Begleitbären in San Francisco

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Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. In Kalifornien sorgen Begleitbären für einen gefahrlosen Heimweg von der Universität. Doch auch sonst wird an der amerikanischen Westküste viel Wert auf Sicherheit gelegt.

Der Polizist fängt an zu brüllen. Im Hörsaal links hinter dem Dinosaurierskelett zucken 300 Studenten zusammen. „Seid gefälligst unerschütterlich!“ Das ist die Botschaft der universitätseigenen Polizeidienststelle an die internationalen Gaststudenten. Außerdem sollen wir bitte unbedingt anrufen, wenn wir uns unsicher fühlen. Nachts besser in Gruppen unterwegs sein.

Oder gleich mit einem Begleitbären. Ein Bär ist das Maskottchen der UC Berkeley und ein Begleitbär ist ein speziell ausgebildeter Student, der dich auf Anfrage kostenlos auf dem Weg über den Campus oder bis zur U-Bahn begleitet. Von Anbruch der Dunkelheit bis weit in die Nacht hinein. Einige der Begleitbären sind sogar Single. Und die meisten sehen ziemlich gut aus, auch damit wirbt die Uni für ihr Angebot.

Viele Studenten sind nach der ersten Schrecksekunde eher unbeeindruckt. Ein paar lachen. Auch Wochen später redet mancher noch amüsiert von der Sorge der Uni um uns. Denn am Campus ist es sonnig, friedlich, spaßig, herrlich. Bis zu der Woche mit den acht E-Mails.

Achtmal bekommen wir in dieser Woche eine E-Mail mit dem Hinweis auf einen vorangegangenen bewaffneten Überfall in unmittelbarer Campus-Nähe. Im Kneipenviertel, an der Einkaufsstraße, an meiner Bushaltestelle. Und bewaffnet, das heißt hier nicht, dass einer sein Taschenmesser rausholt. Bewaffnet heißt, dass er eine geladene Schusswaffe auf dich richtet. In dieser Woche war ich erschüttert. Wenn wir mal ehrlich sind, ist die größte Sorge an einem typischen Münchner Unitag, dass das Fahrrad geklaut werden könnte.
 Aber man gewöhnt sich an alles – vor allem an einem Ort, an dem du beim Stadtspaziergang ein Rentiergeweih tragen kannst und das nicht weiter auffällt. An dem hinter einer Straßenecke auf einmal die von der Sonne angestrahlte Golden-Gate-Bridge neben der markanten Skyline von San Francisco auftaucht. Dieser Anblick entschädigt für vieles. Denn er gibt mir das benebelnde Gefühl, dass die Welt wunderschön ist. Egal was gerade sonst noch so los ist, oder wer zum Präsidenten gewählt wurde, alles wird gut.

Außer man geht 50 Meter zu weit die Straße runter. Das ist zwei – wohlgemerkt: kalifornischen – Freunden und mir auf dem Weg von einem Konzert zur U-Bahn passiert. Gerade waren da noch elegant ausgeleuchtete Hotels. Plötzlich ist es dunkel, links von uns ein verlassener Parkplatz. Heroinabhängige liegen quer über dem Gehsteig. Wir sind im Tenderloin gelandet. Dem Viertel, das jeder auf der Stadtkarte schwarz durchstreicht, wenn er Touristen den Weg erklärt. Daheim in München rät man vielleicht davon ab, nachts um 3 Uhr einen Spaziergang um den Hauptbahnhof zu machen.

Zurück nach San Francisco: Eigentlich ist es gar nicht so schlimm. Also gehen wir tapfer an den Typen in den schwarzen Kapuzenpullis vorbei und stehen keine drei Minuten später im Stadtzentrum vor dem hell erleuchteten Einkaufszentrum und den putzigen Cable Cars. Unerschütterlich. Trotzdem, mit Begleitbär wäre das bestimmt anders gelaufen.

Text: Katharina Hartinger 

Foto: Privat

Fremdgänger: Klassisch flirten

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Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Unsere Autorin tauschte Punk-Konzerte im Milla mit klassischen Choraufführungen in Oxford- und wundert sich, wie ähnlich sich die beiden Welten doch sind.

Die mächtigen Tore der Kirche öffnen sich. Eine Menschenmasse ergießt sich in die von Straßenlaternen und den Fenstern der anliegenden Häuser erleuchtete Gasse. Es ist Sonntagabend, der „Evensong“ im Merton College wurde gerade von einer letzten Hymne beendet, wer will, kann jetzt noch dem Priester die Hand schütteln und sich für den schönen winterabendlichen Ausflug in diese verzauberten Hallen bedanken. Mittendrin: ich mit zwei Freundinnen. Wir halten halb abgebrannte Kerzen in den Händen und sehen uns mit verträumten Augen an.

Ich erinnere mich, einen ähnlich seligen Gesichtsausdruck zuletzt auf dem Gesicht einer Freundin aus München gesehen zu haben, als wir nach dem Konzert einer Punkrock-Band in einer nicht ganz so großen Menschentraube aus dem warmgetanzten Milla in die Holzstraße geschwemmt wurden. Weit weg scheint das alles, zwischen all den schicken Wintermänteln, Tweet-Jackets und Pelzmützen der Menschen um mich herum. In Oxford wüsste ich nicht, wo ich in einem kleinen Club zu lauten Gitarrenriffs auf und ab hüpfen könnte. Ich bin mir sicher, diese Clubs gibt es irgendwo außerhalb der Reichweite ehrwürdiger College-Mauern – ich habe sie nur noch nicht gefunden. Dafür bin ich viel zu beschäftigt, die einfacher zu erreichenden kulturellen Höhepunkte abzuklappern. Denn wie sich herausstellt, schaffe ich es hier, innerhalb von sechs Tagen vier klassische Chorkonzerte zu besuchen. Jedes davon ist voll besetzt bis auf die hintersten Reihen, zu einem nicht zu verachtenden Anteil von Studenten. Auf Facebook lädt man sich nicht zu Partys im traditionellen Münchner Sinne ein, sondern zu Symphonien, Theaterstücken, Chören, Buchvorstellungen und Gedichtlesungen. 

Ich ertappe mich dabei zu bemerken, dass auch in kulturell anspruchsvollen Umgebungen – wie einem Konzertsaal oder gar einer Kirche – soziale Dynamiken ablaufen, die denen einer Nacht in der Münchner Club-Szene nicht unähnlich sind. In der Vorweihnachtszeit wurden die in den meisten Colleges regelmäßig abgehaltenen „Evensongs“ (ein anglikanischer Gottesdienst, bei dem es vor allen Dingen um die Musik geht) von „Carol Services“ (dabei geht es noch mehr und vor allem um weihnachtliche Kirchenmusik) ergänzt. Und als ich vor ein paar Wochen einen solchen besuchte, ebenfalls inklusive Kerzen und Weihrauch, begann mein Mitbewohner auf einmal, angeregt mit der langbeinigen dunkelhaarigen Engländerin zu flirten, die vor ihm saß. Sehr elegant, dachte ich mir. Und ich? Ich sitze im mittelalterlichen Kirchenschiff des Merton College und starre fasziniert auf das von einer schiefen Kerze im Kronleuchter über mir tropfende Wachs, als ich merke, wie süß der Typ mir gegenüber ist. Verstohlen schaue ich immer wieder zu ihm hinüber und bin mir fast sicher, dass er hin und wieder sogar zurückschaut. 

Ich werde nervös. Auf einmal ist die hölzerne Kirchenbank ziemlich unbequem. Kurzzeitig wünsche ich mir, ich wäre in München, in einem Club. Da gäbe es zumindest eine Bar, eine Tanzfläche und (zur Not) ein alkoholisches Getränk, hinter dem ich mich effektiv hätte verstecken können, während gleichzeitig zumindest potenziell die Möglichkeit bestanden hätte, mir ein Herz zu fassen und endlich hinüber zu gehen, um ihn anzusprechen. 

Ich schließe die Augen, ich denke zurück an jenen Abend im Milla. Ja, auch da gab es einen Typen auf der anderen Seite der Tanzfläche. Aber auch da hatte ich nicht den Mut, hinüber zu gehen.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: Sicher im Elfenbeinturm

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat. Anne ärgert sich über die hohen Sicherheitsvorkehrungen an Pariser Unis und findet: jeder sollte eine Universität von innen sehen dürfen.

Taschenkontrollen. Um die Uni zu betreten. Ich glaube, ich bin im falschen Film. Das gesamte Universitätsgebäude ist verriegelt – bis auf einen Eingang. Der Zaun vor dem Innenhof über drei Meter hoch, nur eines der beiden Eingangstore in seiner Mitte ist geöffnet. Als ich zum ersten Mal vor der Uni stehe, bin ich völlig irritiert. Anderthalb Meter Platz, um die Uni zu betreten. Dahinter Sicherheitsleute in Sicherheitswesten mit Sicherheitsblick zwischen zwei Tischen.

Die Prozedur ist simpel wie nervig. Tasche öffnen, zum Durchsuchen hinhalten. Geldbeutel rauskramen, Studentenausweis vorzeigen. Wer seinen Studentenausweis nicht rausgeholt hat, hält die ganze Schlange auf. Das Gleiche gilt für Leute mit Rucksack. Den durfte ich immer erst einmal vom Rücken hieven, umständlich im Stehen öffnen, zum Durchsuchen bereithalten. Ich habe mittlerweile aufgehört, mit Rucksack in die Uni zu gehen. Und angefangen, die Wartezeit in der Schlange vor der Uni, die oft noch um die nächste Straßenecke reicht, mit einzuplanen – das habe ich gelernt, als ich bei den Mid-Term Prüfungen zehn Minuten zu spät zur Klausur kam.
 In Paris herrscht nach wie vor Ausnahmezustand. Es ist schon befremdlich, überall in der Stadt Militärs mit ihren Maschinengewehren im Anschlag flanieren zu sehen. Im Alltag ergeben sich da die bizarrsten Situationen. Wenn man gemütlich in einer kleinen, schmucken Boulangerie auf einen Espresso sitzt und der bis zu den Zähnen bewaffnete Soldat wie ein Elefant mal kurz von seiner Streife in den Porzellanladen gepoltert kommt, um sich sein mittägliches Pain au Chocolat zu kaufen.

Das Ganze nimmt hier Dimensionen an, die für uns Deutsche völlig befremdlich sind. Denn überall stehen an der Tür Securitys, die mit Taschenlampen deine Tasche durchleuchten, abtasten. Der Mantel muss geöffnet werden, um zu zeigen, dass man keinen Bombengürtel darunter trägt.  Niemals hätte ich erwartet, den Ausnahmezustand auch in meinem Studienalltag so deutlich zu spüren zu bekommen. 

Im krassen Gegensatz steht dazu das große LMU-Hauptgebäude, dessen große Flügeltüren zu allen Seiten für alle und jeden jederzeit offen stehen. Wer will, kann reingehen und sich überwältigen lassen von der einzigartigen Architektur des Lichthofs. So ging es zumindest mir, als ich zur Immatrikulation das erste Mal da war. Und jeder sollte die Universität betreten dürfen. Aber: Den wunderschönen Innenhof um die Chapelle de la Sorbonne sehen – wie elitistisch – nur die Studenten und der Lehrkörper, denn für den Rest ist er unzugänglich.

Dabei hat das für mich Symbolcharakter: die weit geöffneten Türen einer Universität. Bildung ist für alle da und sollte für jeden, der sich dafür interessiert, zugänglich sein. In München sind so auch die Vorlesungen prinzipiell für jeden offen, der sich mal hinten reinsetzen und zuhören will. Wie ein großes Zuhause für Bildung, das jeden aufnimmt. In Paris ist das eine eigene, abgeschottete Welt, in die nur wenige Privilegierte Zugang haben, in sich selbst zurückgezogen und nur mit sich in Kontakt. Da bekommt der Elfenbeinturm der Wissenschaftler eine ganz neue Bedeutung.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: “Shpatsel Brats” in Kalifornien

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Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat. Katharina studiert an der University of California, Berkeley, und wundert sich über die eigenartige Essenskultur der Amerikaner. 

Manchmal träume ich von einem Stück Käse. Es ist groß. Ich kann dicke Scheiben davon abschneiden und sie in aller Ruhe essen. Dann wache ich auf und bin in Kalifornien, wo ein mittelgroßes Stück Brie ein deutlich sichtbares Emmentaler-Loch ins Budget einer studiengebührengeplagten Studentin reißt. Alles, was keine hauchdünne, in Plastik eingewickelte Sandwich-Scheibe ist, würde preislich gesehen sogar die Händler auf dem Viktualienmarkt vor Neid käsebleich werden lassen.

Zum Glück bringen spendable Gäste gerne eine Käseplatte zu Festen aller Art mit, in deren Nähe ich mich dann möglichst unauffällig und ausdauernd aufhalte. Das wichtigste kulinarische Fest im Jahr ist Thanksgiving: Die Thanksgiving-Parade – im Grunde eine stundenlange Abfolge von Werbespots, aber die sind zugegebenermaßen sehr unterhaltsam – läuft im Fernsehen, während man sich die ersten Knabbereien gönnt. Gleichzeitig brät der Truthahn im Ofen und damit ausnahmsweise nicht in der Mikrowelle. Die Füllung, die oft komplett außerhalb des Geflügels zubereitet wird, duftet schon nach warmem Brot und Preiselbeeren. Sobald alles fertig und das Football-Spiel vorbei ist, essen alle Anwesenden mehr, als sie je für möglich gehalten hätten. Ich hatte vor meinem ersten Thanksgiving in Kalifornien so viele Klischees im Kopf – interessanterweise sind sie alle wahr.

Lachen muss ich dagegen über die gängigen „Amerikaner essen nur Fastfood“-Klischees, die sich ja hartnäckig halten, drüben in Deutschland. Die Auswahl an wunderbar authentischen mexikanischen, chinesischen, japanischen, einfach internationalen Restaurants ist gigantisch – da kann München von träumen. Klar, im Mittleren Westen sieht das wieder anders aus, aber Kalifornien kommt mir ziemlich oft wie das Schlaraffenland vor.

Auch deutsches Essen ist mittlerweile sehr beliebt in der Bay Area. Von „Shpatsel Brats“ und anderen deutschen Spezialitäten schwärmen meine amerikanischen Freunde. Ein deutsches Restaurant braucht hier auch unbedingt einen extravaganten Namen. Der ist aber schnell gefunden: Man nehme einfach irgendein – wirklich: irgendein – deutsches Wort, das entfernt mit Essen zu tun hat. Da hätte ich fast ein bisschen Lust, auch so einen Hipster-Laden aufzumachen: „Forelle im Vollrausch“ würde er heißen. Und während man in München Birkenstämme oder unbequeme Metallhocker ins moderne Restaurant schmeißt, könnte ich hier vielleicht mit karierten Tischdecken und unpraktisch-überdimensionierten Geranienkästen auf den Tischen punkten.

 Aber eigentlich ist exotische internationale Cuisine für den örtlichen Hipster auch schon ziemlich ausgelutscht. Da muss langsam etwas Neues her. Die simpelste Art der Innovation? Einfach alles, was davor sowieso schon da war, wird kreuz und quer wild kombiniert. Philippinischer Adobo-Burrito? Immer her damit. Mexikanisches Sushi? Der Laden ist voll. Oder in drei Wochen pleite, aber die Leute haben wenigstens darüber geredet.

Text: Katharina Hartinger

Foto: Privat

Fremdgänger: Muggel in der Winkelgasse

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Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der ein oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat. Als Theresa sich Robe und Barett für ihr Auslandsstudium in Oxford besorgte, fühlte sie sich unweigerlich in die magische Welt Harry Potters versetzt

Da wäre nur noch die Sache mit dem Zauberstab. Wenn ich mich recht erinnere, ist das eines der letzten Dinge, die Harry Potter vor dem offiziellen Beginn seiner Zauberer-Karriere in Hogwarts, der weltbesten Schule für Hexerei und Zauberei, in der Winkelgasse in London kauft. Gewinkelt war auch die Gasse, die ich vor zwei Monaten entlang gelaufen bin. Getaucht in herrlichste, englische Herbstsonne. Gewappnet für den skurrilsten Shoppingtrip meines Lebens. Oder zumindest so halb gewappnet. Denn ein wenig eingeschüchtert war ich schon, von der Vorstellung, mir einen schwarzen Umhang aus Seide kaufen zu müssen und ein schwarzes … – ja, was ist das eigentlich, was die Studenten in den amerikanischen oder englischen Highschool- und Universitätsfilmen auf dem Kopf tragen und am Ende des Jahres in die Luft werfen?

Das ist Oxford. Undergraduates, so heißen die Bachelor-Studenten, bekommen kurze, schwarze Seidenmäntelchen, Graduates, also Masterstudenten wie ich, dürfen sich schon in über die Knie reichende Umhänge hüllen. Und bei den Doktoranden kommt dann noch allerlei Ärmel und Kragen und sogar ein bisschen Farbe dazu. Das „academic dress“ wird nicht nur anlässlich der Einführungs-Zeremonie und der Abschlussfeier, sondern auch zu allerlei festlichen Aktivitäten und Dinners und sogar den Prüfungen getragen. 

Auch an deutschen Universitäten waren bis vor ungefähr 50 Jahren Talare und Barette (so der Name der Hüte) fester Bestandteil des akademischen Alltags, eine Tatsache, die mir zu keinem Zeitpunkt meiner Universitätskarriere in München bewusst war. Mit dem Slogan „unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ schafften die ‘68er die Umhänge ab. Deshalb war der Erhalt meines ersten Uni-Abschlusses im vergangenen Sommer in München nicht viel feierlicher als ein Besuch im Prüfungsamt zwischen Arbeit und Bibliotheksrückgaben. Keine Robe, kein Barett, keine Zeremonie und auch kein Dinner, nur eine Mappe mit meinem Bachelor-Zeugnis.

In England hingegen hält man nach wie vor selbstverständlich – manchmal mit einem leichten Augenzwinkern, aber durchaus nicht ohne Stolz – an Traditionen, Zeremonien und vor allen Dingen schwarzen Umhängen fest. Mittlerweile neigt sich das erste „Term“ dem Ende zu, mittlerweile zucke ich nicht mehr zusammen, wenn in der immer früher einsetzenden Abenddämmerung ein Radfahrer mit wehenden schwarzen Rockschößen auf dem Weg zu einem Dinner an mir vorbeisaust, mittlerweile höre ich mich selbst regelmäßig fluchen, wenn ich schon halb aus der Tür und auf dem Weg zu einem solchen Dinner bin und merke, dass ich meinen „gown“ wieder einmal vergessen habe. 

Und dennoch: Nach wie vor denke ich mir nicht selten, dass Harry Potter sich ähnlich gefühlt haben muss, als er in den roten Zug auf Gleis 9 ¾ gestiegen ist, der ihn in ein Universum transportierte, in dem andere Sitten und Umgangsformen gepflegt, andere Sportarten betrieben werden, anderes Essen gegessen und nicht zuletzt andere Kleidung getragen wird.

Als ich an jenem Nachmittag am Anfang des Trimesters aus dem Laden in der gewinkelten Gasse zurück in die Sonne getreten war, um 35 Pfund ärmer, dafür ausgestattet mit einem Talar, einem Barett und einem schwarzen Krawattenbändchen, wünschte ich mir, ich könnte tatsächlich auch noch zu Mr. Ollivander gehen, um mir einen Zauberstab zu besorgen. Denn mir war klar, dass ich ein bisschen Magie, ein bisschen Glück oder gewogenes Schicksal würde brauchen können, um in diesem verzauberten Universum zurechtzukommen.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat

Fremdgänger: Spitze Lippen in Paris

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der ein oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat. Unsere Autorin Anne rätselt über eine durch und durch französische Eigenart: “la bise”

Er berührt mich mit der Hand leicht an meiner Hüfte. Die stoppelige Wange an meine gelegt, formt er mit den Lippen einen Kuss, den er in die Luft entsendet.
Erst links, dann rechts. Ich bin noch völlig überrascht und geplättet von der Intimität dieser Berührung, da kommt auch schon die Nächste und drückt mir Küsschen auf beide Wangen. So begrüßt man sich also in Paris. Man gibt sich „la bise“. Ich stehe vor der Uni, bin zu spät dran und will eigentlich schnell in meinen Kurs. Aber ich bin vor dem Eingang in eine Gruppe von Freunden und somit in eine exorbitante Begrüßungsrunde geraten. Jeder einzelne aus der Gruppe drückt jedem einzelnen diese Küsschen auf. Bei zehn Leuten, die sich alle untereinander und gleichzeitig begrüßen, ergibt das ein großes Kuss-Kuddelmuddel. Zehn Leute. 180 Küsschen. Das dauert.

Als Auslandsstudent in Paris lernt man im Französischkurs als erstes den Unterschied zwischen „la bise“ und „le bisou“. Dieses Wissen ist überlebenswichtig. „La bise“ sind diese kleinen Küsschen rechts und links: Wange rechts und links aneinanderhalten, ein Luftküsschen abschicken. „Le bisou“ allerdings, das ist ein richtiger Kuss, den man nur gibt, wenn es mit „l’amour“ ist. Wer allerdings in „la bise“ noch nicht so geschickt ist, der stellt schnell fest, dass es eine gewisse Schwierigkeit darstellt, dabei nicht versehentlich in „le bisou“ auszuarten, denn beim Seitenwechsel der Wangen gibt es immer diesen eigenartigen Moment, in dem man sich mit gespitzten Lippen anschielt und dann doch ganz schnell den Kopf weiter bewegt.

Es wird als enorm unhöflich empfunden, wenn man „la bise“ verweigert. Deswegen stehe ich hier vor der Sorbonne und gebe alles und jedem, der auf mich zu kommt, Küsschen. Ich komme mir vor wie eine Küsschenmaschine. Für eine reservierte Deutsche, die es gewöhnt ist, enge Familienmitglieder und Freunde zu umarmen und den Rest der Welt eine Armlänge auf Abstand zu halten, und die gelernt hat, die Hand zu reichen, wenn sie jemanden kennenlernt, sind diese „bises“ noch immer gewöhnungsbedürftig. In diesem Moment wünsche ich mich zurück nach München an den Geschwister-Scholl-Platz. Wenn man an der LMU auf Freunde trifft, bevor es in den Audimax zur Vorlesung geht, dann reicht zur Begrüßung ein Winken und ein kurzes „Hi“ in die Runde. Danach kann man problemlos ohne Begrüßungsrunden-Verspätungen pünktlich zur Vorlesung gehen.

Und hier? Ich rieche den Körpergeruch von Menschen, denen ich in meinem Leben nie so nahe kommen wollte. Diese Form der Begrüßung stellt nicht nur ein weites Eindringen in die Intimsphäre dar, sondern bedeutet auch engen Kontakt mit Menschen, mit denen man sich unter Umständen auf keinen Fall so intim berühren möchte. 

Auf der anderen Seite: Diese Küsschen können einen aber auch im positiven Sinne ganz schön aus der Bahn werfen. Steht man vor dem schnuckeligen Franzosen, von dessen Anblick man schon weiche Beine kriegt, dann muss man sich ganz schon zusammen reißen, die Contenance zu bewahren, während er dir „la bise“ gibt. Sein Gesicht an deinem, während sein Atem sanft über deine Wange streift. Vielleicht ist es auch das Geheimnis des „l’amour parisien“, dass es wirklich einfach ist, sich zu küssen. Aber warum ein junger Pariser nach einem sehr netten Rendezvous „bisous“ zu mir gesagt hat, nachdem er mir „bises“ gegeben hat, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Unsere Autorinnen Theresa Parstorfer, Katharina Hartinger und Anne Gerstenberg studieren derzeit in Oxford, Berkeley und Paris und schreiben im wöchentlichen Wechsel über Ereignisse, die so in München nicht passieren würden.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Autorin

Fremdgänger: Richtig wichtig nichtig

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Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der ein oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat. Unsere Autorin Katharina erzählt heute, warum sich der grantige Münchner auch einmal ein wenig Smalltalk aneignen sollte.

Der Smalltalk ist der Feind des Münchners. Diesen Eindruck habe ich jedenfalls vor meiner Abreise nach Kalifornien bekommen: Mehrheitlich ließen sich meine Freunde darüber aus, wie sehr es sie nerven würde, ständig mit Fremden über Nichtigkeiten zu plaudern, wie es der Amerikaner an sich eben tut. Oder wie der Münchner denkt, dass es der Amerikaner tut.

Neulich war ich dann im Supermarkt hier in Berkeley. Ich hatte mich endlich zwischen länglichen oder runden, grünen oder gelben Zucchini sowie Auberginen in den Varianten dunkellila oder helllila mit weißen Tupfen entschieden und stand an der Kasse. Der Kassierer bemerkte meine „SF Giants“-Baseball-Kappe und fragte mich, ob ich das Spiel der Baseballer aus San Francisco am Abend zuvor gesehen hätte. Hatte ich nicht. Ich hatte auch insgesamt nicht mehr als zwanzig Minuten irgendeines Giants Spiels in dieser Saison gesehen. Aber das macht ja nichts. Er erzählte mir von der peinlichen Pleite, wir machten Witze über den Pitcher und uns gegenseitig Mut, dass das mit den Playoffs doch noch klappen könnte. Es ist so simpel wie wundervoll. Jemand sagt etwas Nettes zu dir. Du sagst etwas Nettes zurück. Der andere Mensch lächelt, du lächelst, der Tag ist ein kleines bisschen besser. Man kann das oberflächlich finden, schließlich geht es in den seltensten Fällen um mehr Substanzielles als die beachtliche Größe der Wassermelone im Einkaufswagen des anderen. Oder man freut sich einfach darüber.

Eine Sache der Einstellung und der Gewöhnung. Wahrscheinlich würden viele Münchner Studenten auch glatt über ihre eigenen Ugg Boots stolpern, wenn ihnen jemand in der Mensa im Vorbeigehen ein Kompliment zuruft. Der ist bestimmt komisch. Oder gar gefährlich? Einfach nur freundlich – das ist hier die gängige Interpretation.

Aber diese Umstellung ist nicht nur für grantige Münchner hart. Auch einer meiner philippinischen Freunde war am Anfang eher eingeschüchtert von so viel Gesprächsbereitschaft. Heute ist das kaum zu glauben – denn niemand schafft es so gut wie er, dank charmanter Gesprächsführung besonders viele Gratisproben auf dem Farmers’ Market zu bekommen. Das ist dann quasi das nächste Level.

Und was ist die Königsdisziplin im Smalltalk? Für mich zweifellos der Small-Schrei. Der ist immer dann nötig, wenn du dem Busfahrer beim Aussteigen durch den vollbesetzten Bus hindurch ein „Dankeschön! Schönen Tag noch!“ zubrüllen willst. Das gehört hier zur Busfahrt genauso dazu wie der Drogenabhängige auf der Rückbank. Noch habe ich ein paar Monate, um die Tonlage zu perfektionieren.

Text: Katharina Hartinger

Photo: Privat

Fremdgänger: Nummer 5 darf rudern

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der ein oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat.

Ich bin die Nummer 5. Und gerade ist es meine Aufgabe, das Boot zu stabilisieren. Dafür muss ich das Paddel flach aufs Wasser drücken.

Es ist halb sieben Uhr morgens und feine Nebelbänke ziehen über die noch dunklen Wasser der Themse. Immer wieder werden sie durchschnitten, von langen, dünnen Ruderbooten oder den kräftigen Stimmen der Coxes, die durch an den Booten befestigte Lautsprecher verstärkt werden. Die Aufgabe eines Cox ist es, am Ende des Bootes zu sitzen und den acht Ruderern im Boot Anweisungen zuzurufen.

Der Cox in meinem Boot heißt Jenny, hat rote Haare, Sommersprossen und einen sehr schönen britischen Akzent. Deshalb stört es mich auch nicht, dass sie seit einer gefühlten, eisigen Ewigkeit, immer wieder wiederholen muss, dass Nummer 5 gerade nicht rudern soll, sondern das Boot gerade halten. Ich mache das immer wieder falsch, nicht nur, weil ich tatsächlich lieber Rudern würde (mir ist kalt, und außerdem macht es erstaunlich viel Spaß), sondern auch, weil Ruder-Jargon ganz schön verwirrend ist. Da gibt es einen Begriff für die Ruderer, deren Ruder nach rechts in den Fluss ragen („stroke-side“), und einen für die andere Seite („bow-side“). Und dann gibt es einen Begriff für den hinteren Teil des Bootes („bow-four“) – die Nummern eins bis vier – und einen für den vorderen Teil („stern-four“) – also Nummer 5 bis 8. Die bringe ich ständig durcheinander, weswegen ich nie so genau weiß, wer gemeint ist, wenn einer dieser vier Begriffe fällt. Aber das wird schon noch, sage ich mir – ist schließlich das erste Mal, dass ich in einem Ruderboot sitze.

Ich frage mich, ob in München jemals ein Student auf die Idee kommen würde, um halb sechs Uhr morgens aufzustehen, aufs Fahrrad zu steigen, obwohl die Hände schon am Lenker festzufrieren drohen, um dann zwei Stunden in einem dünnen Ruderboot auf einem schon erstaunlich geschäftigen Fluss zu paddeln. Vielleicht, denke ich mir, vielleicht gibt es ja ein paar Münchner, die vor Sonnenaufgang im Eisbach surfen.

Aber wenn ich mich an die großen Augen erinnere, die ich in München regelmäßig erntete, wenn ich gestand, dass ich um halb sechs aufstehen müsse, um eine Acht-Uhr-Vorlesung besuchen zu können (ja, ich wohne sehr weit „draußen“) und daran, wie spärlich besucht diese Vorlesungen dann waren, komme ich zu dem Schluss, dass Frühaufstehen unter Münchner Studenten eher die Ausnahme darstellt.

Gegen Ende des Trainings darf Nummer 5 sogar noch ein bisschen rudern, und als mein Paddel durch das klare Wasser zieht, sich langsam die ersten Sonnenstrahlen durch die Büsche am Flussufer wagen und der Himmel in ein sanftes Rosa getaucht wird, weiß ich auf einmal, warum das Frühaufstehen zumindest in bestimmten – genauer gesagt, den rudernden – Oxford-Kreisen etwas ganz Natürliches ist.

Text: Theresa Parstorfer

Foto: Privat