Band der Woche: The Sexattacks

image

Ursprünglich wollten The Sexattacks nur eine Punkrock-Coverband sein. Doch schnell wird klar: Sie wollen dagegen kämpfen, dass „Populismus überzuschwappen droht und extreme Ansichten immer
mehr ohne Besinnung und Zurückhaltung nach außen getragen werden“.

Das nihilistische Rebellionsgenre Punkrock ist ganz schön alt geworden. In den Siebzigerjahren als pessimistische Antwort auf das Sechzigerjahre-Hippie-Glück atmete diese Musik noch den Geist der Jugend. Jetzt, 40 Jahre später, wirkt Punkrock manchmal etwas verkrampft, so wie ein ewig mahnender Erwachsener, der die zeitgenössischen Themen der Jugend nicht mehr nachvollziehen kann. Punk als Mode ist dabei sowieso völlig ausverkauft, Punk als Musik existiert in München gut in der Deutschpunk- und Hardcore-Szene. Melodischer, englischsprachiger Punk verwässerte seit dem Mainstream-Erfolg, den Green Day Anfang der Nullerjahre feierten, zunehmend.

Dazu passt auch, dass die Münchner Punkband The Sexattacks ursprünglich den Plan hatte, eine Punkrock-Coverband zu gründen. Das erscheint etwas absurd, sind doch Coverbands eben hauptsächlich dafür da, dass Musik bekannter Künstler entweder zum eigenen Vergnügen oder für Fans nachgespielt wird. Punk zu covern, lässt die Dringlichkeit der Rebellion gegen null gehen. „Schon bald haben wir gemerkt, dass wir sehr wohl selbst Songs in dieser Musikrichtung schreiben und unsere eigenen Geschmäcker und Themen einfließen lassen können“, erklärt das Quartett dementsprechend zur Bandgeschichte. Also begann die Truppe um Sänger Uwe Kriegbaum Punkrock, der sich an Bands wie Green Day oder Blink182 orientiert, mit der nötigen Hingabe ins Jahr 2012 zu transportieren. Da gründeten sie sich in ihrem Heimatort Penzberg. 2017 zeigte sich aber als das produktivste Jahr, in dem sie die EP „Secrets“ veröffentlichten. Darauf überrascht der Hochglanzsound. Klar, das ist schnelle Musik mit einem treibenden Schlagzeug und verzerrten Gitarren, doch von Produktionsseite aus klingt das mehr nach astreinem Pop als nach einer DIY-Kellerband. Ähnlich zeigt sich die ganze Reihe an Musikvideos, die sie bisher veröffentlicht haben. Ästhetisch glänzend, fast streberhaft umgesetzt, finden sich da der alte ironische Punkrock-Antistyle – weiße Hemden, schwarze Fliege – genauso wie Insignien wie ein altes Telefon, in das großgestisch hineingesungen wird, oder ein umgekehrtes Raumverständnis, wenn der Sänger an der Decke herumspaziert, wie im Video zum Song „Media“.

Doch Hochglanz wirkt hier nicht abschreckend. Sexattacks nutzen Mainstream-Ästhetik, Hochglanzproduktion und durchaus schon etwas abgetragene Symbole, um daraus eine brennend-euphorische neue Botschaft für sich zu formulieren. Musikalisch ist das nicht neu, aber mit gegenwärtigen Mitteln sehr gut umgesetzt. Und sie meinen es ernst: Wenn sie nicht an neuen Songs arbeiten, kümmern sie sich um Videos, organisieren neue Gigs, überlegen sich Inhalte für die sozialen Netzwerke. Und sonst hängen sie als Kumpels auf Probenwochenenden rum. Auch zeitlich eine Hingabe an die Musik, die das Gesamterscheinungsbild dieser Band so stimmig macht. Obwohl die Punkszene in den Münchner Clubs gerade eher zurückgedrängt sei, berichten sie von einer überwältigenden Publikumsresonanz. Sie wollen die Leute mitnehmen. Das einfach greifbare Auftreten hilft dabei genauso wie die hymnischen Melodien, die unter dem schnellen Punk-Gehacke liegen. Diese Band will gegen eine Gesellschaft rebellieren, in der „Populismus überzuschwappen droht und extreme Ansichten immer mehr ohne Besinnung und Zurückhaltung nach außen getragen werden“. Ihr Dagegen-Sein ist musikalisch jedoch mehr nachvollziehbar und offen als aggressiv. Und das ist 2018 sehr angebracht.

Stil: Punkrock
Besetzung: Uwe Kriegbaum (Gesang, Gitarre), Daniel Jocher (Gitarre), Markus Mund (Bass), Simon Kurz (Schlagzeug, Gesang)
Aus: München
Seit: 2012
Internet: www.thesexattacks.com

Text: Rita Argauer


Foto: Daniel Jocher

Band der Woche: Splashing Hill

image

Pop gemixt mit den Klängen eines Klaviers ergibt den Musikstil von Splashing Hill: Piano-Pop. Der Gesang und die anderen Instrumente richten sich nach dem Tasteninstrument.

Klaviere sind nicht besonders gruppentaugliche Instrumente. Vielmehr sind diese riesigen Holzkästen so etwas wie die Platzhirsche unter den Tonerzeugern, die den Tonumfang eines ganzen Orchesters für sich einfordern und dementsprechend im Zusammenspiel eigentlich immer irgendein anderes Instrument stören. In der klassischen Musik gleicht ein Klavierkonzert deshalb kompositorisch auch mehr einem Kampf zwischen Orchester und Solist. Da Musik aber auch spannend wird, wenn nicht immer alles ganz harmonisch zugeht, liegt im Kampf um Frequenzen auch immer ein gewisser Reiz. Auch in der Popmusik ist der spürbar. Bands mit Klavier sind besonders. Dabei geht es nicht um Keyboards oder Synthesizer, die sind mehr das Gegenteil eines Klaviers: Denn deren flächige Klangfarben fügen sich meist wunderbar in den Rest der Band ein. Ein Klavier jedoch klingt auch ohne andere Instrumente hervorragend voll, vor allem wenn man es – wie ein Amanda Palmer bei den Dresden Dolls – wie eine Punkgitarre spielt. Wenn das Klavier sich allerdings in den (Rock-) Bandkontext einfügen soll, findet man es meist in ewig klimpernden aufgelösten Akkorden, so wie beim Britpop der Nullerjahre à la Coldplay oder Keane. Oder aber es verbreitet Spieluhr-Nostalgie im Walzertakt im Sinne Yann Tiersens.

Die Münchner Band Splashing Hill erschafft ihren Sound genau in der Mitte dieser beiden Ausprägungen. Aufs erste Hören irritiert das ganz schön. Das präsente und rhythmisch meist auch recht rasende Klavierspiel von Sänger Benedikt Becker klingt gleichzeitig altbacken und ungewohnt. Ständig klimpert es in dieser Musik, das Instrument macht seinem Platzhirsch-Image alle Ehre, denn die anderen Instrumente dieser mit Bass, Schlagzeug, Gitarre und einem weiteren Keyboard eigentlich recht üppig besetzten Band spielen da zwangsläufig immer die Begleiter-Rolle. Doch lässt man die Musik von Splashing Hill ein wenig laufen, gewöhnt sich das Gehirn an das ungewöhnliche Klangbild und plötzlich tauchen Strukturen, Gefühle und Differenzierungen im Soundwust auf. „Unser Stil entstand aus jahrelangen Experimenten und über viele Umwege“, erklären sie dazu. Etwa planten sie einst ihre Musik etwas elektronischer zu gestalten, seien aber letztlich wieder zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt: „Wir hatten über die Jahre versucht, mit der Zeit zu gehen und modern zu werden, erkannten dann aber bald, dass wir uns damit keinen Gefallen tun“, sagen sie und klingen dabei etwas großelterlich. Doch in der Musik löst sich dieser sich selbst treu bleibende Ansatz ein. Hier kämpft keiner mehr gegen das Klavier, vielmehr stünde das „Klavier klar im Vordergrund“, erklären sie.

Alle spielen also dem Klavier hinterher. Auch Benedikts Gesang. So lässt sich etwa der Song „Napoleon“, zu dem die Band gerade ein neues Video veröffentlich hat, erst mal gut Zeit, bevor der Gesang überhaupt einsetzt. Und da wird dann auch hörbar, dass diese Musiker sich gut kennen und sich seit zehn Jahren aufeinander abstimmen. Schon zu Schulzeiten haben sie sich kennengelernt und gemeinsam in Coverbands gespielt. 2018 wollen sie nun mit neuen Songs ins Studio gehen. Und der Plan klingt extrem. Denn Keyboarderin Susanne Augustin hat ebenfalls eine klassische Klavierausbildung. Also kündigen sie ein Set-up von zwei Pianos, einer cleanen Gitarre und seit neuestem auch noch einer zusätzlichen Trompete an. Doch Mozart komponierte im Übrigen auch ein Orchesterkonzert mit zwei Solo-Klavieren. Das klingt üppig, wird aber doch häufig aufgeführt. 

Stil: Piano-Pop
Besetzung: Benedikt Becker (Gesang, Klavier), David Steinbauer (Gesang, Gitarre), Susanne Augustin (Gesang, Keyboard), Martin Ritter (Bass), Vincent Becker (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2012
Internet: www.splashinghill.com

Text: Rita Argauer


Foto: Fritz Bielmeier

Band der Woche: Paar

image

Die Musiker von Paar geben nicht nur sich verschlossen, sondern auch ihre Musik. Kommen sie aus ihrem Versteck, erwartet die Zuhörer ein Minimalismus mit feinen Melodien.

Das zeigen die Post-Punker am 19. Januar in der Roten Sonne, wenn sie ihr erstes Musikvideo vorstellen.

Sich richtig zu verstecken, ist eine Kunst. Vor allem in der Kunst- oder Musikwelt. Denn wenn ein Musiker nicht nur und ausschließlich für sich Musik machen will, muss er irgendwann aus seinem Probenzimmer herauskommen und das Versteck verlassen, damit ein potenzielles Publikum die Möglichkeit hat, die erschaffene Kunst wahrzunehmen. Andererseits sind zu offensichtliche Anpreisungen der eigenen Kunst immer latent unsympathisch. Derjenige, der seinem Hörer via Kunst zubrüllt, wie toll er ist und dass man ihn doch bitte anhören möge, erreicht damit oft das Gegenteil. Das richtige Maß an Verstecken will also gelernt sein. Besonders dann, wenn einen noch nicht so viele Menschen kennen. Denn eine derart konsequente Öffentlichkeitsvermeidung, wie das etwa Radiohead seit einigen Jahren betreiben, kann man sich auch nur leisten, wenn ein prinzipielles Interesse an der Band bereits vorhanden ist.

Die Münchner Band Paar kennen noch nicht so viele Menschen. Deshalb ist der Weg des Versteckens bei dieser Band auch besonders ausgeklügelt. Denn der Wille, eigentlich nicht mit marktschreierischem Pop-Appeal aufzutreten, ist bei diesem Trio besonders ausgeprägt. Rein gar nichts, was über die Musik und die kunstvoll an deren Ästhetik angepassten Fotos hinausgeht, lässt diese Band nach außen. Sängerin Ly Nguyen sowie die beiden Instrumentalisten Rico Sperl und Matthias Zimmermann geben sich verschlossen, sie sind genauso wie ihre Musik. Sie übernehmen die Maschinen-Fixierung der Industrial- und Drone-Szene, wenn den Song „To have and to hold“ als Titelbild eine Detailaufnahme eines Krans ziert; mächtig, roh und düster und natürlich in Schwarz-Weiß. Die Musik dazu ist minimal arrangiert: einzelne Bass-Töne, leicht verzerrt, dazu ein Feedbacksirren, ein stumpfes Schlagzeug und langsam voranschreitende Rhythmik. Ly singt dazu mit dunklem Timbre von Verlust. Doch Paar haben es eben doch recht gut raus, bis zu welchem Grad sich das Verstecken lohnt. Denn ihre Musik hält trotzdem genug Inhalt bereit, um den Hörer zu binden. So liegen in ihrem Minimalismus feine Melodien, „There is someone who cares, with a heart of gold“ singt Ly dazu passend später im Song. Das goldene Herz musikalisch hörbar zu machen, das ginge zu weit, doch die Ahnung davon liegt in der Musik – vor allem auch in den mehr treibenden Songs, deutlich inspiriert vom Postpunk der Achtzigerjahre, voller Hall, Noise und Echo und dennoch mit einem nicht unerheblichen Maß an Pop-Appeal.

Seit 2016 spielt das Trio zusammen. Angefangen haben sie als ein reines Internet-Computer-Projekt, weil die Bandmitglieder in verschiedenen Städten lebten. Und obwohl sie jetzt alle in München wohnen und proben, blieb das Kühle und Distanzierte in den Songs bestehen. 2017 veröffentlichten sie eine EP, die Produktion einer zweiten haben sie für dieses Jahr geplant.

Die Verschlossenheit ihrer Ästhetik kommt gut an. Vor allem in den Kreisen, die sich dem Mainstream per Lebeneinstellung verschließen. Die folgen Paar gerne in den Nebel, den sie als Bühnenshow genauso einsetzen wie in ihrer Musik. So begleiteten sie etwa die Verleihung des „zwei:eins“-Kunstpreises in der Akademie der Bildenden Künste oder spielten in einem opulenten Saal im Hotel-Projekt Lovelace. Das beschert Paar nicht nur recht dekorative Bandfotos, wenn sie – verschlossen und schwarz gekleidet – in imperialem Ambiente stehen, sondern auch eine gewisse Aufmerksamkeit. Am Freitag, 19. Januar, präsentieren sie ihr erstes Musikvideo in der Roten Sonne. 

Stil: Post-Punk
Besetzung: Ly Nguyen (Gesang), Rico Sperl (Bass, Drum Machine, Synthesizer), Matthias Zimmermann (Gitarre)
Aus: München
Seit: 2016
Internet: www.paarmusic.bandcamp.com

Text: Rita Argauer


Foto: Michele Di Dio

Band der Woche: Swan Valley Heights

image

Stoner-Rock ist das Genre des Trios Swan Valley Heights. Ihr Sound ist eine psychedelisch-einlullende Art der Rockmusik.  Auch wenn in München keine Hitze herrscht wie dort, wo der Musikstil herkommt, bringt die Band das Gefühl rüber, als wäre man in der Wüste.

Es ist schon interessant, wie eindeutig manche Musikstile geografisch verortet sind. In der alpinen Musik klingen etwa die Hörner, weil sich eben so Töne gut über das Echo der Gipfel hinweg tragen. In Osteuropa wird eher in Moll gespielt, wenn man tanzt, gerne auch mal in Taktarten, die für Mittel- und Westeuropäer scheußlich zu zählen sind, weil die alles, was über Dreiviertel- und Viervierteltakte hinaus geht, nicht im Rhythmusgefühl haben. In den USA ist die geografische Verortung der Musik im Country wiederum textlich ausgesprochen präsent. Wie gerne wird da doch ein bestimmte Stück Land als Sehnsuchts- und Heimatort besungen. Der etwas biedere und patriotische Aspekt, der da mitschwingt, ist eigentlich viel zu altbacken, um so etwas wie Pop-Appeal zu entwickeln. Doch irgendwo zwischen Country-Rock und der Verweigerungshaltung des Punks konnte sich in den USA der Stoner-Rock als Musikstil entwickeln. Der geografische Sehnsuchtsort ist hier dementsprechend etwas unwirtlich: Denn im Stoner-Rock dient die Wüste und all die darum gesponnenen Assoziationen – von lethargischer Hitze bis Goldgräber-Romantik – als Verortung.

Dass München eine sehr vitale Stoner-Rock-Szene hat, parallel zu der Kaliforniens, verwundert erst einmal. Doch Colour Haze, die sich 1994 gründeten, legten wohl den Grundstein dafür, dass heute Bands wie die Swan Valley Heights in München einen Sound produzieren, der all die trockene Hitze in sich trägt, die in München nur herrscht, wenn alle paar Jahre durch ein seltenes Wetterphänomen ein bisschen Sahara-Sand durch die Stadt weht.

Bei den Swan Valley Heights, die seit 2014 zusammen spielen, treffen verlangsamte Hardrock-Gitarrenriffs auf ein schleppendes Schlagzeug und einen rollenden Bass. Der Klang ist warm, die Verzerrungen gehen nie ins Kreischende. Wer Stoner Rock richtig spielt, erschafft eine psychedelisch-einlullende Variante der Rockmusik, die den Druck, aber nicht die Aufregung herkömmlicher Rockmusik vermittelt. Den Swan Valley Heights gelingt das so, dass man das Gefühl hat, die drei Musiker verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit, in staubigem Sand herum zu liegen und Whiskey zu trinken.

„Stoner-Rock ist als Genre viel umspannender, als man vielleicht denkt“, erklärt Gitarrist und Sänger David Kreisl. Ihm sei es dabei wichtig, ein wenig mit den Klischees dieses Genres zu spielen und zu versuchen, andere Einflüsse zuzulassen, denn „Stoner kann auch schnell eintönig werden“, sagt er. Ein bisschen von diesem Witz und vor allem der Selbstreflexion dringt dann auch auf dem ersten selbstbetitelten Album des Trios durch. Nicht nur wenn das zweite Stück – völlig unpassend für den Wüsten-Kosmos – den Titel „Alaska“ trägt. Musikalisch ist dieses Stück auch prompt ein bisschen schneller und ein bisschen drängender. Und spätestens wenn David dann mit einer verhallten und ein bisschen unterkühlten Stimme zu singen beginnt, zerschellen die Macho-Klischees des Stoner-Rocks deutlich an der Zerbrechlichkeit, mit der er die Stimme in die Musik setzt.

Ähnlich positioniert sich David auch in seiner Textarbeit: Er schreibe über Themen, die ihm wirklich wichtig seien: „Wir alle investieren zu viel in das Ganze und mir ist die Musik viel zu wichtig, um am Ende von Brüsten und Autos zu singen.“ Die Szene für Stoner-Rock ist dabei für eine Nische doch recht groß – die Swan Valley Heights waren schon zwei Mal auf Deutschland-Tour. Nun wollen sie sich ihrem zweiten Album widmen.

Stil: Stoner-Rock
Besetzung: David Kreisl (Gitarre, Gesang), Andy Heib (Schlagzeug, Keyboards), Chris Schmidt (Bass)
Aus: München
Seit: 2014
Internet: www.swanvalleyheights.bandcamp.com

Text: Rita Argauer


Foto: Agathe Riener, Hunger und Simmeth GmbH

Band der Woche: Call it a Wasteland

image

Call it a Wasteland hat „nie versucht, nach einer Band zu klingen oder in eine Musikrichtung zu passen“.
Ihr harter Musikstil passt zu ihren emotionalen Themen: Verlust, Hass und Schmerz.

Orakel zu sein, ist heute keine Kunst mehr. Zumindest nicht, wenn das Orakel die Pop-Trends der kommende Jahre voraussagen soll. Denn mittlerweile funktioniert die Erschaffung einer Pop-Gegenwart mittels der Ästhetik der Vergangenheit überraschend verlässlich. Vor ein paar Jahren, auf dem Höhepunkt des Achtzigerjahre-Revivals, äußerten ein paar kühne Kulturpessimisten, dass nicht etwa im Anschluss wieder irgendjemand nach einer neuen Ästhetik forschen würde, sondern dass – schön chronologisch die Vergangenheit abschreitend – schon bald die Neunzigerjahre zurück in die Zukunft kehren werden. Die Modewelt war dann anschließend mal wieder der Pionier, der Baby-Doll-Kleidchen, Karohemden und Doc-Martens-Schuhe zurück an den modernen Großstadt-Menschen heftete. Und nun taucht nach und nach der passende Soundtrack zur Neunzigerjahre-Retrotopie auf: Gitarrenfokussiert und authentizitätsverliebt klingen derzeit einige Bands, was unter diesem Aspekt ein wenig paradox erscheint, weil die große Wut der Grunge-Bands ja gerade deshalb so authentisch wirkte, weil sie nach einem Jahrzehnt popmusikalischer Reduktion mittels Künstlichkeit überraschte. Aber eine gewisse Wut und Wucht kann man auch wieder ganz gut brauchen. Inwiefern die ein authentischer Ausdruck einer im Ganzen derzeit recht braven Jugend ist, sei mal dahingestellt.

Lieber hört man die Münchner Band Call it a Wasteland. Da tönt schon der Name, dass man hier nicht gedenkt, sich mit hübsch-braver Indie-Musik auszuruhen. Dementsprechend brechen die Gitarren im ersten Track der im Oktober veröffentlichten Debüt-EP des Trios mit unverhohlenen Metal-Anleihen herein. Denn das muss man sich bei aller Zerbrechlichkeit, die etwa die Musik von Nirvana trotz der Wucht hatte, bewusst machen: Grunge und Alternative setzen sich im Prinzip aus Hardrock, Metal und Punk zusammen. Und Call it a Wasteland setzen genau da an. Auf den für die Trio-Besetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug erstaunlich dichten Sound singt die Gitarristin Tooney Pham mal entspannt und mit warmen Timbre, mal hymnisch und zweistimmig mit dem Bassisten Johannes Rest und mal drängend und brechend an der Grenze zum Schreien. Das erinnert an Bands wie Veruca Salt oder Soundgarden. Und vielleicht auch an Queen Adreena, allerdings waren die exzessiver.

Doch die drei Musiker von Call it a Wasteland, die jetzt alle Mitte 20 sind, wurden gerade geboren, als der Grunge seine Hochphase hatte. Und das ist vermutlich der Grund, warum die Musik von Call it a Wasteland nicht nach einer vergangenheitsbesoffenen Cover-Band klingt. „Wir haben nie versucht, nach einer Band zu klingen oder in eine Musikrichtung zu passen“, erklären sie. Sie haben sich über einen Facebook-Post von Tooney gefunden, als sich deren vorherige Band aufgelöst hatte. Der härtere Musikstil ergibt sich auch aus dem Themenspektrum, das sie kreativ bearbeiten: „Die Songs kreisen hauptsächlich auf emotionaler Ebene um Dinge wie Verlust, Hass, Schmerz und eine Fuck-You-Attitüde.“ Und in manchen Stücken ihrer EP „Neurocytes Collide“ gelingt es ihnen herrlich, sich aus bisweilen etwas vorhersehbaren Strukturen zu lösen und ganz anhand der von ihnen gesetzten Themen zu musizieren. Etwa im Song „Ghosts“, dessen Gitarrenlinien zu Beginn ein wenig in die Indie-Ecke kippen, der sich aber dann in einer ewigen Steigerung zu einem spukenden Geisterstück aufschwingt. In Tooneys Stimme ist dann ein Streben zu hören, von dem man mehr hören will. Jetzt planen sie erst einmal Konzerte zu spielen, etwa am Donnerstag, 4. Januar, mit weiteren Rumpel-Gitarren-Bands im Münchner Club Rumours. 

Stil: Grunge/Alternative
Besetzung: Tooney Pham (Gesang, Gitarre), Johannes Rest (Bass, Gesang), Julian Heller (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2015
Internet: www.callitawasteland.bandcamp.com

Text: Rita Argauer


Foto: Benedikt Rest

Magische Momente, authentische Auftritte

image

Welche Musiker fallen in München auf? Jeden Montag stellen wir auf der Junge-Leute-Seite die „Band der Woche” vor. Zehn Bands, die in den vergangenen Monaten von sich reden machten, stehen nun zur Wahl für die „Band des Jahres” – ein Überblick:

Für Pop aus München sind wir regelmäßig unterwegs: Wir schauen bei den Konzertbühnen dieser Stadt vorbei. Wir besuchen Proberäume und durchkämmen das Internet. Von daher wissen wir meist, welche Bands in München auffallen und von welchen Bands man in Zukunft hören wird – nachzulesen jeden Montag in unserer Rubrik „Band der Woche“. Ende des Jahres gehen wir einen Schritt weiter. Wir haben zehn Bands, die uns in diesem Jahr aufgefallen sind, ausgewählt für die Wahl zur „Band des Jahres“. Die Facebook-Abstimmung läuft bis Ende Januar. Hier die zehn Bands im Überblick:

Matija
Indie-Pop

image

Das Gefühl kennen die Musiker noch aus ihrer Anfangszeit, als sie sich noch The Capitols nannten: Die Stimmung im Münchner Club Strom kocht, junge Frauen stehen in der vordersten Reihe und schmachten den Frontmann an, der sich betont cool inszeniert; der Traum von präpotenten Jungs. Neu ist: Sänger Matija, nach dem jetzt die Band benannt ist, wird gerade auf den Armen der Fans durch die Halle getragen. Matija wird als das nächste große Münchner Indie-Ding gehandelt. Die Songs haben Hit-Potenzial, poppige Melodien treffen auf einprägsame Gitarrenriffs – die Fanliebe scheint nicht zu erlöschen.
Foto: Rue Novelle


Klimt
Soul-Pop / Singer-Songwriter

image

„Um sich weiterzuentwickeln, muss man manchmal allein sein.“ Das sagt Verena Lederer, Sängerin von The New Colossus, die man mittlerweile viel häufiger mit ihrem Soloprojekt Klimt auf Münchens Bühnen bestaunen kann. Melancholische Melodien am Klavier treffen auf eine soulige Stimme, verraucht und auch ein bisschen verrucht, brechend, aber dennoch immer sicher. Um sich weiterzuentwickeln, muss man auch Risiken in Kauf nehmen. Dieses Jahr hat die 25-Jährige ihre Festanstellung als Beauty-Redakteurin gekündigt, um Musik zu studieren. Foto: Ar Hart

King Pigeon
Indie-Pop

image

Das Atomic Café gibt es nicht mehr. Das ist schade. Aber immer wieder tauchen junge Musiker auf den Münchner Bühnen auf, die in dem ehemaligen Britpop-Club ihre musikalische Unschuld verloren haben und dort mit der Musik sozialisiert wurden, die sie heute selbst spielen. Bei King Pigeon heißt das: treibendes Schlagzeug samt Bass, funkig-kratzige Gitarrenriffs, ein etwas aufgerauter Grundklang, melodiöser Gesang und vor allem live viel Druck und Energie. Dazu erzählen die Musiker etwas vertrackte Liebesgeschichten. Wie damals im Atomic Café – nur hier von Dauer. Und das ist gut so. Foto: Sebastian Menacher

Ni Sala
Bluesrock

image

Auf einmal steht die Welt Kopf. Auf dem Boden sind ein Schlagzeug, der Bass, die E-Gitarren zu sehen, an der Decke hängen auf diesem Bandfoto die Musiker. Oder anders herum. Eine Täuschung, und das passt sehr gut zu Robert Salagean. Vor noch gar nicht so langer Zeit wollte er weg aus München, weg aus dem spießigen Deutschland mit all seinen Verpflichtungen. Längst ist er wieder zurück – mit neuer Musik und seiner neuen Band Ni Sala, die diese Stadt um einiges spannender macht: Post-Weltenbummler-Bluesrock mit ausladenden Hippie-Phrasen und fetten Gitarren-Riffs. Foto: Luis Zeno Kuhn

Liann
Singer-Songwriter

image

Kilian Unger ist alles, nur kein Punkrocker. Als Singer-Songwriter nennt er sich Liann, er singt deutschsprachige Lieder, einfache, aber poetische Texte über sein Viertel, seine Freunde, seine Kindheit, seine Kneipen. Sein Auftreten, seine Texte, seine Musik – all das macht Liann zu einer Figur, die nicht unnahbar erscheint. Ein bisschen holt er so eine nostalgische Schlager-Ästhetik in den Indie-Lifestyle. Authentisch könnte man das aber auch nennen – ein Wert, für den Plattenfirmen viel Geld ausgeben, eine Ausstrahlung, die man zum Glück nicht kaufen kann. Mit seinem Lied „Eismann“ hat er zum Beispiel das Herz von Sportfreunde Stiller-Manager Marc Liebscher berührt, es folgten Auftritte im Vorprogramm der Sportfreunde und der Rapperin Fiva. Aber auch sein Auftritt beim Festival „Sound Of Munich Now“ war umjubelt – auch von Tobias, Gitarrist der Punkrock-Band Todeskommando Atomsturm. An sich höre er nur Punkrock, sagt der, aber die Musik von Liann, „die hat mich berührt“. Foto: Victoria Schmidt

Beta
Hip-Hop

image

Weg vom Wilde-Kerle-Image, raus aus der Komfortzone. Als nach dem dritten Album – der Debüt-Platte bei Sony – die Karrierechancen von Exclusive eher als gering eingeschätzt wurden, starteten Schlagzeuger Christian Rehländer und Bassist Markus Sebastian Harbauer mit der herrlich störrischen Hip-Hop-Band Beta. Eine Bandbesetzung aus Gitarre, Bass, Elektronik und Schlagzeug trifft dabei auf den Aggro-Berlin-sozialisierten Rapper Sebastian Grünwald. Funk-Licks, dröhnende Elektro-Bässe und Gitarren-Soli sind genauso Teil des Konzepts wie Raps und die dem Hip-Hop so eigene Überheblichkeit: „Ich hab’ lieber kein Style als Dein’ Style“, lautet die erste Punchline, mit der das Quartett aufbricht und die konsensverwöhnte Münchner Szene ein bisschen aufwirbelt. Das macht in erster Linie großen Spaß und kann erfolgreich werden – im kommenden Jahr gehört die Aufmerksamkeit trotzdem wieder Exclusive, die jetzt doch eine weitere Platte bei dem Major-Label veröffentlichen. Foto: privat

Zum Video

Eliza
Alternative-Pop

image

Feen-Pop mit sphärischen Klängen. Melancholischer Alternative, märchenhaft und düster, laut und leise, süß und sauer. Die Musik von Eliza verbindet Elemente, die auf den ersten Eindruck nicht zusammenpassen – und doch öffnet sich mit jedem Song eine gewisse Magie, vorausgesetzt, man lässt sich darauf ein. Im Mittelpunkt steht Sängerin Elisa Teschner. Auf einem der Bandfotos steht die Sängerin in schwarz-rotem Spitzen-Outfit vor einem See, gesäumt von Tannen und einem etwas verhangenen Himmel – „Game of Thrones“ lässt grüßen. Dieses groß angelegte Fantasy-Reich findet sich auch in der Musik – und muss jetzt noch den Weg aus dem Labyrinth finden. Dafür setzt die Musikerin auf Neuausrichtung: In der zweiten Jahreshälfte 2017 wurden der Produzent und Musiker ausgetauscht, die Musik klingt nun elektronischer. Dementsprechend wird sich 2018 auch abseits der Musik einiges ändern. Es soll einen neuen Look geben, verspricht Elisa. Und auch der Bandname wird sich verändern, Eliza heißt dann were here. Foto: Conny Mirbach

Zum Video

Paul Kowol
Singer-Songwriter

image

Die Namensänderung ist noch nicht vollzogen. Aber da sich neben Gerald Huber (Cat Sun Flower, Triska) nun auch Sportfreunde-Manager Marc Liebscher um die Zukunft von Singer-Songwriter Paul Kowol kümmert, wird das nicht mehr lange dauern. Liebscher ist ein Freund prägnanter Bandnamen, so wurde aus Spunk später die erfolgreiche Formation Fertig, Los!, und aus der List-Nachfolgeband die Combo 50/50. Das ist alleine schon deswegen erwähnenswert, weil sich Paul Kowol als Künstler schon einprägen soll, wenn seine Songs im Radio gespielt werden – und das wird wohl in nicht allzu später Zukunft passieren. Paul Kowol umgarnt mit klassischen Popsongs und überbordenden Liebesliedern sein Publikum. Der Grat ist schmal, auf dem er sich bewegt, er macht Mainstream-Musik, die auch nichts anderes als das sein will. Doch sein musikalisches Niveau ist hoch. Er lässt seinen Gesang vom Singen ins Erzählen kippen, so etwas kann man nicht trainieren, so etwas kann man nicht lernen. Das ist ein Grundgespür, das hoch begehrt ist. Zuletzt kamen immer wieder Produzenten für ein paar Tage in einen Münchner Vorort, um mit Paul an Songs zu arbeiten, um Songs aufzunehmen. Bald soll es an die Öffentlichkeit gehen. Der zuletzt favorisierte Bandname: Paul. Einfach und prägnant. Foto: Walter Hämmerle

Zum Video

Swango
Hip-Hop

image

Es lässt sich jetzt nicht überprüfen, aber vielleicht ist Swango in China die erfolgreichste Münchner Band – zumindest, was die Anzahl der verbreiteten Videos betrifft. Und das kam so: Die drei Musiker von Swango spielten diesen Jahr beim Festival „Sound Of Munich Now“. Die Besucher lauschten dem mitreißenden Hip-Hop der Band und wunderten sich, woher der Beat kommt. Links auf der Bühne stand Skill-Gott Heron, ein Stepptänzer und in diesem Fall ein menschlicher Beat-Generator. Das hat man in München zuvor nicht gesehen, ebenso wenig die Gäste aus Hongkong – erstmals spielten internationale Bands bei diesem Festival. Die holten bereits beim Soundcheck ihre Kameras hervor und drehten Videos von den Rap-Stücken mit der Stepp-Einlage, die vielleicht seitdem in China viral gehen. Aber Swango ist mehr als eine musikalische Zirkusnummer. Mänekin Peace, englischer Muttersprachler, ist einer der besten Rapper Münchens, flankiert durch Akustikgitarre und Stepp-Beats kommt sein Ausnahmetalent umso mehr zur Geltung. Foto: David Weichelt

Zum Video

Chaem
Art-Pop

image

Zwischen diesen beiden Momenten liegt fast ein Jahr: Im Januar stand die Musikerin Chaem auf der Bühne im Muffatwerk, sprang als Sängerin von Flor and the Sea barfuß über die Bühne, eine Pop-Elfe. Nun, im Dezember ihr erster Auftritt mit ihrem Soloprojekt. Nein, sie steht in ihrem roten Kleid nicht starr auf der Bühne – sehr präsent ist sie, aber bei weiten nicht mehr so ausgelassen wie früher. Das liegt auch an ihrer Musik, die man derart vertrackt und gleichzeitig modern selten in München erlebt. Ihr Elektro-Pop ist versponnen, unter vereinzelte Klavier-Klänge legt sie Beats. Keine schnellen Beats. Vielmehr zähmt Chaem die Drum ’n’ Bass-Beats und fügt sie ganz zärtlich zu den harmonisch suchenden Akkord-Welten hinzu. Und auch ihren Up-Tempo-Song „Carrousel“ bremst sie. Die Ausgelassenheit wird nur angedeutet, aber am Ende bleibt die Melancholie. Foto: Christin Büttner

Zum Video


Text: Rita Argauer und Michael Bremmer

Band der Woche: Agency

image

Die fünf Jungs von Agency kennen sich von klein auf und machen nun zusammen Musik. Musik, bei der die Musiker und das Publikum darin schwelgen können. Eine klassische Indie-Band ist das Quintett trotzdem nicht:
„Prinzipiell ist es doch einfach schön, wenn man als Musiker ein Publikum erreichen und bewegen kann.“

Es gibt zwei Arten von Musikern. In der Popmusik genauso wie in der Klassik oder im Jazz. Da gibt es diejenigen, die Musik machen, weil sie den Moment genießen, wenn die Musik aus ihnen heraus entsteht und den Musiker klanglich und räumlich umhüllt. Und es gibt diejenigen, die den Prozess dessen, was sie da gerade machen, in die Musik mit einfließen lassen. Rein von der Seite der Kritik her gesehen, sind Zweitere klar im Vorteil. Die Interpretation der Kunst wird in der Kunst quasi gleich mit geliefert. Wenn dieses Konzept aufgeht, entstehen tolle, um sich selbst herumkreisende, intelligente Kunstwerke. In vielen Fällen aber entsteht auch nur augenzwinkerndes, unangreifbares und langweiliges Zeug, dessen Geistesblitze nicht hell genug sind, für die bleierne Schwere, die sich durch dieses mehrfach gedrehte ironische Aufladen um die Kunst herum legt. Gerade in Deutschland gibt es seit circa zehn Jahren Musik, die bisweilen regelrecht versinkt in derartigen postironischen und unangreifbaren Windungen.

Die Münchner Band Agency ist von der anderen Sorte. Ihre Musik wird geschrieben, damit die Musiker beim Musizieren darin schwelgen können, genauso wie im Idealfall das Publikum. Erst einmal muss man dem Quintett also einen gewissen Mut zusprechen, dass sie ohne doppelten Boden agieren. Seit 2015 spielen sie in dieser Formation zusammen, kennen sich von Kindheit und begeben sich völlig ernst und nicht referenziell auf die Suche nach klanglichen Details, die ein derartiges Schweben in der Musik begünstigen: Up-tempo-Gitarren-Pickings und Gesangslinien, die mehr als dahingeworfene Wortbrocken sind zum Beispiel. Oder Melodien, die ihren Linien und Phrasierungen alle Ehre machen, weil sie tatsächlich ein harmonisches Ziel verfolgen, das letztlich eben zu einer musikalischen Erfüllung führen kann. Auf ihrer ersten EP „Streetlights“ gehen Agency genau diesen Weg: Inspiriert von den Indie-Bands der frühen Nullerjahre finden sich darauf fünf Songs. Jeder für sich sucht und findet eine musikalische schlüssige Linie. Die Band um Sänger Alex Hackinger macht sich dabei die Mühe, auf musikalische Einfälle zu setzen und nicht auf Zitate oder Versatzstücke und all diese anderen postmodernen Stilmittel, die nun nach 30 Jahren Postmoderne auch ein bisschen zum Handwerkszeug verkommen sind.

Man macht sich jedoch auch angreifbar mit einer solchen Herangehensweise. Denn natürlich hat man das alles so schon mal gehört. Agency erfinden keinen neuen Musikstil. Und sie sparen es sich, ein Sicherheitsnetz aus Ironie und Referenzbewusstsein um ihr Kunstwerk spinnen. Die Kunst, in der man schwelgen soll, liegt entblößt da und muss sich Fragen nach ihrem Inhalt und ihrer Qualität gefallen lassen. Doch Agency gehen damit ganz gelassen um: „Prinzipiell ist es doch einfach schön, wenn man als Musiker ein Publikum erreichen und bewegen kann. Deshalb sehen wir das nicht so eng mit Klassifizierungen“, erklären sie, auch dazu, wie man sich als klassische Indie-Band heute positioniert. „Viele unserer Songs beschäftigen sich mit dem Aufwachsen und Älterwerden, Freundschaft spielt eine große Rolle, aber auch andere Alltäglichkeiten, die uns im Leben beschäftigen“, sagen sie, und einige Songs hätten auch durchaus eine politische Botschaft. 

Stil: Indie
Besetzung: Alexander Hackinger (Gesang), Julian Hackinger (Gitarre), Maximilian Vogel (Gitarre), Philipp Kostanski (Bass), Franz Niedermaier (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2015
Internet: www.agencymusic.de

Text: Rita Argauer

Foto: privat

Band der Woche: Manatees Fight Club

Manatees Fight Club hat sich sowohl dem Grunge als auch dem Indie verschrieben. In ihren Songs mischen sie soziale Themen mit surrealen Szenen, denn “der Spaß sollte bei der Musik nie fehlen und ein bisschen Selbstironie hat noch keiner Band geschadet”.

Dass Popmusik richtig lustig wird, ist selten. Außer im Hip-Hop, der es durch seine bisweilen sowieso recht theatrale Form ermöglicht, dass die Musiker auf der Bühne zu Kunstfiguren werden. Im Indie-Rock hingegen ist Humor, vor allem einer, der sich auch einmal gegen den Künstler selbst richtet, eher schwierig. Denn Indie möchte den Hörer berühren, ihn mitnehmen, sein Seelenleben durchrütteln. Dass einem Künstler, der sich selbst nicht ernst nimmt, so etwas gelingt, ist außergewöhnlich. Doch im Grunge gab es Anfang der Neunzigerjahre Bands, denen das gelang. Etwa Nirvanas wesentlich unbekanntere Zeit- und Stilgenossen Mudhoney oder die Supersuckers schafften es, sich selbst auf die Schippe zu nehmen und dabei gleichzeitig zu vermitteln, dass sie es mit ihrer Musik durchaus ernst meinen.

Nun ist in München eine Band aufgetaucht, die als Selbstbeschreibung einen Text aus dem Kindler Tier-Lexikon wählt: „Manatees (zu deutsch Manatis) sind Säugetiere und gehören zu den Seekühen. Sie sind sehr friedliche, neugierige und zutrauliche Tiere. Ihr Leben besteht aus Essen, Schlafen und mit Artgenossen Schmusen“, schreibt die Band Manatees Fight Club auf ihrer Homepage. Doch Kuschelrock hat hier keiner zu erwarten, denn folglich seien diese süßen Seekühe für die fünf Musiker die richtigen Lebewesen, die sie in die Kampfarena illegaler Tierkämpfe schicken würden. Zumindest mit ihrem Bandnamen und dem Bandlogo, in dem eben jene Tiere in blutrot gefärbtem Wasser zum Zweikampf antreten.

Willkommen in dem schrägen Universum, in dem sich das Quintett stilistisch positioniert. Sänger Michael Seitz und Gitarrist Felix Weißl sind für die Texte verantwortlich. Soziale Themen wie Straßenarmut oder Depression mischen sie mit absurden Songideen und surrealen Szenen: „Der Spaß sollte bei der Musik nie fehlen und ein bisschen Selbstironie hat noch keiner Band geschadet“, erklären sie. Doch wenn man das dann als eine Mischung aus Grunge und den Libertines musikalisch vorgetragen hört, zeigt sich die Kehrseite: Schwere und verlangsamte Gitarrenriffs treffen auf tief-röhrenden Gesang, Moll-Harmonik und Mitteilungsbedürfnis brechen sich an zur Schau gestellter Slacker-Attitüde und einer zelebrierten Outsider-Rolle. Die Musik von Manatees Fight Club schwingt permanent zwischen Würde und Loser-Einstellung. Das führt zu einer Ironie, die der von Becks Slacker-Hymne „Loser“ sehr viel näher ist, als den ironischen Distanzierungen, die die Popwelt von 2000 an erfuhr.

Drei Songs haben Manatees Fight Club, die sich Anfang 2017 in ihrer jetzigen Besetzung zusammenfanden, bislang aufgenommen. Die Musik ist präsent und drückend produziert. Derzeit suchen sie ein Label und planen, ein Album aufzunehmen. Doch neben dieser klassischen Herangehensweise drückt auch da wieder dieser spezielle Humor aus postpubertärem Jungswitz und einer wohltuenden Verweigerungshaltung durch: „When you go out, don’t be yourself“ singen sie und schreiben Nirvanas Wunsch „Come as you are, as you were, as I want you to be“ weiter. Dabei halten sie sich nicht mit Kleinigkeiten auf, sondern veröffentlichen ein Manatees Fight Club Memory-Spiel zum Ausdrucken, das sie mit einer ähnlichen Vehemenz bewerben wie ihre Musik.

Stil: Grunge/Indie
Besetzung: Michael Scheitz (Gesang), Johannes Knebl (Lead-Gitarre), Felix Weißl (Rhythmus-Gitarre), Martin Berger (Bass), Bernhard Geiger (Schlagzeug)
Aus: München/Altötting
Seit: 2017

Text: Rita Argauer

Foto: Michael Scheitz

Band der Woche: Ad Nemori

image

Typisch Metal ist die Band Ad Nemori nicht: melancholisch suchend und nach innen gekehrt. Die Texte thematisieren zwischenmenschliche Werte und achtvollen Umgang mit der Umgebung. Dazu eine fast symphonische Form der Musik.  Fertig ist der Achtsamkeits-Metal.

Die Pop-Welt hält doch immer wieder lustige Phänomene bereit. Etwa die deutschen Charts. Klickt man sich durch die ersten 20 Plätze der Albumcharts, finden sich etwa Helene Fischers Weihnachtsalbum, Andrea Bergs Abenteuer-Lebens-Album oder Roland Kaisers Altherrenfantasie-Album. Klar, Deutschland gilt seit jeher als Nation mit eher mäßigem Musikgeschmack. Doch dazwischen tauchen mit einer ziemlichen Konstanz alte Metalbands auf: Etwa Iron Maidens „The Book of Souls“, diese Woche frisch eingestiegen auf Platz fünf. Platz zwei belegt ein Live-Album von Black Sabbath und bis vergangene Woche war Metallicas „Master of Puppets“, deren Durchbruchsalbum von 1986, auf Platz zwölf. Es ist eine Neuveröffentlichung und Sammler-Edition, aber dennoch: Alter Metal hat in Deutschland eine ähnliche Fanbasis wie Schlager. Das ist zumindest einmal interessant, wenn man bedenkt, dass Metal im Ursprung mal eine laute und ganz und gar nicht gefällige Gegenbewegung zum Pop und insbesondere auch zur heilen Schlagerwelt war.

Auch die jungen Metaller heutzutage schreien noch, geben sogenannte Growls von sich. Doch ein Blick auf die Münchner Band Ad Nemori zeigt, dass die roh-reduzierte Gewalt und gleichzeitig tickende Präzision, die Metallica auf „Masters of Puppet“ erfanden, beinahe vierzig Jahre später einem anderen Anspruch gewichen ist. Der Metal von Ad Nemori wirkt nach Innen gekehrt, gibt sich melancholisch suchend anstelle der rohen Wut. Das Sextett schafft eine beinahe symphonische Form dieser Musik, in der die Growls und das Blast-Schlagzeug, in der die Breakdowns und die rhythmisch punktierten Gitarrenriffs den sphärischen Klangflächen gleichwertig gegenüber stehen. Ihre 2016 erschiene EP „Pyre“ beginnen sie mit Naturgeräuschen, aus denen sich eine sanft gezupfte Gitarre hinaus schält, die noch über eine ganze Weile dahin klimpern darf, von einer Keyboardlinie und einem zurückgelehnten Schlagzeug begleitet, bevor ein Schrei dazwischen fährt und man das zu Hören bekommt, was man gemeinhin unter Metal versteht. „Unsere Songs thematisieren immer wieder zwischenmenschliche Werte und Ideale sowie einen achtvollen Umgang mit allem in unserer Umgebung“, erklärt die Band, die ihre Musik als einen Anstoß zur heute „oft vernachlässigten Selbstreflexion“ sehe. Man wolle weder, dass sich die Menschheit selbst zerstört, noch, dass der Planet „gegen die Wand“ gefahren werde.

So spielen Ad Nemori also schon rein ideell gesehen in einer anderen Liga als die alten Herren, die derzeit die deutschen Albumcharts bevölkern. Deren sei ihre damalige Wut gegönnt, die hat es da gebraucht, das ist keine Frage. Doch der Achtsamkeits-Metal von Ad Nemori könnte unserer Gegenwart nicht besser entsprechen. Und so sanft, ja beinahe feingliedrig ist diese Musik auch komponiert. Dem Gegrowle von Sänger Raphael Weller stehen in diesen Songs die Keyboards gegenüber, die immer einen schwebenden Gegenpol zum Tiefen und Finsteren bieten, das dieser Musik eigentlich substanziell inne liegt. Die Musik von Ad Nemori gerät folglich in einen permanenten Gegensatz: Das Erhabene der Keyboards wird gegen die Schreie ausgespielt. Die sanft geschlagenen Glitzer-Becken reiben sich an dumpfer Double-Bassdrum-Raserei. Und dabei geschieht etwas Spannendes: Ad Nemori benutzen bekannte Metal-Codes wie die langen Haare, die schweren Gitarren und die harte Musik, sie wissen aber längst, dass diese Codes keine einzige Wahrheit mehr sind. Und so arbeiten sie damit, führen die musikalischen Gedanken fort und fügen neue hinzu. Gerade erarbeiten sie das für ein ganzes Album und suchen einen neuen Schlagzeuger. 

Stil: Achtsamkeits-Metal
Besetzung: Raphael Weller (Gesang), Stephan Preißner (Gitarre),
Oliver Pagel (Gitarre), Marco Oberbacher (Bass), Milos Ilic (Keyboard), Schlagzeug aktuell vakant
Aus: München
Seit: 2011
Internet: www.adnemori.bandcamp.com

Text: Rita Argauer

Foto: René Richter

Band der Woche: Beta

image

Eine klassische Indie-Bandbesetzung aus
Gitarre, Bass, Elektronik und Schlagzeug begegnet rotzigem Rap: „Ich hab’ lieber kein Style als Dein’ Style“ hilft da nur bedingt beim Genreverständnis zu Beta. Ist aber auch Wurscht, denn die Musik ist einfach lässig und macht Spaß.

Es ist schon erstaunlich, bei welch homogener Attitüde die Popmusik mittlerweile gelandet ist. Nicht im musikalischen Sinn, da gibt es verschiedenste Ausprägungen. Doch in gewisser Weise herrscht spartenübergreifend ein beinahe irritierender Konsens, bloß nicht zu sehr anzuecken. Schon bei Bands, die auf Underground-Niveau anfangen, zeigt sich eine derartige Angepasstheit. Indie bedeutet nicht mehr unabhängig, sondern steht für freundliche Wesen, die hübsche und bisweilen eben auch ziemliche glatte Musik spielen, die der Elterngeneration genauso gefällt wie den Gleichaltrigen. Wenn sich dann erst eine Plattenfirma einschaltet, werden oft letzte Brüchigkeiten geglättet. Anschaulich zeigt sich das bei der Karriere der Münchner Band Exclusive. Die begannen als Indie-Band, die erfolgreich die Codes der älteren Generation reproduzierte, fanden dann aber auf dem Album „Nachtmensch“ zu einem überraschend eigenständigen und nicht immer ganz konformem Ausdruck. Es klopfte das große Label an, auf dem Nachfolge-Album versuchten sie Rebellionsgestus und Mainstreamproduktion zu vereinen, was ästhetisch in einem seltsam glatten Zwischenstatus hängen blieb.

Den Rebellionsgestus suchen sich nun Exclusive-Schlagzeuger Christian Rehländer und deren Bassist Markus Sebastian Harbauer in einer neuen Combo: die herrlich störrische Hip-Hop-Band Beta. Eine Bandbesetzung aus Gitarre, Bass, Elektronik und Schlagzeug trifft dabei auf den Aggro-Berlin-sozialisierten Rapper Sebastian Grünwald. Funk-Licks, dröhnende Elektro-Bässe und Gitarren-Soli sind genauso Teil des Konzepts wie Raps und die dem Hip-Hop so eigene Überheblichkeit: „Ich hab’ lieber kein Style als Dein’ Style“, lautet die erste Punchline, mit der das Quartett aufbricht und die konsensverwöhnte Münchner Szene ein bisschen aufwirbelt. Mit der Szene wollen sie aber sowieso nicht viel am Hut haben: „Wir schreiben uns keiner spezifischen Szene zu und versuchen uns auch nicht krampfhaft in einer Szene zu etablieren“, sagen sie und positionieren sich anschließend erfrischend gegen die Lobhudelei, die in manchen Kreisen eben sämtliche Kreativität erstickt, weil man die Dinge nur noch so macht, dass sie den anderen gefallen könnten: „Wir halten nicht viel von einem Freundeskreis, der sich nur deshalb abfeiert, weil er in die selben Bars geht oder die gleiche Musik hört oder macht. Das ist wack.“ Eine klare Ansage.

Auch in ihren Zielen zeigen sie sich differenzierter als manch eine Band, die ein klares Marketing-Konzept verfolgt. Anstatt sich leicht einordnen zu lassen und sich eine Attitüde vorzugeben, der potenzielle Fans dann folgen könnten, provozieren sie lieber ein bisschen: „Übertriebene Ernsthaftigkeit macht dich unflexibel“, sagen sie und erklären, dass sie sich lieber nicht festlegen, sondern sich Raum lassen, in dem sie auch mal versagen können. Doch eine solche Haltung verleiht der Musik die nötigen Furchen, die sie interessant macht. Die musikalische Herangehensweise, einen Rapper in Bandgefüge zu packen, ist dabei an sich nicht neu: Ende der Neunzigerjahre fanden sich Rapper in sämtlichen Crossover-Geschichten, angefangen bei den Beastie Boys oder in Genres wie Nu-Metal. Doch Beta sind weit entfernt von einer Retro-Band. Ihre Musik entspringt der Gegenwart; das ist auch etwas, was sie abhebt. Denn Retro-Ästhetik ist genauer betrachtet auch nur die Suche nach einem Generationen-überspannenden Konsens.

Beta hingegen arbeitet gerade an ihrem Debüt-Album und präsentiert sich am Donnerstag, 7. Dezember, in dieser Besetzung das erste Mal live im Münchner Club Rumours.  

Stil: Rap/Elektro/Funk
Besetzung: Sebastian Grünwald (Raps), Markus Sebastian Harbauer (Bass, Produktion), Daniel Kohn (Gitarre), Christian Rehländer (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2016
Internet: www.facebook.com/betamuenchen


Text: Rita Argauer


Foto: privat