Fremdgänger: So ähnlich, so fremd

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Eigentlich könnte man meinen, dass man sich nach einigen Monaten Auslandsstudium bereits einheimisch und zugehörig im neuen Umfeld fühlen kann. Doch unsere Autorin berichtet darüber, wie es ist auch nach einiger Zeit noch die Fremde zu sein.

Ich sitze nach der Uni mit Mädels aus meinem Studium in einem Café, und sie erzählen sich ihre neuesten Bettgeschichten. „Hahaha, nach dem Wochenende mit Jean-Philippe konnte ich auch nicht mehr aufrecht gehen.“ Ich bin kurz überrascht über so viel Offenheit mir gegenüber, dann bemerke ich: Sie denken, ich verstehe sie nicht. Sie reden, als ob ich nicht da wäre.

Ich seufze tief und lerne, was es heißt, sich einsam unter vielen zu fühlen. Als Erasmus-Studentin habe ich es leider nie geschafft, die gläserne Decke zu durchdringen, die mich von einer echten Freundschaft mit meinen Kommilitonen getrennt hat. Auf Französisch gibt es für Ausländer und Fremde das gleiche Wort. „Etranger“. Ich bin als Etrangère also nicht nur Ausländerin, sondern auch Fremde in Frankreich. Manchmal ist es schon spannend, was Sprache über das grundlegende Verständnis der Dinge verrät.

Man ist freundlich zu uns Austauschstudenten. Neugierig werden wir gefragt, woher wir kommen und wie uns Frankreich gefällt. Aber darüber will ich nach fünf Monaten nicht mehr sprechen müssen. Ich studiere an dieser Uni genauso wie alle anderen Studenten auch. Wir finden alle Musik, Filme, Maler und Schriftsteller großartig, gehen gerne mal was trinken oder stöbern nach ausgefallenen Kleidungsstücken. Wir alle haben die gleichen Kurse und die gleichen Prüfungen zu bestehen. Wir alle haben vielleicht ein Mädchen oder einen Jungen, für den wir schwärmen oder mit der – beziehungsweise mit dem – gerade etwas läuft. Obwohl wir die gleichen Probleme und Sehnsüchte haben und wir uns in Art und Interessen sogar ähnlich sind, werde ich meinen Sonderstatus nicht los. Ich bin hier nur vorübergehend, ich gehöre hier eigentlich nicht hin. Ich könnte es wie die anderen Erasmus-Studenten machen, die unter sich bleiben. Den ganzen Tag Englisch sprechen, mit Leuten aus allen Teilen der Welt, außer mit Franzosen, und am Wochenende auf Sightseeing-Trips mitfahren. Aber das will ich nicht. Ich will richtig in Paris leben.

Doch die Unterhaltungen drehen sich oft um Dinge, die ich nicht verstehen kann. Französische Rapper, die ich noch nie gehört habe, Wortwitze, für die mir der Wortschatz fehlt. Immer nachfragen zu müssen, immer erklären zu müssen, dafür ist irgendwie kein Platz in den Unterhaltungen. Ich habe eine echte Freundin gefunden. Sie kommt aus Ägypten, ist in Schottland aufgewachsen, ihre Mutter ist Französin, sie kann alle Sprachen perfekt, sie weiß, wie es ist, in einem neuen Land zu sein. Aber sie lässt mich nicht fremd sein. Sie hört mir zu, geduldig. Sie wartet, bis ich die Worte gefunden habe, sagt Sätze zweimal. Und plötzlich haben wir so viel zu besprechen. Und plötzlich werden Unterschiede zu Gemeinsamkeiten. Ich koche ihr Kaiserschmarrn, wir gehen ägyptisch essen, und sie zeigt mir die Bretagne, wie man Cidre aus Keramikschüsseln trinkt und Galettes – Buchweizencrêpes mit Spiegelei und Käse gefüllt – isst.

Mir fallen schlechten Gewissens all die Momente ein, in denen mich in München Erasmus-Studenten nach dem Kurs gefragt haben, was ich jetzt noch mache. Und ich völlig in meinem Alltag gefangen nicht darauf eingegangen bin. Und ich nehme mir vor, es von jetzt an anders zu machen. Mit ein bisschen Geduld, Offenheit und echtem Interesse kann man so viel Austausch erreichen. Schade, dass man sich immer erst selbst einmal fremd fühlen muss, um dafür sensibel zu werden.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Outing an der Ampel

Als einen der größten Kulturschocks empfindet unsere Autorin in Paris den rasenden Verkehr. Da wird gerne mal unangeschnallt 20 km/h zu schnell über die rote Ampel gefahren. Doch bei all ihrem Unverständnis merkt sie: ein bisschen Pariserin ist sie selbst geworden.

Ich spüre einen scharfen Luftzug an meinem Handgelenk, das Geräusch eines Motors reißt mich aus den Gedanken. Jaulend rauscht ein Roller denkbar knapp an mir vorbei. Einen Zentimeter weiter links, ein unbedachter Schlenker – und das wäre es mit mir gewesen. Mit solchen Gedanken muss ich mich in Paris jeden Tag auseinandersetzen. Ich sitze auf dem Fahrrad und fahre den Boulevard Saint-Germain entlang. Schön ist das, dachte ich früher, nur so kann die Stadt besser kennenlernen. Fahrrad fahren, das lohnt sich! Aber Schreckmomente, wie dieser, häufen sich. Als ich endlich an der Uni ankomme, bin ich völlig fertig mit den Nerven.

In Paris Fahrrad zu fahren, ist nichts für Freunde von geregeltem Straßenverkehr. Es gibt etwa keine Haltelinien für Autos an Ampeln, hier hält man nach Gefühl. Ein einziges Mal bin ich in Paris mit einem Einheimischen Auto gefahren. „Tempo 50“, erklärt er mir, „ist in Paris nur eine freundliche Empfehlung.“ Was dann gelte, frage ich. „Tempo 70“, sagt er kurz. Er zwinkert mir zu, schnallt sich nicht an und gibt Gas. Damit begann die größte Höllenfahrt meines Lebens. Rote Ampeln? Für ihn nicht existent. Fußgänger? Fahrradfahrer? Andere Autos? Wer nicht selbst ausweicht, hat Pech gehabt. Am Anfang habe ich noch alle zwei Sekunden „Vorsicht!“ gebrüllt, dann habe ich es aufgegeben und mich mit geschlossenen Augen meinem Schicksal ergeben – verbunden mit der Hoffnung, dass ich und alle anderen Verkehrsteilnehmer diesen Höllenritt lebendig überstehen.

So viel zu den Autofahrern. Am schlimmsten sind allerdings die Fußgänger. Es gilt als elegant, die Straße nach Belieben an jeder Stelle und ohne Seitenblicke zu überqueren. Um an dieser Stelle meine absolut favorisierte Autorin Anna Gavalda zu zitieren: „Hinweis: Eine Pariserin, die etwas auf sich hält, überquert den Boulevard Saint-Germain niemals zwischen den weißen Linien an der Ampel. Eine Pariserin, die etwas auf sich hält, beobachtet den Verkehr und wirft sich zwischen die Autos, wohl wissend, dass sie ihr Leben riskiert.“ Als Tourist outet sich, wer die Fußgängerüberwege nutzt. Anfangs blickte ich meine französischen Freunde immer entgeistert an, wenn sie einfach bei Rot über die Straße liefen: „Du weißt schon, dass du in Deutschland dafür deinen Führerschein verlieren würdest?“ In besonders schweren Fällen zumindest.

Zurück in München dann der Kulturschock. Ich bin mit Freunden unterwegs. Es ist mitten in der Nacht. Die Straße ist komplett leer und verlassen, weit und breit kein Auto in Sicht. Ich überquere wie selbstverständlich die leere Straße – Und komme auf der anderen Seite alleine an. Hinter mir wartet die restliche Gruppe brav an der roten Ampel. Entgeisterte Blicke mustern mich von der anderen Seite der Straße. Ich merke, dass ich wohl ein bisschen pariserisch geworden bin.



Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Nackt im Schlossgarten

Dass wir Münchner uns ziemlich glücklich schätzen können, was Abkühlungsgelegenheiten in den heißen Sommermonaten angeht, merkt unsere Autorin erst jetzt in Paris so richtig – es kann eben nur eine Isar geben.

In Paris ist über Nacht Sommer geworden. Die schönste Stadt der Welt erwacht zu ganz neuem Leben. Den ganzen April hindurch hatte es noch geregnet, Wintermantel und Erkältung inklusive. Und dann, eines Morgens Ende Mai, gehe ich gewappnet mit Wollpulli und Jacke vor die Haustür. Und kehre zurück, um mich direkt wieder umzuziehen, so heiß ist es. Ich komme in Sommerkleid mit Sandalen zurück. Jetzt scheint bis spät abends noch die Sonne und taucht die Stadt in ein fröhliches Licht. Alle Pariser Parks sind voll mit Picknickgesellschaften und Sonnenbadenden. Die Seine und der Kanal Saint Martin sind bevölkert von Jugendlichen und Liebespärchen mit Wein.

Wenn in München Sommer wird, ist die Vorgehensweise klar. Sommerkleid, Bikini drunter, ab Richtung Badesee, oder Freibad, völlig egal, Hauptsache abkühlen. Es gibt nur noch einen Modus: Der Hitze muss mit Baden entgegengewirkt werden. Deswegen ist auch hier meine erste psychische und physische Reaktion: „Ich möchte schwimmen.“ Doch als ich mich bei meinen Gasteltern nach dem nächstgelegenen Badesee oder Freibad erkundige, schauen sie mich nur völlig irritiert an. Ich bin total erschlagen von den Temperaturen hier! Es hat durchgehend 30 Grad, ich will einfach nur ins Wasser springen, aber Badeseen gibt es in Paris leider nicht und Freibäder auch nicht in der Form, wie wir es kennen mit Liegewiesen.

Mein Semester in Paris neigt sich dem Ende zu. Zehn Monate war ich jetzt hier. Kein einziges Mal in diesem Zeitraum habe ich München so sehr vermisst wie jetzt. Oder Paris als so lebensunwert empfunden. In München gibt es eine echte Kultur für Sommer, die hier in Paris niemand kennt. Wenn im Juli in der Klausurenphase traditionellerweise die drei Wochen mit dreißig Grad Temperatur eintreten, dann ist das zwar ätzend, aber: Die Bibliotheken sind klimatisiert. Und: Welcher gute LMU-Student hat nicht als Back-up während eines langen Lernmarathon-Tages im Schließfach Badekleidung und Handtuch eingeschlossen, um sich nach getaner Lernarbeit in der Isar abkühlen gehen zu können? Hier schwitze ich tagsüber in der unklimatisierten Bibliothek. Wenn ich an die spontanen Badeausflüge denke, will ich einfach nur zurück nach München.

30 Grad Anfang Juni sind für eine Münchnerin schon gewöhnungsbedürftig. Da beginnt die Phase der Übergangskleidung, wenn man sich langsam aus dem Pulli-Knödel, der man den Winter über ist, herausschält und sich bei mittleren Temperaturen langsam daran gewöhnt, sich wieder draußen bewegen zu können, bevor man kurz darauf dazu übergeht, mit kurzer Hose und Bier die Abende im Englischen Garten zu verbringen. Hier ist es jetzt schon so heiß, dass ich mit offenem Fenster und nur einem Bettlaken schlafen muss, um nicht zu zerfließen. Meine Gastmutter sagt: „Ach, das ist doch noch erträglich, jetzt kühlt es nachts wenigstens noch ein bisschen ab.“ Also kühle Nächte sehen für mich anders aus. Auch meine Erasmus-Kommilitoninnen aus Portugal, Italien und Brasilien lachen mich aus. Und die Pariser tragen weiter stur lange Hosen und langärmlige Hemden. Hallo? Bin ich hier die einzige, die merkt, dass Sommer geworden ist? Ein Glück bin ich von Juli an wieder in München.

Eine französische Freundin hat mir als Geheimtipp empfohlen, in Versailles – verbotenerweise – einfach nackt in den Kanal zu springen, das würde sie immer machen. Ob ich mich das noch mal traue?

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Glatze und Glamour

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Was sich unsere Autorin in München niemals hätte vorstellen können, hat sie sich in einem kleinen Dorf in der französischen Provinz nun getraut: Die Haare abzuschneiden, komplett. In ihrer neuen Heimat Paris fühlt sie sich pudelwohl damit.

Ich habe meine Haare abgeschnitten. Raspelkurz. So kurz, dass man die Kopfhaut sehen kann. So kurz, dass ich den Wind um meinen Kopf streifen spüre. So kurz, dass die Leute auf der Straße mir Platz machen, wenn ich ein bisschen aggressiv schaue. So kurz, dass man auf den ersten Blick nicht weiß, welches Geschlecht ich habe – eine genderfreie Frisur. Aber: Damit falle ich hier in Paris in der Menge nicht groß auf. An modischen Kuriositäten, ausgefallenen Persönlichkeiten und Anonymität gibt es hier genug. In München hätte ich so etwas nie machen können. München ist ein Dorf und die Breite an verschiedenen Stilen und gesellschaftlicher Offenheit gering.

Ich bin in der Bretagne, als ich mich entscheide, meine Haare endlich abzuschneiden. Ich wohne bei der Tante einer Freundin. Sie macht mir spontan einen Termin bei ihrer Friseurin aus, zu der sie seit ihrer Jugend in irgendeinem winzigen bretonischen Kaff geht. Auch der Friseursalon ist winzig. Drei ältere Damen erwarten mich. Wir tragen unser Anliegen vor und sind plötzlich Attraktion des ganzen Salons. Meine Friseurin war früher in Paris bei einem renommierten Friseur und ist eine richtige französische Diva, wie sie im Buche steht. Laut ruft sie erst einmal „mon dieu“. Ja die schönen Haare, ja ganz weg damit. Radikal. Ja. 

Und dann schneidet sie mir so souverän und künstlerisch die Haare, wie noch niemand vorher. Wild fuchtelt sie mit der Schere um meinen Kopf herum, völlig irrational schneidet sie immer mal wieder irgendwo etwas ab, während sie auf Französisch vor sich hin redet. Als sie alle Haare einmal rundherum abgeschnitten hat, habe ich einen so schönen Kurzhaarschnitt wie nach Jahren des Experimentierens und Friseurwechsels nicht. Danach kommt der Rasierer. Ich muss kurz schlucken, dann beginnt die endgültige Verwandlung.

Während in Paris oder gar in Städten wie New York gesellschaftliche Vielfalt allgegenwärtig ist und auf der Straße so richtig gelebt wird, ist die Münchner Mentalität eine komplett andere. Ich hatte hier immer das Gefühl, äußerlich nicht besonders auffallen, aus der Masse herausstechen zu dürfen. Der Kontrast zum Durchschnitts-Münchner wäre dabei so groß, dass ich mich viel zu sehr beobachtet fühlen würde, als für mein Wohlbefinden gut ist. Die Ray-Ban Sonnenbrille auf der Nase, Burberry oder Barbour Coat um die Schultern gelegt, Bluse zu beigem Pulli und dunkelblauer Hose – so laufen sie in München herum. Dazu passen keine raspelkurzen Haare. Die gesellschaftlichen Normen basieren in Paris mehr auf ehrlichem und glaubwürdigem Auftreten, und das bringt einen viel eher dazu, sich einfach mal was zu trauen und zu schauen, was dabei rauskommt.

Ich kann plötzlich auch ästhetisch Widersprüchliches miteinander verbinden, das mir schon immer gefallen hatte. Ich wage jetzt zu tun, was mir gefällt und habe plötzlich einen eigenen Stil. So unbeschwert, leger und eigenwillig overdressed wie es für die Pariserinnen eben typisch ist. Dieses „nach freier Lust und Laune“ einfach machen, was man will. In einer Stadt, einer Gesellschaft, einem Lebensgefühl kultiviert. Das ist Paris. 

Die Strähnen fallen. Die alten bretonischen Frauen um mich herum kommentieren, wie groß meine Augen plötzlich wirken und wie mutig sie mich finden. Aber ich höre nicht zu, sondern lächle glücklich in den Spiegel. Seit einem Jahr schon wollte ich meine Haare einmal so kurz schneiden. Aber in München schien das einfach nicht möglich. Ich schaue zufrieden dabei zu, wie mit jeder Strähne ein sozialer Zwang mehr von mir abfällt. Eine echte Münchnerin wäre ja doch nie aus mir geworden.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Nix verstehen

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„Profiter de quelque chose“ – Hört sich viel zu sehr nach „von etwas profitieren“ an. Dabei will unsere Autorin ihren Pariser Freunden doch nur sagen, wie sehr sie ihren Aufenthalt genießt. Für manche essenzielle Wendungen scheint es einfach kein Französisches Pendant zu geben. Ihr wird zum ersten Mal klar, was das Wort Sprachbarriere bedeutet.

Im Französischen gibt es kein Wort für Heimat. Ich bin nun schon seit sechs Monaten in Paris und dank meiner neuen Freunde, die mich ohne weiteres zu ihrer Familie in die Bretagne einladen, und meiner großartigen Gastfamilie, die mir hier ein echtes Zuhause gegeben hat, fühle ich mich in Paris inzwischen richtig heimisch. Aber ich kann es ihnen einfach nicht sagen. Außerdem gibt auch kein Wort für Gemütlichkeit, auch keines für Genuss. All das sind Worte, die ich zur Beschreibung des französischen Lebensgefühls auf jeden Fall benutzen würde.

Wie definieren sich denn die Franzosen selbst, wenn sie keine Worte haben für das, was ihre prinzipiellen Eigenschaften ausmacht? Beziehungsweise fühlen sich für mich die Wörter, die sie in diesem Sinne nennen, falsch an. Viele Worte gibt es in der jeweils anderen Sprache gar nicht; oder in dem Zusammenhang wird ein anderes Wort benutzt als das, was meiner Meinung nach nicht aussagen kann, was ich sagen möchte.

Genießen heißt „profiter de quelque chose“, das wiederum auch „von etwas profitieren“ heißt. Viel zu utilitaristisch für schlichten Genuss. Noch schlimmer wird es mit „sich freuen“ für, über, auf etwas. Es gibt zwar jouir und réjouir, das freuen bedeutet, man kann sich sogar freuen und „wiederfreuen“, es wird aber nicht wie im Deutschen benutzt. Es heißt dann „je suis contente“: Ich bin zufrieden. Zufrieden?

Für eine junge Münchnerin, die ihre Freude zum Ausdruck bringen möchte, sind solche Formulierungen nicht ausreichend. Ich habe die Ausdrücke aus München immer noch im Gedächtnis: „Taugt mir.“ „Nice.“ „Saugut.“ Und plötzlich: „Ich bin zufrieden.“ Was ist denn das für ein Volk, das solche Höflichkeiten in der Interaktion ausklammert, dafür keinen Ausdruck hat? In der Unterhaltung mit Franzosen merke ich, dass wir in zwei völlig unterschiedlichen Wortwelten aufgewachsen sind, eine perfekte Verständigung ist fast unmöglich. Zum ersten Mal verstehe ich, was das Wort „Sprachbarriere“ beschreibt. Zwei Menschen, die willens sind, sich zu verständigen, sich gegenseitig in der Sprache des anderen schon halbwegs sicher bewegen, die Worte kennen, können sich trotzdem nicht verstehen. Worte haben im französischen Sprachgebrauch oft einen ganz anderen Sinn, als die deutsche Übersetzung es vermuten lassen würde.

Mein Ich, das ich auf Französisch präsentieren kann, ist zurückgeworfen auf das grenzdebile Level einfacher Sätze und entbehrt plötzlich völlig jeglicher Komplexität oder ironischer Feinheit. Und selbst das kann ich nicht zufriedenstellend zu den Franzosen sagen. Ich kann nur sagen: „J’ai des problèmes à m’exprimer“ – also: „Ich habe Probleme damit, mich auszudrücken.“ Dabei steckt schon hinter diesem Satz so viel mehr als die Worte, die ich dafür finde. Ich gewöhne mich daran, dass die französische Übersetzung weder in Wort noch in Aufbau meinem deutschen Satz entspricht. Dass mir der französische Satz in Struktur und Wortwahl gar nicht einleuchtet, daran werde ich mich nie gewöhnen. Welche Frustration. „Quelle frustration!“

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Freunde für eine Nacht

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Zum Beispiel auf einer wochenendlichen WG-Party, auf der sich alle auf einmal in den Arm fallen und wie wild zu tanzen beginnen

Ich sitze auf dem Sofa eines Pariser Appartements. Um mich herum steigen die Rauchschwaden der unzähligen selbst gedrehten Zigaretten der um mich sitzenden Franzosen auf. Sie füllen die Luft gemeinsam mit den hitzigen Bemerkungen der Diskussion, die gerade leidenschaftlich geführt wird, und vermischen sich in meinem Kopf zu einem verschwommenen Dunst. Es kann auch sein, dass es um etwas Banales geht, aber ich bin schon lange ausgestiegen aus den Themen, die schneller wechseln als die Lieder. Egal was, die Franzosen diskutieren aus Prinzip mit Leidenschaft. 

Mir wird ein Glück zuteil, das vermutlich nicht vielen Austauschstudenten vergönnt ist. Ich werde auf die Partys der einheimischen Studenten eingeladen. Vielleicht sind meine Kommilitonen mit der allgemein als verschlossen bis unhöflich und arrogant geltenden Spezies französischer Studenten nicht artverwandt. Vielleicht liegt es daran, dass sie als Europawissenschaftler ihre eigene Spezies bilden, die an internationalem Austausch und fremden Sprachen interessiert sind. 

Jeder bringt seinen Alkohol mit, meistens Wein, den man langsam, aber sicher im Laufe der Zeit leert. Man sitzt zusammen und spricht über Filme, Musik und warum der Kommunismus eben doch noch nicht gescheitert sein muss. Die anfangs nette Runde wird leidenschaftlich, der Rausch beginnt um sich zu greifen, man wird offener, der Exzess kann beginnen. Vielleicht stehlen sich zwei Verliebte davon in eines der Schlafzimmer, in der Hoffnung, dass niemand es bemerkt, um dann natürlich doch für mehrere Wochen Mittelpunkt des Geredes zu werden. Mädchen beginnen, eng umschlungen miteinander zu tanzen. Die Jungs verschwinden mit Augenzwinkern und fantasievoll erfundenen Begriffen, um einen durchzuziehen. Der Franzose, mit dem ich in der Uni immer mal Small-Talk geführt hatte, wird emotional. Er erklärt mir wortreich und unter vielen verschwitzten Umarmungen, wie froh er sei, eine so wunderbare Freundin wie mich kennengelernt zu haben, und wir trinken auf die Amitié Franco-allemande.

So weit, so gut. Meine Strategie, zu nicken und im rechten Moment zu lachen, obwohl ich dank des Lärm- und zunehmenden Alkoholpegels der Gesprächspartner nicht verstehe, was man mir wohlwollend ins Ohr grölt, funktioniert bestens. Ich bewege mich auf sicherem Terrain. Doch dann die Überraschung. Es wird getanzt. Auch von den Jungs. Kaum einer sitzt mehr, alle stehen und bewegen sich zur Musik, manche wild, andere in Grüppchen. Man hat hier seine Hymnen, es wird auf die Freundschaft, die Liebe getanzt und gesungen, leidenschaftlich werden Texte mitgegrölt. Man fasst sich an den Schultern und zu „meine Freunde sind meine Liebe“ werden alle Unbekannten zu Freunden. 

Nach solch Liebesproklamationen wird man auf deutschen WG-Feiern lange suchen. Der Münchner verschwendet seinen nächtlichen Kräftevorrat eher auf eine unglaubliche Vielzahl an beinahe grenzdebilen Trinkspielen. Würfeln, saufen. Immer wieder, solange, bis sich die Welt sowieso schon viel zu stark dreht, als das man noch tanzen könnte. Und während die Franzosen ihr letztes Hemd durchschwitzen, ist Bierpong die wohl einzige Sportart, an die sich der Münchner nachts noch herantraut. 

Ich stehe nun abseits, mit gezwungenem Lächeln halte ich mich an meinem Becher fest. Ich kenne die Texte nicht, kann die Euphorie nicht teilen. Und beginne, mich etwas fehl am Platz zu fühlen. Macht nichts. Einer legt mir den Arm um die Schultern, und ich werde mit in die tanzende Menge gezogen, und alles andere wird egal, Nationalität, Geschlecht, ich bin jetzt Teil der Menge der sich zur Musik bewegenden Körper.

Text: Anne Gerstenberg 

Foto: Privat

Fremdgänger: Spitze Lippen in Paris

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der ein oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat. Unsere Autorin Anne rätselt über eine durch und durch französische Eigenart: “la bise”

Er berührt mich mit der Hand leicht an meiner Hüfte. Die stoppelige Wange an meine gelegt, formt er mit den Lippen einen Kuss, den er in die Luft entsendet.
Erst links, dann rechts. Ich bin noch völlig überrascht und geplättet von der Intimität dieser Berührung, da kommt auch schon die Nächste und drückt mir Küsschen auf beide Wangen. So begrüßt man sich also in Paris. Man gibt sich „la bise“. Ich stehe vor der Uni, bin zu spät dran und will eigentlich schnell in meinen Kurs. Aber ich bin vor dem Eingang in eine Gruppe von Freunden und somit in eine exorbitante Begrüßungsrunde geraten. Jeder einzelne aus der Gruppe drückt jedem einzelnen diese Küsschen auf. Bei zehn Leuten, die sich alle untereinander und gleichzeitig begrüßen, ergibt das ein großes Kuss-Kuddelmuddel. Zehn Leute. 180 Küsschen. Das dauert.

Als Auslandsstudent in Paris lernt man im Französischkurs als erstes den Unterschied zwischen „la bise“ und „le bisou“. Dieses Wissen ist überlebenswichtig. „La bise“ sind diese kleinen Küsschen rechts und links: Wange rechts und links aneinanderhalten, ein Luftküsschen abschicken. „Le bisou“ allerdings, das ist ein richtiger Kuss, den man nur gibt, wenn es mit „l’amour“ ist. Wer allerdings in „la bise“ noch nicht so geschickt ist, der stellt schnell fest, dass es eine gewisse Schwierigkeit darstellt, dabei nicht versehentlich in „le bisou“ auszuarten, denn beim Seitenwechsel der Wangen gibt es immer diesen eigenartigen Moment, in dem man sich mit gespitzten Lippen anschielt und dann doch ganz schnell den Kopf weiter bewegt.

Es wird als enorm unhöflich empfunden, wenn man „la bise“ verweigert. Deswegen stehe ich hier vor der Sorbonne und gebe alles und jedem, der auf mich zu kommt, Küsschen. Ich komme mir vor wie eine Küsschenmaschine. Für eine reservierte Deutsche, die es gewöhnt ist, enge Familienmitglieder und Freunde zu umarmen und den Rest der Welt eine Armlänge auf Abstand zu halten, und die gelernt hat, die Hand zu reichen, wenn sie jemanden kennenlernt, sind diese „bises“ noch immer gewöhnungsbedürftig. In diesem Moment wünsche ich mich zurück nach München an den Geschwister-Scholl-Platz. Wenn man an der LMU auf Freunde trifft, bevor es in den Audimax zur Vorlesung geht, dann reicht zur Begrüßung ein Winken und ein kurzes „Hi“ in die Runde. Danach kann man problemlos ohne Begrüßungsrunden-Verspätungen pünktlich zur Vorlesung gehen.

Und hier? Ich rieche den Körpergeruch von Menschen, denen ich in meinem Leben nie so nahe kommen wollte. Diese Form der Begrüßung stellt nicht nur ein weites Eindringen in die Intimsphäre dar, sondern bedeutet auch engen Kontakt mit Menschen, mit denen man sich unter Umständen auf keinen Fall so intim berühren möchte. 

Auf der anderen Seite: Diese Küsschen können einen aber auch im positiven Sinne ganz schön aus der Bahn werfen. Steht man vor dem schnuckeligen Franzosen, von dessen Anblick man schon weiche Beine kriegt, dann muss man sich ganz schon zusammen reißen, die Contenance zu bewahren, während er dir „la bise“ gibt. Sein Gesicht an deinem, während sein Atem sanft über deine Wange streift. Vielleicht ist es auch das Geheimnis des „l’amour parisien“, dass es wirklich einfach ist, sich zu küssen. Aber warum ein junger Pariser nach einem sehr netten Rendezvous „bisous“ zu mir gesagt hat, nachdem er mir „bises“ gegeben hat, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Unsere Autorinnen Theresa Parstorfer, Katharina Hartinger und Anne Gerstenberg studieren derzeit in Oxford, Berkeley und Paris und schreiben im wöchentlichen Wechsel über Ereignisse, die so in München nicht passieren würden.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Autorin