250 Zeichen Wut: Smalltalk

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Smalltalk könnte so einfach sein, wenn es diese Leute nicht geben würde, die dann anfangen ununterbrochen von sich selbst in den besten Tönen zu berichten.

Auf Partys lieber nicht reden, als mit Fremden, war das Muster. Als ich es geschafft habe mir eindringlich einzureden, dass die belanglosen Gesprächsklauseln ein wichtiger Mechanismus im Kennenlernen sind, verwickle ich in einer WG-Küche ein Mädchen mit „Was machst du?“ in ein Gespräch und sie erzählt mir fünf Minuten lang ohne Gegenfrage, wie toll sie sei. Smallltalkern wird es auch nicht leicht gemacht. 

Text: Hubert Spangler

Fremdgänger: So ähnlich, so fremd

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Eigentlich könnte man meinen, dass man sich nach einigen Monaten Auslandsstudium bereits einheimisch und zugehörig im neuen Umfeld fühlen kann. Doch unsere Autorin berichtet darüber, wie es ist auch nach einiger Zeit noch die Fremde zu sein.

Ich sitze nach der Uni mit Mädels aus meinem Studium in einem Café, und sie erzählen sich ihre neuesten Bettgeschichten. „Hahaha, nach dem Wochenende mit Jean-Philippe konnte ich auch nicht mehr aufrecht gehen.“ Ich bin kurz überrascht über so viel Offenheit mir gegenüber, dann bemerke ich: Sie denken, ich verstehe sie nicht. Sie reden, als ob ich nicht da wäre.

Ich seufze tief und lerne, was es heißt, sich einsam unter vielen zu fühlen. Als Erasmus-Studentin habe ich es leider nie geschafft, die gläserne Decke zu durchdringen, die mich von einer echten Freundschaft mit meinen Kommilitonen getrennt hat. Auf Französisch gibt es für Ausländer und Fremde das gleiche Wort. „Etranger“. Ich bin als Etrangère also nicht nur Ausländerin, sondern auch Fremde in Frankreich. Manchmal ist es schon spannend, was Sprache über das grundlegende Verständnis der Dinge verrät.

Man ist freundlich zu uns Austauschstudenten. Neugierig werden wir gefragt, woher wir kommen und wie uns Frankreich gefällt. Aber darüber will ich nach fünf Monaten nicht mehr sprechen müssen. Ich studiere an dieser Uni genauso wie alle anderen Studenten auch. Wir finden alle Musik, Filme, Maler und Schriftsteller großartig, gehen gerne mal was trinken oder stöbern nach ausgefallenen Kleidungsstücken. Wir alle haben die gleichen Kurse und die gleichen Prüfungen zu bestehen. Wir alle haben vielleicht ein Mädchen oder einen Jungen, für den wir schwärmen oder mit der – beziehungsweise mit dem – gerade etwas läuft. Obwohl wir die gleichen Probleme und Sehnsüchte haben und wir uns in Art und Interessen sogar ähnlich sind, werde ich meinen Sonderstatus nicht los. Ich bin hier nur vorübergehend, ich gehöre hier eigentlich nicht hin. Ich könnte es wie die anderen Erasmus-Studenten machen, die unter sich bleiben. Den ganzen Tag Englisch sprechen, mit Leuten aus allen Teilen der Welt, außer mit Franzosen, und am Wochenende auf Sightseeing-Trips mitfahren. Aber das will ich nicht. Ich will richtig in Paris leben.

Doch die Unterhaltungen drehen sich oft um Dinge, die ich nicht verstehen kann. Französische Rapper, die ich noch nie gehört habe, Wortwitze, für die mir der Wortschatz fehlt. Immer nachfragen zu müssen, immer erklären zu müssen, dafür ist irgendwie kein Platz in den Unterhaltungen. Ich habe eine echte Freundin gefunden. Sie kommt aus Ägypten, ist in Schottland aufgewachsen, ihre Mutter ist Französin, sie kann alle Sprachen perfekt, sie weiß, wie es ist, in einem neuen Land zu sein. Aber sie lässt mich nicht fremd sein. Sie hört mir zu, geduldig. Sie wartet, bis ich die Worte gefunden habe, sagt Sätze zweimal. Und plötzlich haben wir so viel zu besprechen. Und plötzlich werden Unterschiede zu Gemeinsamkeiten. Ich koche ihr Kaiserschmarrn, wir gehen ägyptisch essen, und sie zeigt mir die Bretagne, wie man Cidre aus Keramikschüsseln trinkt und Galettes – Buchweizencrêpes mit Spiegelei und Käse gefüllt – isst.

Mir fallen schlechten Gewissens all die Momente ein, in denen mich in München Erasmus-Studenten nach dem Kurs gefragt haben, was ich jetzt noch mache. Und ich völlig in meinem Alltag gefangen nicht darauf eingegangen bin. Und ich nehme mir vor, es von jetzt an anders zu machen. Mit ein bisschen Geduld, Offenheit und echtem Interesse kann man so viel Austausch erreichen. Schade, dass man sich immer erst selbst einmal fremd fühlen muss, um dafür sensibel zu werden.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Komm mit, lauf weg

Sie kennen sich nicht und doch verbringen sie den Tag miteinander: Für ihre Bachelorarbeit hat Designstudentin Rita Kocherscheidt (Foto: Jonas Nefzger) zwölf fremde Menschen einen Tag lang begleitet und ihren Alltag mit Fotos und Zeichnungen dokumentiert.

Kann man jeden Menschen mögen, wenn man ihn nur kennt? Elias verneint. Rita glaubt, ja, man kann. Die Frage entstammt einem Bogen, den Rita Kocherscheidt für ihre Bachelorthesis erstellt hat. Er ist Teil eines Projektes, in dem sich die Designstudentin mit Nähe und Distanz auseinandergesetzt hat. Hierfür hat die Münchnerin in den vergangenen Monaten zwölf fremde Menschen einen ganzen Tag lang begleitet, porträtiert und ihr Umfeld mit Kamera und Zeichenblock aufgenommen. Was dabei entstanden ist, stellt sie vom kommenden Samstag an in der Lothringer 13 Halle aus. 

Ihre Worte wählt Rita mit Bedacht, ihre Bewegungen sind ruhig. Bevor sie spricht, hält sie oft inne. Für die kleinen Dinge nimmt sie sich gerne viel Zeit. Doch – wie viele andere Menschen auch – ist Rita manchmal schnell darin, sich über Fremde ein Bild zu machen. Das will sie ändern – bei sich und anderen.
 Im Frühjahr 2014 reiste sie durch Israel und schlief auf fremden Sofas, war begeistert von der Offenheit ihrer Gastgeber: „Dort habe ich so viele tolle Menschen getroffen, die mir sehr offen begegnet sind, obwohl wir uns vorher nicht kannten.“ Ihre Bachelor-Idee nimmt seit diesen Erfahrungen Gestalt an: Reisen in andere Leben.

 Zurück in München beginnt die Planung der Arbeit, mit der die 28-Jährige nach gut vier Jahren an der Hochschule München ihr Designstudium abschließt. Sie hat sich Zeit gelassen, viele Nebenjobs und freie Arbeiten angenommen. Auch ihre letzte Arbeit sollte kein Ad-hoc-Projekt werden, sondern Stück für Stück entstehen. Ihr Plan: Toleranz und Vorurteile durch Konfrontation im Selbstversuch thematisieren. Zwei Tage will sie mit einer unbekannten Person teilen, sie in ihrem Alltag begleiten, sie kennenlernen. Und vor allem: beobachten, ohne zu urteilen. „Es geht dabei nicht um meine Welt oder seine. Es geht darum, durch Zeit Raum zu schaffen und die Schönheit, die in jedem Menschen steckt, zu sehen und zu zeigen.“ 

Die Arbeit beginnt in Berlin, wo sich Rita für zwei Monate im Herbst vergangenen Jahres aufhält. Hier trifft sie sieben verschiedene Menschen, die sie über Freunde, auf Facebook oder einfach auf der Straße kennenlernt. Meist Kreative, freischaffende Künstler und Selbstständige. Einer von ihnen ist Elias Kreuzmair, 28, ursprünglich Münchner und hier in der Literaturszene bekannt. Hin und wieder beobachtet er die Studentin bei ihrer Arbeit. „Ausgerechnet das hat sie fotografiert, dachte ich damals“, erzählt Elias, aber unangenehm und fremd sei es nie gewesen. „Ich habe meine Sachen gemacht, und Rita war auf angenehme Weise mit dabei. Die Stimmung war konzentriert und kreativ.“

Von den ursprünglich geplanten zwei Tagen rückt Rita schnell wieder ab: „Das ist einfach zu lang.“ Am Morgen nimmt die Studentin ein Porträt auf. Am Abend noch eins. Die Frage: Lassen sich in den Gesichtszügen Entwicklungen, Sympathien oder Antipathien erkennen? In der Zwischenzeit fotografiert Rita die fremde Wohnung, Arbeitsräume, das Café, in dem sie gemeinsam sitzen. Kleine Details und das große Ganze. Immer mit dem Blick auf das, was es ist. Ohne es zu interpretieren. Im Laufe des Tages wird ein Fragebogen ausgefüllt, auch hier spielt sie bewusst mit Worten: „Wo bist du richtig?“ „Was ist Inhalt?“ 

Nebenbei zeichnet Rita Dinge, die ihr auffallen, sie inspirieren. „Eigentlich war das gar nicht der Plan, aber ich hatte schnell den Eindruck, dass es den Beobachteten komisch vorkäme, wenn ich nur dort sitze und sie ansehe.“
 Doch dann ist sie es, die sich manchmal komisch vorkommt. Wie ein Kind, weil ihr alle Entscheidungen des Tages abgenommen werden. Vor allem aber, wenn andere Menschen hinzukommen: „Das ist Rita – die sitzt hier und zeichnet – ich kenne sie eigentlich auch nicht.“ Trotzdem schreibt sie irgendwann auf: „Es ist schön, weil wir beide schweigen“, nicht weil sie es so schön findet, dass der Andere endlich still ist, sondern „weil ich es faszinierend fand, wie mit einem fremden Menschen so schnell positive Stille entstehen kann.“ 

In München trifft die Designstudentin noch einmal fünf Menschen. Spürt sie einen Unterschied zwischen den Städten? Ja, irgendwie schon. Die Berliner seien lockerer, gewohnter, dass so etwas passiere, weil Berlin einfach mehr in Bewegung sei. In München hatten die meisten, die Rita traf, richtige Jobs, zu denen sie nicht mitkommen konnte. Also blieb meist nur das Wochenende. 

Zwölf fremde Menschen, 24 Porträts – sind sie ihr näher gekommen, an einem Tag? Rita überlegt: Was in sozialen Netzwerken sehr schnell geht, dauert in der Realität viel länger. „Etwas Echtes zu teilen braucht mehr Zeit. Da reicht kein Tag. Trotzdem hat es sich bei der Verabschiedung fast immer etwas vertraut angefühlt. Vielleicht, weil man sich anders kennenlernt.“ 

Die Essenz ihrer Arbeit? Toleranz. Auch wenn es nicht einfach sei, Rita versucht nun, bewusster Menschen kennenzulernen, ohne sich sofort ein Bild zu machen. „Ich glaube, jeder Mensch hat etwas Nettes, bei manchen muss man vielleicht nur genauer hinschauen.“

Gemeinsam mit ihren Kommilitonen, die auch im Wintersemester ihr Studium abgeschlossen haben, stellt Rita Kocherscheidt nun ihre Bachelorarbeit aus. Zu sehen ist ihr Buch am 14. und 15. März bei der „NEU NEU NEU“-Ausstellung in der Lothringer 13-Halle. Weitere Informationen zur Ausstellung unter www.neu-neu-neu.net.

Friederike Krüger