Balladen als Death Metal-Version

„Freundschaftsbänd“: Auf Einladung der Junge-Leute-Seite und des Indie-Labels Flowerstreet Records

covern sich nächsten Samstag neun Münchner Bands gegenseitig.

Die Silhouetten der Musiker spiegeln sich in den großen Fensterscheiben. Scheinwerfer und die volksfestgleiche Beleuchtung des Cord Clubs tauchen Bühne und Zuschauerraum in einen Mix aus rotem und violettem Licht. Über die Lautsprecher erklingt der Song „Finally Alone“ von Claire Jul. Doch statt wie sonst Keyboard und Drumcomputer sind Gitarre und Cajon zu hören, die Komponistin des Songs steht vor der Bühne und filmt den Auftritt mit ihrem Smartphone. Denn gerade interpretiert Flonoton den Song der Electropop-Sängerin auf seine ganz eigene Weise.

Neunmal gibt es diese Szene so oder so ähnlich an dem Abend. „Freundschaftsbänd – ein Abend der Bändfreundschaften“ lautet das Motto des Konzerts, das von der Junge-Leute-Seite der Süddeutschen Zeitung zusammen mit dem Münchner Indie-Label Flowerstreet Records veranstaltet wird.

Das Konzept ist einfach: Jede der neun Bands, bunt gemischt aus allen Genres, spielt zwei Songs. Erst covert sie den Song der vorherigen Band, dann spielt sie einen eigenen, der dann wiederum für die nächste Band zur Neuinterpretation freigegeben wird. So hört man jeden Song zweimal – mit insgesamt 18 Originalen und Coverversionen ist der Abend gut gefüllt.

Einen Song zu covern, ist für die meisten Künstler nichts Neues. Viele Bands starten ihre Karriere als Coverband, und zu Übungszwecken hat nahezu jeder Musiker bereits die Songs anderer Bands nachgespielt. Doch „wenn man ein Lied nicht nur covert, weil man es cool findet, sondern man die Person, die es geschrieben hat und es sonst performt, auch noch kennt, das ist dann noch ein bisschen schöner, ein bisschen persönlicher“, sagt Singer-Songwriter Florian Saur alias Flonoton, der Claire Juls Song für seine Version sogar ins Deutsche übersetzt hat. „Normalerweise covert man ja seine eigenen Heroen oder seine gerne-spezifischen Sachen“, fügt Andreas Keymer hinzu, der mit seiner Band Lester bei der nächsten Ausgabe des Freundschaftsbänd den Song eines anderen Künstlers in eine energiegeladene Punkrock-Nummer verwandeln wird, „doch hier bekommt man einfach einen Song vor den Latz geknallt, den man nicht kennt. Das ist viel lustiger.“

Am Samstag, 29. April, dreht sich das Cover-Karussell wieder. Von 20 Uhr an stehen im Cord Club erneut neun Bands auf der Bühne, die sich gegenseitig neu interpretieren. Mit dabei ist auch die Bavaro-Indie-Truppe LischKapelle. Gitarrist und Sänger Andreas Torwesten freut sich am meisten auf die Coverversion seines eigenen Songs. „Das ist eigentlich das Herrlichste, weil es sicher ganz speziell wird, im Publikum zu stehen und den eigenen Song in einer komplett anderen Version zu hören.“ 

Selbst gecovert zu werden, ist für die meisten Bands ein Novum. „Das ist sehr spannend. Gerade in unserer Liga ist das was, was eigentlich noch nicht vorkommt“, sagt Florian Saur. Deshalb ist Andreas Torwesten „der Band, die unseren Song erwischt hat, auch dann nicht böse, wenn sie eine Death Metal-Version davon spielen“.

Noch immer hält sich das Gerücht, dass sich aufgrund des Konkurrenz- und Erfolgsdrucks in der Münchner Szene eine Art Ellenbogengesellschaft gebildet habe, dass die Bands eher gegeneinander arbeiten als füreinander. Auch damit möchten die Künstler an dem Abend aufräumen. „Ich hatte noch nie das Gefühl, dass unter den Bands Ungunst herrscht“, sagt Andreas Torwesten, und Florian Saur bemerkt: „Wir schieben uns gegenseitig die Gigs zu und tun uns auch mit dem Fahren zusammen. Das wäre überhaupt nicht der Fall, wenn die Leute so ein Ellenbogendenken hätten.“

Ganz im Gegenteil: So ein Abend dient auch dazu, neue Bandfreundschaften zu schließen. Zwar trifft man sich in der Szene immer wieder auf gemeinsamen Konzertabenden und lernt sich so kennen, „wenn du aber gegenseitig deine Songs coverst, dann kommst du dir schon noch ein bisschen näher“, sagt Schiwani Kakor, die das letzte Freundschaftsbänd-Konzert begeistert als Zuhörerin verfolgt und sich auch die zweite Ausgabe schon fest im Terminkalender eingetragen hat. „Dadurch, dass du von einer anderen Band einen Song coverst, fällt einfach diese Hürde total weg, bis du ins Gespräch kommst. Du bist einfach gleich auf einer Ebene“, sagt auch Michael Rieder, der als Singer-Songwriter Nikolaus Wolf am zweiten Freundschaftsbänd-Abend für sanfte Gitarrentöne sorgen wird. Neben Lester, LischKapelle und Nikolaus Wolf werden auch noch die Singer-Songwriter Sarah Sophie, Lost Name und Alisha Prettyfield sowie die Indie-Rocker von Die Sauna, die Folkband Eliza und die HipHop-Stepptanz-Combo Swango auftreten. Michael Wolf von Monaco Sessions wird zusätzlich für eine Videoaufnahme des Abends sorgen. In welcher Reihenfolge die Künstler jedoch spielen, und wer wen covert, bleibt bis zuletzt geheim. 

Freundschaftsbänd – ein Abend der Bändfreundschaften mit Alisha Prettyfield, Die Sauna, Eliza, Lester, Lischkapelle, Lost Name, Nikolaus Wolf, Sarah Sophie und Swango. Cord Club, Sonnenstraße 18, München. Beginn: 20 Uhr. Eintritt: 7 Euro.

Text: Maximilian Mumme

Foto: Jean-Marc Turmes

Band der Woche: Swango

Der Münchner Rapper Manekin Peace verbindet für sein neues Projekt Swango Stepptanz und Live-Musik. Die Schritte sorgen gleichzeitig für Takt und Bewegung auf der Bühne. Jetzt ist die erste Single “Life is too short” erschienen. 

Im hochklassigen US-Pop sind spätestens seit den Neunzigerjahren Tanz und Musik eng verknüpft. Zu Michael Jacksons Einzigartigkeit trug sein Tanzstil in ebenso großem Maß bei wie seine Stimme. Und auch die Boygroups in ihrer Hochphase kurz vor dem Millennium mussten mindestens ebenso gut in Formationstänzen sein wie im Säuseln. Nach dem Jahrtausendwechsel ließ diese Tanzfixierung in der Popmusik schließlich nach: Die Instrumente rückten wieder in den Vordergrund. Es war wichtiger, eine gut spielende Band auf der Bühne zu haben, als eine Horde wild kostümierter Hampelmänner. Mittlerweile aber will man im Pop schlicht alles: Band, Tänzer, Bühnenshow und Visuals – Rihanna oder Beyoncé fahren live mit allem auf, was das Pop-Show-Arsenal so zu bieten hat.

Der Münchner Rapper Manekin Peace verbindet für sein neues Projekt Swango nun ebenfalls Tanz und Live-Musik. Doch er reduziert den Größen-Anspruch der Mainstream-Pop-Shows auf eine charmante Lo-Fi-Ästhetik. Dafür nutzt er einen Clou, der tatsächlich noch relativ neu ist in der Popmusik. Denn er bedient sich mit dem Stepptanz eines der wenigen Tanzstile, die gleichzeitig Tanz und Musikinstrument sind. Zum Klacker-Beat der metallbeschlagenen Schuhe spielt bei Swango nun eine Akustik-Gitarre, während Dan Robb alias Manekin Peace mit langem Rausche-Bart und Holzfäller-Hemd in bester Waldschrat-Ästhetik darauf rappt.
 

„Life is too short“ heißt die erste Single, die diese so ungewöhnlich besetzte Band nun veröffentlicht hat. Doch wie man das von den vorherigen Projekten des Münchner Rappers schon gewohnt ist, verbirgt sich dahinter noch eine ganze Menge anderer Irrsinn als die bloße Kombination von Stepptanz und Hip-Hop. In dem aufwendigen Video stapft Manekin Peace in Godzilla-Größe durch München, gefolgt von einem aus Laser-Augen schießenden und als Astronaut verkleidetem Hund. Das ist bildsprachlich der Surrealismus des 21. Jahrhunderts. Und auch musikalisch wirkt das nicht minder absurd: Manekin Peace, der amerikanischer Muttersprachler ist, rappt in feinstem US-Hip-Hop-Flow, sein jüngerer Bruder Tim Robb, alias Skill-Gott Heron, tanzt dazu den tief in der US-amerikanischen Kultur verwurzelten Stepptanz – in seinem Anzug-Outfit wirkt er allerdings mehr wie ein Betriebswirt, während Gitarrist Ahmet Tanar in Althippie-Manier die Lagerfeuergitarre dazu zupft.
 

Doch gleichzeitig klingt diese Musik erstaunlich rund. Der Flow stimmt, der Song rollt, das ist kein Klangexperiment. Swango macht Musik, die zugänglich und hörbar bleiben soll. Tatsächlich fand man sich zu dieser Formation auch in einer Lagerfeuer-Situation und nicht in einer Kunsthochschule zusammen: Die beiden Brüder trafen den Gitarristen Ahmet an der Isar. Sie begannen zu jammen. Als Dan alias Manekin Peace eine Konzertanfrage bekam, beschloss er, mit seinen beiden neuen musikalischen Kumpanen aufzutreten; es folgten Konzerte auf dem Chiemsee-Summer-Festival und dem Splash-Festival, aus dem losen Jam-Projekt wurde Swango.
 

Doch dann stand die Band vor ganz andere Schwierigkeiten: Ein Album wollte man machen, aber wie nimmt man die Stepptanz-Percussion adäquat auf? Über Experimente und Versuche entstanden schließlich im vergangen Jahr zwölf Songs, die gerade auf der LP „Knocking on the Wood“ erschienen sind. Und trotz der rasend-hektischen ersten Single ist das Album insgesamt doch eher ruhig, ja fast melancholisch: Ahmet begleitet Dans Raps gelassen, sein Bruder setzt einzelne Stepp-Akzente darauf, die in dieser weniger hohen Anschlags-Frequenz auch von einem anderen Percussion-Instrument erzeugt werden könnten. Ein besonderes Flair umgibt diese Musik trotzdem. 

Stil: Akustik-Hip-Hop
Besetzung: Manekin Peace (Raps), Skill-Gott Heron (Stepptanz),
Ahmet Tanar (Akustik-Gitarre)
Aus: München
Seit: 2015
Internet: www.facebook.com/
helloswango

Von: Rita Argauer

Foto: David Weichelt