Pinsel statt Spraydose

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Graffiti war für Marc Henry zu vergänglich. Daher widmete er sich der Kunst, die für die Ewigkeit bleibt. Seine Bilder verkauft er mittlerweile sogar auf der
„Art Cologne”.

Marc Henry ist Maler. Sein Gesicht ist zart und blass. Seine Frisur ein moderner Undercut. Wenn er spricht, klingt er so ruhig und überzeugt, als wäre er nicht 20, sondern eher Mitte 40. Er malt mit dunklen Ölfarben auf große Leinwände – zwei Meter lang und vier Meter breit. Seine Kunst ist abstrakt. Ein Relikt aus seiner Zeit als Graffiti-Sprayer. 

Vor vier Jahren hat er die Spraydosen gegen Pinsel, Betonwände gegen Leinwände eingetauscht. Graffiti sei vergänglich und werde immer wieder übermalt, sagt Marc. Das hat ihn irgendwann gestört. Marc will mehr. „Kunst bleibt. Kunst macht unsterblich“, sagt er und legt seine Stirn in Falten. Wenn Marc über sich und seine Arbeit redet, wird er ernst. Seine Worte wählt er mit Bedacht. Der Mensch hechele seinem Drang zur Transzendenz hinterher, sagt er.  Auch Marc beschreibt sich gerne als einen Getriebenen, wie in einer der Erzählungen von Arthur Schnitzler. „Ich bin zwar erst Zwanzig, das weiß ich, aber schon jetzt bin ich ungeduldig in allem, was ich tue,“ sagt Marc. 

Der junge Mann, mit ein wenig Weltschmerz in seinen braunen Augen, hat sich die Kunst nicht ausgesucht. Künstler sei man einfach. Für ihn ist Kunst eine andere Form zu denken. Er sieht es als sein Schicksal, was ihn beschäftigt, in Bilder zu verwandeln. Grobe Striche, abstrakte Formen und Menschen geben einen Einblick in die düstere Wahrnehmung des Künstlers. „Wenn alles schön und gut wäre, dann bräuchten wir ja auch keine Kunst“, sagt er. Marcs Bilder sind düster. Das sei keine Absicht. Das passiere einfach so, sagt er. Gegen den Begriff depressiv wehrt er sich. „Melancholisch, das trifft es eher“, sagt er. Dann hält er kurz inne. Woher seine Melancholie komme, könne er mit Worten nicht beschreiben. Vielleicht sei es ein grundlegendes Unbehagen über eine Welt, in der alles schnelllebig und vergänglich sei, sagt Marc. 

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Mit seiner Generation kann er wenig anfangen. Mit seinen ehemaligen Mitschülern hat Marc nie über Kunst geredet. Gibt es überhaupt jemanden in seinem Alter, mit dem Marc über Kunst spricht? Seine Freundin. Sie ist Musikerin. Sie sprechen die gleiche Sprache, sagt Marc und lächelt. Anders als die meisten seiner Altersgenossen, kann Marc auch nur wenig mit den Sozialen Medien anfangen. „Alles ist so beliebig und keiner hat mehr einen geschärften Blick für Details“, sagt er. Dennoch benutzt er sie natürlich trotzdem – zur Vermarktung seiner Bilder. Ein Mittel zum Zweck, sagt er. Es sei ein gutes Mittel, um Aufmerksamkeit für seine Kunst zu erhalten. Marc ist ambitioniert und anders als viele Künstler seiner Generation kalkuliert er knallhart. Sein Ziel ist kein geringeres, als durch seine Kunst unsterblich zu werden. In Köln, auf der „Art Cologne“, hat er bereits zwei seiner Bilder verkauft. Der Preis: im vierstelligen Bereich.

Wenn Marc Henry selbst mal ins Museum geht und sich mit der Kunst anderer Künstler beschäftigt, geht es ihm danach meistens erst einmal schlecht. Wieder erwähnt Marc das Motiv des Getriebenen. Dann zitiert er eines seiner größten Vorbilder, Gerhard Richter: „Jedes Bild ist der Todfeind des anderen“. Dass Gerhard Richter da selbst eigentlich nur Theodor W. Adorno zitiert hat, bleibt in diesem Moment vergessen.

Von: Jenny Lichnau

Foto/Bild: Marc Henry

Happy Birthday, Stadt Land Rock Festival!

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Zum 13. Mal findet 2016 das Stadt-Land-Rock Festival statt. In diesem Jahr gibt es an drei Abenden zwölf Bands und Künstler zu sehen – bei freiem Eintritt.  In den vergangenen Jahren etwa MarieMarie (Foto), die 2011 und 2013 Stimmung machte. Zur Einstimmung ein kleiner Rückblick. 

Wer über das Tollwood schlendert, findet wie jedes Jahr die Stände mit Crepes und Langosch, mit Schmuck und verträumter Hippie-Kleidung, die Skulpturen, die die jährlich neuen Themen des Tollwoods veranschaulichen und den Besucher jedes Mal wieder überraschen. Das alles gehört zum Tollwood – Genau wie die Musik. Schon seit Beginn spielen bekannte Bands auf Münchens beliebtestem Stadtfestival, große Namen sind jedes Jahr vertreten, aber vor allem die jungen Münchner haben seit 13 Jahren auch ein anderes Ziel: Das Stadt-Land-Rock-Festival.

Seit 2004 wird es vom Tollwood und der SZ-Junge-Leute Seite veranstaltet. Damals waren das einfach ein paar kleinere Bands aus München, aber auch von anderswo, die ohne wirkliches Festival-Feeling eher als Begleiterscheinung auf den verschiedenen Bühnen des Tollwood auftraten. Viele der damaligen Bands sagen heute kaum jemandem etwas, und trotzdem lohnt es sich, reinzuhören. Denn als Veranstaltung für junge, aufstrebende Musiker hat das Stadt-Land-Rock schon früh ein Gespür für die richtigen Bands bewiesen, die, genau wie das Festival selbst, einfach ein bisschen Zeit und Unterstützung brauchten, um größer zu werden.

Besonders wenn man sich die Bands der letzten Jahre anschaut, wird man einige davon wieder erkennen. Die Young Chinese Dogs beispielsweise, die man nicht nur auf dem Tollwood, sondern auf so ziemlich jeder Münchner Bühne treffen kann. Die beiden Schwestern von Sweet Lemon, die, obwohl noch sehr jung, dieses Jahr schon zum zweiten Mal das Publikum mit ihrem Mix aus Pop und Blues verzaubern. Oder MarieMarie, die mittlerweile über München hinaus ein bekannter Name ist. „Es war eine tolle Erfahrung auf dem Stadt Land Rock Festival zu spielen und die Stimmung war super“, erinnert sie sich an ihre Auftritte 2011 und 2013.

Genau wie die Szene, die Jugendseite und die Teilnehmer, ist das Stadt Land Rock mit seinen Bands gewachsen. Das Festival hat in der Tollwood tanzbar seinen Platz gefunden und repräsentiert mit dem diesjährigen Programm einen Querschnitt durch die junge Münchner Musik Szene. Es spielen Bands wie Line Walking Elephant, die mit ihrem Alternative-Rock die Fetzen fliegen lassen oder die Folk-Rock-Band The Charles, deren Namen längst keine Unbekannten mehr sind, aber auch Newcomer, wie Paul Kowol oder KLIMT, die sich beide als Solokünstler natürlicherweise ruhiger, aber nicht weniger spannend präsentieren.

Die Zeiten, als noch Umzugskisten voller Demo-CDs den Beginn der Auswahl für das Festival einläuteten, sind vorbei, doch Bewerbungen um auf dem Stadt-Land-Rock zu spielen kommen immer noch genug. Oder sollte man eher sagen jetzt erst Recht? München und seine Musik-Szene sind ein unteilbares Ganzes, und Gelegenheiten für junge Bands gibt es viele. Und doch ist das Festival auf dem Tollwood etwas besonderes geblieben. Weil es gewachsen ist, seinen Platz gefunden hat und weil man nach 13 erfolgreichen Jahren sicher sein kann, dass man den Sprung geschafft hat vom Trend zu einer der fest verankerten Institutionen, ohne die München nicht das wäre, was es ist.

Von: Marina Sprenger

Foto: Käthe Dekoe

Meine Welt, deine Welt

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In der Ausstellung „München – am Rand“ im Farbenladen des
Feierwerks erkunden 12 einheimische und zugezogene junge Künstler
die Grenzen ihrer Stadt
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Wo hört eine Stadt auf, wo fängt sie an? Oder sind es nicht mehr die fließenden Übergänge, die eine Stadt lebendig machen – sei es geografisch, im Austausch mit anderen oder im tiefsten Inneren? Mit der diesjährigen Ausstellung „München – am Rand“ im Farbenladen des Feierwerks gehen die Junge-Leute Seite der Süddeutschen Zeitung und junge Münchner Künstler dieser Fragestellung nach. Ihre Interpretationen des Themas Rand könnten dabei unterschiedlicher kaum sein – ein Überblick.

Die Berge. Sie gehören streng genommen nicht mehr zur Stadt. Für die meisten, wie auch für Korbinian Vogt, gehören sie aber genauso dazu wie der Alte Peter. Vor allem die Gebirgsgruppe Karwendel hat es dem 21-Jährigen, der vorwiegend Akt fotografiert, angetan. Schon seine Großeltern waren regelmäßig dort unterwegs. Die Gebirgskette ist in seiner Fotoreihe, die er für den Farbenladen konzipiert hat, das leitende Motiv.

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Milena Wojhan ist zwar erst 21, fotografiert aber bereits erfolgreich für renommierte Magazine und Blogs. Für Milena ist der Rand eine Grenze, die beim Feiern überschritten wird. Mit ihrer Kamera hat Milena „die ganzen verrückten Jugendlichen in ihrem hedonistischem Rausch verewigt“, sagt sie. Mit ihren Fotos will sie den Rand von und in Münchens Partyszene aufzeigen.
 Der Bahnhof ist in jeder Stadt ein Ort des Ankommens und Abreisens, eine Ort der einen Rand markiert. An den Münchener Bahnhof zieht es den gebürtigen Österreicher Luca Senoner, 23, immer wieder. Entstanden sind dabei Schwarz-Weiß-Fotografien im „voyeuristischen Stil“.

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Die 20-jährige Amelie Satzger ist am Rand von München aufgewachsen und hat aus dieser Zeit eine Reihe von Bildern gesammelt. „Die Bilder, die ich zeigen werde, befassen sich auf eine subtile Art mit dem Zerfall der Natur und deren Schönheit um München“, erklärt die junge Fotografin.
 Sarah Kreile, 23, arbeitet mit Holz. Die Sängerin der Band Akere, die auch Kunst macht, illustriert ihre Gedanken zum Münchner Rand auf einer 1,5 mal 2,5 Meter großen Holzplatte. Die Idee dahinter: eine interaktive, riesige Landkarte von München zu erstellen.

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Oda Tiemann, 22, zeichnet für den Farbenladen Selbstporträts, die sie selbst am Rand von München zeigen. Rand versteht Oda hierbei nicht geografisch, sondern im Hinblick auf ihren nicht klar definierten Platz in der Gesellschaft dieser Stadt. 

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Das Video, das für Natalie Brück, 27, das Thema Rand beschreibt, basiert auf einer Beobachtung am Münchner Flughafen: auslaufende Flüssigkeit aus einem Mülleimer. Die Kamera starr auf den Gegenstand gerichtet, nur das leichte Zittern der Hand ist sichtbar. Eine nüchterne Stimme aus dem Off beschreibt die Situation. Diese ganz eigene Erzählweise ist zu ihrem Markenzeichen geworden.

Linnéa Schwarz, 25, bezeichnet sich selbst als Zuagroaste. „Mit meinen Fotos, welche teils in München, aber auch über München hinaus entstehen, verstehe ich mich als eine Art Bindeglied zwischen der Welt da draußen und der Münchner Welt“. Linnea überschreitet diesen Rand nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Ihre Fotografien und Videosequenzen zeigen den Betrachtern deshalb nicht nur die „unmittelbare Umgebung“, sondern zudem möglicherweise auch das „eigene Innenleben“.

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Julia Schneider, 29, hat eine konzeptionelle Porträtstrecke fotografiert. Alle Personen tragen auf den Fotos denselben gelben Pullover – eine Art Uniform. Ihr Gesichtsausdruck wirkt „leer und kraftlos“. Für sich genommen sind es keine ästhetischen Fotos. Doch in der Masse wirken sie wie eine Einheit. Julia möchte auf den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft aufmerksam machen, ein Thema, das gerade in einer Großstadt wie München immer wieder eine Rolle spielt.

Die 23-jährige Fotografin Saskia Pfeiffer hat sich gerade kurzzeitig mit ihrem Freund eine Ein-Zimmer-Wohnung geteilt. Für die beiden glücklicherweise kein Dauerzustand. Wohnungsmangel und horrende Mietpreise drängen aber immer mehr vor allem junge Menschen an den Rand von München. Saskia begreift das Thema Rand aber nicht ausschließlich geografisch, sondern meint damit auch den finanziellen Aspekt und andere daraus resultierende Probleme.

Julian Mittelstaedt, 25, lebt seit fünf Jahren in München. Auf fast alles hält er seine Kamera, am liebsten aber auf Menschen. Im Farbenladen zeigt er seine Reihe „Öffentlich Zensiert“. „Die Fotos sind nicht gestellt, sondern auf den Straßen Münchens entstanden,“ sagt der Fotograf. Er habe den Rand des Gesetzes ablichten wollen und zeigt Menschen, deren Gesichter zufällig durch Schatten oder einen Gegenstand zensiert wurden.

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Yunus Hutterer, 18, interessiert sich dafür, wie andere Menschen in München das Thema Rand wahrnehmen. Deshalb hat er sie gefragt, wo der Rand für sie ist und sie dann dort fotografiert – sei es in einem Stadtviertel oder im eigenen Zimmer. Die Menschen im Portrait, im Kontext ihres Rands und mit einem kleinen Text bilden gemeinsam das Konzept von Yunus.

Von: Jacqueline Lang

Moscheen, Wolkenkrater und Zirkuszelte

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Etliche winzig kleine Striche setzt Patrick Siegl, 23, mit einem Fineliner auf ein Blatt Papier. Er ist Autist. Die Kulturen, die er zeichnet, hat er fast alle noch nicht erlebt. Seine Inspirationen holt er sich aus Computerspielen.

Unzählige Stockwerke sind zu erkennen. „Das sind asiatische Tempeldächer in unterschiedlichen Breiten, die nebeneinander verschachtelt sind und immer höher werden“, sagt Patrick Siegl. Etliche winzig kleine Striche setzt er mit einem Fineliner auf ein Blatt Papier, neben- und untereinander. Aus der Ferne sehen sie aus wie eine graue Fläche. Aus der Nähe erkennt man darin Türme und Häuser, und noch viel mehr: „Zwischen den Ziegelsteintürmen ist ein Aquädukt. Dort fließen Wasserfälle. Und hinter dem Aquädukt befindet sich auch noch eine türkische Moschee mit Minaretten-Türmen.“

Patrick Siegl ist Autist. Er zeichnet, seit er elf Jahre alt ist. Und könnte endlos von den fantasievollen Geschichten in seinen aufwendigen Bildern erzählen. Wenn es um andere Sachen geht, ist er eher still und zurückgezogen; er schaut einen im Gespräch nicht an. Bei Kunst hingegen, findet Patrick, kann so viel Interessantes entstehen. Kunst ist ihm wichtig, „weil ich damit das machen darf, was ich am besten kann“, sagt er. Ihn faszinieren exotische Kulturen und sich wiederholende Elemente, etwa dichte Wolkenkratzer in asiatischen Großstädten oder verschnörkelte Türme in der arabischen Welt, aber auch aufgebrauste Menschenmassen.

Die Kulturen, die er zeichnet, hat er fast alle noch nicht erlebt. Seine Inspirationen holt er sich stattdessen aus Computerspielen und Computerspiele-Zeitschriften. Bis eines seiner Werke in allen Einzelheiten fertig ist, dauert es. „An dem Aktuellen zeichne ich schon seit Monaten rum“, sagt er.

Der 23-Jährige ist mit dem Euward ausgezeichnet worden, dem europäischen Kunstpreis für Menschen mit geistiger Behinderung. Von den 320 Einreichungen setzte er sich mit zwei anderen Gewinnern durch. Die Jury, bestehend aus Kunstexperten aus England, Österreich, Frankreich und Deutschland, fand Siegls Arbeiten besonders originell und authentisch. Sie begeisterte sich für seine künstlerische Sprache und eine faszinierende Energie, die in der Kleinteiligkeit seiner Bilder steckt.

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Patrick Siegl arbeitet im Atelier des Heilpädagogischen Centrums Augustinum in Oberschleißheim, einer Einrichtung zur Förderung von Künstlern mit geistiger Behinderung. Im Atelier stapeln sich Kisten voller Kunstmaterialien, an den hohen Wänden lehnen etliche Leinwände, bis zu den Decken reichen die Regale, in denen Farben und Pinsel aufbewahrt sind.

„Patrick kam direkt nach der Schule zu uns, auf Empfehlung von einer Kunstlehrerin. Sie wusste, dass wir solche Arbeitsplätze anbieten, hier im Atelier, wo Künstler in Vollzeit Kunst machen können“, sagt Klaus Mecherlein, der das Atelier leitet. „Als Patrick kam, waren wir begeistert von dem, was wir gesehen haben. Wobei er sich auch in dem Umfeld wahnsinnig schnell weiterentwickelt hat. Er bekam einfach die Sicherheit.“

Das Atelier teilt sich Patrick mit etwa 20 anderen Künstlern aller Altersstufen mit unterschiedlichen geistigen Beeinträchtigungen. Der Arbeitsalltag folgt einer klaren Struktur: Er beginnt um acht Uhr morgens mit einer etwa einstündigen Besprechung. Anschließend macht sich jeder individuell ans Werk. „Wir schaffen Atmosphäre, um Künstler aufzunehmen und in ihrer Arbeit zu bestätigen, sie zu ermutigen“, sagt Mecherlein. Neben einer Grundversorgung erhalten die Künstler für ihre Atelierarbeit laut Mecherlein ein monatliches Entgelt zwischen 90 und 600 Euro, das sich auch nach den Bilderverkäufen bemisst.

Art Brut wird die Kunst der psychisch Beeinträchtigten genannt – die rohe Kunst. Der Franzose Jean Dubuffet prägte den Begriff in den Vierzigerjahren. Roger Cardinal, ein englischer Kunsttheoretiker, führte in den Siebzigerjahren für den englischsprachigen Raum den Namen „Outsider Art“ ein. Die Kunst der Außenseiter – nach einem Kompliment für die Schaffenden klingt der Begriff zunächst nicht. Klaus Mecherlein allerdings findet ihn wertschätzend. „Eine geistige Behinderung ist eine organische Beeinträchtigung, die zur Biografie eines Menschen gehört“, sagt er. „Sie prägt seine Sozialisation und Möglichkeiten zu kommunizieren, und legt somit eine Voraussetzung für das Schaffen von Kunst.“

Patrick Siegls Zeichnungen wären wohl nie entdeckt worden, hätte ihn nicht jemand gefördert. Jetzt zumindest sehen im Buchheim Museum viele Leute seine Arbeiten in der Ausstellung „Art in disability“ (läuft bis 1. März). Und sie hören ihm zu, wenn er von den skurrilen Geschichten in seinen Kunstwerken erzählt, etwa von einem Zirkuszelt, das er in kreisförmiger Draufsicht gemalt hat. „Hier sind Zehntausende betrunkene, wütende Russen, die sich blau und grün über Wladimir Putin ärgern. Und der Wladimir Putin bekommt einen Stuhl auf den Kopf. Hier wird ein asiatischer Akrobat an den Hals gepackt. Er bekommt von einem Baseballschläger auf den Kopf geschlagen. Der Akrobat weint auch noch.“ Caroline von Eichhorn

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