Fremdgänger: Was ist schon Schönheit?

Es scheint so, als ob Frauen überall auf der Erde die Französinnen um ihre Schönheit beneiden würden. Aber ist das denn tatsächlich so? Und was ist Schönheit überhaupt?

Sie gelten als der Maßstab für Schönheit und Eleganz: die Frauen aus Paris. Ihr Stil und ihre Klasse werden auf der ganzen Welt als einmalig gehandelt, zum Mysterium erhoben. Egal welchen Alters – Pariserinnen altern schließlich am schönsten. Beauty-Zeitschriften veröffentlichen Tipps, um so schön geschminkt, so toll angezogen zu sein wie die Pariserin. Es gibt sogar einen Reiseführer für junge Frauen, der sich in fast allen Regalen und verschiedensten Sprachen von den Austausch-Studentinnen findet, die ich kenne. „How to be parisian wherever you are“, geschrieben von vier echten Pariserinnen, die verraten, wie man an die richtige Einstellung kommt, um überall Pariserin zu sein.

Doch was ist das Geheimnis der Pariserinnen? Und wie sehen sie in Wirklichkeit aus? Ich bin enttäuscht. Auf der Rue Saint-Honoré – der Straße für Mode à Paris – sehen die Menschen nicht eleganter oder besser gekleidet aus als in jeder anderen Fußgängerzone, die Leute in der Metro sind auch nur angezogen wie Berufstätige. Auch an meiner Uni finde ich nicht, was ich suche. Meine Kommilitonen sehen aus, als hätten sie sich mit besonderem Augenmerk auf Geschmacklosigkeit im Achtzigerjahre-Kleiderschrank meiner Eltern bedient. Die Mädchen scheinen irgendwo tief in der pubertären Schmink-Experimentierphase gefangen zu sein: Make-up-Rand und kuriose Farben überall in der Visage. Ich bin enttäuscht. Ist die Schönheit der Pariser etwa doch nur ein Mysterium?

Doch es gibt sie. Es ist wie mit der Liebe – man entdeckt sie, wenn man nicht danach sucht. Es ist die alte Dame, die während der wackeligen U-Bahnfahrt der Linie 7 ihre Wimpern mit Lancôme tuscht, während sie sich an ihrem faltigen, liebevoll lächelnden Mann festhält. Sie hat keinen Spiegel und macht doch keinen Klecks. Das übersteigt alle meine Schmink-Kompetenzen bei Weitem. Danach knallroter Dior-Lippenstift, den sie auf den Lippen und mit dem Finger als Rouge verteilt. Ihre grünen Augen schauen wach und hell unter schlohweißem Haar hervor. Das ist wahre Schönheit und Ausstrahlung – und zwar mit einfachsten Mitteln. Ich bin voller Demut. Ich habe das Gefühl einer übernatürlichen Szene beigewohnt zu haben.

Das passiert mir des öfteren. Es sind Menschen jeden Alters, Hautfarbe und Geschlechts. Sie sitzen in einem Café, laufen über die Straße oder spielen im Jardin du Luxembourg mit ihren Kindern und sind einfach atemberaubend. Es ist ihre schlichte Eleganz, ihr klassischer Stil – die Ungezwungenheit. So etwas findet man in München einfach nicht. Wer meint, schön zu sein, folgt meistens irgendeinem Trend oder hat sich in teuren Marken eingekleidet. Mir wird schlecht, wenn ich an all die blond gesträhnten Münchner Louis-Vuitton-Handtaschenträgerinnen denke, an denen wahlweise ein Fuchs oder ein Hase hängt. „How to be parisian wherever you are“ hat dazu eine klare Meinung: Du bist doch keine Werbetafel. Das sollte mal einer den jungen Frauen in München verraten.

Und doch gibt es keine klare Regel. Es ist der ewige Widerspruch, aus dem die Pariserinnen die Faszination ihrer Weiblichkeit ziehen. Es ist Arroganz gepaart mit tiefer Unsicherheit, Selbstsicherheit gepaart mit dem Bedürfnis nach Rückversicherung. Es ist die Balance, felsenfest die eigenen Überzeugungen zu vertreten und diese dann doch mit einem Augenzwinkern zu brechen. Frei nach Lust und Laune zu leben, das haben die Pariser kultiviert. Es ist Freiheit und Selbstgeißelung der Schönheit willen zugleich – und das bei gleichzeitiger Leichtigkeit. Daran erkennt man Pariser. Und ja, je länger ich darüber nachdenke: Davon gibt es auch manche in München. 


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Paris, wie es stinkt und lebt

München, das ist reich und sauber. Dass diese Beschreibung nicht nur einem Klischee, sondern im Vergleich zu anderen Großstädten manchmal auch vollkommen der Wahrheit entspricht, das musste unsere Autorin in Paris erleben.

Gebeugt und tränenüberströmt betritt sie an der République die U-Bahn, torkelt auf mich zu und fällt fast auf mich. Und dann fängt sie an zu klagen. „Bonjour meine Damen und Herren, es tut mir leid, Sie zu stören, ich bin ganz allein, habe Job und Wohnung verloren, haben Sie nicht etwas Geld für mich?“ Sie geht mit der offenen Hand durch den Waggon, bei Temple steigt sie aus und geht einen Waggon weiter. Der nächste steigt ein.

An solche Szenarien musste ich mich in Paris erst gewöhnen. Leid oder Armut im Stadtbild öffentlich zur Schau gestellt sieht man in München kaum. Ich habe wenig Verständnis für all die Heuchler, die, sobald sie einmal über den Münchner Tellerrand blicken, großartigen Städten eine Absage erteilen, weil sie „wegen all der vielen Bettler so verunstaltet“ würden. Wer aus dem Münchner Kaff in eine Metropole wie Berlin, Rom, Madrid, London oder eben Paris reist, der muss eben damit rechnen, dass sie nicht Münchner Schicki-Micki-Standards entsprechen. Trotzdem ist es für jemanden, der das „Münchner Wohlleben“, wie es mein Soziologieprof zu nennen pflegt, gewohnt ist, sehr erschreckend und macht betroffen, wenn man in Paris plötzlich noch nachts Familien mit Kindern auf der Straße sitzen und betteln sieht.

Paris ist die Stadt der Bettler. Dort gab es lange regelrecht eine Kultur der sogenannten „clochards“: ein romantisierter Begriff für Aussteiger, die sich in ihrer bürgerlichen Existenz nicht zurecht gefunden haben und ein ungebundenes Leben außerhalb des Systems wählen, darunter sind Lehrer, Rechtsanwälte. Sie hausen unter den Seinebrücken und leben fernab und doch mitten im restlichen Paris ein eigenes Leben nach eigenen Regeln. Wer aus anderen europäischen Städten, wie München, vertrieben wurde, kommt nach Paris, denn hier kann er bleiben, wird geduldet. Inzwischen heißen die clochards offiziell S.D.F. „sans domicile fixe“, ohne feste Unterkunft, und von ihrem einstigen Ruf sind nur noch Mythen übrig.

Als ich nach einem Jahr Paris wieder in München U-Bahn fahre, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie während der Fahrt jemand durch den Waggon läuft. Instinktiv nehme ich meine Tasche enger an mich und blicke weg. Je weniger Aufmerksamkeit ich der Person schenke, desto wahrscheinlicher torkelt sie nicht zu mir, brabbelt mich lallend voll und beschimpft mich mit „Merde! Putain! Fils de Pute!“ Eine Vielzahl an wilden Schimpfnamen, nur weil ich wirklich kein Bargeld dabei habe, das ich ihr geben könnte. Jedoch setzt sich die Person neben mich. Ich blicke schon entnervt auf. Dann die Überraschung. Die Person ist eine junge Frau, die einen freien Sitzplatz gesucht hatte. Ach ja, fällt es mir ein. In München wird kaum gebettelt.

München ist wie die Wohnung von Kinderfreunden, die jeder kennt. Sie sieht aus wie für ein Fotoshooting im Wohnkatalog präpariert. Neubau, das Interieur verchromt und – man sieht auf den ersten Blick – teuer. Die Eltern arbeiten und haben eine Putzfrau, in der Wohnung liegt nichts rum, absolut nichts. Es sieht aus, als würde hier niemand wohnen. Als Kind fühlt man sich hier exorbitant unwohl, denn man hat Angst, auch nur irgendetwas anzufassen, sich zu bewegen, um diese totale Sauberkeit und Ordnung nicht zu stören. Wirklich leben kann man in so einer Wohnung doch nicht. Was war man froh, wenn man nach Hause kam und alles etwas chaotischer, lebendiger und bewohnt war. So ist es auch mit Paris. Ja, Paris stinkt und man ist mit Leid konfrontiert. Aber es lebt.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat