Zeichen der Freundschaft: Sandburgen

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Man wird älter, ist als junger Erwachsener oft nicht mehr der Mensch, der man als Jugendlicher war. Schön, wenn bei allen Veränderungen Freundschaften bestehen bleiben und man sich auch nach Jahren immer noch vertraut in den Arm nehmen kann.

Als Franzi und ich uns kennenlernten, da sahen
wir noch ganz anders aus. Ihre lockigen engelsblonden Haare wuchsen zwar schon
damals unverkennbar über ihrem verschmitzt lachenden Gesicht, doch das war es
auch fast schon. Unterhalten konnten wir uns bei unserem Kennenlernen noch
nicht. Oder laufen. Oder vielleicht noch nicht einmal wirklich denken konnten
wir.

Irgendwann zwischen den ersten
eigenen Sandburgen und der Vorschule sind Franzi und ich uns das erste Mal über
den Weg gelaufen – Pardon: gekrabbelt. Wir waren sofort unzertrennlich, wie
meine Eltern mir das heute erzählen. Sei es, weil wir uns gegen unsere
Geschwister verbündeten oder weil ein Berg Halloween-Süßigkeiten gemeinsam
immer noch viel besser schmeckte. Später feierten wir unsere ersten Partys
während des Frankreichaustauschs. Trösteten uns über Liebeskummer hinweg. Wir
verschwörten uns gemeinsam gegen verhasste Geschichtslehrer, jeder auf seine
eigene Art und Weise. Franzi, die allzeit überlegene Intelligenz und ich, der
Störenfried aus der letzten Reihe.

Ich weiß nicht wie es wäre,
würden Franzi und ich uns heute neu kennenlernen. Aber das brauchen wir ja zum
Glück nicht mehr zu tun. Als sie nach gefühlt jahrzehntelanger Abstinenz aus
Seattle zurück in unsere Schule kam, fiel ich ihr in die Arme. Mir fiel auf,
dass mich wohl kein Mensch je so kennen wird, wie Franzi es tut. Sie war mit
ihrer unglaublich offenen und vertrauenswürdigen Art immer dabei, als aus einem
verträumten Kind ein selbstkritischer Teenager und später wieder ein
verträumtes Kind wurde. Franzi ist einer der einfühlsamsten und
gewissenhaftesten Menschen die ich kenne. Und sie besitzt die wunderbare
Fähigkeit, von Menschen und Orten zu erzählen, als wären sie direkt hier im
Raum. Ich könnte ihr nächtelang zuhören.

Dass wir einmal recht
unterschiedliche Wege gehen würden, war uns beiden noch nicht klar, als wir
gemeinsam Sandburgen bauten oder im Skikurs darum stritten, wer denn jetzt als
erstes hinter dem Skilehrer herfahren durfte. Dass wir noch so lange Zeit ehrlich
und aufrichtig befreundet bleiben würden wohl auch nicht. Wie anders die Welt
damals noch wirkte!

Inzwischen studiert Franzi Medizin,
sie hat in Chile monatelang in einem Krankenhaus gearbeitet. Sie weiß wohl genau
was sie will, war schon immer die deutlich zielstrebigere von uns beiden. Und
schafft diese ganzen Aufgaben mit einer Leichtigkeit, die mir in der Uni schon
bei der Immatrikulation abhandenkommt. Das ein oder andere Mal musste sie mir
durchaus schon in den Arsch treten, sonst hätte ich mein Abi und alles weitere
vielleicht nicht so gut in den Griff bekommen können. Es gab dann Momente in
denen ich das Gefühl hatte, dass unsere Freundschaft auseinanderfallen könnte.
Wie vom Meer überspülte Sandburgen.

Die Kinder von damals sind wir
schon lange nicht mehr. Unsere Sandburgen haben wir zerfallen lassen, unsere
Freundschaft ist mit uns gewachsen. Auch wenn oder eben weil zwei sehr unterschiedliche Menschen aus uns geworden sind. Franzi kann meine
Entscheidungen nachvollziehen, weil Sie genau weiß was seit jenen ersten
Sandburgen in meinem Leben passiert ist. Allein dadurch geben wir uns unheimlich
viel Halt.

Letztens lagen wir uns dann
wieder vor lauter Freudentaumel in den Armen. Als Emmanuel Macron zum
Präsidenten Frankreichs gewählt wurde und klar war, dass unser beider
Heimatland nicht von einer rechtsextremen Verschwörungstheoretikerin regiert
werden würde. Es wurde ein Abend, an dem auf alles angestoßen wurde: auf
Politik, auf die Zukunft, auf Europa, auf lang vergessene Wegbegleiter und auf eine
weiterhin so schöne Freundschaft. Zusammen können wir auch heute noch ein
bisschen die Kinder sein, als die wir uns kennengelernt haben.

Franzi, vielleicht sollten wir öfter zusammen ein paar Sandburgen bauen.


Text: Louis Seibert


Foto:
Yunus Hutterer

Fremdgänger: How to be parisian

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Was passiert, wenn der vorübergehende Wohnort zu der Heimat des Herzens wird? Unsere Autorin berichtet von ihrer nie endenden Begeisterung für Paris und der Traumerfüllung eines jeden Erasmus-Studenten.

Es geht nicht darum, in Paris geboren zu sein. Um Pariser zu
sein, muss man in Paris wieder geboren werden. So und anders lauten viele
Sprüche, die unter Paris-Pilgernden in Mode sind. Der Hype um die Stadt der
Liebe mit all seinen überlaufenen Hotspots von Eiffelturm bis Champs-Elysees
erfährt eine ganz neue Dimension für diejenigen, die wirklich nach Paris gehen,
um dort zu leben, uns Erasmus-Studenten. Ein wenig in der Stadt der Liebe, der
Kunst, der Schönheit, der Freiheit zu leben, rein durch den eigenen Aufenthalt
dort etwas von ihrem Zauber aufzunehmen– wer wünscht sich das nicht. Jedes Jahr
strömen wieder Massen an Hypenden in die Stadt, um sich diese zu eigen zu
machen.

Es gibt einen regelrechten Kult um das Leben in Paris.
Jemand, der einmal mit Wein an der Seine gesessen hat, hält sich jetzt für eine
waschechte Pariserin. Das Ganze noch auf social media inszeniert hashtag
parisienne, „Pariserin“. Doch sie machen alle den einen Kardinalfehler, der sie
für immer im Status erbärmlicher Touristen gefangen halten wird. Sie finden
Paris toll. Die echten Pariser nämlich, finden Paris nicht so besonders. Mein
Gastvater sagt immer zu mir, er verstünde sowieso nicht, was alle immer mit
Paris hätten. So herausragend schön sei die Stadt nun wirklich nicht.

Im Septime la Cave, einer schnuckeligen Weinbar im elften
Arrondissement, die wie ein Weinkeller aussieht, aber viel hipper ist, sprechen
uns zwei Pariser an, wie sie wohl im Buche stehen. Er mit Dreitagebart, Betreiber
mehrerer charmanter Restaurants, Frauenheld, wie mir seine beste Freundin
später augenzwinkernd verrät, sie elegant und klassisch, Psychologin, die sich,
selbst mit kleiner Krise, als Erste verabschiedet. Sie
laden uns ein, mit ihnen weiter zu ziehen, wir gehen in eine noch kleinere,
noch geheimere Bar und trinken Rotwein mit Käse und Baguette. Ich befürchte
schon, vor lauter Klischee fällt die Szenerie gleich in sich selbst zusammen.

Warum wir ausgerechnet in Paris seien, fragen sie
interessiert. Sie verstünden gar nicht warum alle Welt nach Paris wolle. Gut,
ja, es sei schon ganz nett hier, aber doch irgendwie auch immer das Gleiche und
so viel habe die Stadt doch dann auch nicht zu bieten. Ich muss lächeln über
ihre Übersättigung und gekünstelte Unzufriedenheit, die wohl die Pariser zu
charakterisieren scheint. Und irgendwie macht sie mich auch tieftraurig. Wie
kann man in einer Stadt wie Paris leben und für ihre Reize blind werden? Ich
versuche mein begeistertes Lächeln über die ganze Situation, in Paris, mitten
in der Nacht, mit Parisern und Wein, so original, der Traum eines jeden
Austauschstudenten,ein bisschen herunterzuschrauben. Will mich ja nicht gleich
outen, als eine der ewig Paris-Begeisterten.

Aber doch, ich gebe es zu. Aus mir wird niemals eine
Pariserin werden. Ich erhebe auch nicht den Anspruch nach einem Jahr in Paris
zur Pariserin geworden zu sein. Ich will Paris nicht langweilig finden oder
seiner überdrüssig werden. Ich will es jeden Tag von Neuem großartig finden. Will
durch die Parks und Boulevards schlendern und jedes Mal wieder von der
Schönheit des Stadtbilds überwältigt sein. Ich will aufblicken, über die
Brücken der Seine bis zur Notre Dame und es einfach genießen, in dieser
traumhaften Kulisse zu leben. Ich will meinen künstlerischen Idolen auf ihren
Spuren folgen, Monet im Musée d’Orsay besuchen und auf Simone de Beauvoirs
Platz im Les deux Magots heiße Schokolade trinken, im Louvre vor dem
Turnergemälde auf der Couch lesen und es unheimlich romantisch finden, den
Sonnenuntergang vom Arc de Triomphe aus betrachten und mir sagen „hier wohne
ich“.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Was ist schon Schönheit?

Es scheint so, als ob Frauen überall auf der Erde die Französinnen um ihre Schönheit beneiden würden. Aber ist das denn tatsächlich so? Und was ist Schönheit überhaupt?

Sie gelten als der Maßstab für Schönheit und Eleganz: die Frauen aus Paris. Ihr Stil und ihre Klasse werden auf der ganzen Welt als einmalig gehandelt, zum Mysterium erhoben. Egal welchen Alters – Pariserinnen altern schließlich am schönsten. Beauty-Zeitschriften veröffentlichen Tipps, um so schön geschminkt, so toll angezogen zu sein wie die Pariserin. Es gibt sogar einen Reiseführer für junge Frauen, der sich in fast allen Regalen und verschiedensten Sprachen von den Austausch-Studentinnen findet, die ich kenne. „How to be parisian wherever you are“, geschrieben von vier echten Pariserinnen, die verraten, wie man an die richtige Einstellung kommt, um überall Pariserin zu sein.

Doch was ist das Geheimnis der Pariserinnen? Und wie sehen sie in Wirklichkeit aus? Ich bin enttäuscht. Auf der Rue Saint-Honoré – der Straße für Mode à Paris – sehen die Menschen nicht eleganter oder besser gekleidet aus als in jeder anderen Fußgängerzone, die Leute in der Metro sind auch nur angezogen wie Berufstätige. Auch an meiner Uni finde ich nicht, was ich suche. Meine Kommilitonen sehen aus, als hätten sie sich mit besonderem Augenmerk auf Geschmacklosigkeit im Achtzigerjahre-Kleiderschrank meiner Eltern bedient. Die Mädchen scheinen irgendwo tief in der pubertären Schmink-Experimentierphase gefangen zu sein: Make-up-Rand und kuriose Farben überall in der Visage. Ich bin enttäuscht. Ist die Schönheit der Pariser etwa doch nur ein Mysterium?

Doch es gibt sie. Es ist wie mit der Liebe – man entdeckt sie, wenn man nicht danach sucht. Es ist die alte Dame, die während der wackeligen U-Bahnfahrt der Linie 7 ihre Wimpern mit Lancôme tuscht, während sie sich an ihrem faltigen, liebevoll lächelnden Mann festhält. Sie hat keinen Spiegel und macht doch keinen Klecks. Das übersteigt alle meine Schmink-Kompetenzen bei Weitem. Danach knallroter Dior-Lippenstift, den sie auf den Lippen und mit dem Finger als Rouge verteilt. Ihre grünen Augen schauen wach und hell unter schlohweißem Haar hervor. Das ist wahre Schönheit und Ausstrahlung – und zwar mit einfachsten Mitteln. Ich bin voller Demut. Ich habe das Gefühl einer übernatürlichen Szene beigewohnt zu haben.

Das passiert mir des öfteren. Es sind Menschen jeden Alters, Hautfarbe und Geschlechts. Sie sitzen in einem Café, laufen über die Straße oder spielen im Jardin du Luxembourg mit ihren Kindern und sind einfach atemberaubend. Es ist ihre schlichte Eleganz, ihr klassischer Stil – die Ungezwungenheit. So etwas findet man in München einfach nicht. Wer meint, schön zu sein, folgt meistens irgendeinem Trend oder hat sich in teuren Marken eingekleidet. Mir wird schlecht, wenn ich an all die blond gesträhnten Münchner Louis-Vuitton-Handtaschenträgerinnen denke, an denen wahlweise ein Fuchs oder ein Hase hängt. „How to be parisian wherever you are“ hat dazu eine klare Meinung: Du bist doch keine Werbetafel. Das sollte mal einer den jungen Frauen in München verraten.

Und doch gibt es keine klare Regel. Es ist der ewige Widerspruch, aus dem die Pariserinnen die Faszination ihrer Weiblichkeit ziehen. Es ist Arroganz gepaart mit tiefer Unsicherheit, Selbstsicherheit gepaart mit dem Bedürfnis nach Rückversicherung. Es ist die Balance, felsenfest die eigenen Überzeugungen zu vertreten und diese dann doch mit einem Augenzwinkern zu brechen. Frei nach Lust und Laune zu leben, das haben die Pariser kultiviert. Es ist Freiheit und Selbstgeißelung der Schönheit willen zugleich – und das bei gleichzeitiger Leichtigkeit. Daran erkennt man Pariser. Und ja, je länger ich darüber nachdenke: Davon gibt es auch manche in München. 


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Mein Tisch, mein Teller

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Essen und Küche ist Bestandteil einer jeden Kultur. Nur kann man sich in dieser Hinsicht manchmal mit der einen besser und mit der anderen schlechter identifizieren. Unsere Autorin beschreibt ihren geplatzeten Croissant-Traum.

Etwas irritiert und enttäuscht starre ich auf die fast leere Schachtel Madeleines, die vor mir steht, und den Fruchtjoghurt. „Und das frühstückt ihr?“, frage ich meine Gastgeber und bemühe mich, meine Abneigung nicht zu zeigen. Es fällt mir sehr schwer. Die
nicken und bedeuten mir freundlich, mich zu bedienen. Unglücklich löffle ich trotz Laktoseintoleranz den Joghurt, die drei übrigen Madeleines waren schon unter den restlichen Händen verschwunden. So ganz entspricht das nicht dem Frühstück, das ich mir an einem traumhaften Sonntagmorgen im Frankreichurlaub erhofft hatte. Selbst mein alltägliches Haferflockenmüsli erscheint mir geradezu verlockend dagegen. Sehnsüchtig denke ich an die Boulangerie 100 Meter weiter. Als ich mich dezent erkundige, warum man denn dort nichts zum Frühstück geholt habe, ernte ich sehr erstaunte Blicke, die verraten, dass man diese Option von selbst nie erwogen hätte.
 Am nächsten Morgen nehme ich die Angelegenheit selbst in die Hand. Aber als ich mit zwei großen Tüten Croissant und Pain au Chocolat zurückkomme, bin ich die Einzige, die davon isst. Die Franzosen können vieles, aber nicht ordentlich frühstücken. Viele Franzosen trinken einfach einen Tee oder Kaffee, ohne etwas zu essen. Dann gibt es noch die Fraktion, die „bisquits“ mit Honig oder Marmelade bestreicht, in Deutschland gemeinhin bekannt als Zwieback. Kann man sich selbst noch schrecklicher quälen morgens? Warum die Franzosen von all den Köstlichkeiten, die es nur in ihrem Land gibt, zum Frühstück nicht Gebrauch machen, werde ich wohl nie verstehen.

Ich habe als Gastgeschenk – neben Brezn und Bier – Frühstücksbrettchen mit hübschen Münchner Stadtmotiven mitgebracht, deren Sinn sich trotz freundlichen Erklärens niemandem so richtig erschlossen zu haben schien. Sie wurden weggeräumt. Zum Frühstück benutzt man hier keinen Teller, die Brote werden auf dem Tisch bestrichen. Vom Tisch essen? Kein Problem! Dafür macht man ihn ja sauber! Die Krümel und Flecken? Kann man wegwischen. Ach, wenn das so plausibel ist, warum benutzen wir überhaupt noch Teller? Ich bin begeistert. Nix mehr mit abspülen. Ab jetzt ist mein Tisch mein Teller. Das widerspricht meiner gesamten Erziehung. Diese gesamte Frühstückssituation ist an Absurdität kaum zu übertreffen für meinen müden Geist. Fast müsste ich lachen über diesen Anblick.

Doch das ist noch nicht der größte Schrecken. Die größte Umstellung kam mit den Essenszeiten. Dîner, also Abendbrot gibt es hier nicht vor halb neun. Während ich also mit meinem brav an deutsche Essenszeiten gewöhnten Magen von halb sieben an Hunger hatte, musste man um diese Uhrzeit noch ein bisschen herumsitzen, bevor man Abendbrot machen konnte. Dabei ist Abendbrot schon der falsche Begriff. Nix mit Brotscheibe und Aufschnitt, fertig und gut so.
Das Abendessen gestaltet sich als Gänge-Menü. Eine warme Hauptspeise und Salat werden jeden Abend serviert. Darauf folgt die rhetorische Frage „Un peu de fromage?“, wer möchte noch Käse? Danach obligatorisch ein Dessert, um zehn Uhr rolle ich mich schließlich müde und mit vollem Magen in mein Zimmer. Jede weitere Bewegung ist ausgeschlossen. Dafür isst man mittags um 12.30 Uhr. Wer hat denn bitte da schon Hunger? Einen deutschen Tagesrhythmus gewohnt, musste ich den französischen wortwörtlich erst einmal verdauen. Am nächsten Morgen hatte ich dann auch keinen Hunger mehr. Aber ein frisches französisches Buttercroissant würde ich mir in Hinblick auf baldige Abstinenz sogar noch nach einem Fünf-Gänge-Menü genehmigen.

Text: Anne Gerstenberg
Foto: Privat

Fremdgänger: „Na, auch militant?“

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Unsere Autorin wundert sich diese Woche darüber, dass die politische Mentalität der

Deutschen so viel weniger enthusiastisch ist als die der Franzosen.  

„Und du? Bist du auch ein bisschen militant?“, fragt mich eine französische Kommilitonin. Als wäre das gerade in Mode und ungefähr so normal wie gerne Vanilleeis zu essen. Wir haben uns vor zehn Minuten kennengelernt und seitdem nutzt sie die Gelegenheit, mich über ihr politisches Engagement zu informieren. Ich lausche ihr mit einer Mischung aus Belustigung und ernsthafter Besorgnis. Denn die typisch französische Passion, wenn es um Politik geht, fasziniert mich ebenso so sehr, wie ich ihr gleichzeitig suspekt gegenüberstehe.

Französische Studenten sind politisierter, als ich es aus Deutschland kenne. Prinzipiell kann über alles eine wortreiche, laute und extrem leidenschaftliche Grundsatzdiskussion vom Zaun gebrochen werden. Sie haben klare Überzeugungen und bringen diese regelmäßig bei sogenannten „Manifestations“, das sind Demonstrationen, zum Ausdruck. Sonntag ist immer Demonstrationstag. Sie mobilisieren sich gegenseitig für alles Mögliche, vor der Uni stehen täglich neue Menschen mit Flugblättern, die zu Demonstrationen aufrufen. Ich bin ehrlich beeindruckt. 

Nun komme ich als Politikwissenschaftsstudentin aus einem überdurchschnittlich politisch interessierten und informierten Umfeld. Doch eine politische Kultur à la francaise kenne ich aus München nicht. Auch wir diskutieren in München bis spät in die Nacht und ergehen uns in links-intellektueller Selbstgefälligkeit, was das Zeug hält. Auch wir sind davon überzeugt, dass sich etwas ändern muss. Auch wir demonstrieren für Themen, die uns am Herzen liegen. Und doch fehlt uns eine gewisse Radikalität, die hier zum Umgangston zu gehören scheint. Unsere politische Mentalität ist viel systemunkritischer und weniger revolutionär, als es die französische schon immer gewesen ist, finde ich.

In München waren für mich Toilettenbesuche im Geschwister-Scholl-Institut immer eine spaßige Angelegenheit, fand sich doch immer irgendein amüsanter Spruch, den ich noch nicht kannte. Französische Unitoiletten meide ich, denn nicht nur ihr desolater Zustand, sondern auch die politischen Parolen an den Wänden schrecken mich ab. Dort finden sich Aussagen wie „Wählt Le Pen als eine Lehre für die kommenden Generationen!“ Ist das noch jugendlich-naive Verirrung oder schon strafbare Dummheit? Leider bin ich auf Französisch noch nicht eloquent genug, um Dinge, wie „Hitler war auch eine Lehre für die folgenden Generationen“ entgegnen zu können.

Meine Kommilitonin hier zum Beispiel ist links-radikal, möchte die Repräsentative Demokratie abschaffen und Selbstverwaltung einführen, Austritt aus der Europäischen Union und kommunistische Planwirtschaft inklusive. Stünde es in der zweiten Wahlrunde zwischen Marine le Pen und dem liberalen Kandidaten, wird sie nicht wählen. Warum auch, ihrer Meinung nach kann dann ja endlich die Regierung gestürzt werden und die ersehnte kommunistische Revolution kommen. Ich beginne mich zu fragen, was schlimmer ist. Das in Deutschland um sich greifende Desinteresse an Politik oder diese Politisiertheit, die sich fatal gegen die Demokratie richtet? Es macht mich unendlich wütend, mir vorzustellen, dass aufgrund linker Befindlichkeiten in Frankreich bald eine rechte Präsidentin all das, woran ich glaube, beseitigen soll. Auf ihre Frage antworte ich mit: „Ich identifiziere mich mit Demokratie.“

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Idyllische Idee

Massenveranstaltung Festival? Nicht für Simon Gerner und Simon Weber. Dieses Jahr organisieren sie erstmals das Monticule Festival in Frankreich. Die Location: idyllische Hügel mit kleinen Bächen und einem Trüffelwald.

Massenveranstaltung Festival: Berge von Müll, kilometerweite Wege von Bühne zum Zeltplatz, verdreckte, überfüllte Sanitäranlagen und horrende Preise für Nahrungsmittel und Getränke. Simon Gerner, 26, und Simon Weber, 26, teilen sich ihre Abneigung gegenüber Festivals. Trotzdem planen die beiden Münchner Studenten im Sommer ein Festival in Frankreich – auf welches sie auch gerne gehen würden.

„Ich hatte mal den Traum, dass Simon und ich eine Bar zusammen aufmachen“, sagt Simon Gerner und grinst. „Dabei will ich gar keine Bar haben.“ Doch ein gemeinsames Projekt soll es jetzt von den beiden Freunden trotzdem geben. Vor Jahren haben sie sich über eine Exfreundin kennengelernt. Das Mädchen ist mittlerweile weg, die Freundschaft geblieben.

Dass sie ihr Festival in Frankreich machen, sei Zufall. Die Location haben sie über einen Freund aus dem Nachtleben entdeckt. Als Gerner zum ersten Mal das Gelände im Südwesten Frankreichs in Domaine de Gayfié sieht, will er alle seine Freunde zusammentrommeln, damit sie einen gemeinsamen Ausflug dorthin machen. „Unberührte Natur, ein Trüffelwald mit kleinen Bächen und ein Sternenhimmel, den die meisten Städter vor Smog und Straßenlaternen längst vergessen haben. Die Gegend heißt schwarzes Dreieck, weil es nachts so dunkel ist wie in der Wüste in Marokko“, sagt Weber. Die Idee entwickelt sich schnell weiter. Denn Gerner ist Veranstalter. Der Schritt, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, ist längst überfällig.

Zum Interview sitzen sie am Nachmittag im leeren Club „Kong“ am Hauptbahnhof, wo Weber Betriebsleiter ist. Glitzernde Barhocker stehen umgedreht auf dem Tresen, der schwarze Vorhang ist einen Spalt geöffnet, ein bisschen Tageslicht fällt auf das leere DJ-Pult. Arbeiten, wo andere feiern. Dieses Motto begleitet sowohl Weber, der Tourismusmanagement studiert, als auch Gerner, der sich erst kürzlich selbstständig gemacht hat. Neben seinem dualen Studium in Wirtschaftspsychologie hat er fünf Jahre lang in der Veranstaltungsagentur „Kongress“ seine Ausbildung gemacht und gearbeitet.
Die eigene Firma ist schnell gegründet. Das Festival nennen sie „Monticule“, zu Deutsch „Hügel“. Über den Hügel Gayfié verteilen sich auf 145 Hektar eine Klosterruine, eine Felsgrotte, Pool und Tennisanlage – ihr Festivalplatz. Unterstützer haben die jungen Männer, die in der Münchner Szene verwurzelt sind, sofort hinter sich – sogar die ehemaligen Chefs von Gerner, bei denen er gekündigt hat. „Auf dem Gelände hätten locker 2000 Gäste Platz. Doch genau das wollen wir nicht“, sagt Weber. Ihr Anspruch: keine Massenveranstaltung. Nicht das klassische Festivalerlebnis, das beide nicht mögen. 

Diesen Sommer soll das Pilotprojekt sein. Mit 800 Personen. Nur so können sie sicherstellen, dass die Natur nicht maßgeblich geschädigt wird, die Pflanzen in den Wäldern nicht niedergetrampelt werden und sie keine „verbrannte Erde“ hinterlassen. „So eine Verwüstung wie die schockierenden Bilder nach dem Chiemsee Summer, die vergangenen Sommer durch die Presse gingen, wollen wir nicht. Egal wie es dieses Jahr läuft – wir wollen die Location nicht ausschlachten.“

Das Lineup beim „Monticule“-Festival soll vielfältig werden. Von Techno bis zu elektronischer Popmusik. Mit Größen wie Filmmusikkomponist Erobique, Berghain-DJ Gerd Janson, Bambounou aus Paris und die Münchner Zenker Brothers. Bewusst haben sie sich das Münchner Label Public Possessions des DJ-Duos Marvin & Valentino mit ins Boot geholt, deren nationale und internationale Zusammenarbeit mit Künstlern von den Veranstaltern geschätzt wird. Auch unbekanntere DJs haben die Möglichkeit aufzutreten. „Wir laden lokale Musiker dazu ein, bei uns zu spielen. Nicht nur DJs, sondern auch ein Orchester, das dort im Ort ansässig ist“, sagt Weber. Die nächste größere Stadt ist Toulouse – circa hundert Kilometer entfernt.

„Wir planen Yoga-Stunden, Theateraufführungen, Tennisstunden und Kunstperformances anzubieten. Wenn man zurückkommt, soll man nicht erst mal eine Woche Urlaub brauchen“, sagt Gerner. Ein weiterer Urlaub wäre wohl für viele Festivalbesucher auch kaum finanziell zu stemmen, die Hauptzielgruppe sind Studenten. Ein Shuttlebus fährt aus verschiedenen Städten für 90 Euro aufs Gelände. Der Ticketpreis liegt für vier Tage bei 135 Euro.

Ein Fest für die anderen, Stress für die Veranstalter. „Wir fahren zwei Wochen vor dem Event nach Frankreich. Räumen eine Woche danach auf und dann bleiben wir noch eine Woche, um uns zu entspannen“, sagt Weber. Sie hoffen: an einem Ort ohne Verwüstungen.

Stefanie Witterauf

Fotos: Jakub Rzucidlo / Marco dos Santos (Simon und Simon), Leo Konopizky (Festivalgelände) 

Das Festival findet vom 18.-21. Juni in Jean de Laur, Domain de Gayfié statt. Tickets und Informationen unter: www.monticulefestival.de