Fremdgänger: How to be parisian

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Was passiert, wenn der vorübergehende Wohnort zu der Heimat des Herzens wird? Unsere Autorin berichtet von ihrer nie endenden Begeisterung für Paris und der Traumerfüllung eines jeden Erasmus-Studenten.

Es geht nicht darum, in Paris geboren zu sein. Um Pariser zu
sein, muss man in Paris wieder geboren werden. So und anders lauten viele
Sprüche, die unter Paris-Pilgernden in Mode sind. Der Hype um die Stadt der
Liebe mit all seinen überlaufenen Hotspots von Eiffelturm bis Champs-Elysees
erfährt eine ganz neue Dimension für diejenigen, die wirklich nach Paris gehen,
um dort zu leben, uns Erasmus-Studenten. Ein wenig in der Stadt der Liebe, der
Kunst, der Schönheit, der Freiheit zu leben, rein durch den eigenen Aufenthalt
dort etwas von ihrem Zauber aufzunehmen– wer wünscht sich das nicht. Jedes Jahr
strömen wieder Massen an Hypenden in die Stadt, um sich diese zu eigen zu
machen.

Es gibt einen regelrechten Kult um das Leben in Paris.
Jemand, der einmal mit Wein an der Seine gesessen hat, hält sich jetzt für eine
waschechte Pariserin. Das Ganze noch auf social media inszeniert hashtag
parisienne, „Pariserin“. Doch sie machen alle den einen Kardinalfehler, der sie
für immer im Status erbärmlicher Touristen gefangen halten wird. Sie finden
Paris toll. Die echten Pariser nämlich, finden Paris nicht so besonders. Mein
Gastvater sagt immer zu mir, er verstünde sowieso nicht, was alle immer mit
Paris hätten. So herausragend schön sei die Stadt nun wirklich nicht.

Im Septime la Cave, einer schnuckeligen Weinbar im elften
Arrondissement, die wie ein Weinkeller aussieht, aber viel hipper ist, sprechen
uns zwei Pariser an, wie sie wohl im Buche stehen. Er mit Dreitagebart, Betreiber
mehrerer charmanter Restaurants, Frauenheld, wie mir seine beste Freundin
später augenzwinkernd verrät, sie elegant und klassisch, Psychologin, die sich,
selbst mit kleiner Krise, als Erste verabschiedet. Sie
laden uns ein, mit ihnen weiter zu ziehen, wir gehen in eine noch kleinere,
noch geheimere Bar und trinken Rotwein mit Käse und Baguette. Ich befürchte
schon, vor lauter Klischee fällt die Szenerie gleich in sich selbst zusammen.

Warum wir ausgerechnet in Paris seien, fragen sie
interessiert. Sie verstünden gar nicht warum alle Welt nach Paris wolle. Gut,
ja, es sei schon ganz nett hier, aber doch irgendwie auch immer das Gleiche und
so viel habe die Stadt doch dann auch nicht zu bieten. Ich muss lächeln über
ihre Übersättigung und gekünstelte Unzufriedenheit, die wohl die Pariser zu
charakterisieren scheint. Und irgendwie macht sie mich auch tieftraurig. Wie
kann man in einer Stadt wie Paris leben und für ihre Reize blind werden? Ich
versuche mein begeistertes Lächeln über die ganze Situation, in Paris, mitten
in der Nacht, mit Parisern und Wein, so original, der Traum eines jeden
Austauschstudenten,ein bisschen herunterzuschrauben. Will mich ja nicht gleich
outen, als eine der ewig Paris-Begeisterten.

Aber doch, ich gebe es zu. Aus mir wird niemals eine
Pariserin werden. Ich erhebe auch nicht den Anspruch nach einem Jahr in Paris
zur Pariserin geworden zu sein. Ich will Paris nicht langweilig finden oder
seiner überdrüssig werden. Ich will es jeden Tag von Neuem großartig finden. Will
durch die Parks und Boulevards schlendern und jedes Mal wieder von der
Schönheit des Stadtbilds überwältigt sein. Ich will aufblicken, über die
Brücken der Seine bis zur Notre Dame und es einfach genießen, in dieser
traumhaften Kulisse zu leben. Ich will meinen künstlerischen Idolen auf ihren
Spuren folgen, Monet im Musée d’Orsay besuchen und auf Simone de Beauvoirs
Platz im Les deux Magots heiße Schokolade trinken, im Louvre vor dem
Turnergemälde auf der Couch lesen und es unheimlich romantisch finden, den
Sonnenuntergang vom Arc de Triomphe aus betrachten und mir sagen „hier wohne
ich“.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Heiß, sehr heiß

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Über das Wetter reden ist eine der bekanntesten Smaltalkstrategien überhaupt. Darin sind wir Deutschen gut. In England scheint das eine Methode der Verarbeitung zu sein.

Schweiß bildet sich auf meiner Stirn. Ein wenig verzweifelt überlege ich mir, was ich noch ausziehen könnte, ohne völlig nackt am Schreibtisch zu sitzen. Aber so besonders viel ist da nicht mehr übrig, denn da sich die Temperaturen in Oxford seit mehr als einer Woche im 30-Grad-Bereich aufhalten, trage ich mittlerweile ausschließlich die leichtest möglichen Sommerkleider und berufe mich regelmäßig auf mein Hitze-Mantra: „Englisches Wetter rockt.“ Das wirkt nach wie vor erstaunlich gut. Denn auch wenn ich persönlich keinesfalls der enthusiastischste Hitze-Fan bin, erweist es sich als erfrischende Genugtuung, meinen Freunden in München Fotos zu schicken, von Bootsfahrten durch englische Parklandschaften im Bikini.

Während meines Bachelorstudiums in München verbrachte ich den Großteil meiner Sommer über Seminararbeiten schwitzend in gut klimatisierten Bibliotheken in der Innenstadt. Deshalb handelt es sich bei den helleren Streifen, die sich mittlerweile auf meinen Schultern zwischen leicht gebräunter Haut abzeichnen, schon um eine kleine Sensation. Vor ein paar Wochen habe ich mein Studium offiziell abgeschlossen und somit zum ersten Mal seit Jahren Zeit, mit einem Roman im Park zu sitzen, Fahrradtouren zu romantischen Palästen zu unternehmen oder mich in einer weiteren Oxford-Tradition, dem Punten (Stocherkahnfahren), zu üben.

Vor einem Jahr, bevor ich zu meinem England-Studium aufbrach, war der zweithäufigste Kommentar, gleich nach: „Oh je, das englische Essen …“, den ich mir anhören musste, ein Verweis auf das angeblich grauselige britische Wetter. Sicherlich, Stimmen munkeln, 2016/17 sei ein besonders mildes Jahr im Vereinten Königreich gewesen. Von daher könnte ich einfach nur Glück gehabt haben. Allerdings halte ich Wetterfragen im Allgemeinen für relativ und die universale Verunglimpfung des englischen Wetters für mehr als übertrieben und deshalb unangebracht. Ich verstehe meine Freunde aus Kalifornien oder Singapur, für die der Winter hier mit Sicherheit eine schockierende Umstellung dargestellt haben muss. Jedoch muss ich ausgehend von meiner deutschen Perspektive zu Bedenken geben, dass es in Oxford weder tagelange Regenfälle gibt, die Keller unter Wasser setzen, noch Schneestürme, die den öffentlichen Nahverkehr lahmlegen, wie ich es von zu Hause nur allzu gut kenne.

Interessanterweise scheinen es jedoch insbesondere Engländer selbst zu sein, die mir gegenüber ihre Frustration angesichts des Wetters aussprechen. Des Öfteren unterhalte ich mich mit meinem Mitbewohner Barney über unvorhergesehenen Sprühregen und dichte Nebelbänke. „I wish there would be more sun in England“, sagt er immer und immer wieder. Besonders für ihn freue ich mich deshalb über diesen strahlenden Sommer. Doch an einem dieser Tage finde ich Barney erschöpft auf unserer Küchen-Couch sitzen. Verzweifelt fragt er mich: „Why is it so hot?“ Zuerst bin ich aufrichtig verwirrt, aber dann fällt mir ein anderes unserer Gespräche ein, während dem er mir erklärte, dass die englische Taktik, mit dem Wetter umzugehen, genau darin bestehe, darüber zu sprechen. Vielleicht ist demnach das Sich-über-das-Wetter-Beschweren schon so etwas wie kulturelle Umgangsform und gar nicht unbedingt an die tatsächliche Grausamkeit eben jenes geknüpft. Darauf möchte ich Barney in diesem beschwerlichen Moment jedoch nicht aufmerksam machen, denn für den einzig passend erscheinenden Kommentar fällt mir keine dem englischen Höflichkeitsethos entsprechende Übersetzung ein: „Euch kann man es wohl auch nicht recht machen.“

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat