Alles eine Frage der Technik

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Die 21-jährige Milena Wojhan assistierte bereits bei Fotoshoots von Florian David Fitz und Hannelore Elsner. Über eine junge Frau, talentiert und tough.

Milena Wojhan steht kritisch vor der weißen Wand. Ein Nagel hat sich verhakt, er wird ihre Fotografie im Ausstellungsraum Farbenladen so nicht tragen können. Kein Problem für die 21-Jährige: Als man ihr männliche Hilfe anbietet, lacht sie und winkt ab. „Alles eine Frage der Technik“ sagt sie und holt den Nagel aus der Wand – mit einer Gabel. Milena ist tough, das merkt man sofort. Auch an den Fotografien, die sie im Farbenladen zeigt: Junge Menschen beim Feiern, in absoluter Ekstase, kurz vorm Delirium. Ob der junge Mann, der schwitzend und betrunken direkt in die Kamera starrt, ein Problem damit gehabt habe, so gezeigt zu werden? Sie verneint.

Über das Projekt, für das sie junge Menschen beim Feiern mit ihrer Yashika t5 abgelichtet hat, sagt sie: „Ich habe im letzten Jahr viel von München gesehen, habe Abends die ganzen verrückten Jugendlichen in ihrem hedonistischen Rausch verewigt.“ Dabei widmet sie sich sonst vorwiegend der Mode-Fotografie, hat als ehemalige Balletttänzerin aber immer auch Tanz und Theater abgelichtet. Doch ganz egal, ob es um Mode oder dokumentarische Fotografie geht: Es ist offensichtlich, dass Milena nicht nur Talent hat, sondern auch die Technik beherrscht. 

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Milena fotografiert oft (aber nicht ausschließlich) junge Frauen. Es sind immer interessante und besondere junge Frauen; solche mit einer ganz eigenen, nahezu exklusiven Schönheit. Dabei könnte auch sie zweifelsfrei selbst vor der Kamera stehen: Sie ist groß und schlank, ihre platinblonden, kurzen Haare betonen die eisblauen Augen. Doch sie nur auf ihr Äußeres zu reduzieren, würde ihr nicht gerecht werden – ebenso wenig wie den jungen Frauen, die sie fotografiert. Da wäre noch ihr Auftreten, ihr Stil, die Art und Weise, wie sie spricht: betont und ruhig, mit weicher, aber deutlicher Stimme. Milena ist eine, an die man sich erinnert. Vielleicht liegt das daran, dass sie bereits mit 21 Jahren eine Künstlerin ist, die weiß was sie will – vor und hinter der Kamera.

Dabei steckt Milena Wojhan noch mitten in der Ausbildung, die sie bei „art in action“ in Thalkirchen absolviert. Ihre erste Kamera hielt sie allerdings schon lange vorher in der Hand. „Ich glaube, da war ich gerade sechs“, sagt sie. Zu dieser Zeit lebt die Wiesbadenerin noch mit ihrer Familie in Berlin, mit zehn folgte der Umzug nach München. Jahre später dann ein neuer Umzug, dieses Mal auf Zeit. In der südafrikanischen Metropole Kapstadt schootete sie ihre ersten, selbst organisierten Modestrecken, bis zu acht in einem Monat. Das hat die damals 18-Jährige ihrem Talent zu verdanken – und, wie sie erzählt, auch einer Portion Glück: „Ich wohnte mit einer Visagistin zusammen, die mich, ein bisschen wie eine Mentorin, unter ihre Fittiche nahm und mich vielen Leuten vorstellte.“ Kurzerhand fotografierte Milena erste Strecken ganz alleine, übernahm oft auch das Styling der Models.

Zurück in Deutschland entschied sich Milena dann für den klassischen Weg einer Ausbildung. „Ich will einfach alles über Fotografie wissen, von der Technik bis zur Kunden-Akquise.“ Neben der Ausbildung assistiert sie regelmäßig bei renommierten Fotografen, zum Beispiel bei Sammy Hart. Das führt dazu, das Milena alle Seiten des Geschäfts kennenlernt, etwa wenn sie Hart bei Fototerminen mit Prominenten wie Florian David Fitz oder Hannelore Elsner begleitet. „Letztlich sind das aber auch ganz normale Menschen“, erklärt die 21-Jährige. Sätze wie diese klingen bei ihr so, als würde sie ihr Business bereits durchschauen. Sie weiß, dass der Weg zu einer erfolgreichen Fotografie-Karriere nicht ausschließlich glamourös ist. Bevor du jemand bist, kann es passieren, dass du für deine Arbeit keinen Cent, sondern allenfalls ein Namedropping erhältst – ein Problem, das in der Kreativbranche nicht nur Fotografen kennen.

Für die junge Fotografin heißt das trotzdem: Veröffentlichungen im Material Girl Mag, im Jute Fashion Magazine oder im Schön! Magazine. 

Eins ihrer aktuellsten Fotos zeigt das Model Ana Saraiva. Ihr nackter Oberkörper wird nur von einer harten, durchsichtigen Plastikschale verhüllt. „Das war eine alte Bustier-Puppe, an der man sonst Unterwäsche fotografiert“, erzählt Milena. Das Plastik brach, und Ana konnte es wie ein T-Shirt anlegen. Das Ergebnis: Ein Foto von eigenwilliger, aber bestechender Ästhetik, das vom Sicky Mag exklusiv veröffentlicht und auf Instagram dutzende Male geteilt wurde. Die Idee zum Plastik-Bustier kam Milena spontan. So sind auch ihre Editorials, die sie schießt: „Ich bitte die Mädels oft, ihre geilsten Klamotten mitzubringen. Ich mache das ebenfalls und dann schauen wir, wo es uns hinführt.“ Im besten Fall in ein Fashion-Magazin. Ob sie dieser Richtung auch nach ihrer Ausbildung treu bleiben will, da ist sie noch nicht ganz sicher. Wichtig ist Milena Wojhan vor allem eins: „Ich will mit meinen Fotos eine Geschichte erzählen.“

Die Arbeit von Milena Wojhan ist auch bei der Ausstellung „München – Am Rand“ im Feierwerk Farbenladen, Hansastraße 31, zu sehen. Geöffnet an allen Wochenenden im März, samstags 16 bis 22 Uhr, sonntags 16 bis 20 Uhr. Eintritt frei.

Von: Valerie Präkelt

Fotos: Milena Wojhan

Ein Abend mit: Sarah Kreile

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Sarah Kreile, 23, ist nicht nur Sängerin der Band Akere, sondern auch Künstlerin. Momentan ist beispielsweise ihre interaktive Münchner Stadtkarte im Farbenladen zu sehen, die Münchner Originale zeigt und geheime Orte verrät, den Betrachter aber auch dazu einlädt, eigene Tipps zu verraten. Wenn Sarah nicht gerade singt oder malt zieht sie mit Sailerbua um die Häuser und isst und trinkt und lacht. Am liebsten zum Sound von  Krept & Konan – Don’t waste my time.

Hier beginnt mein Abend:
in der WG Küche. Essen, trinken, lachen, malen

Danach geht’s ins/zu:
eine andere WG Küche. Mehr essen, trinken. Laut lachen. Nicht mehr malen

Meine Freunde haben andere Pläne. So überzeuge ich sie vom Gegenteil:
Pushende Musik spielen. Wie ein kleines Kind nerven

Mit dabei ist immer:
Nugga aka Norgerl aka Sailerbua

An der Bar bestelle ich am liebsten:
Wood mit Mate, Wein oder Leitungswasser

Der Song darf auf keinen Fall fehlen:
Krept & Konan – don’t waste my time

Mein Tanzstil in drei Worten:
Trash Gangsta Discoboogy

Der Spruch zieht immer:
habibi…

Nachts noch einen Snack. Mein Geheimtipp ist:
keine Pizza keinen Döner nein…Thüringer Klöööse…nee Schmarren
Am ehesten ein Falavelsandwich oder eine Linsensuppe bei Türkischen Bistros in der Hauptbahnhofsgegend

Meine dümmste Tat im Suff war:
Hab gedacht dass meine kleine Eastpak Tasche geklaut wurde. Trag sie normalerweise immer um Rücken…Diesmal nicht …Hatte sie um den Bauch..aber im Vollsuff nicht gecheckt..dann mit einem Pushkick diverse Weißbiergläser in der Lokalität umgekickt und mit erhobenen Mittelfinger rausstolziert…Die Türsteher natürlich gleich mit….

Das beste Frühstück nach einer durchfeierten Nacht gibt`s im/bei:
Minihofbräuhaus im Englischen Garten

Diesem Club/dieser Bar trauere ich nach:
alte Registratur und Café King

Von Freitag bis Freitag München – unterwegs mit Steffi

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Statt die Bibliothek zu besuchen, hat Steffi nun endlich wieder Zeit sich in den Feier-das-Leben-Tanz-Modus zu begeben. Gelegenheiten dazu gibt es diese Woche reichlich, zum Beispiel mit der Wilden 13 & Pauli Pocket im Bahnwärter Thiel. Für die nötige Entspannung sorgt eine Runde Pop Up Yoga in der Villa Stuck. Und kulinarischen Hochgenuss erlebt Steffi beim Streetfoodmarket auf der Praterinsel. Semesterferien können so schön sein!

Wow, der erste Freitag seit Wochen, an dem ich mir keinen Wecker für das Wochenende stellen muss. Die Bibliothek hat einen Besucher weniger, dafür tanze ich ab sofort wieder durch München! Bevor jedoch die Nacht zum Tag wird, brauche ich eine gute Grundlage: Kaffee! Nichts schmeckt dazu so gut wie Kultur, deshalb begebe ich mich abends zuerst ins Lost Weekend. Hier liest Mustapha M. Diallo aus seinem Buch über die „Visionäre Afrikas“, darunter politische und ökologische AktivistInnen sowie Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Forschung, Philosophie und Literatur. Mit einer Koffeinüberdosis und guter Laune besuche ich danach ein paar Bars um der Welt noch einmal zu zeigen, dass ich wieder ´socializen´ kann. Die Mischung aus Kaffee und bayerischem Bier versetzt mich in genau den Feier-das-Leben-Tanz-Modus, den ich so vermisst habe. Ich beschließe das CHARLIE zu besuchen, denn dort präsentiert die Red Bull Music Academy den DJ und Producer Floating Points!

Samstagmorgens halb 10 in Deutschland: Auch ohne Wecker schaffe ich es angemessen früh aufzustehen und begebe mich nach einem kleinen Frühstück auf den Flohmarkt in Riem. Vielleicht findet sich ja ein schöner Bilderrahmen oder die ein oder andere Rarität? Zum Mittagessen, treffe ich mich mit einer Freundin – mal wieder – in der Orange Box, Maxvorstadt. Und – mal wieder – gibt es Mango Lassi & Dhal mit Reis. Obwohl die Karte abwechslungsreiche Speisen bietet, muss ich immer das Gleiche nehmen! Damit ich, wenn schon nicht kulinarisch, literarische Abwechslung erlebe, mache ich mich am Nachmittag auf zur Ausstellung „München am Rand“ der SZ-Junge Leute-Redaktion im Farbenladen. Heute werden Geschichten und Gedichte von jungen Münchner Autoren gelesen, dazu gibt es Musik von Clea Charlotte und Paul & The Atlas.  Eingestimmt durch sanftem Folk Pop, melodischen Alternative Rock und einem klitzekleinem Koffeinkick vom guten Paulaner Spezi begebe ich mich auf abenteuerliche Seefahrt zum Bahnwärter Thiel mit der Wilden 13 & Pauli Pocket. Diese Nacht wird durchgetanzt, dass verspreche ich mir selbst. Und wer mich schon vor den ersten Sonnenstrahlen heimlaufen sieht, der werfe Asche auf mein Haupt!

Guten Morgen Sonnenschein! Oder guten Nachmittag? Mein neuer Langschläferrekord ist gebrochen, deshalb bleibe ich am Sonntag gleich liegen um ihn gebührend zu zelebrieren. Mit meinen drei besten Freunden Netflix, Sky und Amazon Prime liege ich im Bett und schaue Serien. Wir vier sind ein eingespieltes Team und haben schon viel Zeit miteinander verbracht. Während wir im Bett liegen, merke ich, dass es imaginäre Freunde sind und springe erschrocken auf! So darf der Sonntag nicht enden! Also rufe ich meine realen Freunde an. Da unsere Mägen genauso leer sind wie unsere Kühlschranke, beschließen wir einen Abstecher zum Streetfoodmarket auf der Praterinsel zu machen. Unsere Kugelrunden-Glücksbärlibäuchen streichelnd überlegen wir, wie der Tag enden soll. Entweder ein bisschen Sport beim Pop UP Yoga in der Villa Stuck oder gemütlich guter Musik und Poesie zuhören bei der Open Stage im Lost Weekend. Vielleicht aber auch beides.

Was ist geschehen? Wo ist das Wochenende hin? Ich sitze im Büro, es ist Montag, die Stimmung ist Montag, die Leute sind Montag, das Wetter auch. Was tun? Erst einmal schauen was es in der Kantine zu essen gibt, dann meiner Freundin schreiben, was wir heute Abend kochen wollen und erst mal bei Lecker und Chefkoch nach Inspirationen suchen. Ok, Tages-To-Do erledigt. Jetzt sind es nur noch 7 Stunden bis zum Feierabend.
Nach dem Abendessen, einer selbstgemachten Quiche, begebe ich mich wagemutig noch einmal vor die Türe, obwohl es– und das sollte hier betont werden – immer noch Montag ist. Im Kunstfoyer in der Maximilianstraße heißt es nämlich AUGEN AUF! Bilder aus 100 Jahren Leica Fotografie werden hier ausgestellt und lassen einem den Montag ein bisschen weniger montagmäßig erscheinen.

Dienstagabend geht es gemütlich in eines meiner Lieblingskinos, dem Museum Lichtspiele. Der Film Spotlight hat zu Recht den Oscar für den besten Film erhalten und zieht uns vollkommen in seinen Bann. Ich war schon immer ein Fan von Verfilmungen wahrer Begebenheiten, auch wenn ich mir in diesem Falle wünschte, es wäre nur fiktiv.

Stylisch beginnt der Mittwochabend bei Ruffini´s Pop-Up Store Opening in der Sendlingerstraße. Hier bewundere ich die Kleidung verschiedener Designer und fühle mich ein bisschen wie Carrie Bradshaw aus Sex and the City. Später trete ich mit meinen High-Heels auf die Avenue und winke mir ein Taxi. Aber ich bin nicht Carrie und das ist nicht New York, deshalb laufe ich dann doch nur in meinen Chelsea Boots zur Bahn und fahre ins Café Kosmos auf ein Feierabendradler mit meinen Mädels. Wer braucht schon Cosmopolitans?

Donnerstags ist schönes Wetter. Deshalb schwinge ich mich auf mein Fahrrad und treffe mich mit einer Freundin im Café Vorhölzer. Kennt das nicht schon jeder? Egal!  Ich hab Vitamin D-Mangel und da oben landen die Sonnenstrahlen nun mal zuerst. Außerdem ist die Aussicht unbezahlbar. Abends begebe ich mich in Richtung Centercourt. Dort findet zurzeit die Installation Point Blank von Evangelos Papamatthäou-Matschke und Benjamin Busch statt. Diese setzt sich mit den wechselseitigen Folgen der jüngsten Finanzkrise im In- und Ausland auseinander.

Es ist Freitag, aber nicht irgendeiner sondern Karfreitag. Einer der höchsten Feiertage für Christen. Das Wort FEIERtag ist jedoch ganz und gar missverständlich, denn es herrscht Tanzverbot in Bayern – also ist nichts mit feiern. Ich rufe meine Freunde an und wir beschließen einen Koch- und Spieleabend zu machen. Mit gutem Essen, Bier, Wein und dem Spiel Bezzerwizzer, wird ganz gediegen und ein bisschen erwachsen das Wochenende eingeläutet. Ob sich im Laufe des Abends dann doch noch eine spontane Partygelegenheit ergibt ist offen, aber man kann ja – und jetzt kommt das Ende des Reims – hoffen!

Von: Stefanie Manna

Zeichen der Freundschaft: Telefonmarathon

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Unsere neue Kolumnenreihe “Zeichen der Freundschaft” geht in die zweite Runde. Diesmal mit einem Text von Kathi über süße Geckos, Palmwedel und die Pflichten einer guten Freundin.

Tina säuselt schon wieder in ihren Telefonhörer: „Der ist sooo putzig“. Ich hoffe spontan, dass sie sich einen Hundewelpen zugelegt hat. Oder einen Gecko, die Viecher fand sie schon immer cool. Hat sie aber nicht. Tina hat sich einen Sven zugelegt.

Also verbringe ich die nächste halbe Stunde damit zuzuhören. Und an passenden Stellen Dinge zu sagen wie „unglaublich“, „wie süß“ oder „wie unglaublich süß“. Schließlich möchte ich ganz sicher nicht diejenige sein, die Tina aus der Traumwelt holt, auch wenn Sven einen leicht, nun ja, grenzdebilen Eindruck macht. Aber jede Verliebte hat ein Recht auf eine gewisse Zeit im Luftschloss und Freundinnen haben ihr dann gefälligst mit Palmwedeln Luft zuzufächeln. Bis ihnen der Arm einschläft.
Mein Arm ist mittlerweile gut trainiert. Tina und ich am Telefon, unter drei Stunden geht da nichts. Mindestens zwei Stunden und zweiundvierzig Minuten davon reden und richten wir über Männer. Über Männer wie Sven.
Vorübergehend erfreue ich mich an der Vorstellung, Sven könnte tatsächlich ein blonder Chihuahua mit unglaublich viel Haargel sein. Und an der Hoffnung, Sven könnte in Wirklichkeit doch ein schlaues Kerlchen und in Tinas frischverliebter Darstellung einfach schlecht weggekommen sein. Glücklich macht er sie jedenfalls, das ist doch die Hauptsache, das ist mein neues Mantra.

Selbiges Mantra in Kombination mit einem „Ommm“ wiederhole ich innerlich auch, als Tinas Schlussplädoyer folgt: „Hach, der ist einfach zucker“. Ich schlucke meine Verachtung für die Adjektivierung von Süßstoff hinunter und gratuliere zu diesem tollen Gummibärchen-Hecht. Hoffentlich ist er auch in drei Wochen noch toll. Hoffentlich heiraten die beiden. In einem Schloss. Stoff für eine Rede gäbe es jetzt schon genug.

Als wir nach drei Stunden und siebenundzwanzig Minuten aufgelegt haben, erinnere ich mich an unser letztes Telefongespräch. Da war ich dran mit – nun ja – Säuseln: „Der ist ja sooo super!“, das war meine fundierte Kernaussage. Um Geckos ging es damals auch nicht.

Von: Kathi Hartinger

Foto: Yunus Hutterer

Neuland: Benefizkonzert

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Mit Musik Gutes tun, dass ist die Idee hinter dem Benefizkonzert, das Sonja Lachenmayr, Anna Sicklinger und Max-Joseph Niederfeilner für den 20. und 24.März mit 100 Studenten der Musikhochschule München organisieren. Oberbürgermeister Dieter Reiter hat die Schirmherrschaft für beide Konzerte übernommen.

Praktische Projekte sind nicht im Lehrplan des Studiengangs Chorleitung an der Musikhochschule München vorgesehen. Sonja Lachenmayr und Anna Sicklinger, beide 23, haben trotzdem schon gemeinsame Chor-Abende ins Leben gerufen. Im August 2015 begann die Planung eines weiteren Projekts. Zur Unterstützung holten sie den Musik-Lehramtsstudent Max-Joseph Niederfeilner, 26, mit ins Team. Das Konzept wurde immer konkreter, gleichzeitig stieg aber auch die Zahl der Flüchtlinge – und die drei sahen sich außerstande, ein „x-beliebiges Konzert“ zu veranstalten, ohne Bezug zur Flüchtlingsthematik. Die Idee Benefizkonzert war geboren. Die ausgewählten Stücke stammen größtenteils von dem französischen Komponisten Gabriel Fauré. Um den Bezug zur Gegenwart herzustellen, fragten sie aber auch den Kompositionsstudenten Leonhard Auenhammer. Er schrieb das Stück „Weh dem, der keine Heimat hat“. Obwohl die zwei Aufführungen (20. und 24. März, jeweils um 20 Uhr) in den Semesterferien stattfinden, fand das Trio über 100 mitwirkende Studenten. Der komplette Ertrag aus dem Konzert wird an den gemeinnützigen Verein Orienthelfer gespendet. 

Sonntag, 20.3.2016, 20.00 Uhr
Sankt Margaret, Margaretenplatz 5c, 81373 München

Donnerstag, 24.3.2016, 20.00 Uhr
Großer Konzertsaal der Hochschule für Musik und Theater München
Arcisstraße 12, 80333 München

Von: Jacqueline Lang

Foto und Video: Hochschule für Musik und Theater

Band der Woche: Luko

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Trip-Hop nennt sich die Musikrichtung, die Luko machen. Eine Richtung, die sich nur ein paar Jahre Mitte der Neuziger halten konnte, deren Songs aber umso prägender waren. Zusammengetan haben sich bei Luko dafür der Hip-Hop Produzent Provo und die Sängerin Tahnee, mit ihrer ungewöhnlichen Stimme. Unterstützt werden die beiden zudem von einer Live-Band.

Als Hip-Hop als neuer Musikstil in den Achtzigerjahren entstand, gab es viele Gründe, warum sich diese Musik so grundlegend von allem vorher da Gewesenen unterschied. Doch das augenscheinlichste Abgrenzen zum bisher Konventionellen war das Fehlen von melodischen Linien. Das ließ die ältere Generation zur Aussage hinreißen: „Das ist doch keine Musik.“
Mit ähnlicher Kritik hatte auch Karlheinz Stockhausen zu kämpfen – die Kraft, die in Beats, Loops und Wortkaskaden steckt, konnte sich jedoch sehr viel flächendeckender durchsetzen als Stockhausens Klang-oder-Nicht-Klang-Experimente.

Augenblicklich stammt wohl all die gerade so angesagte Welle elektronischer Tanzmusik von diesen ersten Loop-, Scratch- und Beatkünstlern ab. Und dass auch irgendwann jemand auf die Idee kam, dieser Musik wieder Melodien, abseits der in strengen Patterns organisierten Loops, zurückzugeben, ist nun auch nicht so verwunderlich. Dass bei diesen Versuchen aber nicht nur bodenloser Trance-Kitsch herauskam, liegt an der geschmacklichen wie musikalischen Kompetenz zweier britischer Gruppen, namentlich Massive Attack und Portishead. Kurz war die Zeit dieses sogenannten Trip-Hop, der sich nur die paar Jahre von der Mitte der Neunzigerjahre bis kurz nach dem Millennium hielt. Umso prägender aber sind die Songs, die da entstanden sind.

In der Münchner Szene blicken indes derzeit ein paar junge Künstler in Richtung dieser Musik: Akere etwa, auch Nalan381 und eben Luko, der Zusammenschluss des Hip-Hop-Produzenten Provo Beats und der Sängerin Tahnee Matthiesen. Alle drei Münchner Künstler vereint, dass ihrer Musik anzuhören ist, dass es nicht darum ging, eine neue Retro-Trip-Hop-Welle in die allgemein Retro-verliebte Hipstergesellschaft zu pushen. Vielmehr entstand hier Trip-Hop noch einmal neu aus seinen ursprünglichen Komponenten heraus: Jeweils haben sich dafür Hip-Hop- und Beat-Produzenten mit sehr besonders singenden Damen zusammen getan. Und da sich die Ästhetik elektronischer Beats seit Mitte der Neunzigerjahre verändert hat, klingen auch insbesondere Nalan381 nach einer bisher eher unbekannten Version von Trip-Hop. Luko dagegen sind sicher die klassischsten unter diesen Münchner Neo-Trip-Hoppern. Provo baut jazzig-pulsierende Beats, die sich am Oldschool-Hip-Hop der späten Achtzigerjahre orientieren, Tahnee, deren Vater ebenfalls Jazz-Sänger ist, hat eine Stimme und einen Umfang, die aus all dem Vocoder-Pop-Gefiepe angenehm altmodisch herausfällt. Vielmehr erklingt da eine Art der vergangenen Grandezza, die nun auf der zweiten EP von Luko durch eine Live-Band unterstützt wird.

„Underwater“ heißt diese, und die fünf Songs darauf treiben den Trip-Hop-Begriff noch einmal in eine völlig andere Richtung. Denn Provos groovenden Downbeats treffen dabei auf eine klassische Jazz-Band, während Tahnee nun dem stimmlichen Umfang einer Skye Edwards von Morcheeba in Stücken wie „Lay Down“ immer näher kommt. Doch ganz so gediegen ist es dann auch wieder nicht: Im gegenläufigen Song „Get High“ taucht ein programmatischer Kiffer-Off-Beat auf, „Sweetheart“ besticht anschließend mit reduziert-piepsenden Bläsersätzen. Die Musiker der Band, die Luko nun unterstützen, verstehen ihr Handwerk: Pianist André Schwager und Bassist Sebastian Gieck sind Studiomusiker, während Schlagzeuger David Wöhrer die – ebenfalls die Grenzen des Hip-Hop auslatschende – Marching-Band Moop Mama perkussiv unterstützte. Am Samstag, 19. März, stellen Luko die neue EP mit Unterstützung der Kollegen von Akere im Milla in München vor. 

Stil: Neo-Trip-Hop / Jazz / Beat
Besetzung: Tahnee Matthiesen (Gesang), Provo (Produktion), mit Live-Musikern
Aus: München
Seit: 2013
Internet: www.luko-music.com

Foto: Stef Zins

Von: Rita Argauer

Hipster in Uniform

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Für ihre gesellschaftskritische Abschlussarbeit “Der uniformierte Individualismus” porträtiert die Fotografin Julia Schneider Menschen im gleichen Outfit: Ein schlichtes Hemd, darüber ein greller gelber Strickpullover und Julias alte Brille.

Eva zieht den gelben Strickpullover über ihren Kopf und setzt das rechteckige Brillengestell auf die Nase. Die Gläser lassen das Fotostudio mit den roten Backsteinen verschwimmen. Julia Schneider drückt auf den Auslöser ihrer Kamera. Dreimal blitzt es, dann ist das Spektakel schon vorbei. Der Nächste bitte.

Für die Abschlussarbeit ihres Fotodesignstudiums an der Hochschule München porträtiert Julia Menschen im gleichen Outfit. Ein schlichtes Hemd, darüber ein greller gelber Strickpullover und ihre alte Brille. Mit ihrem Projekt „Der uniformierte Individualismus“ möchte die junge Frau einen Widerspruch aufgreifen, der ihr auch in ihrem Studiengang auffällt. „Obwohl die meisten Fotodesignstudenten ihre Kreativität auch äußerlich zeigen möchten, sehen sie alle gleich aus. Nur das Motiv auf der selbstbedruckten Jutetasche unterscheidet sich“, sagt Julia und lacht über ihre überspitzte Darstellung.
 Sie zeigt die Fotoaufnahmen von den vergangen drei Wochen. Alle starren mit einem leeren und kraftlosen Blick vor sich hin. Der Mund ist leicht geöffnet. Ein großer Teil der Augen wird durch die klobige Brille verdeckt. Blond oder brünett, jung oder alt, mit Bart oder ohne. Die Unterschiede lösen sich auf und werden zu einem Gemisch aus gelbem Pullover und erschöpftem Gesichtsausdruck.

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Viele junge Menschen wollen ihr Image selbst bestimmen, aber sich gleichzeitig gesellschaftlich zugehörig fühlen. Dieses Phänomen ist besonders in einer Großstadt wie München von Bedeutung. Jeder versucht sich von der Masse abzuheben, aber nicht so sehr, dass er ausgeschlossen wird. „In unserer Gesellschaft ist fehlende Anerkennung ein großes Problem. Es ist die Voraussetzung, um Selbstbewusstsein zu entwickeln“, sagt Andreas Belwe, Dozent an der TU München. „Der Kampf um Anerkennung fängt mit der Geburt an. Ein Kind ist angewiesen auf die Aufmerksamkeit und emotionale Zuwendung der Eltern, aber auch später, wenn der Mensch erwachsen ist, braucht er immer wieder jemanden, der seine Eigenschaften und Fähigkeiten bestätigt“, sagt der Experte. „Der Mensch wird in eine Gesellschaft hineingeboren, aus der er sich erst zum Individuum herausdifferenzieren muss. Nur wenn er sich seiner selbst bewusst geworden ist, kann er Teil dieser Gesellschaft werden und sie aktiv mitgestalten. Dann kann er beides sein: Individuum und Teil eines größeren Ganzen“, sagt Belwe. 

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Julias Biografie ist durchzogen von Veränderungen und der Suche nach sich selbst. Nach der Schule entschied sich die Wahlmünchnerin für eine Lehre zur Bankkauffrau, doch das angepasste Leben in der Filiale lehnte sie ab. Danach ließ sie sich zur Eventkauffrau ausbilden, doch auch diese Tätigkeit füllte sie nicht aus. Nach zwei abgeschlossenen Ausbildungen fängt sie auf der Hochschule München an, Fotodesign zu studieren. Und ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen.

Um ihr Studium zu finanzieren, hat die Fotodesignstudentin in einem Geschäft in der Maximilianstraße als Türöffnerin gearbeitet. An einem regnerischen Tag, als die Kunden mit den gleichen Mänteln, Schirmen und Gummistiefeln in das Geschäft gehuscht sind, kommt ihr die Idee für ihre konzeptionelle Porträtstrecke. In ihren Fotografien findet sich oft ein ironisches Detail. „Ich war erstaunt, dass sich nicht nur meine Freunde, sondern auch Fremde so unvorteilhaft fotografieren ließen. Die Aufnahmen sind nicht ästhetisch. Der Blick erschöpft, kraftlos, sogar fast dümmlich. Die meisten haben ihr Fotogesicht und lächeln, drehen sich in einen bestimmten Winkel, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist“, sagt Julia. „Vielleicht würden sich einige für so ein Foto von sich schämen. Aber bei zweihundert Porträts schämt sich keiner mehr“, sagt die Fotodesignstudentin. 

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Julia trägt eine schlichte schwarze Jeans und trägt ihre blonden Haare schulterlang. Verglichen zu der Schilderung ihrer Kommilitonen, wirkt sie sehr natürlich. Wie das Mädchen von nebenan. Wehrt Julia sich mit dem unauffälligen Styling gegen den selbstoptimierten Individualismus? „Bis vor kurzem hatte ich rosa Haare. Das wirkt wie ein Erkennungszeichen“, sagt Julia.
Besonders in kreativen Berufen gehöre
das Auftreten der Künstler und Designer wie ein erweitertes Coporate Design zu ihren Werken dazu. „Mit bunten Haaren hebst du dich von der Masse hervor. In der Bank hätte ich es nie gemacht, allein um dem Lästern der Kollegen zu entgehen“, sagt sie.

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Die Arbeit von Julia Schneider ist auch bei der Ausstellung „München – Am Rand“ im Feierwerk Farbenladen, Hansastraße 31, zu sehen. Geöffnet an allen Wochenenden im März, samstags 16 bis 22 Uhr, sonntags 16 bis 20 Uhr. Eintritt frei.

Von: Stefanie Witterauf

Fotos: Julia Schneider und privat

Mein München: Ostfriedhof

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Gerade fertig mit der Schule, muss Yunus Hutterer, 18, nun überlegen, wie es weitergehen soll. Neben der Fotografie interessieren ihn auch bewegte Bilder. Momentan ist er in der Ausstellung “München – am Rand” im Farbenladen mit seiner Fotoreihe “Randbemerkungen” zu sehen.

Mit seiner Kamera zieht Yunus Hutterer, 18, durch die Straßen der Innenstadt von München. Er ist auf der Suche nach spannenden Hinterhöfen, die er für sein neues Fotoprojekt „Hinterhof-Idylle“ ablichten kann. „Ich möchte nach einem festen Konzept und einer Idee fotografieren“, sagt der junge Mann. Für Yunus ist die Stadt München chic. Verglichen mit anderen Großstädten findet er sie sauber und clean. Doch wenn man genauer hinschaut, findet man auch hier Orte, die „relativ abgeschottet und verkommen aussehen“.
 So auch der Innenhof von einem Teppichverkäufer am Ostfriedhof. Ein Orientteppich liegt in einer Pfütze im dreckigen Kies, ein Auto steht in der Einfahrt daneben. Hier bleibt Yunus stehen, nimmt seine Kamera und drückt auf den Auslöser. „Obwohl ich türkische Wurzeln habe, hatten wir nie einen Teppich mit Orientmuster zu Hause. Aber mein Mousepad sieht so aus“, sagt Yunus und lacht.

Gerade mit der Schule fertig geworden, beschäftigt sich Yunus neben der Fotografie auch mit vielen anderen Dingen. Bewegte Bilder interessieren ihn beispielsweise sehr. Wie es jetzt weitergehen soll, weiß er noch nicht genau. „Mein nächstes Projekt ist jetzt erst mal meine Zukunftsplanung“, sagt Yunus. Pläne für diverse Praktika bei Münchner Fotografen hat Yunus aber schon.

Von:Stefanie Witterauf

Schreiben für die Freiheit

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Der Verein NeuLand will Ende März ein Magazin herausbringen – eines von Flüchtlingen, nicht über sie. Jafar Akbari, 25, ist einer der Autoren.

Jafar Akbari, 25, schämt sich. Der gebürtige Afghane schämt sich stellvertretend für andere Flüchtlinge, die sich nicht an die Gesetze und Regeln in Deutschland halten – und sei es nur, bei Rot über die Ampel zu gehen. „Und ich bedanke mich bei den Leuten in Deutschland. Deutschland ist ein berühmtes Land und Bayern ist sehr, sehr schön: Der Himmel ist blau und die Erde ist grün“, schreibt Jafar in seinem Text „Fremdschämen. Mein Leben als Flüchtling in Deutschland“ für den Münchner Verein NeuLand. Jafar weiß aus Beobachtungen: „Auch viele Deutsche werfen den Müll weg oder haben ein lautes Smartphone in der U-Bahn. Aber sie sind Deutsche in Deutschland. Wir sind Flüchtlinge und wir werden beobachtet. Jeden Tag sehen die Leute Flüchtlinge in der Zeitung und im Fernsehen.“ Er schämt sich aber auch selbst, wenn er für 325 Euro in einer langen Schlange vor dem Sozialamt warten muss und er von den Angestellten angelächelt wird, als wäre er ein Kind ohne Eltern. „Ich kenne mich nicht wirklich mit Politik aus. Aber ich verstehe die Flüchtlingspolitik von Deutschland trotzdem nicht: Ich habe gehört, dass viele Afghanen zurück nach Afghanistan müssen. Aber Krieg ist Krieg, egal ob in Syrien oder Somalia oder in Afghanistan“, schreibt Jafar weiter. Dennoch schreibt er auch, dass Deutschland den Friedensnobelpreis verdient hätte für alles, was das Land für die Geflüchteten tut.

Menschen wie Jafar begegnen einem seit vergangenem Sommer immer häufiger. Eine große Zahl von Flüchtlingen kommt seitdem nach Deutschland, und die Medien berichten immer wieder darüber, was die Deutschen von Menschen wie Jafar halten. Susanne Brandl stellt die Gegenfrage: „Was denken die sich eigentlich über uns?“ Susanne ist Mitte 20, Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und freie Journalistin. Nicht aus Mitleid, sondern aus Neugierde hat sie im Oktober 2015 den gemeinnützigen Verein NeuLand gegründet. Der Verein arbeitet momentan an einem Blog, geplant ist außerdem, Ende März erstmals ein Magazin herauszubringen. Ein Magazin, das Geflüchteten, aber auch Migranten, als Sprachrohr dienen soll. Denn Angst haben Menschen meist vor dem Unbekannten, sagt Susanne. Sie glaubt deshalb, dass man den Austausch zwischen beiden Seiten fördern muss, um Vorurteile abzubauen. Insgesamt sind es 13 Autoren zwischen 17 und 35 Jahren aus acht verschiedenen Ländern, die für NeuLand schreiben und so ihren Teil zum Austausch beitragen wollen.

Neben der Außenredaktion, für die Jafar schreibt, gibt es auch eine feste Redaktion, die aus Geflüchteten und Migranten besteht, die sich aus Eigeninitiative gemeldet haben. Vorwiegend Männer. Es gibt aber auch zwei Autorinnen. Anonyme Autorinnen. Andernfalls müssten sie fürchten, Probleme mit ihrer Familie zu bekommen. Eine Autorin wurde beispielsweise zwangsverheiratet und lebt nun mit ihrem Ehemann, den sie nicht liebt und der sie betrügt, in Deutschland. Es wäre eine Illusion zu glauben, mit der Flucht hätten sie alle Probleme abschütteln können.

NeuLand soll Ende März das erste Mal mit einer Auflage von circa 5000 Exemplaren erscheinen und von da an vier Mal im Jahr. Kostenfrei soll die Zeitschrift in sozialen Einrichtungen aller Art ausliegen. Die Zielgruppe sind Menschen, die der Flüchtlingsthematik ängstlich bis kritisch gegenüberstehen, sogenannte besorgte Bürger, nicht zuletzt aber natürlich die Geflüchteten und Migranten selbst.

Nicht ohne Tücken ist die Arbeit mit Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Immer wieder müssen sich die deutschen Lektoren die Frage stellen, inwiefern die kleinste Veränderung eines Satzes die Aussage verändern kann. Neben der Frage, wie man mit den Texten umgeht, steht auch die Frage im Raum, ob die Kommentarfunktion auf dem Blog einschalten wird. Einerseits ist der Austausch gewünscht, andererseits möchte man die Autoren vor Anfeindungen schützen. Ein Drahtseilakt.

Wichtig ist den Gründern von NeuLand aber in erster Linie, auf eine wichtige Tatsache hinzuweisen: Geflüchtete sind Menschen wie wir. Menschen mit Träumen, Ängsten, Familie und Freunden.
 Ein Mensch mit Träumen ist auch Jafar. Bereits mit fünf Jahren floh er mit seiner Familie aus Afghanistan in den Iran. Seit fast zwei Jahren wohnt er nun in Emmering im Landkreis Fürstenfeldbruck. Ohne seine Familie, denn sein jüngerer Bruder und seine „muslimische Mama“ halten nichts von Europa und dem Westen.

Deshalb floh Jafar alleine über die Türkei und Griechenland nach Deutschland. Einmal gab es auf der Bootsüberfahrt Streit zwischen zwei Afrikanern und sie kenterten. Sie schafften es irgendwie, wieder in das Boot zu steigen. Jafar, dessen Kaffee längst kalt geworden ist, weil er so viel im Gespräch loswerden möchte, weiß, es hätte auch anders ausgehen können. Aber eines wusste er auch schon, bevor er sich auf den Weg gemacht hat:„Eine Flucht ist keine Urlaubsreise.“ Bei dem Satz umklammert seine Hand die Kaffeetasse ein bisschen fester.

Die erste Station in Deutschland war 2014 Hamburg, doch von dort ging es mit einem kurzen Zwischenstopp in der Bayernkaserne gleich weiter nach Emmering. Obwohl er immer Angst hatte, in einem kleinen Ort zu landen, will er bleiben. In dem Land, das er mehr als alles andere mit Freiheit verbindet. Und mit Spaß, wie er es nennt. Was er mit Spaß meint, ist ein Leben ohne die ständige Angst vor Polizei und Anfeindungen aus der Bevölkerung.

Viele sagen, die Stimmung in Deutschland sei seit der Silvesternacht in Köln gekippt, doch Jafar hat davon nichts zu spüren bekommen.
Für das Verhalten seiner „Kollegen“ an Silvester, wie er die anderen Geflüchteten mit dem Anflug eines Lächelns nennt, schämt sich Jafar. Es passiert selten, dass er lächelt. Meistens ist sein Blick ernst. Immer auf der Suche nach den richtigen Worten. In einer Sprache, die ihm auch nach zwei Jahren noch schwer fällt. Er weiß, dass das Fehlverhalten Einzelner zu Problemen für die ganze Gruppe führen kann.

Die Außenredaktion befindet sich in einer Schule zur Berufsvorbereitung. Einige der Lehrer betreuen interessierte Schüler wie Jafar und helfen ihnen beim Verfassen von Artikeln. Jafar will vor allem über die Probleme der Flüchtlinge schreiben. Und über Missverständnisse. Denn viele Deutsche scheinen wenig oder nichts über die Herkunftsländer der Flüchtlinge zu wissen. Beispielsweise gebe es natürlich auch U-Bahnen im Iran, aber viele seien verblüfft, wenn er das erzähle. Jafar schüttelt fast unmerklich den Kopf. Manche irritiert es, dass er dunkle Jeans und einen lila Pulli mit einem Hemd darunter trägt, wie eben die meisten in Europa lebenden Männer in seinem Alter momentan. Es ist banal und doch so bezeichnend für das Bild des Westens von den Geflüchteten.

Jafar nimmt es den Menschen jedoch nicht übel. Sogar für die Karikaturen von Mohammed hatte der gläubige Moslem Verständnis. Er fand es traurig, ja, aber er sagt auch: „Kunst ist Freiheit.“ Freiheit. Der Grund, warum er hier ist und all die Strapazen auf sich genommen hat. Deshalb sagt er auch: „Es ist wichtiger, ein guter Mensch als ein guter Moslem zu sein.“ Es ist der Satz eines Menschen, der das Schlechte gesehen hat und es hinter sich lassen möchte.

Von: Jacqueline Lang

Foto: Matthias Weiss

Ein Abend mit: Tristan Marquardt

Heute Abend liest Tristan Marquardt, 28, bei uns im Farbenladen. Wenn der Lyriker und Literaturvermittler ansonsten nicht gerade damit beschäfigt ist diverse Lesereihen zu initiieren oder an seiner eigenen Poesie zu feilen, dann trifft man ihn höchstwahrscheinlich im Café Philoma am Stiglmaierplatz oder zum Frühstück und Abendessen beim Uiguren Taklamakan am Hauptbahnhof.

Hier beginnt mein Abend:
Bei einer der vielen wunderbaren Lesungen – im Keller der kleinen Künste oder im Einstein oder im Lyrik Kabinett oder im Rationaltheater oder…

Danach geht’s ins/zu:
Samstag ins Charlie. Sonst: Café Philoma. Die Oase am Stiglmaierplatz, deren Besonderheit es ist, keine zu sein. Jede Nacht offen bis 5.

Meine Freunde haben andere Pläne. So überzeuge ich sie vom Gegenteil:
Alles andere hat zu.

Mit dabei ist immer:
Gute Freund*innen. Diskussionsbedarf. Und die Gewissheit, beim Darten die 19 zu treffen.

An der Bar bestelle ich am liebsten:
Tegernseer und Haselnussschnaps. Aber meine Schwäche ist Sekt.

Der Song darf auf keinen Fall fehlen:
Im Philoma regelt das Radio Arabella von ganz allein. Im Club die Jungs von Public Possession.

Mein Tanzstil in drei Worten:
Kopf- und Hüftschwung.

Der Spruch zieht immer:
Reim kann sein, Rhythmus muss.

Nachts noch einen Snack. Mein Geheimtipp ist:
Taklamakan. Der Uigure am Hauptbahnhof.

Meine dümmste Tat im Suff war:
Weiterzutrinken.

Das beste Frühstück nach einer durchfeierten Nacht gibt`s im/bei:
Taklamakan. Der Uigure am Hauptbahnhof.

Diesem Club/dieser Bar trauere ich nach:
Café am Hochhaus, wegen der Sonntage.

Internet: www.meinedreilyrischenichs.wordpress.com

Foto: Katja Zimmermann