Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Marietta

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Unsere Autorin ist zwar sehr im Praktikum eingespannt, doch trotzdem leidet ihre Abendplanung nicht darunter. Neben einem Kurzfilmfestival in der Muffathalle, besucht sie natürlich die Ausstellung

10 im Quadrat – Reloaded

im Farbenladen und verbringt die restlichen Abende musikalisch.

Zur Zeit sind meine Tage zwar geprägt durch qualvoll frühes
Aufstehen, aber jeden Morgen, wenn ich die Snooze-Funktion des Weckers mal
wieder ausreize, motiviert mich dann doch die Vorfreude auf eine wunderbare
Abendplanung zum Aufstehen, die so einen anstrengenden Praktikumstag schnell
vergehen lässt. Denn in einer Stadt wie München, in der es eine derart große
Auswahl an Veranstaltungen gibt, verdirbt mir auch kein langer Arbeitstag die
Lust auf abwechslungsreiche Abende.

Doch jetzt ist erstmal Wochenende! Freitagnachmittag
stolpere ich euphorisiert aus dem Praktikum, denn ich will gleich weiter – in
der Muffathalle findet heute der letzte Abend des flimmern & rauschen statt,
ein Kurzfilmfestival, auf dem einmal pro Jahr die besten Filme der jungen
Münchner Filmszene präsentiert werden. Ich mag das Genre des Kurzfilms: durch
die eindrucksvolle Knappheit, mit der ein Thema behandelt wird, gewinnt es
meiner Ansicht nach enorm an Aussagekraft. Die Message bleibt im Kopf. Auch die
Variation ist gewaltig – die Filmproduzentinnen und -produzenten aus allen
Altersklassen, vom Schulkind bis zum Filmhochschulabsolventen, präsentieren Momentaufnahmen
aus allen vorstellbaren Lebenslagen, die junge Menschen interessieren und
bewegen. Es werden Preise von einer Jury verliehen, aber auch das Publikum darf
mit abstimmen. Auf der Heimfahrt ist die Nacht dunkel, doch der Kopf bleibt
voller bunter Bilder.

Am Samstag schaue ich auf einen Sprung im Farbenladen
des Feierwerks vorbei. Dort ist in diesem Monat die Ausstellung der SZ Junge
Leute
Seite „10 im Quadrat Reloaded“ zu sehen. Zehn junge Fotografen
porträtieren zehn junge Künstler und Models in einem persönlichen Moment,
jenseits ihres öffentlichen Auftretens. Beeindruckt lasse ich die Bilder auf
mich wirken und es lohnt sich auch noch länger zu bleiben, denn im Farbenladen
werden alle Sinne gefordert: bei einem erfrischenden Radler kann man der
entspannenden Musik von Willing Selves lauschen und Heroine Twin
zaubern aus ihren sonst eher wilderen Klängen ein einzigartiges Akustik Set.
Schließlich sorgt Sebastian Ulrich mit unterhaltsamen Texten für eine
entspannte und fröhliche Atmosphäre, Meike Harms rundet den Abend mit ihrer
verträumten aber dennoch gewitzten Poesie ab.

Ich wohne dieses Wochenende quasi im Farbenladen, denn auch
den Sonntag verbringe ich hier: als Teil des SZ Junge Leute Teams
arbeite ich heute hinter der Bar und schaue mir das Geschehen mal von der
anderen Seite aus an. Heute wird ein neuer Trend getestet: ab 16.15 Uhr gibt es
eine Runde Bier-Yoga mit Gina von Pop Up Yoga München. Ich trinke mein
Bier lieber in entspannter und bequemer Körperhaltung, doch während ich die Verrenkungen
der Besucher beobachte erscheint mir der Gedanke plötzlich sehr
nachvollziehbar, dass diese Art des Bier-Konsums offensichtlich viel Freude zu
bereiten scheint. Wann bekommt man auch schon mal eine Yoga Stunde gratis? Auch
heute werden die Kunstwerke untermalt von Musik, erst von der sanften Stimme
des Singer-Songwriters Liann, dann schließt die Band SAMT den
Abend mit einer sphärischen Stimmung zum weit weg träumen.

 Nach dem ereignisreichen Wochenende kann ich am Montag
im Praktikum kaum geradeaus schauen. Trotzdem bekomme ich als bekennender
Musikjunkie nie genug von Konzerten: schon seit Wochen wartet mein Ticket für
das Konzert von Franz Ferdinand auf seinen Einsatz. Die TonHalle liegt
mittlerweile etwas versteckt hinter der Baustelle, der das Kultfabrikgelände
weichen musste, doch noch hält die alte Konzerthalle der fortschreitenden
Verdrängung von Kulturstätten stand.

Ich bin gespannt die Indie Band endlich mal wieder Live zu
erleben, denn das letzte Mal ist viel zu lange her. Nach ihren Experimenten
unter dem Namen „Franz Ferdinand & Sparks“ war ich erfreut, dass nach 5
Jahren wieder ein Album im back-to-the-roots-Stil veröffentlicht wurde. Und
natürlich hoffe auch ein paar alte Klassiker in der Setlist zu finden – „this
fire is out of control!“

Am Dienstag verschlägt es mich wieder auf ein
Konzert, und zwar spielen Django Django im Strøm – eine meiner liebsten
Konzertlocations in München. Auch hier bin ich neugierig wie die Band ihr neues
Album „Marble Skies“ live präsentieren wird. Der für das Ensemble so typische,
zweistimmige Gesang hat einen hohen Wiedererkennungswert und macht die Band
meiner Meinung nach sehr einzigartig.

Am Mittwoch feiert der Salon Irkutsk sein
7-jähriges Jubliäum. Da ich in der Nachbarschaft wohne und hier schon einige
längere Abende zwischen den so unverkennbar blauen Wänden verbracht habe,
schaue ich auf ein Feierabendradler in der Isabellastraße 4 vorbei. Die urige,
türkisblaue Bar mit dem unlesbaren Schild über der Tür ist schon längst kein
Geheimtipp mehr und wird aus allen Nähten platzen.

Am Donnerstag muss ich mich von all den Eindrücken
der Woche erholen und die Erlebnisse verarbeiten. Ich treffe mich mit einer
Freundin in der Bar 404 page not found, die jedes Mal, wenn ich seit der
Eröffnung hierher komme, irgendetwas Neues an Einrichtungsgegenständen oder
Dekoration hinzuzugewinnen scheint. Wir erzählen uns von unseren Erlebnissen
der Woche und das kommende Wochenende muss natürlich auch geplant werden. Ich
will noch jemanden finden, der am Freitag mit mir auf die neue
Partyreihe „Plug in Beats“ ins Feierwerk gehen möchte. Das Konzept der Party:
Alle Gäste können ihr Handy an die Anlage anschließen und einen von ihnen
selbst ausgewählten Track zur Playlist beisteuern.  Der Grundgedanke ist, geflüchteten Menschen
eine Möglichkeit zu geben, mit jungen Münchnern gemeinsam zu feiern und durch
die Mitgestaltung der Playlist, die Party zu einer besonders interkulturellen
Erfahrung zu machen. Es erscheint mir super zum Musik entdecken und Kontakte
knüpfen. „Hey, du hast ‘nen coolen Song ausgewählt, woher kommt der? Erzähl mir
die Geschichte dahinter!“ Eintritt ist frei – also, worauf warten wir noch?

Foto: privat

Indie, Rock und andere Naturgewalten

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„Ni Sala“ ist Band des Jahres. Der große Gewinner ist aber München – weil es so eine spannende Musikszene gibt.

Die Haare kleben nass an der Stirn und das Gesicht ist schweißbedeckt. Die Augen sind geschlossen, das Gesicht ist verzerrt. Robert Salagean, Sänger von Ni Sala, ist ganz in der Musik versunken. Das Publikum im Bahnwärter Thiel tanzt, springt und bewegt sich zu den rockigen Klängen von Ni Sala, die gerade den Titel „Band des Jahres“ der Junge-Leute-Seite der SZ gewonnen haben. „Wir haben gar nicht damit gerechnet“, sagt Robert, „aber wir sind sehr stolz auf uns, weil Band des Jahres ein echt cooles Ding ist!“

Die Discokugeln, die von der Containerdecke hängen, drehen sich im Scheinwerferlicht und werfen kleine, weiße Punkte an die Wand. Es sieht aus wie in einer Galaxie. Im roten Kleid schwebt Martina Haider, Sängerin von Chaem, barfüßig auf die Bühne. Passend zu den Sternen an der Wand ertönen sphärische Klänge. Zu elektronischen Beats bewegt sich Martina wie in Trance hin und her. Nach ein paar ruhigen, melancholischen Nummern, stimmt Chaem den dynamischen Song „Carousel“ an und auch das Publikum erwacht.

Und mit Schwung geht es weiter. Wie Moderatorin Kathi Hartinger ankündigt, kommt „eine Naturgewalt“ auf die Bühne: Swango. Skill-Gott Heron begleitet den Gesang mit einer Stepptanzperformance auf dem Parkett, dazwischen klatscht er in die Hände. Sobald Moco Mariachi mit seiner Akustikgitarre und Manekin Peace mit dem Rap einsetzen, werden die ersten Handys gezückt, um den außergewöhnlichen Hip-Hop-Style festzuhalten. „Habt ihr ein Wort für uns?“, ruft Manekin in die Menge. „Wir machen einen Beat draus!“ Die Fans rufen: „Bahnwärter Thiel“ und „Waschmaschine“. „Es ist washmachine triangle geworden!“, ruft der Rapper, während Skill-Gott Heron einen Waschmaschinenbeat steppt. Nach dem Auftritt sind die Zugabe-Rufe so laut, dass Swango sich locker einen „Freestyle-Shit“ aus dem Ärmel schüttelt.

Währenddessen muss der U-Bahn-Waggon hinter dem Container erst noch warmlaufen. Den Auftakt macht Liedermacher Alex Döring, der mit seinem „Tiefkühltruhen-Lied“ im noch etwas kühlen Bahnwärter-Waggon eine sehr gute Stimmung vorlegt. Wie es sich für eine Münchner U-Bahn gehört, sind alle Sitzplätze belegt, Zuschauer stehen im Gang – wie zur Rushhour. Spätestens beim vorletzten Act sind auch die Fenster des Bahnwärter-Waggons beschlagen, und innen herrscht eine wohlige Wärme. Zu guter Letzt zelebriert der Kabarettist Julian Wittmann in seiner Bier-Hymne alle möglichen Biermarken in einem Song.

Zurück im Bahnwärter: Auf der kleinen Bühne schlingt Elisa Giulia Teschner gerade Lichterketten um das Mikrofon und Schlagzeug. Es entsteht eine romantische, heimelige Stimmung, die zu den sphärischen Feenklängen von Eliza passt. Besonders als Elisa zusammen mit ihrem Gitarristen Wolfgang Stefani von der Bühne direkt ins Publikum steigt. Ein „Pscht“ macht im Container die Runde. Man hört nur noch den Regen draußen und klirrende Geräusche von der Bar. Dann setzt leise die Stimme von Elisa ein, dazu Gitarrenklang – ohne Mikrofon und Verstärker. Gebannt lauschen die Zuschauer.

Unter den Zuschauern ist auch Maria Lang, 21, die die Veranstaltung auf Facebook entdeckt hat. „Ich besuche gerne Konzerte“, sagt sie. „Hier sind viele Bands auf einem Haufen. Da kann ich neue Eindrücke holen.“ So auch bei der nächsten Band, Beta. Es ist vernebelt, nur das glimmende Ende der Zigarette von Bassist Markus Sebastian Harbauer ist zu sehen. Kaum setzen die Instrumente und der Rap ein, kann keiner im Raum mehr still stehen. Körper bewegen sich hin und her, in der ersten Reihe singen Fans den Text mit. „Alle Hände mal HipHop-mäßig nach oben“, ruft Sebastian Grünwald und für die Fans gibt es kein Halten mehr. Die HipHop und Rap-Vibes sind im Container angekommen.

Auch wenn einige Fans traurig sind, dass Beta keine Zugabe spielt, freuen sich drei Mädchen in der ersten Reihe auf den nächsten Auftritt. Seit 2015 sind Daniela Wiegand, Vivian Donner und Isabel Staudenmaier Matija-Fans – leicht erkennbar an ihren weißen Matija-T-Shirts. „Die haben einen guten Style“, sagt Daniela, und Vivian ergänzt: „Wir mögen sie, weil sie nicht Mainstream sind, sondern ihr eigenes Ding machen.“ „Und sie sind live unglaublich gut“, erklärt Isabel. Das zeigt Matija auch. Sänger Matt Kovac singt eine einfache Melodie vor, die von Mal zu Mal komplizierter wird, und die Zuschauer machen es ihm nach. Das Lachen und Tanzen von Matt ist ansteckend – er reißt das Publikum mit. Die Feier steht im Mittelpunkt. Und die Münchner Musikszene.

Wie jede Band beim Verkünden ihres Votings erklärt, ist das Bewerten von Musik „echt bescheuert, weil man Musik nicht bewerten kann“. Das sagt Matt Kovac, Sänger von Matija. Und Martina Haider von Chaem findet, dass „in jeder Kategorie der gewinnen soll, der nominiert ist“. Am Ende heißt der Sieger Ni Sala – dem Sänger ist der Titel dann aber doch nicht zu wichtig. Er habe vor allem Lust gehabt, an diesem Abend auf der Bühne zu stehen. Mit seiner Band und den anderen Bands des Jahres.

Text: Lena Schnelle

Fotos: Robert Haas

Bass unter Brücken

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Weil es in der Münchner Innenstadt nicht gerade einfach ist, unkonventionelle Partys zu organisieren, hat sich das Kollektiv „Time Tripping“ gegründet. Geboten wird elektronische Musik – und eine eigene Modelinie.

Kein Polizeieinsatz, keine Anwohnerbeschwerden. Im „Unter Deck“ steht die Hitze. Verschwitzte Körper bewegen sich zu dem rhythmischen Bass, der aus den Boxen dröhnt. Hinter dem DJ-Pult steht Max Lehmann, 24. Er wirkt konzentriert. Sein Kollektiv „Time Tripping“ ist hier zu Gast bei einer der monatlichen „Sustain-Partys“. Es ist ein kalter Januarabend. Normalerweise ist das Kollektiv im Sommer aktiv. Im Freien. Unter Brücken. Das bringt Spaß, aber ab und an auch Ärger.

„Time Tripping“ steht für unkonventionelle Partys in München, oft outdoor, immer alternativ. Das Kollektiv veranstaltet seit einigen Jahren Underground-Partys an verschiedenen Orten im öffentlichen Raum. Das Markenzeichen der Crew sind sommerliche Partys unter den Isarbrücken, aber auch Unterführungen oder Bunker kommen zum Einsatz. Auch im Winter will die Crew ihr Partyvolk nicht enttäuschen, in Ateliers oder Studios, die ihnen von Freunden zur Verfügung gestellt werden. Oftmals erweist sich die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten hier jedoch sehr schwierig, weshalb die Crew Gastauftritte bei anderen Veranstaltungen gerne wahrnimmt.

Gegründet wurde das Kollektiv vor vier Jahren von den jungen Münchnern Max Lehmann, 24, Bruno Schneegaß, 25, Michi Semler, 24, und Fabian Barthel,27. Durchzechte Partynächte und so manches Erlebnis unter einer Münchner Brücke hat eine enge Verbundenheit unter den Crewmitgliedern geschaffen. Die Sätze des Anderen werden vervollständigt, jeder will dringend eine andere Party-Geschichte loswerden. Max, Kommunikationsdesignstudent, trägt Hipsterbart und Brille, er scheint so etwas wie das Sprachrohr der Gruppe zu sein. Stets ergreift er zuerst das Wort. Die vier jungen Männer kennen sich aus der Schulzeit auf einem Münchner Gymnasium, waren dort teilweise Mitglieder der Theatergruppe. Damals veranstalteten sie ihre erste Party unter der Brudermühlbrücke – weil sie die Freiheit reizte, sich auszuleben. Und weil es laut Max in München eben schwierig ist mit den preisgünstigen Party-Locations. Auch durch die positive Resonanz ihrer Gäste war ihnen schnell klar, dass dieses Party-Konzept fortgesetzt werden musste. Nach der Namensgebung – der Begriff stammt aus einem gleichnamigen Song von DJ Hazard – begab sich „Time Tripping“ dann auf die Mission, Münchens Nachtleben ein wenig bunter zu machen. Mit Partys, aber auch mit selbst gestalteten Klamotten.
Im „Unter Deck“ tragen alle Crewmitglieder Oberteile aus dieser Kollektion. Tentakeln einer Krake sind auf einem T-Shirt zu sehen und natürlich das „Time Tripping“-Logo.

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Sie alle verbindet eine große Leidenschaft für Drum & Bass und andere basslastige, elektronische Genres wie Dub, Dub-step oder Glitchhop. Vorzugsweise legen sie auf ihren Partys selbst auf, aber auch Gastauftritte externer DJs und Crews werden organisiert. „An sich ist die junge elektronische Szene in München noch etwas überschaubar, vor allem, was Drum & Bass angeht. Das macht aber natürlich auch den Charakter dieser Szene aus, man kennt sich eben“, sagt Michi. Ein weiterer Punkt, der „Time Tripping“-Partys auszeichnet, ist der hohe Spontanitätsfaktor. Fast wie bei einem Happening. Oft werden die Veranstaltungen erst zwei Tage vorher angekündigt. Die Kollektivmitglieder besitzen ihr eigenes mobiles „Time Tripping Soundsystem“, was die Organisation solcher spontanen Events um einiges erleichtert. Hinzu kommen eine eigene Lichtanlage und ein Generator. Für die Crew fallen bei ihren Partys also keine fixen Ausgaben an. Dadurch entstehe laut Max für sie keinerlei Zwang, Eintritt zu verlangen oder an ihrer Bar Umsatz machen zu müssen. Der Getränkeverkauf deckt die Getränkekosten. Ein Partykonzept, bei dem die Musik und der Spaß an einem Rave mit Gleichgesinnten im Mittelpunkt stehen– keineswegs aber das Ansinnen, Gewinn mit dem Abend zu machen. Dies alles in einer Stadt, in der sich kaum ein Veranstalter kostenlosen Eintritt leisten kann und günstige Bierpreise selten geworden sind.

Lauter Bass unter freiem Himmel, noch dazu in der Münchner Innenstadt? Berührungspunkte mit Anwohnern oder der Polizei sind da vorprogrammiert. „An der Isar gibt es natürlich viele Anwohner, die im Sommer mit offenen Fenstern schlafen wollen, die sind also leicht zu verärgern. Daher hatten wir auch schon öfters Kontakt mit der Polizei“, sagt Fabian. „Meistens kommen sie dann aber nur, um uns darauf hinzuweisen, die Musik leiser zu drehen und den Bass rauszunehmen.“ Max erzählt von anderen, nahezu abenteuerlichen Erfahrungen beim Aufbau. „Wir kreuzen mit unserem Equipment genau die Route der sogenannten Isar-Ranger, die ja bis 24 Uhr patrouillieren. Wir haben dann teilweise wirklich jemanden unten bei der Brücke stehen mit Walkie-Talkie, und die anderen stehen oben mit den Boxen im Anschlag. Manchmal haben wir uns auch schon hinter Brückenpfeilern versteckt, alle Lichter aus, Musik aus, und zehn Meter weiter standen die Isar-Ranger und haben rübergeleuchtet.“ Ein Bild, wie aus einem College-Comedy-Movie: Eine Gruppe junger Münchner auf alternativer Partymission, im Versteckspiel mit den Hütern der Isar.

Im Allgemeinen sei für die Partycrew bei ihren Events der rücksichtsvolle Umgang mit der Natur und den Anwohnern selbstverständlich. Auch ist es ihnen wichtig, freundlich und offen auf Polizeibeamte zuzugehen. Laut Max ist es aber trotz der überwiegend positiven Erfahrung mit der Polizei aus anderen Gründen nicht gerade einfach in der Münchner Innenstadt unkonventionelle Partys zu organisieren. „Im öffentlichen Raum im Münchner Zentrum gibt es keinen anderen Ort außer der Brudermühlbrücke, wo man derart kostengünstige und basslastige Partys organisieren könnte. In Berlin ist es da mit den ganzen leer stehenden Locations bestimmt entspannter.“

In diesem Jahr will „Time Tripping“ bei ihren Locations noch kreativer und bei ihrer Message noch politischer werden. Insbesondere was das Thema Gentrifizierung angeht. Außerdem will die Crew diesen Sommer sogar noch einen Schritt weitergehen und ein mehrtägiges Festival in „Time Tripping“-Manier organisieren. „Es gibt hier durchaus gute Möglichkeiten, abseits des musikalischen Mainstreams feiern zu gehen“, sagt Fabian. Sie seien auch glücklicherweise weder die ersten noch die einzigen, die an ungewöhnlichen Plätzen Partys veranstalten. „Es ist nicht alles immer einfach in München, aber wir sind auf jeden Fall optimistisch, was die Zukunft in dieser Richtung angeht“, sagt er.

Text: Amelie Völker

Fotos: Stephan Rumpf, Time Tripping

Ein Abend mit: WENDEKIND

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Bei seiner Abendplanung ist WENDEKIND flexibel und lässt sich auch Mal von seinen Freunden überzeugen. Mit dabei sind aber konsequent Kopf und Herz und am nächsten Morgen Kaffee und Zigaretten.

Name: WENDEKIND – Benjamin Süß

Alter: 33

Beruf: Architekt und Designer – Musiker

Internetseite: www.facebook.de/wendekindmusik


Hier beginnt mein Abend:
Eines Tages, wenn ich mich im gewissen Alter in den Schaukelstuhl setze und
natürlich immer mit einer Idee dazu.

Danach geht’s zu:
Den Menschen die mir ans Herz gewachsen sind und einer ersten Stufe in Richtung
„Hier sind Wir“

Meine Freunde haben andere Pläne. So überzeuge ich sie vom Gegenteil:
Kommt auf den Plan der Freunde an. Vielleicht haben Sie mich ja auch sofort
davon überzeugt, dass mein Plan jetzt ein anderer ist.

Mit dabei ist immer:
Kopf und Herz mein Handgepäck, der Schulranzen Erinnerung, Vergangenes.

An der Bar bestelle ich am liebsten:
Ein gutes Gespräch und einen Bombenabend. Magie liegt in der Luft

Mein Lieblingsgesprächsthema:
Alles was zwischen den Zeilen steht. Unsichtbares ist Zauberei.

Der Song darf auf keinen Fall fehlen:
Unser Lied.

Mein Tanzstil in drei Worten:
Musik und ich.

Der Spruch zieht immer:

Besser isses

Untenrum!

Meine dümmste Tat im Suff war:
Mich selbst zu vergessen und am nächsten Morgen darüber zu wundern wo ich
gelandet war.

Das beste Frühstück nach einer durchfeierten Nacht gibt’s:
Überall mit Kaffee und Zigarette, egal ob hier oder dort.

Diesem Club/dieser Bar trauere ich nach:
Das sehr frühe K&K im Glockenbach, als die Tanzfläche noch erlaubt war.

Foto: Bjoern Matthes

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Marina

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Auch wenn die Wetteraussichten nicht die besten sind, trotzt unsere Autorin jedem Regenschauer und lässt sich ihren Sommer nicht verderben. Auf ihrem Wochenplan steht das Theatron, eine Vernissage und die
Surf Film Nacht München.

Bei den eher kühlen als sommerlichen Temperaturen, die mir
die kommende Woche bevorstehen, kommt bei Betrachtung des Wetterberichts noch
keine wirkliche Sommerstimmung auf. Also mache ich mir die eben selber:

Freitag
beginnt gleich mit einem vollen Programm. Zuerst in der Bar Altgiesing, mit der
Vernissage der Ausstellung Books and Birds
mit den Illustrationen von Simon
Marchner. Man kennt ihn in München, von verschiedenen Ausstellungen und weil er
hinter dem ein oder anderen Bandplakat und Albumcover lokaler Bands steckt.
Naturmotive, gebildet aus geometrischen Formen und klaren Farbflächen – klingt
wie ein Gegensatz, funktioniert aber super. Weil mir das noch nicht genug Kunst
war, ziehe ich weiter zur Preview der Stroke. Die Münchner Kunstmesse findet sonst
immer im Frühling statt, seit letztem Jahr gibt es auch eine Ausgabe im Herbst
und jetzt eine Preview, die Veränderungen ankündigt und mich schon seit Wochen
neugierig macht.Nach so viel Kunst brauche ich dann aber erstmal Entspannung
für die Augen. Also ab ins Kooks, Augen zu und Musik an, zu dem punkigen Mix
von DJ Robert Pointner. Ideal für einen Freitag Abend und perfekt für mein
entspanntes Sommerfeeling.

Samstagmorgen fällt es mir plötzlich wieder ein: Da warten
noch drei Hausarbeiten auf ihre Bearbeitung. Das hatte ich irgendwie geschickt
verdrängt – aber es hilft nichts, den Tag verbringe ich fleißig vor dem Laptop.
Abends geht es dann aber zum Theatron, das Festival ist im August nicht
wegzudenken, wenn man in München unterwegs ist. Außerdem spielen heute mit AMI
und Xavier Darcy
zwei meiner absoluten Lieblingsmusiker aus München, die ich in
dieser Kombination nicht verpassen will.

Sonntag bin ich tagsüber wieder mit den Hausarbeiten
beschäftigt – jedenfalls ein bisschen. Um doch noch vom Uni-Stress
abzuschalten, habe ich mir mit dem Film „Gaza Surf Club“ bei den
Filmkunstwochen ein entspanntes Abendprogramm gesucht. Es geht um junge
Palästinenser, die ausbrechen wollen aus den begrenzten, von den Hamas
regierten Gebieten, und das zumindest in einem Moment schaffen: auf dem Meer,
beim Surfen. Beeindruckt von diesem Film falle ich nach dem Wochenende erstmal
müde ins Bett.

Wie jeder andere auch mag ich Montage nicht besonders. In
die Arbeit fahren um eine Uhrzeit, die ich eigentlich gerne eher schlafend
erleben würde – naja, kann man nicht ändern. Dafür lege ich nach der Arbeit
noch einen Abstecher zur Praterinsel ein, wo gerade der Open Air Bar Market
stattfindet. Besonders die Madam Bar mag ich sehr gerne und freue mich über die
Möglichkeit, meinen Montag entspannt ausklingen zu lassen.

Am Dienstag zieht es mich wieder zum Theatron, wo heute
Adulescens auftreten. Mit mitreißendem Electro-Pop inspiriert von Post-Rock und
Elektro mischen sie das Publikum ordentlich auf. Da macht zuhören Spaß und ich
kann mitwippen und den Abend genießen.

Der nächste musikalische Höhepunkt sind zwei bekannte
Singer-Songwriter aus der Münchner Musik-Szene im Minna Thiel. Jacobey und
Nikolaus Wolf spielen beim Schienen-Bus-Konzert und verzaubern die Zuhörer
einerseits mit eingängigen, leicht melancholischen Melodien und
charakteristischer Stimme bis hin zu großartigen Songs, die mit ihren Texten
direkt unter die Haut gehen. So sollte ein Mittwoch doch aussehen!

Wer hätte es gedacht: Donnerstag bin ich schon wieder auf
einem Konzert. Diesmal im Maxe Belle Spitz, bei We Speak in Colors, dem
Indie-Projekt des Amerikaners Andrew Armstrong, ein Künstler, der mit seinen
eindrucksvollen Songs und einer sanften Stimme Bilder von Sonne und Fernweh
zaubert. Kein Wunder, denn der Musiker ist in den letzten Jahren selten an
einem Ort geblieben und treibt sich durch die USA und die ganze Welt. Support
gibt es von Ben Deen, Singer-Songwriter ursprünglich aus München, mit bluesigen
Songs über das Leben.

Am Freitag gehe ich es ruhig an und greife ein anderes Thema
dieser Woche wieder auf: Surfen. Bei der Surf Film Nacht München erfahre ich,
wie die spanische Surfkultur entstand, die heute Menschen aus der ganzen Welt
anzieht. Nach dieser Woche voller Konzerte und Filmerlebnisse falle ich müde
ins Bett – meine Hausarbeiten habe ich natürlich schon wieder vergessen.

Text: Marina Sprenger

Foto: Privat

Zeichen der Freundschaft: Weinprobe an Silvester

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Während andere an Silvester feiern gehen, trifft sich unser Autor mit seinem Freund zu einer Weinprobe. Zumindest vorerst. Eine Geschichte darüber, was nach dem verflixten siebten Glas passiert.

Es
knallt. Zweimal und kurz hintereinander. Das Wohnzimmerfenster zittert sanft,
während von irgendwoher eine Katze schrill aufheult. „Die Deppen von Nachbarn mit
ihren Bomben warten halt ned bis Mitternacht“, schimpft Tobias mit Brille und Holzfällerhemd
aus der Küche, bringt rasch zwei Teller und sieht wieder nach dem Essen. Ich lasse
mich in das bestickte Kissen auf dem schwarzen Ledersofa
fallen. Es duftet verlockend nach Kurkuma, denn Tobias kocht indisch. Entspannt
richte ich die aus dem Keller meiner Eltern stibitzten Weinflaschen
nebeneinander auf dem Glastisch an. Ready for Weinprobe !

Alljährlich
ist die Weinprobe in Tobias´ Wohnung unsere rettende Insel gegen das tosende Silvestermeer
da draußen: „Das Jahr wird so toll“, hört man das Silvestermeer rauschen. „So
viel vorgenommen. So viel. Das wird gigantisch. So gigantisch. So viel. So
laut. So super.“ „So ein Unsinn“, hallt es von unserer Insel. An Silvester herrscht
aller Orten dieser naive Glaube an den großen Wendepunkt. Tobias und ich
glauben, dass das einzig ´Große´ nach Silvester der Kater am nächsten Tag ist. Wie
die guten Vorsätze ist der auch nach zwei Tagen vergessen. Deshalb ist unser
Silvesterritual, uns jedes Jahr bei guten Weinen zu treffen und mit diebischer Freude
über die Silvesteroptimisten zu lästern. Betrinken ? Ja bitte. Gute Vorsätze
und laute Silvesterparty ? Nein wirklich nicht. Nach einigen Gläsern Rotwein wird
uns alten Grundschulfreunden dann klar, dass es noch andere Dinge gibt, die supernervig
sind und so erweitern wir unseren Lästerhorizont:

Beim
vierten Glas Wein: „ Wieso heißt es in der Werbung ´Caffé solo con Giotto´?  In keinem Café krieg ich das. Ich will mein
Giotto zum Kaffee. A Sauerei is des.“ Ich stimme Tobias energisch zu.

Beim
fünften Glas: „Das Wetter wird auch immer besser.“  Ist das ein Grund zur Aufregung?  Schwierig. Ich stimme Tobias trotzdem noch
energischer zu.

Das
sechste Glas: Leise Melancholie schleicht sich ein. Wir hören die herzzerreißende
Band ´Life in Film´, die niemand mag (Kulturbanausen!), uns ausgenommen. Zum
Glück gibt es unsere Silvesterinsel: Da läuft nur gute Musik.

Das
verflixte siebte Glas: Liebe kann lästig sein, auch an Silvester. Tobias schlägt
vor doch noch, auf eine Party zu gehen, selbst wenn er keine Lust hat. Er weiß
aber, dass dort meine verflossene Liebe feiert. „Das klappt doch niemals“,  wiegle ich ab. „Wenn ned, is eh wurscht. Lieber
nimmst du einen zweiten Korb zu dem einen, den du schon hast. Dann kannst du wenigstens
sterbenssicher sein, dass sie dich scheiße findet“, beteuert Tobias. Nach viel
Rotwein leuchtet mir immer alles ein, also stürzen wir uns ins Silvestermeer. Auf
der Party torkle ich um 1:30 Uhr zum möglichen Glück. Dann reißt mein Film ab.

Am
Neujahrsmorgen schrecke ich von Tobias´ Sofa auf. Eine schwarze Katze putzt neben
meinem Kopf ihr Fell. Wie bitte ? Tobias stolpert herein: „Wie ist die Katze hier
rein gekommen?“ Wir witzeln über ´Supercat´, die durch Wände geht und nach
Milchvorräten sucht. ´Supercat´ bekommt von uns ein Milchfrühstück, das sie
hastig verputzt. Anschließend tapst sie hinaus in die Kälte. Die ersten Neujahrsstrahlen
glänzen auf ihrem Fell.

„Schee wars“, bricht Tobias das Schweigen „Bis
dann Maxi.“

Als
ich die vom Müll geteerte Straße nach Hause gehe, knallt es wieder bei den Nachbarn.
Die Bomben müssen fallen –das ganze Jahr- und ´laut´ muss die Welt sein, denn ´leise´,
das ertragen sie nicht. Die Freundschaft mit Tobias trägt die stille Zweisamkeit
gegen das Laute da draußen. Besonders an Silvester wird mir das bewusst.

Text: Maximilian Weigl

Foto: Yunus Hutterer

Ein Abend mit KING PIGEON

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Die Indie-Band King Pigeon weiß, wie man andere von einem würdigen Partyabend überzeugt: mit Club Mate und Kümmel-Schwarzbrot. In “Ein Abend mit…” erzählen sie, was außerdem für eine gelungene Nacht wesentlich ist.

Name:

KING
PIGEON
Alter
: 23-27
JAHRE
Beruf: 3 STUDENTEN UND 1 Arbeitsloser
Internetseite:  www.king-pigeon.com

Hier beginnt mein Abend:
Das erste Bier des abends gibt es beim Getränkemarkt gegenüber vom Proberaum
mit dem herzlich-mürrischen Inhaber. Ein paar Blocks weiter wartet die feinste
Steinofenpizza Giesings im Cafe Centro auf uns.

Danach geht’s ins/zu:
Über Boazn und Bars in Marius’ Nachbarschaft – wie dem Rennsalon, der
Geyerwally und dem Kooks – geht es Richtung Gärtnerplatz ins Zephyr auf einen
der famosen Cocktails. Anschließend noch auf eine Halbe in’s Unterdeck bevor es
zum Absch(l)uss auf den Indietanzboden in’s Cord geht.

Meine Freunde haben andere Pläne. So überzeuge ich sie vom Gegenteil:

Das erste Bier auf die Bandkasse (damit überzeugt man wirklich jeden)

Mit dabei ist immer:

Chris’ Spinnenphobie und Fabi’s schlechte Laune.

An der Bar bestelle ich am liebsten:
Das Monatsbier im Rennsalon, Munich Mule und natürlich einen King Pigeon im
Zephyr (unbedingt probieren!)

Der Song darf auf keinen Fall fehlen:
Daffodils – Mark Ronson und der Typ von Tame Impala

Mein Tanzstil in drei Worten:
Aufdringlich, prätentiös, avantgardistisch

Der Spruch zieht immer:
Du siehst aber müde aus… darf ich dich auf eine Club Mate einladen?

Nachts noch einen Snack. Mein Geheimtipp ist:
Kümmel-Schwarzbrot, leicht kross, aber immer noch saftig, mit Butter, Salz und
Schnittlauch!

Meine dümmste Tat im Suff war:

Festnahme nach wiederholtem Einsteigen in S-Bahn, auf welcher „Bitte nicht
einsteigen“ stand.

Das beste Frühstück nach einer durchfeierten Nacht gibt`s im/bei:
Café Ignaz in Schwabing

Diesem Club/dieser Bar trauere ich nach:
Atomic-Cafe und der Shakira-Bar… ach nee, die gibt’s ja noch…

Foto: Sebastian Menacher

Fremdgänger: Freunde für eine Nacht

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Zum Beispiel auf einer wochenendlichen WG-Party, auf der sich alle auf einmal in den Arm fallen und wie wild zu tanzen beginnen

Ich sitze auf dem Sofa eines Pariser Appartements. Um mich herum steigen die Rauchschwaden der unzähligen selbst gedrehten Zigaretten der um mich sitzenden Franzosen auf. Sie füllen die Luft gemeinsam mit den hitzigen Bemerkungen der Diskussion, die gerade leidenschaftlich geführt wird, und vermischen sich in meinem Kopf zu einem verschwommenen Dunst. Es kann auch sein, dass es um etwas Banales geht, aber ich bin schon lange ausgestiegen aus den Themen, die schneller wechseln als die Lieder. Egal was, die Franzosen diskutieren aus Prinzip mit Leidenschaft. 

Mir wird ein Glück zuteil, das vermutlich nicht vielen Austauschstudenten vergönnt ist. Ich werde auf die Partys der einheimischen Studenten eingeladen. Vielleicht sind meine Kommilitonen mit der allgemein als verschlossen bis unhöflich und arrogant geltenden Spezies französischer Studenten nicht artverwandt. Vielleicht liegt es daran, dass sie als Europawissenschaftler ihre eigene Spezies bilden, die an internationalem Austausch und fremden Sprachen interessiert sind. 

Jeder bringt seinen Alkohol mit, meistens Wein, den man langsam, aber sicher im Laufe der Zeit leert. Man sitzt zusammen und spricht über Filme, Musik und warum der Kommunismus eben doch noch nicht gescheitert sein muss. Die anfangs nette Runde wird leidenschaftlich, der Rausch beginnt um sich zu greifen, man wird offener, der Exzess kann beginnen. Vielleicht stehlen sich zwei Verliebte davon in eines der Schlafzimmer, in der Hoffnung, dass niemand es bemerkt, um dann natürlich doch für mehrere Wochen Mittelpunkt des Geredes zu werden. Mädchen beginnen, eng umschlungen miteinander zu tanzen. Die Jungs verschwinden mit Augenzwinkern und fantasievoll erfundenen Begriffen, um einen durchzuziehen. Der Franzose, mit dem ich in der Uni immer mal Small-Talk geführt hatte, wird emotional. Er erklärt mir wortreich und unter vielen verschwitzten Umarmungen, wie froh er sei, eine so wunderbare Freundin wie mich kennengelernt zu haben, und wir trinken auf die Amitié Franco-allemande.

So weit, so gut. Meine Strategie, zu nicken und im rechten Moment zu lachen, obwohl ich dank des Lärm- und zunehmenden Alkoholpegels der Gesprächspartner nicht verstehe, was man mir wohlwollend ins Ohr grölt, funktioniert bestens. Ich bewege mich auf sicherem Terrain. Doch dann die Überraschung. Es wird getanzt. Auch von den Jungs. Kaum einer sitzt mehr, alle stehen und bewegen sich zur Musik, manche wild, andere in Grüppchen. Man hat hier seine Hymnen, es wird auf die Freundschaft, die Liebe getanzt und gesungen, leidenschaftlich werden Texte mitgegrölt. Man fasst sich an den Schultern und zu „meine Freunde sind meine Liebe“ werden alle Unbekannten zu Freunden. 

Nach solch Liebesproklamationen wird man auf deutschen WG-Feiern lange suchen. Der Münchner verschwendet seinen nächtlichen Kräftevorrat eher auf eine unglaubliche Vielzahl an beinahe grenzdebilen Trinkspielen. Würfeln, saufen. Immer wieder, solange, bis sich die Welt sowieso schon viel zu stark dreht, als das man noch tanzen könnte. Und während die Franzosen ihr letztes Hemd durchschwitzen, ist Bierpong die wohl einzige Sportart, an die sich der Münchner nachts noch herantraut. 

Ich stehe nun abseits, mit gezwungenem Lächeln halte ich mich an meinem Becher fest. Ich kenne die Texte nicht, kann die Euphorie nicht teilen. Und beginne, mich etwas fehl am Platz zu fühlen. Macht nichts. Einer legt mir den Arm um die Schultern, und ich werde mit in die tanzende Menge gezogen, und alles andere wird egal, Nationalität, Geschlecht, ich bin jetzt Teil der Menge der sich zur Musik bewegenden Körper.

Text: Anne Gerstenberg 

Foto: Privat

Von Freitag bis Freitag: Unterwegs mit Serafina

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Für unsere Autorin heißt es Abschied nehmen: Abschied von der Wiesn, dem Sommer und den Open-Airs. Doch auch Neuanfänge gibt es einige: die Ausstellung von Douglas Coupland, Tanz der Vampire im Deutschen Theater und die Hip-Hop-Poetry-Slams in der Glockenbachwerkstatt.

Nur noch ein Wochenende,
dann ist der Wiesn-Wahnsinn überstanden. Als Nicht-Wiesngänger ist es leider
nicht ganz so einfach, dem größten Volksfest der Welt zu entkommen. Es lauert
an jeder Ecke: Lederhosen, Wiesn-Specials in der Kantine und natürlich die Urbayern,
die lauthals über die Saupreißn schimpfen, die zu kurze, neongrüne Dirndl tragen
oder Chucks mit Lederhosen kombinieren. Auch Facebook ist da keine große Hilfe:
Wiesn 2016-Finale, Wiesn
Finale 2016
oder die Große Uniparty-Wiesn Gaudi im Gecko. Nach längerem Suchen werde ich fündig und begebe
mich freitags als großer
Literaturfan nach Haidhausen in die Villa Stuck. Dort gibt es die Ausstellung „Bit
Rot“
von Douglas Coupland. Der
Autor stellt dort einzelne Worte von seinen Büchern zu Themen wie
Globalisierung, Internet oder Popkultur vor. Gezeigt werden dabei Kunstwerke,
Bilder oder Objekte von anderen Künstlern, die diese Themen behandeln. Nach so
viel Ernsthaftigkeit gehe ich auf Monsterjagd in den Item Shop, für die ich mir hoffentlich irgendwo
eine Nintendo 3DS schnorren kann…

Am Samstag haben wir schon den ersten Oktober – wie schnell das Jahr
vergeht! Daher nutze ich die Gelegenheit aus, die letzten Sonnenstrahlen zu genießen
und gehe als großer Open Air-Fan zum Great Bavarian Reef auf der Museumsinsel.
Dort findet (leider zum letzten Mal) das Eisbach
Callin‘
statt. Dort legen Münchner
DJs noch einmal Techno, Drum und Bass auf – ideal, um draußen noch einmal so
richtig feiern zu können.

Am Sonntag heißt es dann nach so viel Party erst einmal ausnüchtern.
Ich freue mich, mal wieder den ganzen Tag zu gammeln und auf dem Sofa Serien zu
gucken. Abends geht es dann zum Rage
against Abschiebelager
ins Feierwerk. Neben
verschiedenen Indie-, Punk- und Elektrobands gibt es mehrere Ausstellungen zu
Sonderlagern. Konzerte für den guten Zweck. Gefällt mir!

Und schon haben wir wieder Montag, auf den sich ausnahmsweise
jeder freut: Es ist Feiertag und alle können ausschlafen! Um den Tag der Deutschen
Einheit zu feiern, geht es ins Backstage, das in letzter Zeit mein zweites
Zuhause zu werden scheint. Ich hab die Qual der Wahl, ob ich zu The
Rifles
oder zur 3.
Geburtstagsfeier von DLTTLLY,
entscheide mich aber doch für letzteres. Ich hab länger schon kein Hip Hop mehr
gehört und da ich immer mal die Battles sehen wollte, bin ich echt gespannt,
wie das sein wird.

Am Dienstag ist das Oktoberfest vorbei und ganz München verkatert. Auf
dem Weg zur Arbeit blicke ich in der U-Bahn in viele müde Gesichter und nachmittags
jogge ich an den Wiesnleichen im Englischen Garten vorbei. Langsam aber sicher
kehrt nun wieder die Normalität zurück. Nach einem relativ ereignislosen
Nachmittag freue ich mich umso mehr auf den Mittwochabend. Ab heute läuft im Deutschen Theater endlich der
Musicalklassiker Tanz der Vampire
an! Ich kann es kaum erwarten, die Lieder live zu hören sowie das imposante
Bühnenbild und vor allem die coolen Kostüme zu bestaunen! Da ist es für mich
als Verfechterin von Originalfassungen im Theater und Film ausnahmsweise völlig
egal, dass alle Dialoge und Lieder auf Deutsch übersetzt wurden.

Nach so viel Musik in den
letzten Tagen wird es mal wieder Zeit für eine Ausstellung. Am Donnerstag werden im Köşk klassische Pop
Art-Kunstwerke
im Stil der 1960er Jahre
von jungen Grafikern, Illustratoren oder Graffiti-Künstlern präsentiert. Später
geht es in die Glockenbachwerkstatt. Dort findet der Hip Hop-Poetry Slam Bless the Mic
statt, wo das Publikum entscheiden, wer der stolze Träger der goldenen
Winkekatze sein wird.

Und dann ist schon wieder Freitag, wieder eine Woche vorbei. Nach
so viel Indie und Hip Hop in den vergangenen sieben Tagen wird es nun Zeit für
Swing. Also gehe ich zur Swango
Releaseparty
im Eine Welt Haus und
klicke mich mal wieder durch alle Facebook-Veranstaltungen, um mir den Plan für
die nächsten Wochen zurechtzulegen.

Von:
Serafina Ferizaj