Fragen über Fragen – Anouk Elias

“Vernetzung mit Menschen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen ist für uns wichtig und geht leider durch Smartphones immer mehr verloren”, sagt Schauspielerin Anouk Elias, die für unsere Ausstellung

“10 im Quadrat – Reloaded” porträtiert wurde. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt.

Du stehst mit deiner
Kunst öfter mal vor Publikum. Wie war es für dich, so oft fotografiert zu
werden?

Für mich ist Fotografie etwas ganz anderes als auf der Bühne
zu stehen, eine schöne, spannende Erfahrung!

Bist du auch mal in andere Rollen geschlüpft? / Hast du andere Seiten an dir
kennengelernt?
Dadurch dass jeder Fotograf andere Themen hatte und es auf andere Dinge für
ihn/sie ankam, war es glaube ich natürlich, dass man immer bisschen anders war,
aber wir haben ja auch so viele Facetten in uns.

Hat das Mut
erfordert?

Ich glaube man braucht Mut für viele Entscheidungen im Leben, aber es hat mich
nur weitergebracht würde ich so sagen

Welche Begegnung hat
dich am stärksten geprägt?
Ich glaube die ersten Shootings hatten noch etwas Neu-aufregendes, aber
auch die letzten waren für mich “prägend” – im Sinne von Erfahrungen
sammeln: Das war es auf jeden Fall. Ich weiß nicht, ob man sagen kann prägend,
dass dieses Shooting mein Leben verändert hat, aber ich nehme auf jeden Fall
viele Erlebnisse mit und die Tatsache, dass Vernetzung mit Menschen und ins
Gespräch zu kommen mit ihnen für uns als Menschen sehr wichtig ist und
eigentlich zu einem natürlichen sozialen Umgang gehört, der leider immer mehr
verloren geht, dadurch dass das Handy uns immer mehr die Möglichkeit gibt,
unpersönlicher zu sein.

Bist du auch mal an
deine Grenzen gestoßen?

Nein Grenzen würde ich das so nicht nennen, aber
Herausforderungen oder Erweiterungen. Eine Herausforderung für mich war es, sich
bei Fotografen, mit denen man nicht sofort einen Draht hatte oder Sympathien
teilte, genauso offen und frei vor der Kamera zu fühlen, wie bei solchen, mit
denen man sich auf Anhieb gut verstand!

Brauchen wir mehr
Vernetzung in München?

Ja finde ich schon! München gibt sich leider nicht so offen,
aber solche Aktionen zeigen immer wieder, dass es das auch sein kann.

Foto: Nadja Ellinger

Vollstes Vertrauen

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Zehn junge Fotografen treffen auf zehn junge Menschen mit Bühnenerfahrung. Das Ergebnis: „10 im Quadrat Reloaded“ – eine Ausstellung im Farbenladen des Feierwerks.

Kein Mensch ist im Raum. Der kleine Konzertsaal im Gasteig ist komplett leer. Reglos liegt sie in der Mitte der Bühne, die langen blonden Haare über dem Gesicht verteilt, das Kabel des Mikrofons schlängelt sich um ihre Hüfte. Der dunkelrote Rock aus Samt leuchtet unter dem Licht der Scheinwerfer. Lotte Friederich posiert gerade für Diego Reindel. Er fotografiert die junge Frau, die an der Hochschule für Musik und Theater Jazz-Gesang studiert, für die zweite Auflage der Ausstellung „10 im Quadrat“.

Nach dem Erfolg des Ausstellungskonzepts im vergangenen Jahr, wird die Rechnung im März nun erneut aufgestellt: Zehn junge Fotografen treffen auf zehn junge Künstler. Wer sind eigentlich die jungen kreativen Köpfe dieser Stadt? Was bewegt diese Menschen, wenn sie nicht auf der Bühne stehen oder hinter der Kamera? Und was passiert, wenn diese Menschen für ein kreatives Projekt aufeinandertreffen? Das Ergebnis dieser Begegnungen zeigt die Junge-Leute-Seite der Süddeutschen Zeitung vom 3. März an im Farbenladen des Feierwerks. Mit einer spannenden Neuerung: Die Fotografen versuchen, zusätzlich ein Selbstporträt im Stil der eigenen Fotostrecke zu schießen, und dieses ebenfalls auszustellen.

Bei Diego Reindel wird dies vermutlich surreal aussehen. Á la Salvador Dalì in etwa. Er fotografiert alle Models an ihrem Lieblingsort, mit ihrem Lieblingsgegenstand, in ihrer Lieblingskleidung. Ob auf der Bühne wie bei Lotte oder in der Badewanne wie bei Singer-Songwriterin Amira Warning – je ausgefallener, desto besser. „Ich will skurrile, aber einzigartige und witzige Bilder von den Künstlern schaffen“, erklärt Diego. Er liebe es, wie unterschiedlich Menschen doch sein könnten.

Dass man es bei diesem Projekt mit unterschiedlichen Charakteren zu tun hat, das hat auch Lara Freiburger schnell gemerkt. „Alle haben ein ganz unterschiedliches Verhalten vor der Kamera. Manchmal muss man die Leute erst auflockern.“ Lara hat die Models einzeln in ein lichtdurchflutetes Fotostudio in Giesing eingeladen. Die Vorgabe: den eigenen Schlafanzug mitbringen – das Shooting findet in einem Bett statt. „Die Herausforderung besteht für mich darin, zehn Menschen zu fotografieren, die ich nicht kenne, und dabei Vertrauen aufzubauen, sodass ein persönliches Porträt entstehen kann“, sagt Lara. Es sei aber eine schöne Erfahrung, mit unprofessionellen Models zu shooten. „Ich will, dass du mehr chillst“, sagt sie mit einem Lächeln und der Kamera vor dem Gesicht zu Natanael Megersa, während dieser im Schlafanzug vor ihr sitzt. Er hat seine Schlafmaske mitgenommen. „Ich geh ja manchmal auch erst um 6 Uhr morgens schlafen“, sagt der DJ. Während Lara konzentriert Anweisungen gibt und aus verschiedenen Positionen fotografiert, plaudert sie ein bisschen mit Natanael über das Leben als DJ. Viele würden sich wegen Drogen einiges versauen in dem Job, sagt er. „Stop!“, ruft Lara. „Bleib genau so“, sagt sie ruhig. Und drückt ab.

Musik, Schauspiel oder Stand-up-Comedy – aus diesen künstlerischen Bereichen kommen in diesem Jahr die Models. Was die Künstler eint: Sie alle sind zwischen 20 und 27 Jahre alt. Sie stehen regelmäßig vor Publikum. Sie haben keine professionellen Modelerfahrungen. Dementsprechend wichtig ist es, dass eine gute Stimmung herrscht und dass sich ein gegenseitiges Vertrauen einstellt. Von Anfang an wohlgefühlt hat sich Leon Haller, Schauspielstudent der Theaterakademie August Everding, beim Shooting von Alina Cara Oswald. „Sie hat eine tolle Präsenz“, sagt der Schauspieler, der nicht nur auf der Bühne des Residenztheaters im Stück „Die Räuber“ zu sehen ist, sondern ab und zu auch an den Turntables der Roten Sonne oder des Harry Kleins steht.

Alina hat den Models drei Möglichkeiten für das Shooting gegeben: bekleidet, nackt oder bei einem Orgasmus. Am liebsten mag sie die letzte Option. Wie in ihrer Fotoserie „Moments“, bei der sie Menschen während des Höhepunktes fotografierte. Ihr sei aber klar, dass es „nicht einfach ist, so etwas zu machen, wenn man sich noch fremd ist“. Nur wer sich dabei wohlfühlt und sich traut, darf das machen. Die 25-Jährige projiziert für die Fotos unterschiedliche Muster auf die Körper der Künstler. Dabei lässt sie sich von der Persönlichkeit der Künstler inspirieren. Sie sollen zum Charakter der Porträtierten passen. „Was innen ist, soll nach außen getragen werden“, sagt sie. Vor dem Shooting sucht Alina gemeinsam mit den Models nach geeigneten Mustern.

Die Persönlichkeit und Gefühlswelten der Künstler stehen auch in den Fotografien von Nadja Ellinger im Vordergrund. Zentrales Thema ihrer Arbeiten für die Ausstellung ist Zerbrechlichkeit. „Wann hast du dich schwach gefühlt?“, ist eine von den Fragen, die Nadja den Models vor dem Fotografieren in einem intensiven Gespräch gestellt hat. „Ich habe teilweise extrem persönliche Dinge über die Models erfahren“, erzählt sie. Auch deshalb handelt es sich bei ihren Fotografien um Symbolbilder. Sie zeigen nur Ausschnitte des Körpers der fotografierten Person. „Es ging mir darum, das Gefühl der Künstler auszudrücken und Verletzlichkeit als etwas zu zeigen, das einen ausmacht. Nicht als etwas Negatives.“ In Sozialen Medien und im echten Leben verstecke man diese Seiten gerne, erklärt sie. Gleich wird Nadja die 21-jährige Schauspielstudentin Anouk Elias im Körperraum der Otto-Falckenberg-Schule fotografieren. „Morgens machen wir hier drin Aikido, Thai Chi und so was“, erklärt Anouk, während sie sich eine schwarze, weite Hose für das Shooting anzieht. Nadjas Konzept findet sie spannend. „Als Schauspielstudentin muss man sich sehr viel mit sich selbst auseinandersetzen.“

Auf eine ähnliche Art der Auseinandersetzung hat Lorraine Hellwig gesetzt und den Models als Menschen der Generation Y Fragen zu ihrer Einstellung zu Themen wie Liebe, Religion oder Politik gestellt. Die Statements der Künstler sind als Schriftzug Teil des Porträts. Alle hätten sehr unterschiedlich auf die Fragen geantwortet, das sei das Spannende an der ganzen Sache. „Ich denke, der Antrieb und die Neugier, neue Leute kennenzulernen, ist die Kraft, die man bei diesem Projekt schöpft“, sagt die 24-Jährige.

So ganz ohne Reibung geht es auch in diesem Jahr nicht. Für Anouk Elias war die Vorstellung, mit Essen zu spielen, nicht mit ihrer Sicht auf Nahrung vereinbar. Das Essen aber ist in den Porträts von Julie March ein essentieller Bestandteil – bunt und ein bisschen verrückt sollen die Fotos sein. Wie die Künstler das Essen dabei inszenieren und was sie damit machen, stellt sie den Models frei. Nachdem Julie Anouk dann erklärt hatte, dass sie das fotografiert, „was der jeweilige Künstler mit dem Essen macht“, und es nicht darum geht, sich mit dem Essen zu behängen, stimmte Anouk am Ende doch noch zu.
 Nur noch wenige Tage bis zur Eröffnung der Ausstellung. Die Rechnung geht auf, zu 100 Prozent.

Text: Ornella Cosenza

Foto: Catherina Hess

Pinsel statt Spraydose

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Graffiti war für Marc Henry zu vergänglich. Daher widmete er sich der Kunst, die für die Ewigkeit bleibt. Seine Bilder verkauft er mittlerweile sogar auf der
„Art Cologne”.

Marc Henry ist Maler. Sein Gesicht ist zart und blass. Seine Frisur ein moderner Undercut. Wenn er spricht, klingt er so ruhig und überzeugt, als wäre er nicht 20, sondern eher Mitte 40. Er malt mit dunklen Ölfarben auf große Leinwände – zwei Meter lang und vier Meter breit. Seine Kunst ist abstrakt. Ein Relikt aus seiner Zeit als Graffiti-Sprayer. 

Vor vier Jahren hat er die Spraydosen gegen Pinsel, Betonwände gegen Leinwände eingetauscht. Graffiti sei vergänglich und werde immer wieder übermalt, sagt Marc. Das hat ihn irgendwann gestört. Marc will mehr. „Kunst bleibt. Kunst macht unsterblich“, sagt er und legt seine Stirn in Falten. Wenn Marc über sich und seine Arbeit redet, wird er ernst. Seine Worte wählt er mit Bedacht. Der Mensch hechele seinem Drang zur Transzendenz hinterher, sagt er.  Auch Marc beschreibt sich gerne als einen Getriebenen, wie in einer der Erzählungen von Arthur Schnitzler. „Ich bin zwar erst Zwanzig, das weiß ich, aber schon jetzt bin ich ungeduldig in allem, was ich tue,“ sagt Marc. 

Der junge Mann, mit ein wenig Weltschmerz in seinen braunen Augen, hat sich die Kunst nicht ausgesucht. Künstler sei man einfach. Für ihn ist Kunst eine andere Form zu denken. Er sieht es als sein Schicksal, was ihn beschäftigt, in Bilder zu verwandeln. Grobe Striche, abstrakte Formen und Menschen geben einen Einblick in die düstere Wahrnehmung des Künstlers. „Wenn alles schön und gut wäre, dann bräuchten wir ja auch keine Kunst“, sagt er. Marcs Bilder sind düster. Das sei keine Absicht. Das passiere einfach so, sagt er. Gegen den Begriff depressiv wehrt er sich. „Melancholisch, das trifft es eher“, sagt er. Dann hält er kurz inne. Woher seine Melancholie komme, könne er mit Worten nicht beschreiben. Vielleicht sei es ein grundlegendes Unbehagen über eine Welt, in der alles schnelllebig und vergänglich sei, sagt Marc. 

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Mit seiner Generation kann er wenig anfangen. Mit seinen ehemaligen Mitschülern hat Marc nie über Kunst geredet. Gibt es überhaupt jemanden in seinem Alter, mit dem Marc über Kunst spricht? Seine Freundin. Sie ist Musikerin. Sie sprechen die gleiche Sprache, sagt Marc und lächelt. Anders als die meisten seiner Altersgenossen, kann Marc auch nur wenig mit den Sozialen Medien anfangen. „Alles ist so beliebig und keiner hat mehr einen geschärften Blick für Details“, sagt er. Dennoch benutzt er sie natürlich trotzdem – zur Vermarktung seiner Bilder. Ein Mittel zum Zweck, sagt er. Es sei ein gutes Mittel, um Aufmerksamkeit für seine Kunst zu erhalten. Marc ist ambitioniert und anders als viele Künstler seiner Generation kalkuliert er knallhart. Sein Ziel ist kein geringeres, als durch seine Kunst unsterblich zu werden. In Köln, auf der „Art Cologne“, hat er bereits zwei seiner Bilder verkauft. Der Preis: im vierstelligen Bereich.

Wenn Marc Henry selbst mal ins Museum geht und sich mit der Kunst anderer Künstler beschäftigt, geht es ihm danach meistens erst einmal schlecht. Wieder erwähnt Marc das Motiv des Getriebenen. Dann zitiert er eines seiner größten Vorbilder, Gerhard Richter: „Jedes Bild ist der Todfeind des anderen“. Dass Gerhard Richter da selbst eigentlich nur Theodor W. Adorno zitiert hat, bleibt in diesem Moment vergessen.

Von: Jenny Lichnau

Foto/Bild: Marc Henry

Happy Birthday, Stadt Land Rock Festival!

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Zum 13. Mal findet 2016 das Stadt-Land-Rock Festival statt. In diesem Jahr gibt es an drei Abenden zwölf Bands und Künstler zu sehen – bei freiem Eintritt.  In den vergangenen Jahren etwa MarieMarie (Foto), die 2011 und 2013 Stimmung machte. Zur Einstimmung ein kleiner Rückblick. 

Wer über das Tollwood schlendert, findet wie jedes Jahr die Stände mit Crepes und Langosch, mit Schmuck und verträumter Hippie-Kleidung, die Skulpturen, die die jährlich neuen Themen des Tollwoods veranschaulichen und den Besucher jedes Mal wieder überraschen. Das alles gehört zum Tollwood – Genau wie die Musik. Schon seit Beginn spielen bekannte Bands auf Münchens beliebtestem Stadtfestival, große Namen sind jedes Jahr vertreten, aber vor allem die jungen Münchner haben seit 13 Jahren auch ein anderes Ziel: Das Stadt-Land-Rock-Festival.

Seit 2004 wird es vom Tollwood und der SZ-Junge-Leute Seite veranstaltet. Damals waren das einfach ein paar kleinere Bands aus München, aber auch von anderswo, die ohne wirkliches Festival-Feeling eher als Begleiterscheinung auf den verschiedenen Bühnen des Tollwood auftraten. Viele der damaligen Bands sagen heute kaum jemandem etwas, und trotzdem lohnt es sich, reinzuhören. Denn als Veranstaltung für junge, aufstrebende Musiker hat das Stadt-Land-Rock schon früh ein Gespür für die richtigen Bands bewiesen, die, genau wie das Festival selbst, einfach ein bisschen Zeit und Unterstützung brauchten, um größer zu werden.

Besonders wenn man sich die Bands der letzten Jahre anschaut, wird man einige davon wieder erkennen. Die Young Chinese Dogs beispielsweise, die man nicht nur auf dem Tollwood, sondern auf so ziemlich jeder Münchner Bühne treffen kann. Die beiden Schwestern von Sweet Lemon, die, obwohl noch sehr jung, dieses Jahr schon zum zweiten Mal das Publikum mit ihrem Mix aus Pop und Blues verzaubern. Oder MarieMarie, die mittlerweile über München hinaus ein bekannter Name ist. „Es war eine tolle Erfahrung auf dem Stadt Land Rock Festival zu spielen und die Stimmung war super“, erinnert sie sich an ihre Auftritte 2011 und 2013.

Genau wie die Szene, die Jugendseite und die Teilnehmer, ist das Stadt Land Rock mit seinen Bands gewachsen. Das Festival hat in der Tollwood tanzbar seinen Platz gefunden und repräsentiert mit dem diesjährigen Programm einen Querschnitt durch die junge Münchner Musik Szene. Es spielen Bands wie Line Walking Elephant, die mit ihrem Alternative-Rock die Fetzen fliegen lassen oder die Folk-Rock-Band The Charles, deren Namen längst keine Unbekannten mehr sind, aber auch Newcomer, wie Paul Kowol oder KLIMT, die sich beide als Solokünstler natürlicherweise ruhiger, aber nicht weniger spannend präsentieren.

Die Zeiten, als noch Umzugskisten voller Demo-CDs den Beginn der Auswahl für das Festival einläuteten, sind vorbei, doch Bewerbungen um auf dem Stadt-Land-Rock zu spielen kommen immer noch genug. Oder sollte man eher sagen jetzt erst Recht? München und seine Musik-Szene sind ein unteilbares Ganzes, und Gelegenheiten für junge Bands gibt es viele. Und doch ist das Festival auf dem Tollwood etwas besonderes geblieben. Weil es gewachsen ist, seinen Platz gefunden hat und weil man nach 13 erfolgreichen Jahren sicher sein kann, dass man den Sprung geschafft hat vom Trend zu einer der fest verankerten Institutionen, ohne die München nicht das wäre, was es ist.

Von: Marina Sprenger

Foto: Käthe Dekoe

Meine Welt, deine Welt

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In der Ausstellung „München – am Rand“ im Farbenladen des
Feierwerks erkunden 12 einheimische und zugezogene junge Künstler
die Grenzen ihrer Stadt
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Wo hört eine Stadt auf, wo fängt sie an? Oder sind es nicht mehr die fließenden Übergänge, die eine Stadt lebendig machen – sei es geografisch, im Austausch mit anderen oder im tiefsten Inneren? Mit der diesjährigen Ausstellung „München – am Rand“ im Farbenladen des Feierwerks gehen die Junge-Leute Seite der Süddeutschen Zeitung und junge Münchner Künstler dieser Fragestellung nach. Ihre Interpretationen des Themas Rand könnten dabei unterschiedlicher kaum sein – ein Überblick.

Die Berge. Sie gehören streng genommen nicht mehr zur Stadt. Für die meisten, wie auch für Korbinian Vogt, gehören sie aber genauso dazu wie der Alte Peter. Vor allem die Gebirgsgruppe Karwendel hat es dem 21-Jährigen, der vorwiegend Akt fotografiert, angetan. Schon seine Großeltern waren regelmäßig dort unterwegs. Die Gebirgskette ist in seiner Fotoreihe, die er für den Farbenladen konzipiert hat, das leitende Motiv.

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Milena Wojhan ist zwar erst 21, fotografiert aber bereits erfolgreich für renommierte Magazine und Blogs. Für Milena ist der Rand eine Grenze, die beim Feiern überschritten wird. Mit ihrer Kamera hat Milena „die ganzen verrückten Jugendlichen in ihrem hedonistischem Rausch verewigt“, sagt sie. Mit ihren Fotos will sie den Rand von und in Münchens Partyszene aufzeigen.
 Der Bahnhof ist in jeder Stadt ein Ort des Ankommens und Abreisens, eine Ort der einen Rand markiert. An den Münchener Bahnhof zieht es den gebürtigen Österreicher Luca Senoner, 23, immer wieder. Entstanden sind dabei Schwarz-Weiß-Fotografien im „voyeuristischen Stil“.

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Die 20-jährige Amelie Satzger ist am Rand von München aufgewachsen und hat aus dieser Zeit eine Reihe von Bildern gesammelt. „Die Bilder, die ich zeigen werde, befassen sich auf eine subtile Art mit dem Zerfall der Natur und deren Schönheit um München“, erklärt die junge Fotografin.
 Sarah Kreile, 23, arbeitet mit Holz. Die Sängerin der Band Akere, die auch Kunst macht, illustriert ihre Gedanken zum Münchner Rand auf einer 1,5 mal 2,5 Meter großen Holzplatte. Die Idee dahinter: eine interaktive, riesige Landkarte von München zu erstellen.

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Oda Tiemann, 22, zeichnet für den Farbenladen Selbstporträts, die sie selbst am Rand von München zeigen. Rand versteht Oda hierbei nicht geografisch, sondern im Hinblick auf ihren nicht klar definierten Platz in der Gesellschaft dieser Stadt. 

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Das Video, das für Natalie Brück, 27, das Thema Rand beschreibt, basiert auf einer Beobachtung am Münchner Flughafen: auslaufende Flüssigkeit aus einem Mülleimer. Die Kamera starr auf den Gegenstand gerichtet, nur das leichte Zittern der Hand ist sichtbar. Eine nüchterne Stimme aus dem Off beschreibt die Situation. Diese ganz eigene Erzählweise ist zu ihrem Markenzeichen geworden.

Linnéa Schwarz, 25, bezeichnet sich selbst als Zuagroaste. „Mit meinen Fotos, welche teils in München, aber auch über München hinaus entstehen, verstehe ich mich als eine Art Bindeglied zwischen der Welt da draußen und der Münchner Welt“. Linnea überschreitet diesen Rand nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Ihre Fotografien und Videosequenzen zeigen den Betrachtern deshalb nicht nur die „unmittelbare Umgebung“, sondern zudem möglicherweise auch das „eigene Innenleben“.

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Julia Schneider, 29, hat eine konzeptionelle Porträtstrecke fotografiert. Alle Personen tragen auf den Fotos denselben gelben Pullover – eine Art Uniform. Ihr Gesichtsausdruck wirkt „leer und kraftlos“. Für sich genommen sind es keine ästhetischen Fotos. Doch in der Masse wirken sie wie eine Einheit. Julia möchte auf den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft aufmerksam machen, ein Thema, das gerade in einer Großstadt wie München immer wieder eine Rolle spielt.

Die 23-jährige Fotografin Saskia Pfeiffer hat sich gerade kurzzeitig mit ihrem Freund eine Ein-Zimmer-Wohnung geteilt. Für die beiden glücklicherweise kein Dauerzustand. Wohnungsmangel und horrende Mietpreise drängen aber immer mehr vor allem junge Menschen an den Rand von München. Saskia begreift das Thema Rand aber nicht ausschließlich geografisch, sondern meint damit auch den finanziellen Aspekt und andere daraus resultierende Probleme.

Julian Mittelstaedt, 25, lebt seit fünf Jahren in München. Auf fast alles hält er seine Kamera, am liebsten aber auf Menschen. Im Farbenladen zeigt er seine Reihe „Öffentlich Zensiert“. „Die Fotos sind nicht gestellt, sondern auf den Straßen Münchens entstanden,“ sagt der Fotograf. Er habe den Rand des Gesetzes ablichten wollen und zeigt Menschen, deren Gesichter zufällig durch Schatten oder einen Gegenstand zensiert wurden.

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Yunus Hutterer, 18, interessiert sich dafür, wie andere Menschen in München das Thema Rand wahrnehmen. Deshalb hat er sie gefragt, wo der Rand für sie ist und sie dann dort fotografiert – sei es in einem Stadtviertel oder im eigenen Zimmer. Die Menschen im Portrait, im Kontext ihres Rands und mit einem kleinen Text bilden gemeinsam das Konzept von Yunus.

Von: Jacqueline Lang

Moscheen, Wolkenkrater und Zirkuszelte

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Etliche winzig kleine Striche setzt Patrick Siegl, 23, mit einem Fineliner auf ein Blatt Papier. Er ist Autist. Die Kulturen, die er zeichnet, hat er fast alle noch nicht erlebt. Seine Inspirationen holt er sich aus Computerspielen.

Unzählige Stockwerke sind zu erkennen. „Das sind asiatische Tempeldächer in unterschiedlichen Breiten, die nebeneinander verschachtelt sind und immer höher werden“, sagt Patrick Siegl. Etliche winzig kleine Striche setzt er mit einem Fineliner auf ein Blatt Papier, neben- und untereinander. Aus der Ferne sehen sie aus wie eine graue Fläche. Aus der Nähe erkennt man darin Türme und Häuser, und noch viel mehr: „Zwischen den Ziegelsteintürmen ist ein Aquädukt. Dort fließen Wasserfälle. Und hinter dem Aquädukt befindet sich auch noch eine türkische Moschee mit Minaretten-Türmen.“

Patrick Siegl ist Autist. Er zeichnet, seit er elf Jahre alt ist. Und könnte endlos von den fantasievollen Geschichten in seinen aufwendigen Bildern erzählen. Wenn es um andere Sachen geht, ist er eher still und zurückgezogen; er schaut einen im Gespräch nicht an. Bei Kunst hingegen, findet Patrick, kann so viel Interessantes entstehen. Kunst ist ihm wichtig, „weil ich damit das machen darf, was ich am besten kann“, sagt er. Ihn faszinieren exotische Kulturen und sich wiederholende Elemente, etwa dichte Wolkenkratzer in asiatischen Großstädten oder verschnörkelte Türme in der arabischen Welt, aber auch aufgebrauste Menschenmassen.

Die Kulturen, die er zeichnet, hat er fast alle noch nicht erlebt. Seine Inspirationen holt er sich stattdessen aus Computerspielen und Computerspiele-Zeitschriften. Bis eines seiner Werke in allen Einzelheiten fertig ist, dauert es. „An dem Aktuellen zeichne ich schon seit Monaten rum“, sagt er.

Der 23-Jährige ist mit dem Euward ausgezeichnet worden, dem europäischen Kunstpreis für Menschen mit geistiger Behinderung. Von den 320 Einreichungen setzte er sich mit zwei anderen Gewinnern durch. Die Jury, bestehend aus Kunstexperten aus England, Österreich, Frankreich und Deutschland, fand Siegls Arbeiten besonders originell und authentisch. Sie begeisterte sich für seine künstlerische Sprache und eine faszinierende Energie, die in der Kleinteiligkeit seiner Bilder steckt.

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Patrick Siegl arbeitet im Atelier des Heilpädagogischen Centrums Augustinum in Oberschleißheim, einer Einrichtung zur Förderung von Künstlern mit geistiger Behinderung. Im Atelier stapeln sich Kisten voller Kunstmaterialien, an den hohen Wänden lehnen etliche Leinwände, bis zu den Decken reichen die Regale, in denen Farben und Pinsel aufbewahrt sind.

„Patrick kam direkt nach der Schule zu uns, auf Empfehlung von einer Kunstlehrerin. Sie wusste, dass wir solche Arbeitsplätze anbieten, hier im Atelier, wo Künstler in Vollzeit Kunst machen können“, sagt Klaus Mecherlein, der das Atelier leitet. „Als Patrick kam, waren wir begeistert von dem, was wir gesehen haben. Wobei er sich auch in dem Umfeld wahnsinnig schnell weiterentwickelt hat. Er bekam einfach die Sicherheit.“

Das Atelier teilt sich Patrick mit etwa 20 anderen Künstlern aller Altersstufen mit unterschiedlichen geistigen Beeinträchtigungen. Der Arbeitsalltag folgt einer klaren Struktur: Er beginnt um acht Uhr morgens mit einer etwa einstündigen Besprechung. Anschließend macht sich jeder individuell ans Werk. „Wir schaffen Atmosphäre, um Künstler aufzunehmen und in ihrer Arbeit zu bestätigen, sie zu ermutigen“, sagt Mecherlein. Neben einer Grundversorgung erhalten die Künstler für ihre Atelierarbeit laut Mecherlein ein monatliches Entgelt zwischen 90 und 600 Euro, das sich auch nach den Bilderverkäufen bemisst.

Art Brut wird die Kunst der psychisch Beeinträchtigten genannt – die rohe Kunst. Der Franzose Jean Dubuffet prägte den Begriff in den Vierzigerjahren. Roger Cardinal, ein englischer Kunsttheoretiker, führte in den Siebzigerjahren für den englischsprachigen Raum den Namen „Outsider Art“ ein. Die Kunst der Außenseiter – nach einem Kompliment für die Schaffenden klingt der Begriff zunächst nicht. Klaus Mecherlein allerdings findet ihn wertschätzend. „Eine geistige Behinderung ist eine organische Beeinträchtigung, die zur Biografie eines Menschen gehört“, sagt er. „Sie prägt seine Sozialisation und Möglichkeiten zu kommunizieren, und legt somit eine Voraussetzung für das Schaffen von Kunst.“

Patrick Siegls Zeichnungen wären wohl nie entdeckt worden, hätte ihn nicht jemand gefördert. Jetzt zumindest sehen im Buchheim Museum viele Leute seine Arbeiten in der Ausstellung „Art in disability“ (läuft bis 1. März). Und sie hören ihm zu, wenn er von den skurrilen Geschichten in seinen Kunstwerken erzählt, etwa von einem Zirkuszelt, das er in kreisförmiger Draufsicht gemalt hat. „Hier sind Zehntausende betrunkene, wütende Russen, die sich blau und grün über Wladimir Putin ärgern. Und der Wladimir Putin bekommt einen Stuhl auf den Kopf. Hier wird ein asiatischer Akrobat an den Hals gepackt. Er bekommt von einem Baseballschläger auf den Kopf geschlagen. Der Akrobat weint auch noch.“ Caroline von Eichhorn

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