Alles crazy

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Vormittags entspannt er an der Isar, nachmittags geht es los mit seinen America-Calls – bis Mitternacht: Christopher Obereder, 25, hat beruflich schon viel erreicht. Jetzt zog er vom Silicon Valley zurück nach München.

Zwei Jahre im Silicon Valley gearbeitet, auf der Forbes-Liste der besten Technologen unter 30 gelandet, Facebook-Seiten mit neun Millionen Fans kreiert – Christopher Obereder, 25, hat schon viel im Leben erreicht. Jetzt ist er mit zahlreichen Impressionen im Gepäck aus Palo Alto zurück in seine Heimatstadt München gezogen. Seiner Generation rät er, fest an die eigenen Träume zu glauben – anders hätte er seine ehrgeizigen Ziele selbst nie erreicht.

Rückblick: Im April hat Christopher Obereder mit Freunden Urlaub am Strand von Mexiko gemacht. Und plötzlich lag da in Badehose auf dem Handtuch: der Gründer des Online-Taxi-Unternehmens Uber, Travis Kalanick. Seine Freunde sprachen Christopher Mut zu, den mehrfachen Milliardär anzusprechen. „Er ist doch im Urlaub!“, entgegnete er ihnen. Angesprochen hat ihn Christopher dann trotz Hemmungen und einiger furchterregender Bodyguards. Der US-Amerikaner sei dann auch sehr locker und nett gewesen, habe ihn sogar gebeten, sich zu setzen und von seinem Leben im Silicon Valley zu erzählen.

Anekdoten wie diese erzählt Christopher Obereder sehr gerne aus seiner Zeit in Palo Alto, der Stadt in Kalifornien, um die sich das Silicon Valley schmiegt. Zwei Jahre hat er bei verschiedenen Technologie-Firmen die Social-Media-Abteilung vorangetrieben, hat sich hochgearbeitet, sich einen Ruf aufgebaut. Christopher, kräftige Statur, zurückgegelte Haare, Dauergrinsen, redet gern und viel, jedoch immer bestimmt und ruhig. Man merkt ihm die Begeisterung an, die er in den vergangenen zwei Jahren für die Atmosphäre im Valley aufgebaut hat.

Jetzt ist er nach München wiedergekehrt. Zurückgezogen ins Haus seiner Eltern. In die Heimat, in der er vor zehn Jahren gemeinsam mit einem Kumpel Gefallen daran fand, Facebook-Gruppen zu gründen und mit allen möglichen Mitteln daran zu tüfteln, möglichst viele Fans zu gewinnen. Mit der Zeit hatten sie 1000 dieser Gruppen gegründet und auch noch richtig Erfolg damit: neun Millionen Gefällt-mir-Angaben bekam eine der Seiten. „Du postest einfach irgendetwas wie ,Hey, I’m feelin’ sick today‘, und dann liken es plötzlich 1000 Leute. Wenn du 14 Jahre alt bist, findest du das lustig“, gibt Christopher zu. Ihn faszinierte das Gefühl, Menschen lenken, beeinflussen zu können, sie gewissermaßen zu Marionetten zu machen. Es ist eine der Eigenschaften, warum er es im Silicon Valley so weit gebracht hat.

Nach dem Abitur strebte er erst einmal eine Golfkarriere an, brach sein Golfstudium in England jedoch bald ab. Es folgte ein BWL-Studium an einer italienischen Universität. Dann entwickelte er mit einem Freund das Handyspiel „Okay?“, das an die Spitze der Downloadcharts von Apple stürmte. Es folgte ein Praktikum in London bei der Deutschen Bank. Bei Christopher war von Anfang an die Laufrichtung klar: immer voran.

Den Willen, eines Tages mitreden zu können, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, hat er von seinen Eltern mit auf den Weg bekommen. „Ich schreibe mir jedes Jahr meine Ziele für nächstes Jahr auf. Das haben sie mir so eingetrichtert“, sagt er. Fleiß, Engagement und Begeisterungswille seien auf dem Weg nach ganz oben sein Erfolgsrezept gewesen: „Wer etwas aufbauen will, fängt oft klein an, fällt hin, steht wieder auf, fällt wieder hin“, erzählte er einmal der Huffington Post.

Er entschied sich, endgültig in die Technologiebranche zu gehen. Also schickte er zahlreiche Bewerbungen an Firmen, die in Palo Alto ansässig sind. Was für andere Hollywood ist, war für Christopher schon immer das Silicon Valley. Er wurde von einer Tech-Firma engagiert, flog nach Kalifornien. Die Firma ging nach wenigen Wochen pleite. Das sei unangenehm gewesen, weil er sein Gehalt nicht bekam, sagt er, öffnete ihm aber viele andere Türen: „Innerhalb des Silicon Valley kommt man extrem schnell mit anderen Leuten ins Gespräch. Wenn du bei einer Firma rausfliegst, hast du in zwei Wochen wieder was Neues.“ Man versuche, sich gegenseitig zu unterstützen, sich Kontakte zu vermitteln. Diesen Helfergeist vermisse er oft in Deutschland, der Konkurrenzgedanke sei in europäischen Firmen viel größer. Allerdings: Es sei dort „schwierig, echte Freunde zu finden. Oft fragt man sich: Machen wir jetzt gerade Business oder sind wir Freunde? Das weißt du manchmal einfach nicht.“ Doch das hat Christopher zwei Jahre lang für seinen großen Traum in Kauf genommen.

Seine Aufgabe bei verschiedenen amerikanischen Firmen war es, möglichst viele tägliche Downloads für bestimmte Apps zu generieren: mindestens 20 000 pro Tag. „Social Media ist in den USA ein eigener Berufszweig“, erklärt er. Gerne erzählt er von der „Bubble“, in der sich die Mitarbeiter des Silicon Valley befänden. Obwohl er selbst viele Begriffe wie „Outdoority“, „Crosspromotion“ und „sowas generiert richtig Traffic“ um sich wirft, sieht er sich nicht als Teil dieser Blase. Er berichtet von diesen zwei Jahren eher als objektiver Beobachter des ganzen Theaters: vom Google-Chef, der mit Badehose und Taucherbrille in der Wüste von Nevada herumturnt, von Zehner-WGs ohne jegliche Privatsphäre, von Rollerblade-Massenveranstaltungen in San Francisco. „Diese Verrücktheit gehört da zur Kultur“, schwärmt er, „die sind da auch alle ganz crazy gekleidet. In zwei Jahren habe ich nur ein einziges Mal Anzug tragen müssen.“ Das Wort ist sein absoluter Lieblingsbegriff: die Amis, die Hitze, die Kleidung, alles crazy.

Und dann gab es da noch etwas, das für ihn ziemlich crazy war: dass er auf die „Forbes 30 under 30“-Liste gewählt wurde. „Ich fühl mich gut, wenn ich Ziele erreiche“, sagt Christopher, „das macht so süchtig. Die Forbes-Liste war so eines davon.“ Als er es dann geschafft hatte, sei er zwei Wochen wie im Rausch gewesen. „Wenn du was erreichst, musst du es auch erst mal genießen. Sonst verlierst du die Lust.“ Ein großer Traum hat sich bei dem erfolgsverwöhnten Münchner aber noch nicht erfüllt: einmal mit Mark Zuckerberg quatschen. „Den würde ich viel lieber treffen als einen bekannten Fußballstar oder Justin Bieber“, erzählt er. Er hat andere Helden als die meisten seiner Freunde.

Und jetzt also zurück in München. Hier hat er seinen Freundeskreis, erklärt er, hier fühlt er sich wohl: „In München ist das Leben um einiges angenehmer, ich will nicht unbedingt zurück.“ Die Hitze, die vielen fremden Eindrücke, der Druck, sich immer wieder beweisen zu müssen. Seinen Job kann er von Deutschland aus genauso machen. Vormittags geht er an die Isar, nachmittags geht’s los mit seinen America-Calls, dann Downloads generieren. Mitternacht ist er dann fertig mit der Arbeit – seinen Arbeitsrhythmus muss er an Kalifornien anpassen. Aber das macht nichts.

Eines liegt ihm noch auf dem Herzen: dass er jungen Leuten mit Visionen Mut machen will, diese zu verfolgen. „Ich hätte meine Ziele nie erreicht, wenn ich nicht immer an mich geglaubt hätte“, sagt er. „Aber ich habe sie erreicht!“



Text: Tilman Waldhier

Foto: David Visnjic

Neuland: halloDeutsch-App

Mit der App halloDeutsch haben drei Studenten der TU München zusammen mit ihrem Professor ein kinderleichtes Programm zum Deutschlernen erfunden.

„Wie ein Kind Deutsch lernen“ – mit der App halloDeutsch haben Johannes Ismair, 22, Robin Jespersen, 26, und Yaroslav Dushko, 25 für ihre Bachelorarbeiten eine App entwickelt, mit der die Nutzer – nach eigener Angabe – in nur acht Minuten pro Tag spielerisch Deutsch lernen können. „Wir möchten jedem die Möglichkeit geben, sich in Deutschland bestmöglich zu integrieren“, geben sie als Motivation für das Projekt an. Sie haben die App so programmiert, dass sie sich für den Benutzer je nach Lieblingsthemenfeld alltägliche Sätze ausdenkt, die dieser dann gezielt lernen kann. Es werden außerdem zahlreiche Spiele angeboten, um die gelernten Inhalte festigen zu können. Stupides Auswendiglernen soll mit halloDeutsch komplett vermieden werden können, sagen sie. Die App hat Erfolg und bekommt sehr gute Bewertungen. 

Text: Serafina Ferizaj

Foto: halloDeutsch

Weg vom Links-Rechts-Schema

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Ferdinand Riedl, 22, hat eine App entwickelt, die eine Diskussion ohne Vorurteile ermöglicht. Die Nutzer werden mit jemandem zusammen-gebracht, dessen Position von der eigenen abweicht – der Streit kann beginnen.

Ferdinand Riedl ist mitten in der Diskussion. Ruhig hört der 22-Jährige seinem Gegenüber zu, wägt ab und bringt sachlich seine Argumente vor. Es ist ihm wichtig, dass jeder seine Meinung sagen darf und alle Argumente ernst genommen werden – auch wenn das durchaus mal wehtun kann. Kontroverse Meinungen gehören da genauso dazu. Da kann es auch schon einmal passieren, dass man mit seinen Freunden fast aus einem Restaurant fliegt, weil die Diskussion so hitzig geführt wird. Meinungsfreiheit ist eben anstrengend, wenn sie gepflegt wird. Gut, dass Menschen wie Ferdinand das tun.

Aber der BWL-Student tut mehr, als nur im Privaten über Politik zu diskutieren. Er hat die App „Thesio“ programmiert, auf der sich Nutzer anonym und sachlich über Sachthemen austauschen und nach Möglichkeit kontrovers diskutieren sollen. Das Programmieren hat er sich selbst beigebracht und mittlerweile bereits eine Reihe von Apps entwickelt, etwa eine Zitate-App oder auch eine anonyme Frageplattform. Manche davon hat er schon wieder verkauft, außerdem entwickelt er Anwendungen für Unternehmen. Jetzt arbeitet Ferdinand mit seinem ganzen Einsatz an „Thesio“, „teilweise mehr als zwölf Stunden am Tag“, wie er sagt. 

Schon lange war er mit der Qualität der Diskussionen in Deutschland unzufrieden: zu oberflächlich, zu wenig konstruktiv aus seiner Sicht. Aber die Art und Weise, wie über die US-Wahl berichtet wurde, war für ihn der Auslöser, dass sich etwas ändern muss. Und dass endlich wieder Sachthemen im Mittelpunkt stehen müssen.

Doch wie soll die App genau funktionieren? Die Idee ist einfach: Nachdem ein Nutzer das Programm auf sein Smartphone geladen hat, beantwortet er zunächst einige Fragen zu seiner politischen Einstellung. Die Fragen sind bunt gemischt und gehen von der eigenen Parteipräferenz, über Einstellungen zu EU und Flüchtlingskrise bis hin zum Klimaschutz. „Ich will mich vom klassischen Links-Rechts-Schema möglichst entfernen und die Ideen in den Vordergrund stellen“, sagt Ferdinand über die Fragenauswahl. Danach werden die Nutzer anonym mit jemandem zusammen gebracht, dessen Position von der eigenen abweicht. Schließlich wird eines der Themen mit ausreichend großer Differenz vorgeschlagen: Nun soll eine sachliche Diskussion beginnen.

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Eine sachliche Diskussion? Über kontroverse Themen wie die Flüchtlingskrise? Und das alles noch anonym? „Ich weiß, dass es im ersten Moment naiv klingen könnte. Aber ich glaube, dass bei vielen Leuten der Bedarf da ist, aus der persönlichen Blase rauszukommen und konstruktiv zu diskutieren“, sagt Ferdinand. Er ist sich bewusst, dass sein Ansatz radikal ist. Aber der Student ist überzeugt, dass man nur dadurch wieder mehr Struktur in die Debattenkultur bringen kann – und verhärtete Fronten auflösen kann. Und selbstverständlich gibt es Mechanismen, die erlauben, einen Nutzer zu blockieren oder eine Diskussion sofort zu beenden, wenn man es möchte. Auch ein gegenseitiges Belohnungssystem für eine sachliche Situation ist implementiert, wodurch man sogenannte Awards sammeln kann. Die Idee ist, dass Nutzer auf der gleichen Stufe zusammengebracht werden, sodass man sich hocharbeiten kann und mit Diskutanten redet, die ebenso sachlich wie man selbst an die Sache rangehen.

Dabei ist Ferdinand die eigene Neutralität als Plattformbetreiber sehr wichtig. Gelöscht oder blockiert werden nur Nutzer, die strafbare Inhalte verbreiten oder anderen Gewalt androhen, alles andere ist in der Verantwortung der Nutzer. „Ich habe ein absolutes Verständnis der Meinungsfreiheit und würde nur in Ausnahmefällen eingreifen. Ich habe aber einige Mechanismen eingebaut, die den Missbrauch der Plattform verhindern“, sagt er dazu. Eine offene Diskussion ist eben wichtig, wenn das Konzept funktionieren soll.

Kann so eine App erfolgreich sein und tatsächlich den Diskurs in Deutschland verbessern? Unter Umständen schon, findet Ronny Patz vom Münchner Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaften: „Ich finde die Idee, Leute aus ihren Filterblasen zu holen und ihnen eine Art Testumgebung für ihre politischen Argumente zu geben, sehr gut. Die Frage ist aber, wie man die Nutzer dann auch längerfristig an die Plattform binden kann.“ Er glaubt, dass dabei weniger ein Belohnungssystem, als eher der tatsächliche Mehrwert für die User helfen könnte: „Gerade bei kleineren Differenzen oder Differenzen nur in einzelnen Politikfeldern kann die App eine Möglichkeit sein, tatsächlich gemeinsame Synthesen zu finden, die der bloße Austausch von Extrempositionen nicht bieten kann. Hier könnte dann ein echter Erkenntnisgewinn für die einzelnen Nutzer liegen.“

Auch Ferdinand selbst ist sich bewusst, dass es das Schwierigste sein wird, die Nutzer dauerhaft zu konstruktiven Diskussionen zu animieren. Deshalb soll so schnell wie möglich eine Funktion implementiert werden, die es erlaubt, die gewünschte Distanz zwischen sich und seinem Diskussionspartner zu bestimmen. Aber natürlich wird der tatsächliche Erfolg der Anwendung hauptsächlich vom Engagement der Nutzer abhängen – und von deren Bereitschaft, die eigene Komfortzone zumindest teilweise zu verlassen. Ferdinand glaubt fest daran, dass „Thesio“ ein Erfolg wird und etwas zur politischen Debattenkultur in Deutschland beitragen kann. Natürlich weiß er, dass „Thesio“ auch scheitern kann, aber daran will er gar nicht denken: „Vielleicht bin ich einfach ein Idealist.“

Wen Ihr Lust habt, noch weiter über die App zu diskutieren, freut sich Ronny Patz darüber mit Euch auf Twitter zu schreiben (ronpatz).
Thesio selbst bekommt Ihr im iTunes-Store oder im Google Playstore.

Text: Philipp Kreiter

Fotos: Florian Peljak

Frust erzeugen, Fans gewinnen

Bei Apple steht es momentan auf Platz zwei der Downloadcharts: Das Handy-Spiel Okay? erzeugt Frust – und hat genau deswegen so viele Fans. Grund dafür könnte das innovative Bezahlsystem sein, sagt App-Entwickler Christopher Obereder.

Eigentlich ist das Prinzip des Handyspiels „Okay?“ ganz
einfach: Man zieht eine Kugel mit dem Finger über das Spielfeld, lässt los und
versucht, mit der Kugel alle weißen Objekte auf dem Bildschirm zu treffen. Doch
so leicht will das nicht gelingen. „Okay?“ erzeugt Frust. Immer wieder müssen
die Spieler es versuchen, ehe die kleine Kugel alle Objekte auf der Spielfläche
abgeräumt hat. Philipp Stollenmayer und Christopher Obereder, die Macher des
Spiels, beide 23 Jahre alt, haben mit diesem Frustprinzip offenbar viele Fans
gefunden: Im App-Store steht es momentan auf Platz zwei der Downloadcharts.
Grund dafür könnte das innovative Bezahlsystem von „Okay?“ sein, vermutet
Christopher (Foto: privat). Der junge Münchner studiert Wirtschaft in Mailand und hat schon
mehrere Apps herausgebracht.

SZ: Es kommen jedes Jahr unheimlich viele Spiele-Apps auf
den Markt. Macht eine App wie „Okay?“ da überhaupt noch einen Unterschied?

Christopher Obereder: Natürlich ist es nicht leicht, sich
von anderen Apps abzusetzen, aber was unsere App so erfolgreich gemacht hat,
ist die „Simplicity“: Das Spielprinzip versteht jeder.

Aber für die Spieler ist es doch frustrierend, wenn sie zwanzig Versuche brauchen, um weiterzukommen.

Klar, ist es schwer, aber das muss es auch sein. Es muss
Level geben, bei denen man nicht weiterkommt. Wenn das Spiel zu einfach ist,
langweilen sich die User schnell. Das hat man bei anderen erfolgreichen Spielen
wie „Flappy Bird“ gesehen. So etwas zeigt sich auch an den User-Bewertungen
unserer App – die meisten Spieler haben uns fünf Sterne gegeben.

Wer das Spiel kauft, kann selbst entscheiden, wie viel er
dafür zahlen möchte – zwischen null Euro und 8,99 Euro kann er dafür geben. Wie
funktioniert das?

Nach Level zwanzig kann man wählen, wie viel man für die App
ausgeben will, aber egal, wie viel man zahlt: Jeder hat das gleiche Spiel. Die
Frage ist: Wie viel ist mir das Spiel wert? Das Prinzip gibt es ja bereits in
Cafés und Bars, wo man bezahlt, wie viel man für richtig hält. Im App-Bereich
hat das bisher noch keiner gemacht. Das Problem bei Apps ist oft: Man kauft sie
und zahlt 1,99 Euro dafür und merkt erst hinterher, dass die App einem nicht
gefällt. Zurückgeben kann man sie dann nicht mehr.

Aber wenn man ein Spiel kostenlos haben kann, dann zahlt
doch keiner dafür.

Es gibt genug Leute, die auch 8 Euro gezahlt haben, aber das
ist nicht der Großteil. Ein großer Prozentsatz der User gibt zwischen 1,99 und
2,99 Euro, doch natürlich bezahlen viele Leute auch einfach gar nichts. Das
Modell wollen wir aber auf jeden Fall beibehalten.

Der Erfolg scheint dir Recht zu geben: Im App-Store steht
„Okay?“ momentan auf Platz zwei der Downloadcharts. Es ist nicht eure erste App
– wie macht man Apps erfolgreich?

Ich verbringe viel Zeit damit zu scannen, welche Apps neu
erscheinen und was gerade gut ankommt. Dann erkläre ich dem Programmierer, was
ich gut fände, und wir schauen, ob das technisch umsetzbar ist. Man muss ein
Gespür dafür entwickeln, was den Nutzern gefallen könnte, denn am Schluss geht
es nur um die.

Mal ehrlich – es gibt doch Wichtigeres im Leben als eine
fünf-Sterne-Bewertung für eine App zu bekommen.

Im Leben gibt es natürlich wichtigere Dinge, aber es kommt
darauf an, welche Ziele man sich mit der App gesetzt hat. Man kann natürlich
auch schauen, wie viel Geld man damit eingenommen hat, doch wir sind beide noch
Studenten, deswegen ist das derzeit noch nicht so wichtig. Für uns ist die App
dann erfolgreich, wenn sie den Nutzern gefällt.

Interview: Carolina Heberling

Das perfekte Studenten-Dinner

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Neue Freundschaften zwischen Herd und Spülbecken: Die Tablesurfer helfen, Kontakte zu knüpfen – abseits der Uni. Ein Gastgeber kocht in seiner Wohnung für drei Unbekannte.

Ein Abend ohne Freunde? Kennt Julian nicht. Häufig ist er auf Hip-Hop-Partys zu finden, dort heizt er den Zuschauern mit selbst geschriebenen Rap-Songs ein. So kennt er das zumindest aus seiner Heimatstadt Regensburg. Doch vor acht Wochen ist der 19-Jährige für sein Medientechnologie-Studium nach München gezogen. Seinen großen Freundeskreis hat er in der Kleinstadt zurückgelassen. In München fällt es ihm schwerer als gedacht, Anschluss zu finden. Durch einen Sticker im Wohnheim wird er auf die Internetseite Tablesurfer aufmerksam. Das ist eine Dinner-Community für Studenten, bei der einen Abend lang ein Gastgeber und drei zufällig ausgewählte Gäste zusammen kochen.

Patrick Michelberger, 24, Janosch Kindl, 22, Marina, 23, und Markus Okur, 25, kennen die Anonymität der Großstadt. Fast alle von ihnen sind nach München gezogen und haben die Schwierigkeit erfahren, Kontakte zu knüpfen. Deswegen haben sie das Internetangebot Tablesurfer entwickelt: Das Projekt soll abseits vom Unileben neue Freundschaften zwischen Herd und Spülbecken ermöglichen.

Ein mulmiges Gefühl breitet sich in Julians Magen aus, als er mit Paprika und Zuckerschoten vor der fremden Wohnungstür steht. Zu Unbekannten in die Wohnung zu gehen, davor hat ihn doch immer seine Großmutter gewarnt. Doch dann geht die Tür auf und Patrick, ein sympathisch grinsender Lockenkopf, lässt all seine Bedenken verschwinden. Überall im orange gestrichenen Flur der Vierer-WG hängen Schwarz-weiß-Kopien von immer demselben Hund, dem jemand mal einen Schnurrbart, mal eine Piratenkappe aufgemalt hat. Aus der Küche dringen fröhliche Gesprächsfetzen und Indie-Musik, die nach mittwochs im Atomic Café klingt. Es riecht nach den Gewürzen seines Lieblingsasiaten aus der Heimat. Die Gastgeberin Marina öffnet ein viertes Bier, das für Julian bestimmt ist, ein anderes Mädchen schneidet fröhlich Zucchini klein. Einige Minuten später steht Julian mit Messer und Schneidebrett daneben.

Patrick, einer der Macher von Tablesurfer, kommt aus der Nähe von Ravensburg und ist für sein BWL-Studium nach München gezogen. Im Wohnheim und bei den Bar-Tours für Erstsemester lernt er schnell Leute kennen. Das ändert sich, als er an die TU wechselt. Hier seien die Studenten introvertierter, gingen weniger aus als LMU-Studenten, sagt er. Anders als in kleinen Unistädten sei das Studium in München viel anonymer. Es studieren mehr als 50 000 Studenten an der LMU, davon sind derzeit 12 000 neu eingeschrieben. Mit seinem Kumpel Janosch will Patrick eine Plattform schaffen, mit der man Freundschaften abseits des Hörsaals, der Bars und Clubs knüpfen kann.

Patrick und Janosch wollen Abendessen organisieren, bei denen völlig unbekannte Studenten aufeinandertreffen. Beide sind begeisterte Nutzer von Couchsurfing, einer Seite, auf der man sein Sofa kostenfrei für fremde Besucher anbietet. Diese Seite dient ihnen auch als Inspiration. Der Gastgeber stellt seine Küche, drei Stühle und wählt sich nach Sympathie seine Gäste aus. Patrick und Janosch arbeiten monatelang an der Seite. Nach einem halben Jahr entwickelt Patrick die Idee des Dinnerroulettes, eines Zufallsgenerators. Mit der Campusmail können sich die Nutzer nun auf www.tablesurfer.de registrieren. So wird garantiert, dass es nur Studenten sind, die sich hier anmelden. Um das Design kümmert sich das Geschwisterpaar Marina und Markus. Das Logo und die Flyer designt Markus, während Marina, die bereits ein Kinderbuch illustriert hat, die Bilder für die Website zeichnet.

Die Termine für die Kochabende werden auf der Website vorgegeben. Meldet man sich dazu an, wird zufällig die Personenkonstellationen bestimmt. Damit sich niemand benachteiligt sieht, wird abgesichert, dass die Person, sobald sie einmal Gastgeber war, die nächsten drei Mal selbst Gast sein wird. „Ich glaube, dass deswegen viele Seiten nicht funktionieren. Besonders in Deutschland wird ein Leistungsgedanke ausgelebt. Wir wollen keine Perfekte-Dinner-Kopie sein“, sagt Patrick.

Eine Woche vor dem Tablesurfer-Termin, der alle vierzehn Tage stattfindet, stehen die Namen der Teilnehmer fest. Über eine Chat-Funktion können die Studenten gemeinsam das Menü, die Einkäufe und den Abend planen. So wird schnell der Wok aus dem Wohnheim eingesteckt und mit der U-Bahn durch die halbe Stadt transportiert. Wie selten Marina für mehrere Personen kocht, fällt ihr erstmals als Gastgeberin auf. Der Wok ist für das ganze Gemüse zu klein und das Kilo Reis reicht für die nächsten fünf Tage. Nachdem das Gemüse geschnitten ist, wird angestoßen. Noch bevor der Brokkoli im Wok landet, reicht Patrick sein Handy herum: Live-Übertragung zu einem anderen Tablesurfer-Tisch. Die Teilnehmer auf dem Foto schauen glücklich und satt in die Kamera, vor ihnen stehen Reste einer Lasagne. Während über den Abriss der Ruby-Bar und die Luxuswohnungen im Glockenbachviertel diskutiert wird, kümmert sich Marina um die letzten Handgriffe am Herd.

Besonders die Integration der Erasmus-Studenten liegt den Tablesurfern am Herzen. Online ist die Website momentan zweisprachig, soll aber noch weiter ausgebaut werden. „Wir wollen Studenten unterschiedlicher Studiengänge und kultureller Hintergründe zusammenbringen“, sagt Patrick. Das Ziel der Studenten ist es, die Dinner-Community erst in München und dann auch in anderen Unistädten aufzubauen. Geld wollen sie damit nicht verdienen, aber Sponsoren finden, die dann die laufenden Kosten übernehmen.

Mittlerweile ist die dritte Flasche Wein entkorkt und die Gespräche haben sich über den normalen Smalltalk hinaus entwickelt. Julian, der Jüngste in der Runde, stellt gerade seine Rap-Künste zur Schau, als man die Eingangstür ins Schloss fallen hört. Einige Sekunden später streckt Mara, die Mitbewohnerin von Marina, den Kopf durch die Küchentür. „Huch, so viele bekannte Gesichter“, ruft sie freudig – eine Tablesurferin ist eine ehemalige Mitschülerin, die Mara seit ihrem Abi vor vier Jahren nicht mehr gesehen hat. München kann als Großstadt manchmal auch wieder ganz klein sein.

Stefanie Witterauf

Bitte nicht stören

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Smartphone oder Lernstoff? Die Ablenkung durch das Handy ist groß. Deswegen haben Johannes Stolberg, 21, und Benjamin Gilg, 23, eine Konzentrationshilfe entwickelt – ausgerechnet eine App.

Eine schöne junge Frau in einer Bibliothek: Sie steht auf einer Leiter, reckt sich so sehr nach einem Buch, dass man unter ihr knappes Kleidchen sehen könnte. Doch genau dort, wo der Betrachter einen wohlgeformten Po vermutet, bedeckt ein Schild ihr Gesäß, Aufschrift: „Stay Focused“. Mit diesem Bild bewerben Johannes Stolberg, 21, und Benjamin Gilg, 23, ihr gleichnamiges Start-up: Die App „Stay Focused“ soll Studenten dabei helfen, sich beim Lernen besser zu konzentrieren.

Konzentrationsstörend ist nach Ansicht der beiden Physikstudenten vor allem eines: das Smartphone, das beim Lernen zur echten Konkurrenz für schnöde Wissenschaftstexte wird. Nur mal kurz drauf gucken. Immer und immer wieder. Die App der beiden jungen Männer soll das nun verhindern: Der Nutzer legt einen Zeitraum fest, in dem er ungestört lernen möchte, und stellt dann ein, welche Funktionen des Telefons in der Zeit unterbunden werden – Anrufe, SMS, Apps.

Klingt zunächst nicht anders als der Flugzeugmodus, den die meisten Smartphones integriert haben. Aber: Bei ihrer App könne man alles viel präziser einstellen, erklärt Benjamin. „Wenn man zum Beispiel einen wichtigen Anruf erwartet, kann man diesen zulassen, wohingegen beim Flugzeugmodus einfach alles geblockt ist“, sagt er, „außerdem wird eine Liste aller auf dem Handy installierten Apps angezeigt, aus der man dann ganz genau auswählen kann, welche gesperrt werden sollen.“ Und: Wer vor Ende der festgelegten Lernzeit wieder auf das Handy zugreifen will, muss erst einen sehr langen Text abtippen, um das Telefon wieder freizuschalten.

Unterstützung für ihr Vorhaben haben die beiden Physiker beim so genannten „Fünf-Euro-Business“ bekommen. Das ist eine Initiative, die junge Unternehmensgründer wie Johannes und Benjamin in der Anfangsphase unterstützt – so zum Beispiel mit Hilfe von Wirtschaftscrashkursen und der Zuteilung eines Wirtschaftspaten, der die Jungunternehmer berät.

Etwas Eigenes machen, ein Start-up gründen und sehen, was daraus wird, das ist vor allem Johannes wichtig. Der 21-Jährige trägt einen dunklen Pullover und ein Karohemd, ist etwas zurückhaltender, hört viel zu, während sein Kollege Benjamin spricht. Dennoch weiß er, was er will: „Wir sind ja beide Physiker und wollten einfach mal etwas anderes machen. Ich will nicht am Ende aus meinem Studium rausgehen und sagen müssen‚ ich habe nur Physik gesehen.“ Benjamin nickt zustimmend.

Die Idee für die App kommt natürlich aus der eigenen Erfahrung: „Wir sind beim Lernen wirklich dauernd abgelenkt“, gibt Benjamin zu. Und anscheinend sind die beiden damit nicht allein: Circa 1500 Mal ist die App bisher heruntergeladen worden, 50 Prozent der Nutzer kommen aus Amerika. Die Kundenzufriedenheit ist unterschiedlich, wie die Rezensionen im Google Play Store zeigen, wo die App gratis zum Download steht. Der Markt hier ist allerdings etwas eingeschränkt: Stay Focused gibt es nur für Android, eine iPhone-Version wird auch nicht folgen, da Apple den Zugriff auf andere Apps nicht zulässt.

Jedoch haben die beiden Physiker schon längst eine zweite App auf den Markt gebracht. Mit „Care 4 your kid“, das vom Konzept her an die erste App angelehnt ist, können Eltern die Handynutzung ihrer Kinder kontrollieren. „Es gibt viele Apps, die Kinder in ihrer Handynutzung einschränken, aber keine von denen sperrt konkret Funktionen, wie zum Beispiel, dass man ein bestimmtes Spiel nur eine halbe Stunde am Tag spielen kann“, sagt Benjamin. Anders als die Lern-App, die sich durch Werbung finanziert, ist diese Anwendung allerdings kostenpflichtig.

Auch eine dritte App ist schon in Planung. Zuvor wartet auf die zwei Studenten allerdings noch eine Hürde: die Bachelor-Arbeit, die dieses Semester geschrieben werden muss. Auch dafür lassen sie sich dank ihrer App nicht vom Geblinke ihres Telefons verleiten. Die einzige potenzielle Ablenkung: Die Bibliotheksnutzerin im kurzen Rock, die auf der Leiter steht und den Bachelor-Kandidaten ihren Po präsentiert. Dagegen gibt es keine App, aber das ist auch gut so.