Zeichen der Freundschaft: Rosarote Brille

Unsere Autorin muss sich regelmäßig entscheiden, ob sie ihrer Freundin sagen soll, dass der Mann nichts für sie ist, oder ob sie lieber schweigt. Eins ist aber sicher: Sie steht ihr immer bei und ist für sie da.

Wir sind wie Carrie und Miranda aus Sex and the City. Sie
lässt sich immer von den unmöglichsten Typen verzaubern, die ihr absolut nicht
gut tun, meine realistischen Äußerungen dazu vermögen sie nicht aus ihren
Träumen zu reißen. Sie sieht in allen Menschen das Gute, ich muss mir Mühe
geben, meinen Zynismus zurückzuhalten. Sie ist das Billion-Dollar-Lächeln
unter den langen blonden Haaren, ich war schon immer eher der unbequeme
Kurzhaarschnitt. Zusammen sind wir unschlagbar und brauchen uns wie Tag und
Nacht. Unsere Freundschaft wäre fast perfekt, wenn ich nicht ständig vor der
Wahl stünde – zwischen der netten und der ehrlichen Freundin.

Denn unsere Freundschaft leidet manchmal, wenn ich zu
ehrlich zu ihr bin. Ihr Hang zu Problemfällen männlicherseits stellt mich jedes
Mal wieder auf die Probe. Wenn ich gleich von Anfang an die Karten auf den
Tisch lege, dass ihr Herzbube doch eher ganz einfach ein Idiot ist, hat es
häufig unglücklicherweise den unerwünschten, gegenteiligen Effekt. Sie stürzt
sich dann fast wie rein aus Protest noch tiefer in ihre Verliebtheit, ich komme
nicht mehr an sie heran und sie redet erst wieder mit mir, wenn der Typ passé
ist oder ich gestehe, dass er vielleicht doch nicht so schlimm ist. Also
schweige ich als nette Freundin gequält und beglückwünsche sie zu Mister Right.
Das letzte Mal hat es ganze drei Jahre gedauert, bis sie den Voll-Arsch endlich
abgeschossen hatte und ich ihr eeeendlich sagen konnte, was ich die ganze Zeit
von ihm gehalten habe. What a relief!

Erst letztens hat sie wieder einen Typen kennengelernt von
der Sorte: eitel, tätowiert, Vaterkomplex, dickes Auto zur Kompensation.
Perfekt. Dazu ein paar seelische Wunden, die er unbedingt an einer
wohlmeinenden weiblichen Person auslassen muss. Da ist sie natürlich zu Stelle.
Irgendwie schafft sie es immer, sich den Typen schönzureden. Seine Tattoos sind
doch super wild. Über einen Prolo-Wagen kann sie als einzige Schwäche hinweg
sehen. Er redet wenigstens in der Öffentlichkeit normal mit ihr und ignoriert
sie nicht, wie der Vorletzte. Sie würden sich sogar richtig gut unterhalten –
manchmal. Dass er sich nicht so richtig um sie zu bemühen scheint, spornt sie
nur an. „Jahaa“, will ich dann sagen, „nach einer gesunden Beziehung und Mister
„The One“ klingt das nun nicht gerade.“

Ich würde am liebsten schreien, wenn sie es mal wieder
zulässt, dass einer dieser Halbstarken sie verletzt und ihr das Gefühl gibt,
wertlos zu sein. Wenn sie all die Zuneigung und Wärme, die sie ihnen gibt,
selbstgefällig aufsaugen, um dann zum Dank nochmal
nachzutreten. Ich will ihr sagen, dass sie von solchen doch nicht abhängig ist.
Dass sie selber entscheiden darf, wie eine Beziehung für sie aussehen soll. Und
wenn Kontrolle, einengende Eifersucht, das andere Extrem mit dem Fremdgehen,
psychische Gewalt, all das, für sie nicht dazu gehört, dass sie den Guten
verdammt noch mal zur Hölle jagen darf. Dass er sich nicht mehr ändern wird,
egal wie sehr sie sich aufgibt, wie viel sie investiert.

Aber all meine Hinweise, dass sie dringend mal ihr
Beuteschema wechseln sollte, schlägt sie in den Wind. Und so bin ich zur
Stelle, wenn er doch nur Sex will, sich mit anderen trifft, sie verletzt und
links liegen lässt. Ich bin auch zur Stelle, wenn sich meine Befürchtungen
bewahrheiten im „Ich hab es dir doch gesagt“-Moment. Dieser Moment hält unsere
Freundschaft spannend. Ich habe alle Jahre wieder die Wahl, ihr zu gestehen,
dass diese „self-fulfilling prophecy“, die sie sich da angelacht hat, schon in
der ersten Sekunde das unüberhörbare Ticken der Zeitbombe vernehmen ließ. Dass
es für mich nur eine Frage der Zeit war, bis sie hochgehen würde. Oder als
nette Freundin für immer zu schweigen und ihr zu helfen, ihre Wunden zu lecken.
Man kann nur hoffen, dass sie irgendwann einen „Big“ kennenlernt, der sie,
nachdem ich mit ihr die „am Altar stehen gelassen-Episode“ durchlitten habe,
dann doch endlich „ever after“ ordentlich behandelt.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Yunus Hutterer