Zeichen der Freundschaft: Post für Dich

image

In der Schule haben unsere Autorin und ihr Freund Alex zusammen die schlimmsten Lehrer überstanden, jetzt trennen sie mehrere Stunden
Autofahrt. Aber sie haben einen besonderen Weg gefunden, ihre Freundschaft am
Leben zu erhalten…

Ich springe die zwei
Stufen zu meiner Haustüre hinauf. Mit einer Bewegung sperre ich auf und bin
auch schon durch die Tür. Einmal um die Ecke, meine Finger suchen wie von
selbst den kleinsten Schlüssel am Bund. Meine Augen wandern über die Wand mit
den braunen Metallkästen. Sie bleiben genau in der Mitte hängen. Ich schiebe
den Schlüssel ins Schloss und ich wappne mich für die Leere, die mir gleich
entgegenschlagen wird.  Außer der
“Das Stück für zwei Euro”- Pizzabude nebenan, die nur darauf wartet,
vom Gesundheitsamt geschlossen zu werden und Ikea schreibt mir nämlich nie
jemand. Naja, fast nie. Denn alle paar Monate kommt so ein Tag wie heute. Ich
öffne die Türe und eine Postkarte fällt mir entgegen. Meine Finger können sie
nicht mehr auffangen und sie landet am Boden. Ich bücke mich nach der Karte und
werfe  einen kurzen Blick auf die
Rückseite. Strichmännchen schauen mir entgegen. Ich weiß sofort, von wem die
Karte ist.

Alex und ich haben uns auf einem Schüleraustausch kennen
gelernt. Zwei Wochen und zwei Transatlantikflüge später und wir waren
unzertrennlich. Vielleicht weil Alex und ich uns beim Reisen kennengelernt
haben, versuchen wir heute noch, den anderen an unseren Urlauben teilhaben zu
lassen. Denn im Alltag sehen wir uns nie so oft, wie wir gerne würden. Alex
entschloss nach dem Abitur, in Österreich sein Glück zu suchen (oder besser
gesagt, einen interessanten Bachelorstudiengang ohne N.C.) und ich zog nach
München. Gerade weil wir uns oft nur in den paar Monaten zwischen den Semestern
sehen, ist das Postkartenschreiben unsere Tradition geworden. Kleine
Erinnerungen an unsere Freundschaft, die irgendwie immer genau zum richtigen
Zeitpunkt im Briefkasten landen.

Seit unserer Zeit in Amerika sind sieben Jahre und viele
Urlaube vergangen. Mittlerweile sind für mich Ferien undenkbar, in denen ich
nicht fieberhaft nach der lustigsten, ausgefallensten oder oft hässlichsten
Postkarte suche. Während meines Urlaubs an der Ostküste der Vereinigten Staaten
habe ich fast zwei Wochen mit der Suche verbracht, nur um dann festzustellen,
dass Washington D.C. der Albtraum für Postkartenschreiber ist. Leider kein
Touristenladen weit und breit, der die Straßenzeilen entstellt. Letztendlich
fand ich eine Postkarte, in einem leergekauften Drogeriemarkt, ganz hinten zwischen
ausgelaufenen Schneekugeln. Ein vergilbtes Exemplar, scheinbar übrig geblieben
aus den Neunzigerjahren. Ein wahres Kunstwerk aus zufällig ausgewählten
Wahrzeichen Washingtons, die in der Luft zu schweben scheinen, gemalten
Kirschblüten und Feuerwerk, alles vor einem sternenklaren Nachthimmel. Damit habe
ich eindeutig gewonnen.

Denn mit der Zeit haben wir beide den Ehrgeiz entwickelt,
kreativere Postkarten zu schreiben als der andere. Berichte vom Wetter und
Beschreibungen des Hotelstrands sind uns zu langweilig. Alex zeichnet gerne
Comics und viele seiner Karten zieren minimalistische Zeichnungen, die
teilweise nur mit einer Lupe zu entziffern sind. Meine aufwendigste Karte
bisher schickte ich aus einem verregneten Nordseeurlaub. Genauer bestand sie aus
zwei Teilen: für die erste Karte dachte ich mir einen Geheimcode aus, auf
dessen Lösung man nicht ohne Hilfe kommen konnte. Und die zweite Karte
beschrieb ich mit dem Lösungsschlüssel für die erste. Diese schickte ich
natürlich erst eine Woche später los, um Alex warten zu lassen.  Doch der Höhepunkt unseres Postkartenwechsels
war sicher eine Karte mit einem Herz vorne und einem Heiratsantrag hinten.
Nein, nein, nicht das was ihr jetzt denkt! Es war doch nur ein Experiment, ob
mein Briefträger die Karten liest, die er austrägt…
Es gibt wirklich nichts, was nicht auf der Rückseite einer Postkarte den Weg in
den jeweils anderen Briefkasten gefunden hat. Wir bewahren alle Postkarten
sorgsam auf und scherzen darüber, uns auch noch zu schreiben, wenn wir neunzig
sind.

Die heutige Karte ziert ein eher uninteressantes Bild eines
einsamen Weinbergs in mitten von Hügeln. Die Rückseite ist dafür umso dichter
beschrieben, wie um die Leere der Vorderseite auszugleichen. Alex hat ein
Gitter aus kleinen Kästchen gezogen und in jedes Quadrat eine Szene mit
Strichmännchen gemalt. Ereignisse aus seinem Alltag. Es sind zwar nur banale
Erzählungen, aber auf eine Postkarte geschrieben haben sie meinen Tag versüßt.
Irgendwie sorgen unsere Karten immer dafür, dass wir uns nicht aus den Augen
verlieren.

Text: Annika Wiedemann

Foto: Yunus Hutterer

Zehn Fotografen, zehn Künstler

Die Ausstellung der Junge-Leute-Seite „10 im Quadrat reloaded“ hat im Farbenladen des Feierwerks eröffnet

Die Fensterscheiben des Farbenladens sind beschlagen, man sieht kaum mehr nach draußen. Es ist kurz nach 22 Uhr, nur langsam leert sich der Ausstellungsraum. Die letzten Beats der Kabel-Aux-Session verhallen. Eine gut besuchte Vernissage neigt sich dem Ende zu – der Auftakt der Ausstellung „10 im Quadrat reloaded“ der Junge Leute-Seite. Jeden Samstag und Sonntag im März haben Besucher von nun an die Möglichkeit, die Fotografien im Farbenladen des Feierwerks zu sehen.

Zehn junge Fotografen trafen auf zehn junge Künstler aus München: ein Experiment, das kreative Menschen miteinander verbindet, die sich vorher kaum oder gar nicht kannten. „Die erste Frage war immer: Und wie viele Shootings hattest du schon?“, erinnert sich Comedian Michael Mauder, der porträtiert wurde, an seine Fototermine, während er jetzt im Farbenladen an der Bar steht. Danach sei man ganz locker ins Gespräch gekommen. „Das war eine tolle Erfahrung“, sagt er und schaut in den Raum, in dem an jeder Wand die Ergebnisse der unterschiedlichen Begegnungen zu sehen sind.

Ein Menschenkreis bildet sich in der Mitte des Farbenladens, Kathi Hartinger und Maximilian Mumme aus dem Junge-Leute-Team eröffnen mit einer kurzen Dankesrede die Vernissage. Die Künstler und Fotografen applaudieren sich gegenseitig, sobald die Moderatoren ihre Namen nennen. Auffällig ist, dass sich die Fotografen in diesem Jahr häufig mit den Persönlichkeiten der porträtierten Künstler auseinandergesetzt haben. Das spiegelt sich in den Fotografien wider. Die Ideen der Umsetzung sind zwar unterschiedlich, harmonieren aber dennoch als Ganzes. Diego Reindel beispielsweise hat mehrere Stunden mit den Künstlern verbracht, um möglichst nah an sie heranzukommen. „Ich konnte durch das Projekt Erfahrungen in der Porträtfotografie sammeln. Die Shootings waren alle cool und irgendwie hat man ja mit allen etwas gemeinsam, weil alle Künstler sind“, sagt er und fährt sich mit der Hand durch die Locken.

Auch Musiker Paul Kowol stand für das Projekt vor der Kamera und hatte beim Shooting mit Fotograf Diego Reindel viel Spaß. „Wir sind mit dem Auto an einen Ort gefahren, an dem ich oft Musik mache. Wir haben uns super gut verstanden und sogar zusammen Musik gemacht und geschrieben. Wir werden aus auf jeden Fall wieder treffen“, sagt er. Dann begrüßt er Schauspielerin Anouk Elias mit einer Umarmung. Die Freude über das Wiedersehen ist groß. Für die Fotos von Anna Heimkreiter standen Anouk und Paul nämlich gemeinsam vor Kamera.

Nicht nur neue Gesichter konnte man an diesem Samstag im Farbenladen antreffen, sondern auch bekannte. Die Fotografen Korbinian Vogt, Julia Schneider, Milena Wojhan und Sophie Wanninger kamen ebenfalls zur Vernissage. Sie hatten im vergangenen Jahr für die Ausstellung fotografiert. „Eine sehr gelungene Ausstellung, finde ich“, sagt Fotografin Julia Schneider. „Und vielleicht sogar fast ein bisschen cooler als im letzten Jahr.“

Text: Ornella Cosenza
Fotos: Stephan Rumpf

Band der Woche: Agency

image

Die fünf Jungs von Agency kennen sich von klein auf und machen nun zusammen Musik. Musik, bei der die Musiker und das Publikum darin schwelgen können. Eine klassische Indie-Band ist das Quintett trotzdem nicht:
„Prinzipiell ist es doch einfach schön, wenn man als Musiker ein Publikum erreichen und bewegen kann.“

Es gibt zwei Arten von Musikern. In der Popmusik genauso wie in der Klassik oder im Jazz. Da gibt es diejenigen, die Musik machen, weil sie den Moment genießen, wenn die Musik aus ihnen heraus entsteht und den Musiker klanglich und räumlich umhüllt. Und es gibt diejenigen, die den Prozess dessen, was sie da gerade machen, in die Musik mit einfließen lassen. Rein von der Seite der Kritik her gesehen, sind Zweitere klar im Vorteil. Die Interpretation der Kunst wird in der Kunst quasi gleich mit geliefert. Wenn dieses Konzept aufgeht, entstehen tolle, um sich selbst herumkreisende, intelligente Kunstwerke. In vielen Fällen aber entsteht auch nur augenzwinkerndes, unangreifbares und langweiliges Zeug, dessen Geistesblitze nicht hell genug sind, für die bleierne Schwere, die sich durch dieses mehrfach gedrehte ironische Aufladen um die Kunst herum legt. Gerade in Deutschland gibt es seit circa zehn Jahren Musik, die bisweilen regelrecht versinkt in derartigen postironischen und unangreifbaren Windungen.

Die Münchner Band Agency ist von der anderen Sorte. Ihre Musik wird geschrieben, damit die Musiker beim Musizieren darin schwelgen können, genauso wie im Idealfall das Publikum. Erst einmal muss man dem Quintett also einen gewissen Mut zusprechen, dass sie ohne doppelten Boden agieren. Seit 2015 spielen sie in dieser Formation zusammen, kennen sich von Kindheit und begeben sich völlig ernst und nicht referenziell auf die Suche nach klanglichen Details, die ein derartiges Schweben in der Musik begünstigen: Up-tempo-Gitarren-Pickings und Gesangslinien, die mehr als dahingeworfene Wortbrocken sind zum Beispiel. Oder Melodien, die ihren Linien und Phrasierungen alle Ehre machen, weil sie tatsächlich ein harmonisches Ziel verfolgen, das letztlich eben zu einer musikalischen Erfüllung führen kann. Auf ihrer ersten EP „Streetlights“ gehen Agency genau diesen Weg: Inspiriert von den Indie-Bands der frühen Nullerjahre finden sich darauf fünf Songs. Jeder für sich sucht und findet eine musikalische schlüssige Linie. Die Band um Sänger Alex Hackinger macht sich dabei die Mühe, auf musikalische Einfälle zu setzen und nicht auf Zitate oder Versatzstücke und all diese anderen postmodernen Stilmittel, die nun nach 30 Jahren Postmoderne auch ein bisschen zum Handwerkszeug verkommen sind.

Man macht sich jedoch auch angreifbar mit einer solchen Herangehensweise. Denn natürlich hat man das alles so schon mal gehört. Agency erfinden keinen neuen Musikstil. Und sie sparen es sich, ein Sicherheitsnetz aus Ironie und Referenzbewusstsein um ihr Kunstwerk spinnen. Die Kunst, in der man schwelgen soll, liegt entblößt da und muss sich Fragen nach ihrem Inhalt und ihrer Qualität gefallen lassen. Doch Agency gehen damit ganz gelassen um: „Prinzipiell ist es doch einfach schön, wenn man als Musiker ein Publikum erreichen und bewegen kann. Deshalb sehen wir das nicht so eng mit Klassifizierungen“, erklären sie, auch dazu, wie man sich als klassische Indie-Band heute positioniert. „Viele unserer Songs beschäftigen sich mit dem Aufwachsen und Älterwerden, Freundschaft spielt eine große Rolle, aber auch andere Alltäglichkeiten, die uns im Leben beschäftigen“, sagen sie, und einige Songs hätten auch durchaus eine politische Botschaft. 

Stil: Indie
Besetzung: Alexander Hackinger (Gesang), Julian Hackinger (Gitarre), Maximilian Vogel (Gitarre), Philipp Kostanski (Bass), Franz Niedermaier (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2015
Internet: www.agencymusic.de

Text: Rita Argauer

Foto: privat

Zeichen der Freundschaft: Brennende Reifen

image


Neue Freunde den bereits vorhandenen vorstellen, ist wie den Gangsterboyfriend zum ersten Mal mit nach Hause zu bringen: äußerst delikat. Bei unserer Autorin hinterlassen diese Beschnupperungen allerdings vor allem das ein oder andere Schmunzeln.

Ein ausgewogenes Kopfschütteln
bringt die roten Locken zum Schwingen. „Du willst mir doch jetzt nicht
erzählen, dass eine Reportage jemals wirklich objektiv sein könnte?!“ Augenrollen.
„Doch klar, eine richtig gut gemachte Reportage kann das!“. Kopfschütteln.
„Aber anhand der Quellen und der Perspektiven, die du auswählst, triffst du
doch immer eine subjektive Entscheidung! Also ich glaub da nicht daran!“. Freitagabend,
22 Uhr. In einer schummrigen Bar in Schwabing läuft bei dröhnender Musik eine
offensichtlich recht kontroverse Debatte zu den Grenzen journalistischer
Leistung. Die Hände in die Hüften gestützt lege ich den Kopf schief und beäuge
die Diskutanten. Eine Freundin neigt mir den Kopf zu, ein großes Schmunzeln auf
den Lippen: „Hat der  Stella eigentlich
schon jemand erklärt, dass der Consti einfach nur gerne diskutiert, um zu
diskutieren?“ „Ich glaube nicht“, sage ich, grinse und überlege, die Situation
aufzulösen.

Nun ist es so: in den vergangenen
vier Jahren hatte ich das Glück, viele großartige Freundschaften zu schließen –
ob an der Uni im In- und Ausland oder auf Reisen. Doch gleichwohl, wer in
dieser Zeit in mein Leben trat, aus München oder dort zu Besuch, es gab stets
ein Ritual. Das Kennenlernen meines besten Freundes gehört zu den obligatorischen
Terminen und kommt zuweilen einem Sprung durch den brennenden Reifen gleich –
aber nur auf den ersten Blick. Denn eigentlich diskutiert er eben gern, so um
der Diskussion willen. Etwaige Kontroversen sind dabei oft nur gespielt und sollen
den Anderen einfach ein bisschen aus der Reserve locken.

Stella, eine Freundin aus meiner
Erasmuszeit in Frankreich, ist also ganz neu in der Stadt und mit dem
ehrenwerten Ziel gekommen, eine gute Journalistin zu werden. Constantin dagegen,
nun ja, fungiert in erster Linie als mein bester Freund, und von allen engen
Freundschaften, die ich pflege, währt diese nun bereits am längsten.

Wir kennen uns seit Schulzeiten
aus der Theatergruppe. Ich stand als Hera, als Nanette oder zuletzt als
Gretchen auf der Bühne, er kümmerte sich hinterm FOH um die  Technik. Richtig eng wurden wir während
unserer ehrenamtlichen Arbeit für das örtliche Jugendbürgerhaus, wo wir als
hauptverantwortliche Organisatoren einem kleinen Musikfestival Tag und Nacht
Schweiß und Herzblut widmeten. Und obwohl es gemeinhin heißt, der Consti habe
einen Musikgeschmack wie ein Eimer,  entstand in diesen sieben sehr stressigen
Jahren eine ganz wunderbare Freundschaft.

Trotz der gemeinsamen Homebase
München, vergehen allerdings oft Wochen, bis man sich wieder trifft. Ganz
normal, denn Consti ist sehr geschäftig und sehr engagiert, ob als Vorstand der Studentenvertretung oder damals als Cheftechniker eines Münchner Technoclubs.
Müsste ich ihn mit zwei Worten beschreiben, werde ich ganz nüchtern, fast schon
fad. Denn mein bester Freund ist vor allem: integer und kompetent. Da
ist es also kein Wunder, dass alle ein kleines Stückchen abhaben möchten. Das
ist okay, denn in den wirklich wichtigen Momenten kann man sich auf ihn
verlassen. Er verreist mit dir und deinem Freund nach Südostasien, ohne dabei
das berüchtigte dritte Rad zu werden. Er lacht mit dir, nachdem du im Pub auch
das zweite Bier in Folge prompt nach dem Einschenken umgeworfen hast. Wenn du
dich als hilflosen weiblichen Single inszenierst, erklärt er dir, wie man eine
Vorhangstange anbohrt. Und bist du eben erst zu jenem Single geworden, macht er
dir Liebeskummer-krankem Ding spontan Semmelknödel.

Neulich hat sich meine WG neu
formiert, ein weiterer guter Freund ist neben Stella mit eingezogen und hat seine
Geburtstagsfeier geplant. „Kann ich auch meinen besten Freund einladen? Kennst
du den eigentlich schon?“, frage ich. „Ist das der Große mit dem roten
Lockenschopf?“ Stella und ich müssen lachen. Ja genau, das ist er.

Text: Yvonne Gross

Foto: Yunnus Hutterer

Zeichen der Freundschaft: Brunch-Babes

image

So manche Freundschaft lebt gerade von ihren Ritualen. Unsere Autorin zelebriert regelmäßig Brunch-Dates mit einer alten Freundin und muss feststellen: der schönste Tratsch und hilfreiches Therapiegespräch liegen oft ganz nah beieinander.

Verführerischer Café-Duft liegt in der Luft. „Love“ steht in
geschnörkelten Buchstaben auf der hübschen Cappuccinotasse in meiner Hand. Eine
ganz bestimmte Liebe teile ich auch mit der Person, die mir mit einem extra
großen Latte Macchiato gegenüber sitzt: Meine gute Freundin Laura,
Ringellocken, lieb und verrückt zugleich. Sie und ich sind ganz vernarrt in
Brunch. Am liebsten Sonntags. Und bitte nicht vor elf. Denn wie heißt es doch
so schön: „Brunch is breakfast without an alarm clock.“

Laura und ich kennen uns schon seit der fünften Klasse. Wir
haben die wilden Teenager-Jahre und 16er-Club-Zeiten zusammen durchlebt. Sie
ist eine der Freundinnen, die nicht nur nach dem Abitur geblieben, sondern wo
die Verbindung in den Jahren nach der Schulzeit sogar noch fester geworden ist.
Zwar haben wir inzwischen verschiedene Studiengänge und sogar zeitweise
unterschiedliche Städte als Wohnort gewählt. Ihr Name befindet sich jedoch stets
unter denen ganz oben in meiner Whatsapp-Chat-Liste.

Zu Avocadobrot, Rühreiern und Lachs, wird bei unseren fast
wöchentlichen Brunch-Dates zunächst der wichtigste Gossip und aktuellste
Tratsch verkündet. In einer Woche kann ja bekannterweise unheimlich viel
Spannendes passieren. Laura weiß zu meiner sich wiederholenden Verblüffung
meist eh viel früher als jeder andere im Freundeskreis Bescheid, wenn sich dort
etwas Neues getan hat. Sie hat so eine Art, bei der man sich ihr einfach
anvertrauen muss. Mich nicht ausgeschlossen.

Bei Obstsalat und Bircher-Müsli kommen bei uns aber nach
einigem Smalltalk auch oft die Big Talks auf den Frühstückstisch: So manche
Trennung, oder die kleinere bis größere Lebenskrise haben wir bei unseren
Brunch-Dates schon gegenseitig therapiert. Unsere aktuellsten Topthemen: Lohnt
sich das Masterstudium: ja oder nein? Wie überlebe ich im Münchner
Wohnungsmarkt? Und: Wieso ist da plötzlich ein Kater nach einer Partynacht, wo
früher keiner war?

Meist reichen unsere Gespräche weit über den eigentlichen
Brunch hinaus. Über leeren Tassen, in denen schon die Café-Reste zu trocknen
beginnen und gehäuften Eier-Schalen wird jedoch fleißig weiter diskutiert und
ein flotter Themenwechsel folgt dem nächsten. Oft habe ich dann das Gefühl, ich
könnte ewig da so sitzen bleiben. Satt und glücklich mit diesem warmen
Sonntagsgefühl. Und mit einer meiner Lieblings-Gesprächspartnerinnen.

Text: Amelie Völker

Foto: Yunnus
Hutterer

Zeichen der Freundschaft: Sandburgen

image

Man wird älter, ist als junger Erwachsener oft nicht mehr der Mensch, der man als Jugendlicher war. Schön, wenn bei allen Veränderungen Freundschaften bestehen bleiben und man sich auch nach Jahren immer noch vertraut in den Arm nehmen kann.

Als Franzi und ich uns kennenlernten, da sahen
wir noch ganz anders aus. Ihre lockigen engelsblonden Haare wuchsen zwar schon
damals unverkennbar über ihrem verschmitzt lachenden Gesicht, doch das war es
auch fast schon. Unterhalten konnten wir uns bei unserem Kennenlernen noch
nicht. Oder laufen. Oder vielleicht noch nicht einmal wirklich denken konnten
wir.

Irgendwann zwischen den ersten
eigenen Sandburgen und der Vorschule sind Franzi und ich uns das erste Mal über
den Weg gelaufen – Pardon: gekrabbelt. Wir waren sofort unzertrennlich, wie
meine Eltern mir das heute erzählen. Sei es, weil wir uns gegen unsere
Geschwister verbündeten oder weil ein Berg Halloween-Süßigkeiten gemeinsam
immer noch viel besser schmeckte. Später feierten wir unsere ersten Partys
während des Frankreichaustauschs. Trösteten uns über Liebeskummer hinweg. Wir
verschwörten uns gemeinsam gegen verhasste Geschichtslehrer, jeder auf seine
eigene Art und Weise. Franzi, die allzeit überlegene Intelligenz und ich, der
Störenfried aus der letzten Reihe.

Ich weiß nicht wie es wäre,
würden Franzi und ich uns heute neu kennenlernen. Aber das brauchen wir ja zum
Glück nicht mehr zu tun. Als sie nach gefühlt jahrzehntelanger Abstinenz aus
Seattle zurück in unsere Schule kam, fiel ich ihr in die Arme. Mir fiel auf,
dass mich wohl kein Mensch je so kennen wird, wie Franzi es tut. Sie war mit
ihrer unglaublich offenen und vertrauenswürdigen Art immer dabei, als aus einem
verträumten Kind ein selbstkritischer Teenager und später wieder ein
verträumtes Kind wurde. Franzi ist einer der einfühlsamsten und
gewissenhaftesten Menschen die ich kenne. Und sie besitzt die wunderbare
Fähigkeit, von Menschen und Orten zu erzählen, als wären sie direkt hier im
Raum. Ich könnte ihr nächtelang zuhören.

Dass wir einmal recht
unterschiedliche Wege gehen würden, war uns beiden noch nicht klar, als wir
gemeinsam Sandburgen bauten oder im Skikurs darum stritten, wer denn jetzt als
erstes hinter dem Skilehrer herfahren durfte. Dass wir noch so lange Zeit ehrlich
und aufrichtig befreundet bleiben würden wohl auch nicht. Wie anders die Welt
damals noch wirkte!

Inzwischen studiert Franzi Medizin,
sie hat in Chile monatelang in einem Krankenhaus gearbeitet. Sie weiß wohl genau
was sie will, war schon immer die deutlich zielstrebigere von uns beiden. Und
schafft diese ganzen Aufgaben mit einer Leichtigkeit, die mir in der Uni schon
bei der Immatrikulation abhandenkommt. Das ein oder andere Mal musste sie mir
durchaus schon in den Arsch treten, sonst hätte ich mein Abi und alles weitere
vielleicht nicht so gut in den Griff bekommen können. Es gab dann Momente in
denen ich das Gefühl hatte, dass unsere Freundschaft auseinanderfallen könnte.
Wie vom Meer überspülte Sandburgen.

Die Kinder von damals sind wir
schon lange nicht mehr. Unsere Sandburgen haben wir zerfallen lassen, unsere
Freundschaft ist mit uns gewachsen. Auch wenn oder eben weil zwei sehr unterschiedliche Menschen aus uns geworden sind. Franzi kann meine
Entscheidungen nachvollziehen, weil Sie genau weiß was seit jenen ersten
Sandburgen in meinem Leben passiert ist. Allein dadurch geben wir uns unheimlich
viel Halt.

Letztens lagen wir uns dann
wieder vor lauter Freudentaumel in den Armen. Als Emmanuel Macron zum
Präsidenten Frankreichs gewählt wurde und klar war, dass unser beider
Heimatland nicht von einer rechtsextremen Verschwörungstheoretikerin regiert
werden würde. Es wurde ein Abend, an dem auf alles angestoßen wurde: auf
Politik, auf die Zukunft, auf Europa, auf lang vergessene Wegbegleiter und auf eine
weiterhin so schöne Freundschaft. Zusammen können wir auch heute noch ein
bisschen die Kinder sein, als die wir uns kennengelernt haben.

Franzi, vielleicht sollten wir öfter zusammen ein paar Sandburgen bauen.


Text: Louis Seibert


Foto:
Yunus Hutterer

Fremdgänger: Abschiede

Abschiede sind nie einfach. Vielleicht ganz besonders nicht dann, wenn man Menschen in kurzer Zeit sehr ins Herz geschlossen hat und die Aussicht auf ein Wiedersehen gering zu sein scheint. Unsere Autorin berichtet über das Ende ihres Auslangsjahres.

Hilflos halte ich Rebecca im Arm.
Ihre Schultern zucken und ich spüre ihre Tränen an meinem Hals. Umringt von
unseren Kommilitonen, während des letzten Kurs-Abendessens, ist Rebecca die
erste, die sich verabschiedet. Nicht nur für heute, sondern vielleicht für… immer.
Gestern haben wir unsere Master-Arbeiten abgegeben. Heute steht auf einmal
nichts mehr zwischen uns und der Freiheit. Uns und dem echten Leben. Uns und
dem Abschied.

Neun Monate waren meine 24
Kurskameraden der Mittelpunkt meines Lebens. Wir kommen aus 13 verschiedenen
Ländern und gehen zurück in mindestens genausoviele verschiedene Länder. Am
ersten Tag beäugten wir uns unsicher, ein wenig zurückhaltend. Zu viele Namen,
zu viele beeindruckende Geschichten. Yale, Princeton, Cambridge – ich brauchte
einige Zeit um diese Informationen zu verdauen und den richtigen Gesichtern
zuordnen zu können. Geschichte und Philosophie in München studiert zu haben,
klang da irgendwie nicht so spannend. Deshalb traute ich mich am Anfang kaum,
den Mund aufzumachen. Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass meine Kommilitonen –
egal wie eindrucksvoll ihre Lebensläufe – die liebevollsten und witzigsten
Menschen sind, die ich jemals auf einmal kennengelernt habe.

Ich glaube, Auslandserfahrungen
werden als so wertvoll empfunden, weil von Anfang an klar ist, dass man sich
für einen bestimmten, genau abgesteckten Zeitraum ein Leben aufbaut, bevor man
es nach diesem Zeitraum wieder abbaut. Dieses Wissen macht jeden einzelnen
Moment wertvoll, denn immer ist da die Gewissheit, dass es das letzte Mal sein
könnte, dass man diese Straße entlanggeht, dieses Cafe betritt oder diesen
Menschen trifft. Deshalb werden Freundschaften schneller geknüpft und fühlen
sich dann schnell so innig an, dass der Gedanke, sich am Ende des Jahres
verabschieden zu müssen, kaum auszuhalten ist. Auch in München musste ich mich
nach meinem Abschluss von Freunden verabschieden. Jedoch gestaltete die
Aussicht, dass die meisten von ihnen irgendwie innerhalb Deutschlands bleiben
würden, dieses Ereignis weit weniger dramatisch. Keine Tränen, keine
minutenlangen Umarmungen. Oft reichte ein: bis-in-einem-Jahr-dann.

Wenn ich versuche, meinen
deutschen Freunden das Konzept eines einjährigen Masters zu erklären, ernte ich
große Augen. Zweimal acht Wochen Vorlesungen? Dreimal drei Stunden Prüfung?
Sieben Wochen für eine Masterarbeit? Und dann hat man einen Abschluss? Das
klingt nach akademischem Größenwahn. Ist es auch. Wiederholt hörte ich mich
sagen: „Weiß auch nicht, wer auf diese Idee gekommen ist. Macht eigentlich nicht
so viel Sinn.“

Natürlich ist es im Nachhinein
einfach, zu behaupten, es sei alles nicht so schlimm gewesen. Das Gedächtnis
schleift die schmerzvollen Kanten der Erfahrung ab. Noch weiß ich, dass
Studieren in Oxford hart war. Aber mittlerweile weiß ich auch, dass alles
irgendwie machbar war und darum ist es nun die „menschliche“ Seite, die den
größeren Schmerz verursacht. Und der wird nicht so schnell verfliegen wie die
Verzweiflung angesichts theoretischer Debatten und Wortlimits. Es sind die
Menschen, die fehlen werden. Der eigentliche „Größenwahn“ eines Auslandsjahres
liegt deshalb in der Tatsache, sich ein Jahr lang die Möglichkeit zu geben, ein
Leben aufzubauen, nur um es dann wieder abzubauen, ohne zu wissen, in wie viele
verschiedene Länder man wird reisen können, um Freundschaften aufrecht zu
erhalten. Aus diesem Grund fällt mir auch nichts ein, das ich sagen könnte, um
Rebecca zu trösten. Ich halte sie nur ganz fest. Sie und diesen Moment.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Zeichen der Freundschaft: Weinprobe an Silvester

image

Während andere an Silvester feiern gehen, trifft sich unser Autor mit seinem Freund zu einer Weinprobe. Zumindest vorerst. Eine Geschichte darüber, was nach dem verflixten siebten Glas passiert.

Es
knallt. Zweimal und kurz hintereinander. Das Wohnzimmerfenster zittert sanft,
während von irgendwoher eine Katze schrill aufheult. „Die Deppen von Nachbarn mit
ihren Bomben warten halt ned bis Mitternacht“, schimpft Tobias mit Brille und Holzfällerhemd
aus der Küche, bringt rasch zwei Teller und sieht wieder nach dem Essen. Ich lasse
mich in das bestickte Kissen auf dem schwarzen Ledersofa
fallen. Es duftet verlockend nach Kurkuma, denn Tobias kocht indisch. Entspannt
richte ich die aus dem Keller meiner Eltern stibitzten Weinflaschen
nebeneinander auf dem Glastisch an. Ready for Weinprobe !

Alljährlich
ist die Weinprobe in Tobias´ Wohnung unsere rettende Insel gegen das tosende Silvestermeer
da draußen: „Das Jahr wird so toll“, hört man das Silvestermeer rauschen. „So
viel vorgenommen. So viel. Das wird gigantisch. So gigantisch. So viel. So
laut. So super.“ „So ein Unsinn“, hallt es von unserer Insel. An Silvester herrscht
aller Orten dieser naive Glaube an den großen Wendepunkt. Tobias und ich
glauben, dass das einzig ´Große´ nach Silvester der Kater am nächsten Tag ist. Wie
die guten Vorsätze ist der auch nach zwei Tagen vergessen. Deshalb ist unser
Silvesterritual, uns jedes Jahr bei guten Weinen zu treffen und mit diebischer Freude
über die Silvesteroptimisten zu lästern. Betrinken ? Ja bitte. Gute Vorsätze
und laute Silvesterparty ? Nein wirklich nicht. Nach einigen Gläsern Rotwein wird
uns alten Grundschulfreunden dann klar, dass es noch andere Dinge gibt, die supernervig
sind und so erweitern wir unseren Lästerhorizont:

Beim
vierten Glas Wein: „ Wieso heißt es in der Werbung ´Caffé solo con Giotto´?  In keinem Café krieg ich das. Ich will mein
Giotto zum Kaffee. A Sauerei is des.“ Ich stimme Tobias energisch zu.

Beim
fünften Glas: „Das Wetter wird auch immer besser.“  Ist das ein Grund zur Aufregung?  Schwierig. Ich stimme Tobias trotzdem noch
energischer zu.

Das
sechste Glas: Leise Melancholie schleicht sich ein. Wir hören die herzzerreißende
Band ´Life in Film´, die niemand mag (Kulturbanausen!), uns ausgenommen. Zum
Glück gibt es unsere Silvesterinsel: Da läuft nur gute Musik.

Das
verflixte siebte Glas: Liebe kann lästig sein, auch an Silvester. Tobias schlägt
vor doch noch, auf eine Party zu gehen, selbst wenn er keine Lust hat. Er weiß
aber, dass dort meine verflossene Liebe feiert. „Das klappt doch niemals“,  wiegle ich ab. „Wenn ned, is eh wurscht. Lieber
nimmst du einen zweiten Korb zu dem einen, den du schon hast. Dann kannst du wenigstens
sterbenssicher sein, dass sie dich scheiße findet“, beteuert Tobias. Nach viel
Rotwein leuchtet mir immer alles ein, also stürzen wir uns ins Silvestermeer. Auf
der Party torkle ich um 1:30 Uhr zum möglichen Glück. Dann reißt mein Film ab.

Am
Neujahrsmorgen schrecke ich von Tobias´ Sofa auf. Eine schwarze Katze putzt neben
meinem Kopf ihr Fell. Wie bitte ? Tobias stolpert herein: „Wie ist die Katze hier
rein gekommen?“ Wir witzeln über ´Supercat´, die durch Wände geht und nach
Milchvorräten sucht. ´Supercat´ bekommt von uns ein Milchfrühstück, das sie
hastig verputzt. Anschließend tapst sie hinaus in die Kälte. Die ersten Neujahrsstrahlen
glänzen auf ihrem Fell.

„Schee wars“, bricht Tobias das Schweigen „Bis
dann Maxi.“

Als
ich die vom Müll geteerte Straße nach Hause gehe, knallt es wieder bei den Nachbarn.
Die Bomben müssen fallen –das ganze Jahr- und ´laut´ muss die Welt sein, denn ´leise´,
das ertragen sie nicht. Die Freundschaft mit Tobias trägt die stille Zweisamkeit
gegen das Laute da draußen. Besonders an Silvester wird mir das bewusst.

Text: Maximilian Weigl

Foto: Yunus Hutterer

Zeichen der Freundschaft: Rote Couch

Möbel und Dekoration werden für gewöhnlich erst interessant, wenn ein Umzug ansteht. Unsere Autorin erzählt, warum sie eine gewisse rote Couch mit Keksen an Neujahr und einer schon lange andauernden Freundschaft verbindet.

„Komm rein!“, begrüßt mich Regina herzlich, aber ein wenig
verschlafen. Meine blonde Freundin steht im Türrahmen. Eine Perle ist in ihr
dickes Haar eingeflochten, sie trägt Goahose und Pyjamaoberteil. „Tee, Wein,
Radler?“ Ich runzle die Stirn. „Hm, ich glaube mir reicht ein Wasser“, antworte
ich. „Gut, du weißt ja wo alles ist! Ach, und nimm mir doch bitte`ne
Apfel-Kirsch-Schorle mit.“ Grinsend laufe ich in die Vorratskammer. Eigentlich
habe ich mich schon lange an diese besondere Art der Gastfreundschaft gewöhnt
und doch machen mich Reginas Aussagen jedes Mal wieder ein wenig stutzig. Einen
Augenblick später kehre ich mit zwei Flaschen in der Hand zurück ins
Wohnzimmer. Oder Fernsehzimmer? Gästezimmer? Oder so wie ich diesen
Allzweckraum gerne nenne: Das Zimmer mit der roten Couch und genau auf dieser
nehme ich nun Platz.

Hätte diese rote Couch Ohren und einen Mund, dann könnte sie
viele Geschichten erzählen. Auf ihren Polstern wurden schon allerlei Themen
besprochen. Unwichtiges und Weltbewegendes. Von den Schwärmereien einer 13-Jährigen,
bis hin zu den Sorgen einer werdenden Studentin. Diskussionen, Streitereien,
tröstendes in die Arme fallen, Lachanfälle von der
Man-Bekommt-Bauchmuskelkater-Sorte und ruhige Abende. Auf dieser Couch haben wir
am Neujahresmorgen glücklich und betrunken Kekse gemampft und „Harry Potter“
geschaut, nachdem wir von einer Party nach Hause kamen. Auf dieser Couch wurde
eine Menge Wein und Tee konsumiert. Auf dieser Couch wurden Geschichten erzählt
– so auch heute.

Ich nehme Platz neben Regina auf den knallroten Polstern und
beginne von meinen Sorgen zu erzählen, die mir mein Umzug bereitet. Regina
berichtet von Schwierigkeiten im Arbeitsalltag. Und für Liebesfragen wird man
auch nie zu alt, auch diese werden diskutiert. Manchmal führen wir uns auf wie
kleine Hobbypsychologinnen und meinen, alles und jeden durchschauen zu können.
Das geht so lange gut,  bis eine von uns bitter
auf die Schnauze fällt. Dann wird klar: Wir hatten doch keine Ahnung. Und ab
und zu sind wir dann nicht gleicher Meinung. Weil wir aber beide gerne Recht
behalten, drehen und schrauben wir hier und da an unseren Argumenten, sodass
wir dennoch auf einen grünen Zweig kommen.  Sei es, wenn sich eine Diskussion um die
Medienlandschaft in Deutschland oder das politische System dreht . Dann klopfen
wir uns gegenseitig auf die Schultern. Naive Möchtegernallwissenheit.

Und so geht das nun seit Jahren schon. Regina und ich sind
beide von Zuhause ausgezogen und die rote Couch steht noch immer im Haus ihrer
Eltern. Aber manchmal, wenn wir beide einen höflichen Familienbesuch am
Wochenende machen und wir wieder zurück in unserem Heimatdorf sind, dann
treffen wir uns gerne wieder auf dieser roten Couch. Reden, diskutieren und
bilden uns ein, die Welt zu verstehen.

Text: Anastasia Trenkler

Foto:
Yunus Hutterer

Zeichen der Freundschaft: Ferne Freunde

Unsere Autorin erinnert sich diese Woche an die Zeit mit ihrer ehemals beste Freundin. Die Betonung liegt ein wenig auf dem Wort ehemals. Denn manchmal werden auch die früheren besten Freunde im Laufe der Jahre nur noch zu Bekannten.

„Wir waren mal beste Freundinnen“ – mit diesem Satz eine
Geschichte über Freundschaft zu beginnen, ist wohl nicht das beste Zeichen. Und
dennoch ist es ein Zeichen der Freundschaft. Der Freundschaft zwischen Lara und
mir. Meiner ehemals besten Freundin und immer noch Freundin.

Wir kennen uns schon seit der 6.Klasse, da waren wir aber
noch in verschiedenen Cliquen und kamen nicht wirklich viel in Kontakt. So
richtige Freundinnen wurden wir dann in der 10. Klasse und da wurde es gleich
eine sehr enge Freundschaft. Wir hatten fast nur noch gemeinsame Freunde,
telefonierten jeden Abend etwa zwei Stunden – obwohl wir uns manchmal den
ganzen Tag schon in der Schule gesehen hatten – und scherzten
irgendwann nur noch über Insider-Witze. Ständig steckten wir zusammen, halfen
uns gegenseitig mit der Schule, Lara war gut in Chemie, ich in Mathe. Wir
machten gemeinsam Abitur und schworen uns auf dem Abschlussball die ewige
Freundschaft. Natürlich war auch damals nicht immer alles „Friede, Freude,
Eierkuchen“ aber wir waren einfach auf einer Wellenlänge. Nach dem Abitur
reisten wir noch gemeinsam nach Bali und hatten eine super Zeit mit Partys am
Strand, Entdeckungstouren durch Tempel und Affen auf der Schulter.

Doch irgendwann, ich weiß gar nicht mehr genau wann, entwickelten
sich nicht nur unsere Vorstellungen vom Leben, sondern auch unsere Charaktere auseinander. Ich zog erst für einige Monate nach Spanien und dann
nach München, Lara blieb bei ihren Eltern in einem Vorort wohnen, wechselte den
Studiengang und hatte immer noch ihren Freund in unserem Heimatdorf. Ich lernte
viele neue Leute kennen, Lara blieb eher bei unseren Kumpels von zuhause.

Es ist wohl einfach ganz normal, dass sich Kinder- und
Jugendfreundschaften auseinander entwickeln. In der Schule hat jeder die
gleichen – oder zumindest ähnlichen – Probleme, Träume und Lebensweisen.

Und das ist keine Geschichte über eine ehemalige
Freundschaft: Lara und ich sind immer noch Freundinnen und werden es wohl auch
immer bleiben. Uns verbindet so viel, so viele Erinnerungen und Geheimnisse.
Immer wenn ich ein Lied höre, zu dem wir damals getanzt und mitgesungen haben, dann
schicke ich es sofort an Lara: „Hey weißt du noch als wir in London waren und
dieser komische Typ uns geholfen hat in den Club reinzukommen? Da war das doch
das erste Lied, das drinnen lief.“ Und sie antwortet: „Haha ja klar erinnere
ich mich. Das war so ein guter Abend.“ Dann bringen wir uns auf den neusten
Stand und schwören uns, dass wir bald mal wieder was unternehmen. Meistens gerät
das dann wieder in Vergessenheit, aber das ist schon okay so. Wir haben eben irgendwie beide unser eigenes Leben ohne allzu viele Schnittstellen. Aber zu
jedem Geburtstag laden wir uns ein und auch mit unseren alten Freunden
unternehmen wir bei Gelegenheit was. Und wer weiß, vielleicht sage ich ja irgendwann
wieder „meine beste Freundin Lara“.

Text: Antonia Franz

Foto: Yunus Hutterer