mein Plan B wäre, nach England zu gehen und auf mein Talent zu
vertrauen, auf Castings zu gehen. Ich würde sehr gerne international arbeiten. Zurückkommen kann ich
immer. 

Elsbeth Föger