Neuland: Time to wish

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Die Initiative Time to wish will Begegnungen zwischen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen und Berufstätigen organisieren.

Die drei Gründerinnen Laura, 24, und ihre Schwester Hannah Kieblspeck, 27, und Sabrina Littek, 27, betonen im Namen bewusst einen Wunsch (wish) nach kulturellem Austausch zwischen Bevölkerung und Geflüchteten. Problem aber sei bei Berufstätigen die Zeit (time) für ein Treffen. Genau hier setzt die Initiative an. Durch Kooperationen mit Unternehmen sollen die Mitarbeiter während der Arbeitszeit unter der Woche für gemeinsame Aktivitäten freigestellt werden.

Ein großes Unternehmen ist schon dabei: „Nach einer Präsentation kam ein Mitarbeiter von BMW auf uns zu“, sagt Hannah, die junge Geflüchtete in einer Einrichtung betreut. Auch die IHK macht mit. Ausflüge zum Klettern, in den Tierpark oder ins Museum fanden bislang bereits statt. Für den Sommer plant das Team einen Schwimmkurs. Der große Vorteil: Mitarbeiter bekommen Zeit, die sie normalerweise nicht hätten und gleichzeitig bleibt der geregelte Tagesablauf der Geflüchteten erhalten. „Langfristig wären Partnerschaften oder Tandems nach den Ausflügen denkbar“, sagt Hannah.

Text:  David-Pierce Brill

Foto: Time to wish

Neuland: Social Bee

Mit ihrem Start-up Social Bee wollen die Münchner Master-Studenten Maximilian Felsner, 26, und Zarah Bruhn, 25, jungen Geflüchteten eine Perspektive geben. Gelingen soll das in der Zeitarbeitsbranche.

Die Idee der im März gegründeten Firma ist eine „soziale“ Zeitarbeit, bei der zusätzlich zum Personal auch Qualifikationen vermittelt werden sollen, um Geflüchtete langfristig zu integrieren. Seit vergangenen Mittwoch verfügt das Sechs-Mann-Team über die Zeitarbeitslizenz und will von August an Flüchtlinge anstellen. „Die Geflüchteten wollen gerne arbeiten, Arbeitgeber sind aber wegen der Bürokratie oft abgeschreckt“, sagt Gründer Max Felsner. Er will mit seinem Start-up der Vermittler sein, indem er diese anstellt und an die Unternehmen in der Logistikbranche ausleiht. Zusammen mit Sozialpädagogen und Trainern begleitet die junge Firma dann die Flüchtlinge durch den Job. Nach etwa einem Jahr sollen diese dann Beschäftigungen in Festanstellung bekommen.
„Für uns zählt nicht das Geld, sondern die Wirkung“, sagt Max. Er hat VWL im Bachelor studiert und studiert nun im Master Philosophie. Er will in seinem Job neben der wirtschaftlichen auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen: „Bei der klassischen Wirtschaft fehlt der soziale Mehrwert.“

Von: David-Pierce Brill

Foto: Jospeh Hagen

Weil der Mensch ein Mensch ist

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Die Studentin Louisa Wagener dreht einen Film über Flüchtlinge, über Heimat und Familie – und über eine Freundschaft, die weder Nationalität noch Herkunft kennt. Im Herbst zeigt der BR das Debütwerk.

In einer Deutschklasse für geflüchtete Jugendliche in München hat alles angefangen. Louisa Wagener, 23, studiert im siebten Semester Regie an der Hochschule Macromedia in München. Sie war auf der Suche nach einem Thema für ihren Abschlussfilm, als sie im März vergangenen Jahres einen Bekannten ihrer Eltern in seinem Deutschunterricht für 25 junge Männer aus Syrien, Sierra Leone, Iran und Eritrea besuchte. „Damals hatte ich noch keine Ahnung, was für einen Film ich machen wollte. Ich bin da einfach hingegangen. Aber das war so ein eindrückliches Erlebnis, da bekomme ich heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt Louisa.

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Louisa – groß gewachsen, schlank und blond – hat blaue Augen, ihr ordentlich gezogener Eyeliner hat die gleiche Farbe wie die dunklen Ränder ihrer Iris. Erst einmal habe sie die Reaktionen der jungen Männer interessant gefunden – von verhaltenem Kichern bis zu coolem Macho-Gehabe. Aber als sie dann angefangen hat, Fragen zu stellen, da sei es plötzlich ganz still im Raum geworden. „Ich habe erzählt, dass ich mir überlegen würde, einen Film zu machen, einen Film über Menschen auf der Flucht“, sagt Louisa und dreht die Enden ihres geflochtenen Zopfes in den schlanken Fingern. Ganz vereinzelt hätten dann die jungen Männer begonnen zu erzählen. Von den Familien, die sie vermissten, von der Wüste, in der es so heiß gewesen sei. „Da entstanden sofort Bilder in meinem Kopf“, sagt Louisa. Und ihr sei in diesem Moment klar gewesen, das dies das Thema ihres Abschlussfilms werden würde.

Dass es nicht einfach sein werde, ein so brisantes Thema zu bearbeiten, war ihr schon klar. Aber mit welchen Hindernissen sie tatsächlich zu kämpfen haben würde, konnte Louisa zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzen. „Die deutsche Bürokratie ist da echt einmal wieder unglaublich“, sagt sie. „Es ist beinahe unmöglich, Geflüchtete im Film mit einzubinden, weil man sie nicht offiziell anstellen darf, wir aber jeden am Set bezahlen müssen.“

Die Besetzung der Hauptrolle mit einem Geflüchteten sei unter anderem daran gescheitert. Und daran, dass das nötige Verfahren für eine Genehmigung der Ausländerbehörde, ihn mit ins Ausland nehmen zu dürfen (die Wüstenszenen sollen auf Fuerteventura entstehen), länger als drei Monate gedauert hätte. „Am Ende war es aber vielleicht für alle Seiten besser so. Er stand auch unter einem immensen Druck, weil er seinen Ausbildungsplatz nicht verlieren wollte“, sagt Louisa. Jetzt übernimmt Alexes Feelmo die Hauptrolle, der bereits seit seinem sechsten Lebensjahr in Deutschland lebt.

Für kleinere Rollen ist es Louisa und ihrem Team am Ende aber doch gelungen, einige Geflüchtete zu besetzen. Und Komparsen seien doppelt so viele gekommen wie sie gebraucht hätten. Denn jetzt, beinahe ein Jahr später, ist gerade die achte Drehbuchfassung fertig geworden. Und in diesen Tagen beginnen die Dreharbeiten.

In der Geschichte geht es um den 17- jährigen Eritreer Teke, dessen älterer Bruder auf der Flucht durch die Wüste gestorben ist. In Deutschland will Teke – von Schuldgefühlen geplagt – den großen Traum seines Bruders, Fußballprofi zu werden, verwirklichen. Er tritt in einen Fußballverein ein und trainiert hart, obwohl er mehr Talent für Mathematik als für Fußball hat. Die meisten Jungen in der Fußballmannschaft wollen nichts mit Teke zu tun haben, da sie geflüchteten Jugendlichen wie ihm ihr Jugendzentrum als Not-Unterkunft überlassen mussten. Nur der ebenfalls 17-jährige Anton, der unter seinem autoritären Vater leidet, freundet sich mit dem jungen Eritreer an. Am Ende wird jedoch auch der Rest der Mannschaft einsehen, dass ein Fußballspiel nur gewonnen werden kann, wenn alle zusammenhalten.

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In Our Country soll ein Film werden „über Heimat und Familie, über den Mut, zu sich selbst zu stehen“ und über „eine Freundschaft, die weder Rasse noch Herkunft kennt“, heißt es in der Projektmappe. 30 Minuten darüber, dass uns, „egal, wie fremd wir uns sind, die gleichen Sehnsüchte verbinden“.

Dabei möchte Louisa möglichst „neutral“ bleiben, da sie auch um die Ängste vieler Menschen in Deutschland weiß, und die politisch und emotional so aufgeladene Debatte nicht noch weiter verschärfen möchte. Sie will beide Seiten beleuchten und damit Verständnis schaffen.

„Am Anfang ging es mir wahrscheinlich ähnlich wie vielen, die Ausländern skeptisch gegenüber stehen“, sagt Louisa. Sie stammt selbst aus Ebersberg, einer kleinen Stadt am Ende der S-Bahn-Linie S 4. Als vor einem Jahr immer mehr dunkelhäutige Menschen dort ankamen, habe sie auch das merkwürdige Gefühl gehabt, die würden „da nicht hingehören“. Aber je besser sie die jungen Geflüchteten aus der Deutschklasse kennengelernt und je mehr sie für das Drehbuch recherchiert hat, desto klarer ist ihr geworden, „dass das alles Menschen sind wie du und ich“. Und dass die Deutschen sich noch dazu oft ein Beispiel an den Neuankömmlingen nehmen könnten.

Das ist ihr durch die Freundschaft mit Mülubrhan, einem jungen Eritreer, der das Vorbild für den Protagonisten darstellt, klar geworden. „Das sind so kleine Sachen. Egal, wie wenig Geld er hat: Wenn ich ihn zu Hause besuche, ist es für ihn selbstverständlich, dass er für mich kocht, und wenn es nur eine Tütensuppe ist“, sagt Louisa.

Die Dankbarkeit für Dinge, die uns selbstverständlich zu sein scheinen, hat sie tief beeindruckt. Ebenso wie die Geschichte eines Landes, dessen geografische Lage sie vor ihrem Abschlussprojekt nicht einmal kannte. Jetzt weiß Louisa, dass Eritrea faktisch eine Militärdiktatur ist, obwohl seit 20 Jahren immer wieder Wahlen versprochen werden. Human Rights Watch spricht vom „größten Gefängnis der Welt“, der Militärdienst gilt lebenslänglich. Da viele junge Menschen genau deswegen fliehen, wird Eritrea auch das „Land ohne Jugend“ genannt, während den Eltern der geflohenen Jugendlichen Gefängnis- und Folterstrafen drohen.

Diese Thematik zusammen mit der aktuellen Lage in Deutschland in einen 30-minütigen Fernsehfilm zu packen, ist ein gewagtes Unterfangen, das weiß Louisa. Mehrmals sei sie deshalb an einen Punkt gekommen, an dem sie dachte, sie könne das Drehbuch nicht weiterschreiben, weil die Handlung zu groß, zu komplex geworden sei. Angst vor den Dimensionen ihres Projektes hat sie heute trotzdem nicht mehr. „Man ist da eben drin“, sagt sie pragmatisch, „wenn ich jetzt Panik bekommen würde, dann wäre damit ja niemandem geholfen.“ An diesem Punkt lacht sie ein bisschen.

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Mittlerweile konnte sie nicht nur den Bayerischen Rundfunk, der den Film im Herbst ausstrahlen wird, von ihrem Projekt überzeugen, sondern auch Amnesty International, Refugio und „Brot für die Welt“, die den Film verleihen und für nicht-kommerzielle Zwecke nutzen wollen. Darüber hinaus stehen die Organisationen in Fachfragen beratend zur Seite. Auch von zahlreichen lokalen Vereinen und der Stadt Ebersberg wird „In Our Country“ unterstützt. Schauspieler wie Michael Altinger, Joseph Hannesschläger, Ferdinand Hofer und Christian Lerch werden in dem Film zu sehen sein.

Louisa möchte einen Beitrag leisten, auf kleiner Ebene. Es geht ihr nicht darum, die Politik zu verändern, sondern darum, zu zeigen, dass kleine Gesten ein Wirgefühl möglich machen können. Hier in Deutschland, aber auch im Ausland. Untertitel in Arabisch, Englisch, Französisch und Spanisch sind geplant, denn Louisa kann sich auch vorstellen, dass der Film sogar in einigen Herkunftsländern der Geflüchteten gezeigt werden könnte. „Viele Menschen, die kommen, haben ein völlig falsches Bild von Deutschland. Oft wird nicht geglaubt, dass es auch hier Probleme geben kann – auch das möchte ich mit meinem Film zeigen“, sagt sie ernst.

Fotos: privat

Von: Theresa Parstorfer

Schreiben für die Freiheit

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Der Verein NeuLand will Ende März ein Magazin herausbringen – eines von Flüchtlingen, nicht über sie. Jafar Akbari, 25, ist einer der Autoren.

Jafar Akbari, 25, schämt sich. Der gebürtige Afghane schämt sich stellvertretend für andere Flüchtlinge, die sich nicht an die Gesetze und Regeln in Deutschland halten – und sei es nur, bei Rot über die Ampel zu gehen. „Und ich bedanke mich bei den Leuten in Deutschland. Deutschland ist ein berühmtes Land und Bayern ist sehr, sehr schön: Der Himmel ist blau und die Erde ist grün“, schreibt Jafar in seinem Text „Fremdschämen. Mein Leben als Flüchtling in Deutschland“ für den Münchner Verein NeuLand. Jafar weiß aus Beobachtungen: „Auch viele Deutsche werfen den Müll weg oder haben ein lautes Smartphone in der U-Bahn. Aber sie sind Deutsche in Deutschland. Wir sind Flüchtlinge und wir werden beobachtet. Jeden Tag sehen die Leute Flüchtlinge in der Zeitung und im Fernsehen.“ Er schämt sich aber auch selbst, wenn er für 325 Euro in einer langen Schlange vor dem Sozialamt warten muss und er von den Angestellten angelächelt wird, als wäre er ein Kind ohne Eltern. „Ich kenne mich nicht wirklich mit Politik aus. Aber ich verstehe die Flüchtlingspolitik von Deutschland trotzdem nicht: Ich habe gehört, dass viele Afghanen zurück nach Afghanistan müssen. Aber Krieg ist Krieg, egal ob in Syrien oder Somalia oder in Afghanistan“, schreibt Jafar weiter. Dennoch schreibt er auch, dass Deutschland den Friedensnobelpreis verdient hätte für alles, was das Land für die Geflüchteten tut.

Menschen wie Jafar begegnen einem seit vergangenem Sommer immer häufiger. Eine große Zahl von Flüchtlingen kommt seitdem nach Deutschland, und die Medien berichten immer wieder darüber, was die Deutschen von Menschen wie Jafar halten. Susanne Brandl stellt die Gegenfrage: „Was denken die sich eigentlich über uns?“ Susanne ist Mitte 20, Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und freie Journalistin. Nicht aus Mitleid, sondern aus Neugierde hat sie im Oktober 2015 den gemeinnützigen Verein NeuLand gegründet. Der Verein arbeitet momentan an einem Blog, geplant ist außerdem, Ende März erstmals ein Magazin herauszubringen. Ein Magazin, das Geflüchteten, aber auch Migranten, als Sprachrohr dienen soll. Denn Angst haben Menschen meist vor dem Unbekannten, sagt Susanne. Sie glaubt deshalb, dass man den Austausch zwischen beiden Seiten fördern muss, um Vorurteile abzubauen. Insgesamt sind es 13 Autoren zwischen 17 und 35 Jahren aus acht verschiedenen Ländern, die für NeuLand schreiben und so ihren Teil zum Austausch beitragen wollen.

Neben der Außenredaktion, für die Jafar schreibt, gibt es auch eine feste Redaktion, die aus Geflüchteten und Migranten besteht, die sich aus Eigeninitiative gemeldet haben. Vorwiegend Männer. Es gibt aber auch zwei Autorinnen. Anonyme Autorinnen. Andernfalls müssten sie fürchten, Probleme mit ihrer Familie zu bekommen. Eine Autorin wurde beispielsweise zwangsverheiratet und lebt nun mit ihrem Ehemann, den sie nicht liebt und der sie betrügt, in Deutschland. Es wäre eine Illusion zu glauben, mit der Flucht hätten sie alle Probleme abschütteln können.

NeuLand soll Ende März das erste Mal mit einer Auflage von circa 5000 Exemplaren erscheinen und von da an vier Mal im Jahr. Kostenfrei soll die Zeitschrift in sozialen Einrichtungen aller Art ausliegen. Die Zielgruppe sind Menschen, die der Flüchtlingsthematik ängstlich bis kritisch gegenüberstehen, sogenannte besorgte Bürger, nicht zuletzt aber natürlich die Geflüchteten und Migranten selbst.

Nicht ohne Tücken ist die Arbeit mit Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Immer wieder müssen sich die deutschen Lektoren die Frage stellen, inwiefern die kleinste Veränderung eines Satzes die Aussage verändern kann. Neben der Frage, wie man mit den Texten umgeht, steht auch die Frage im Raum, ob die Kommentarfunktion auf dem Blog einschalten wird. Einerseits ist der Austausch gewünscht, andererseits möchte man die Autoren vor Anfeindungen schützen. Ein Drahtseilakt.

Wichtig ist den Gründern von NeuLand aber in erster Linie, auf eine wichtige Tatsache hinzuweisen: Geflüchtete sind Menschen wie wir. Menschen mit Träumen, Ängsten, Familie und Freunden.
 Ein Mensch mit Träumen ist auch Jafar. Bereits mit fünf Jahren floh er mit seiner Familie aus Afghanistan in den Iran. Seit fast zwei Jahren wohnt er nun in Emmering im Landkreis Fürstenfeldbruck. Ohne seine Familie, denn sein jüngerer Bruder und seine „muslimische Mama“ halten nichts von Europa und dem Westen.

Deshalb floh Jafar alleine über die Türkei und Griechenland nach Deutschland. Einmal gab es auf der Bootsüberfahrt Streit zwischen zwei Afrikanern und sie kenterten. Sie schafften es irgendwie, wieder in das Boot zu steigen. Jafar, dessen Kaffee längst kalt geworden ist, weil er so viel im Gespräch loswerden möchte, weiß, es hätte auch anders ausgehen können. Aber eines wusste er auch schon, bevor er sich auf den Weg gemacht hat:„Eine Flucht ist keine Urlaubsreise.“ Bei dem Satz umklammert seine Hand die Kaffeetasse ein bisschen fester.

Die erste Station in Deutschland war 2014 Hamburg, doch von dort ging es mit einem kurzen Zwischenstopp in der Bayernkaserne gleich weiter nach Emmering. Obwohl er immer Angst hatte, in einem kleinen Ort zu landen, will er bleiben. In dem Land, das er mehr als alles andere mit Freiheit verbindet. Und mit Spaß, wie er es nennt. Was er mit Spaß meint, ist ein Leben ohne die ständige Angst vor Polizei und Anfeindungen aus der Bevölkerung.

Viele sagen, die Stimmung in Deutschland sei seit der Silvesternacht in Köln gekippt, doch Jafar hat davon nichts zu spüren bekommen.
Für das Verhalten seiner „Kollegen“ an Silvester, wie er die anderen Geflüchteten mit dem Anflug eines Lächelns nennt, schämt sich Jafar. Es passiert selten, dass er lächelt. Meistens ist sein Blick ernst. Immer auf der Suche nach den richtigen Worten. In einer Sprache, die ihm auch nach zwei Jahren noch schwer fällt. Er weiß, dass das Fehlverhalten Einzelner zu Problemen für die ganze Gruppe führen kann.

Die Außenredaktion befindet sich in einer Schule zur Berufsvorbereitung. Einige der Lehrer betreuen interessierte Schüler wie Jafar und helfen ihnen beim Verfassen von Artikeln. Jafar will vor allem über die Probleme der Flüchtlinge schreiben. Und über Missverständnisse. Denn viele Deutsche scheinen wenig oder nichts über die Herkunftsländer der Flüchtlinge zu wissen. Beispielsweise gebe es natürlich auch U-Bahnen im Iran, aber viele seien verblüfft, wenn er das erzähle. Jafar schüttelt fast unmerklich den Kopf. Manche irritiert es, dass er dunkle Jeans und einen lila Pulli mit einem Hemd darunter trägt, wie eben die meisten in Europa lebenden Männer in seinem Alter momentan. Es ist banal und doch so bezeichnend für das Bild des Westens von den Geflüchteten.

Jafar nimmt es den Menschen jedoch nicht übel. Sogar für die Karikaturen von Mohammed hatte der gläubige Moslem Verständnis. Er fand es traurig, ja, aber er sagt auch: „Kunst ist Freiheit.“ Freiheit. Der Grund, warum er hier ist und all die Strapazen auf sich genommen hat. Deshalb sagt er auch: „Es ist wichtiger, ein guter Mensch als ein guter Moslem zu sein.“ Es ist der Satz eines Menschen, der das Schlechte gesehen hat und es hinter sich lassen möchte.

Von: Jacqueline Lang

Foto: Matthias Weiss

Neuland: Hochtauschen – ein Zwischenstand

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Der BWL-Student Philipp Christov, 23, will sich hochtauschen. Mit einem selbstgebauten Dosentelefon hat alles angefangen und sein großes Ziel ist es, am Ende ein Haus für Geflüchtete zu ertauschen. Anfang des Jahres haben wir euch schon über ihn berichtet, nun verraten wir euch den aktuellen Stand des Tausch-Projekts.

Philipp Christov, 23, den die Junge Leute Seite vor ein paar Monaten schon einmal vorgestellt hat, weil er sich, angefangen mit einem selbstgebastelten Dosentelefon, ein Haus für geflüchtete Menschen ertauschen will, ist mittlerweile bei einem Tauschwert von 10.000 Euro angekommen.
Einen Smart hat er gegen den Imagefilm einer Produktionsfirma getauscht. Der Film wurde, als Anspielung auf die Verleihung der Academy Awards am Sonntag symbolisiert durch einen unechten Oscar, wenig später in einen Gutschein für eine (Firmen-)Feier mit Buffet und Getränken einer Eventagentur umgewandelt. Da es immer schwieriger wird, für diese Summen Täuscher zu finden, wird sich Philipp im nächsten halben Jahr noch intensiver um sein Projekt kümmern, sodass das Haus vielleicht 2016 ein Weihnachtsgeschenk für Menschen werden könnte, die ihre Heimat verlassen mussten.

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Von: Theresa Parstorfer

Fotos: Schiwani Kakor

Mehr Informationen findet ihr hier.