Band der Woche: Jordan Prince

Der Songwriter Jordan Prince hat für seine Liebe die USA verlassen und macht seit einem Jahr  in München

Musik. Seine im Juli veröffentlichte EP geht über normalen US-Gitarren-Folk hinaus und klingt  wie Science-Fiction. 

Die Welt, die einerseits immer mehr zusammenrückt (sich in die andere Richtung natürlich auch entfremdet), birgt noch mehr als politische Wirren und ökonomische Ungleichgewichte. Es entstehen auch ungewöhnliche Liebesgeschichten daraus – und letztendlich auch neue Musik. Schon vor einigen Jahren etwa spülte es den US-Amerikaner Gabriel Miller Phillips nach München – der Liebe wegen. Eine ernsthafte Beziehung über die Distanz München-New York zu führen, ist auf Dauer ein recht schwieriges Unterfangen. Es entstanden aber sehnsüchtige Songs dabei, die Gabriel mit zarter Stimme gleich mit nach München brachte. Nicht nur die Liebesgeschichte verbindet Gabriel Miller Phillips nun mit Jordan Prince, auch musikalisch entstehen da durchaus Parallelen – auch wenn man der Musik von Jordan anhört, dass sie ein bisschen später geschrieben wurde als die von Gabriel.

Jordan Prince ist auch Songwriter, er ist auch US-Amerikaner und er kam auch der Liebe wegen nach München. Ursprünglich stammt er aus der kleinen Stadt Corinth in Mississippi, seine deutsche Freundin lernte er dann an der Filmhochschule in New Orleans kennen, sie führten eine Fernbeziehung. Im vergangenen August entschied sich Jordan dann dazu, nach Deutschland zu ziehen: Er habe alles verkauft, was er in den Staaten hatte, brach die Zelte ab und lebt nun seit einem Jahr in München. Seine Musik klingt trotzdem noch sehr amerikanisch. Man hört den Songs an, dass sie in ganz klassischer Songwriter-Manier auf der Akustik-Gitarre komponiert wurden: Feine Gitarren-Pickings, sehnsüchtige Melodien und eine ebenso zarte Stimme wie Gabriel Miller Phillips, die Jordan auch gerne mal in die Falsett-Nähe schrabben lässt. Doch seine aktuelle EP, die er im Juli 2016 veröffentlicht hat , geht dennoch über das Prinzip US-Gitarren-Folk hinaus. Denn darauf ist, ganz titelgemäß, eine Band zu hören. Und die haucht der Musik andere Farben ein, da erklingen schräg-spacige Synthesizer oder dünne Flötentöne. Ein wenig Science-Fiction ist das, im ausgesprochen schönsinnigen, mehrstimmigen Folk-Gewand. 

Diese EP hat er noch in den USA aufgenommen, im Juli 2015, kurz bevor er nach Deutschland zog. In München hat er dann die örtliche Musik-Szene erst einmal aus der typischen Singer-Songwriter-Perspektive kennengelernt. Er trat bei den üblichen Open-Stage-Sessions auf, lernte aber auch die alternative Szene um das Import-Export oder die Hauskonzerte kennen. Und allmählich kannte er die Szene, er freundete sich mit Bands wie den Young Chinese Dogs an, die ihn gleich als Support mit auf ein Konzert nahmen, oder trat in Kontakt mit Xavier Darcy.

Ganz hingerissen ist er von der Münchner Szene, in der sich so viele Musiker so stark für ihre Kunst einsetzen würden. Das gefällt ihm, denn auch sein Hauptfokus liegt auf seiner Musik, zum Geldverdienen jobbt er nebenbei. Im Herbst wird er nun die Musikerszene in ganz Deutschland kennenlernen. Als Release-Tour zu seiner EP hat er sich eine ganz beachtliche Liste an Städten zusammen gebucht, wird etwa in Innsbruck, Berlin und Frankfurt auftreten. Und dazu gibt es noch eine Besonderheit: Denn zu dieser Tour begleitet ihn die Keyboarderin Violeta Del Rio, die dafür extra eingeflogen kommt, und die auf seiner EP maßgeblich für den Science-Fiction-Touch verantwortlich ist. Gleichzeitig arbeitet er an seinem ersten Album. Und weil die Sehnsucht und die Menschen in der Fremde eben einen starker Motor für die Kunst sind, wird das ein Konzeptalbum: Jeder der zwölf geplanten Songs wird sich um eine einzelne, wichtige Person drehen, deren Bekanntschaft Jordans Leben verändert hat. Seine Freundin wird mit Sicherheit auch vorkommen.  

Stil: Folk / Songwriter / Neo-Folk
Besetzung: Jordon Prince (Songwriting, Gitarre, Gesang), wechselnde Bandmitglieder
Aus: New Orleans / München
Seit: 2005
Internet: www.jordanprince.bandcamp.com

Von: Rita Argauer

Foto: Peter Ross

Band der Woche: Freddy Gonzales

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Wohldosiertes Drama – Freddy Gonzales, klassisch unterwegs mit seiner Akustik-Gitarre, verzichtet in seinen Songs auf die biographische Ich-Form und singt lieber von Figuren, die etwas erlebt haben. Folk vermengt sich mit wohldosiertem Drama und lässt so etwas Besonderes entsehen, etwas, das Freddy herausstechen lässt aus der kaleidoskopartigen Münchner Musikszene.

Ordnung tut gut. Auch in der Popmusik. Obwohl dort das Chaos und das Anarchische für Neuerungen sorgt, muss Musik gleichzeitig verortbar sein, damit sich Zielgruppe und Musik auch finden können. Das geschieht meist über Labels, die Künstler eines ähnlichen Stils herausbringen. Oder über die Szene und deren Mundpropaganda. Was aber in der Popmusik besonders ist, ist, wie sehr so eine Zuordnung auch über Geografie funktioniert. Berlin steht für einen bestimmten Sound, Hamburg sowieso. Oder Seattle. Die Stadt im Nordwesten der USA, die wie kaum eine andere zum Label für einen Musikstil geworden ist.
München hat da ein Problem, weil es schon länger nicht mehr als Stadt für eine derartige musikalische Eindeutigkeit stehen konnte. Moroder und Munich Disko sind lange vorbei, die Szene ist ein Kaleidoskop. Das ist schön und abwechslungsreich, aber keine Schublade, die als breitenwirksames Genre funktionieren könnte. Doch eines ist hier gerade auffällig: Die große Anzahl an Musikern, die als Solo-Künstler unterwegs sind. Als hätte man sich in der Stadt völlig davon verabschiedet, Bands zu gründen, was vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass man für Bands Probenräume braucht und das ist hier kompliziert. Viel weniger kompliziert ist es, im Alleingang mit den Mitteln, die einem unmittelbar zur Verfügung stehen, Musik zu machen. Ob das der Computer ist wie bei der Sängerin Nalan oder die E-Gitarre wie bei Matthew Austin. Der Münchner Freddy Gonzalez ist da noch etwas klassischer: Akustik-Gitarre, aufgelöste Akkorde in Finger-Picking-Technik und einen unüberhörbaren Irish-Folk-Einfluss. Und dennoch hebt sich der Mittzwanziger, der Deutsch studiert und einmal Grundschullehrer werden möchte, von den Teilnehmern der vielen Open-Stage-Sessions, die es in der Stadt gibt, ab. Und das hat einen simplen Grund. Es wirkt, als würde Gonzales die Haltung der Bänkelsänger in aktuelle Popmusik transferieren. Die traten im 19. Jahrhundert in Wirtshäusern und auf Marktplätzen auf und waren so etwas wie eine analoge und gesungene Version eines Boulevard-Blattes. Denn sie berichteten – stets mit einem gewissen Hang zur Dramatisierung – von Geschehnissen, die sie auf ihren Rundreisen erlebt hatten. Auch Freddy Gonzalez spart sich in seinen Songs die autobiografische Ich-Form und singt lieber von Figuren, die etwas erlebt haben. Etwa „Jacky“, ein Song auf seiner ersten EP „Once“, die er im Frühjahr veröffentlicht hat. „Eigentlich gefällt mir der Name Jacky überhaupt nicht“, erklärt er, doch der Klang hätte sich in seinem Kopf mit der Melodie verwoben – also schrieb er diesem Jacky eine Liebesgeschichte, die sich in dem Song in einer Harmonik zwischen Seeräuber-Shanti und Moritat wunderbar abspielen kann. Dass das so funktioniert, verdankt Gonzales auch seinem gewissen Gespür für ein wohldosiertes Drama.
Das Songwriter-Dasein hat für Freddy Vorteile, weil er es genieße, völlig frei über seine Kunst entscheiden zu können. Band-Erfahrung hat er bereits. Denn seine musikalische Laufbahn begann er als jugendlicher E-Gitarrist in einer Pop-Punk-Band. Nachdem er jedoch mit Anfang 20 in England die Band Treetop Flyers gesehen hatte, habe er gewusst, dass er Folk machen will. Und er begann vor drei Jahren, allein zu musizieren. Derzeit spielt er ab und an mit einer Geigerin, außerdem habe er gerade ein Projekt mit anderen Musikern gegründet, in dem er auf Deutsch singen will. Vielleicht generiert er so auch ein neues Label für München: moritatenhafte Texte und Musik, die sich an gerade Populärem orientiert. Ähnlich wie das Bertolt Brecht und Kurt Weill einst für die „Dreigroschenoper“ erfunden hatten.  

Stil: Songwriter / Folk

Besetzung: Freddy Gonzales

Aus: München

Seit: 2012

Internet: www.freddygonzalez.bandcamp.com/

Text: Rita Argauer
Foto:eartrumpet.net

Von Freitag bis Freitag München – Unterwegs mit Matthias

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Die Temperaturen dieses Hochsommers lassen sich sehen, und auch wenn Matthias sich in der Sternschnuppennacht am Mittwoch einen kilometerlangen Sandstrand für München wünscht, gibt er sich erst einmal mit dem Kulturstrand am Deutschen Museum zufrieden und genießt dort die Jason Serious Band. In der Glockenbachwerkstatt träumt er mit Meanders von irischen oder auch brasilianischen Stränden und auch im Theatron und beim Sommerwiesen-Open-Air gibt es unter freiem Himmel die unterschiedlichsten Musikrichtungen zu hören. Nicht einmal für Kino muss er sich dem Nachthimmel fern fühlen: Im Backstage wird Open-Air eine Doku über Kurt Cobain gezeigt.

Ich fühl mich heute jung. In der Zeit zurückgeworfen. Am Freitag ist mein Bruder in
München – hoher Besuch, und zwar für sein Eignungsgespräch an der Uni. Ich fühl
mich heute jung, auch weil ich mich selber sehe, etwas nervös, und unsicher, was
mich erwartet, in einem Raum voller Menschen, die entscheiden, ob ich selbst die
nächsten Jahre meines Lebens in dieser Stadt verbringen werde oder nicht.
Aufregend, ja, aber auch ernüchternd – wo geht die Zeit hin? Ich versuche,
nicht daran zu denken. Mit Bruder im Gepäck mache ich mich auf zum Backstage,
Open Air Kino. Heute mal mit der S-Bahn, nach 18 Uhr darf ich ja. Bruder muss
zahlen, ha! Es läuft eine Doku über Kurt Cobain, über Leben und Aufstieg des
blonden Engels. Das Ende kennen alle. Ich überhöre mehr als einmal:  „Mann, so lange ist das schon her? Wo geht
die Zeit hin?“ – manche Dinge ändern sich eben nicht.  
 

Samstag morgen: Cobain ist tot, ich wache auf – immer noch begeistert. Open Air Kino, hat
irgendwas von alten US-Filmen. Popcorn und Techtelmechtel im Autokino. Der
Trend kommt auch wieder zurück, keine Sorge. Bis dahin denke ich kurz wieder an
die Uni, diesmal nicht an die Vergangenheit. Wie die meisten sozial- und
geisteswissenschaftlichen Studenten muss ich noch hausarbeiten. Das Verb
gefällt mir. Darf man ja heutzutage, neue Wörter erfinden. Vielleicht kommt so
mal das Jugendwort des Jahres dabei heraus. Wie gutenbergen, oder merkeln. Ich
plane natürlich weder Plagiatsverbrechen noch will ich heute einfach nichts
tun. So denke ich großphilosophisch darüber nach, wie ich mein Gewissen
überreden kann, mich morgen erst mit Hannah Arendt zu beschäftigen. Vor lauter
Gedanken fahre ich bei der Radlnacht mit dem Strom Richtung Hauptbahnhof,
stolpere ins Kong, besser gesagt, man zerrt mich hinein. Hodini is back in
town
, so lautet das Motto. Soll bekannt sein in der Szene – ich denk mir meins,
aber lass mich darauf ein. Ein letztes Mal mit allen feiern, bevor sich die
Einzelteile der Gruppe in ihre respektiven Heimatdörfer verabschieden –
Wanderstudenten auf dem Weg in die Sommerpause.

In meinen – so red ich mir ein – bereits ewigen Studienjahren habe ich mich
nie an sie gewöhnt, die elektronische Musik, den ständigen Begleiter von
Sonnenstraße über Sonntagsgefühl bis hin auf die Sommerwiese. Am Sonntag dröhnt es mir
immer noch in den Ohren von gestern, aber es hilft ja nichts. Ich rolle mit der
Welle, schwappe zur Infanteriestraße, nah am Olympiapark. Auf der Sommerwiese
wird entspannt, getanzt, gesonnt und, nein, nicht gebadet. Die Entspannung ist trotzdem
auf den Gesichtern sichtbar, egal ob sonnencremeweiß oder britische Röte. Noch
hat die Musik mich nicht in ihren Bann gezogen, ein Bier, zwei vielleicht, dann
wird das schon. Karodecken werden ausgerollt, ich nehme ganz ungeniert Platz
und döse so langsam ab. Kann ja auch beruhigend wirken, so Dance Music, Baby.
Der Samstag holt mich ein, ich drifte ab in die Welt der Träume – unz, unz,
unz…

Montag? Montag. Ich stehe auf, sehr früh, Waschmaschine an, heute wird ein
guter Tag – ich lege mich wieder hin. Ich habe mich überschätzt. Kommt vor, aber
kein Problem. Ein weiser Mann hat mal gesagt, die Definition von Glück sei es,
keine Termine zu haben, dafür aber leicht einen sitzen. Das Wetter schreit nach
Terrasse, nach rumsitzen, nach Zeitung lesen. Oder mit der Zeitung Luft
zufächern, jedem das seine. Ich entscheide mich für den Hinterhof der
Glockenbachwerkstatt. Wie sooft in der Glocke wird es bald auch musikalisch.
Streets of Minga, so heißt das Album von Meanders, irisch-brasilianische
Singer-Songwriterin. „Come on and be part of this“, singt sie – gerne doch, sie
spricht mich ganz klar persönlich an. Bald habe ich dann auch leicht einen
sitzen, drunk on love, wahrscheinlich.

Nach einem Wochenende Elektro hat mir der Genrewechsel gestern gut getan. Am Dienstag schreien Kopf
und Körper nach mehr, und ich bin gewillt, der Versuchung nachzugeben.
Dafür muss ich aber eine – für München-Verhältnisse – weite Reise auf mich
nehmen. Wie Bilbo Baggins packe ich nur das Nützlichste in einen Beutel und
mache mich auf ins Abenteuer. Nur wenige Tage nach meinem Ausflug in die Nähe
des Olympiaparks muss ich es heute schaffen, die Grenze ins Hügelparadies zu
überqueren. An Loth- und Infanteriestraße vorbeigehuscht, lasse ich die
Schwere-Reiter-Straße schneller hinter mir als ein (gedopter) Radprofi und
schon bin ich am Olympiastation. Zum ersten Mal in diesem Sommer schaffe ich es
zum Theatron. Zu Gast im kleinen Amphi am See sind heute The Moonband, Folkmusiker
aus München. Die Klänge klingen über die Wasseroberfläche, langsam versammeln
sich die Menschen rund um die Bühne und schaukeln mit. Ich drifte ab, zurück in
die Welt der Träume – kein unz, unz, unz…

Es gibt ja diese Menschen, die ganz große Fans von Sternen sind. Eigentlich von allem, was man vor allem nachts und mit Teleskop sieht. Klingt so, also würde ich von Spannern reden, jetzt wo ich so darüber nachdenke. Jedenfalls überzeugen diese Menschen mich regelmäßig von der Schönheit des großen Nichts über uns, seien es Planeten oder Sterne oder ein Käfer, der sich auf die Linse des Fernglases verirrt hat. Ich lasse mich am Mittwoch Abend wieder entführen, in die
weite, schwarze Ferne – heute ist Sternschnuppennacht. Warmer, klarer Himmel –
wenn die SWM jetzt noch den Hebel von der Stromversorgung umlegt, wird es noch
romantischer. Den großen Wagen erkenne ich, einige andere Sterngebilde werden
mir beigebracht, und irgendwo meine ich, ET gesehen zu haben. Und dann, die
erste Sternschnuppe. Noch eine. Da, wieder – ich vergesse vor Begeisterung, mir
etwas zu wünschen. Aber dafür habe ich jetzt drei Wünsche auf Lager… verrate ich aber nicht!

Okay, ich verrate einen, den kleinsten Wunsch der letzten Nacht – ich
wünschte, an der Isar gäbe es Sandstrand! Meilenweit, weiß wie kolumbianischer
Schnee und so fein, dass er noch Wochen später zwischen den Arschbacken
hervorrieselt – ja, das wär doch was. Die wenigen sandigen Meter an der
Wittelsbacher Brücke sind wirklich toll, versteht mich nicht falsch, nur liegen
da um 6 Uhr morgens schon Handtücher zum reservieren. Mensch! Alles Aufregen
hat keinen Sinn, ob Mallorca oder Balkonia, die Touristen sind doch alle
gleich. Trotzdem sehne ich mich auf einmal nach Sand zwischen den Zehen (und
Pobacken). Also radle ich am Donnerstag zum Deutschen Museum, installiere mich am
Zweitlieblingsbrunnen der Münchner – und genieße den Kulturstrand. Die Jason
Serious
Band spielt heute Abend ganz ernste Musik, nehme ich mal an. Ist
übrigens einer der Hauptgründe, warum Menschen eine Band gründen – der Name.
Sandy Sandman kommt mir spontan in den Kopf als alter ego – gebt mir Pick-Up
Truck und Zahnstocher, Kid Country zieht nach Nashville.

Meine utopischen Musikerträume verwerfend steig ich am Freitag zum Start des
Wochenendes erstmal unter die Dusche. Es rieselt, immer noch. Zeigt aber
Wirkung. Genauso wie wenn man nach zwei Wochen Urlaub erst den sonnigen Süden
vermisst, nach der sechsten Staubsaug-Session wegen Strandgut im Schlafzimmer
dann doch froh ist, wieder in der Realität gelandet zu sein. Ich erinnere mich
auf einmal, an Verpflichtungen, an Rechnungen, an Deadlines. Und dann wieder an
meinen Studienbeginn – la Brohème hat die Zusage der Uni bekommen. Ich erinnere
mich an den Tag, als der Postbote mit meiner ankam. Wäre ich hergezogen, wenn
man mich damals mit viel Elektro und wenig Sand gelockt hätte? Blöde Frage,
natürlich wär ich das. Und ich habe es nie bereut – bestes Beispiel: Wo ging
die Zeit hin? Ich weiß es nicht so wirklich, und das kann nur bedeuten, dass
irgendwie, irgendwo immer was los war. Außer heute. Heute mach ich nichts. Ich
kratze mir ein paar Sandkörner aus dem Ohr, und leg mich drauf.

Matthias Kirsch


Foto: privat

Band der Woche

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Musiker Matthew Austin kommt ursprünglich aus Manchester, schließlich hat es ihn aber nach München verschlagen. In seinen musikalischen Anfängen beeinflusst haben ihn die Gitarristen Jimi Hendrix und Kurt Cobain – mit denen er etwas gemeinsam hat.

Es gibt einen Schlag von Gitarristen, die auf der Bühne wirken wie diese Suchbilder, auf denen man den Fehler finden muss. Kurt Cobain war so einer, Jimi Hendrix auch; und ebenso der Songwriter Matthew Austin (Foto: Michael Müller). Es liegt am Instrument – alle drei halten die Gitarre falsch herum, haben aber keine speziell gebaute Linkshänder-Gitarre. Das führt dazu, dass die Stimmwirbel nach unten schauen, weil die Saiten einfach anders herum aufgespannt wurden. Als Matthew das zum ersten Mal gemacht hat, war das ein wichtiger Moment für ihn: „Ich habe mich an der Gitarre gequält“, erzählt er, bis sein Vater ihn daran erinnerte, dass er Linkshänder sei – er tauschte die Saiten und konnte plötzlich viel leichter spielen: „Das war der Punkt, an dem ich angefangen habe, Musik zu machen.“
Das war noch als Teenager, in Manchester, wo Matthew aufgewachsen ist und seine erste Band gegründet hat. Beeinflusst haben ihn dabei auch die beiden berühmten Linkshänder-Gitarristen: Jimi Hendrix hat er als Kind gehört. Und Nirvanas „Nevermind“ sei ein Erweckungserlebnis für ihn gewesen. Doch mit der zum Teil ganz schön zerstörungslustigen Musik der beiden Rock-Gitarristen haben die Songs von Matthew nicht mehr viel zu tun. Seine Band ist in England geblieben, während er alleine nach Deutschland gezogen ist – erst nach Berlin und dann für ein Praktikum nach München, wo er geblieben ist. Und dementsprechend macht er momentan auch alleine Musik: Sanfte Pickings an einer halbakustischen Gitarren, bluesige Harmonien, und eine weiche Stimme darauf, ab und an kommt eine Mundharmonika dazu. Das ähnelt eher Bob Dylan in seinen Folk-Phasen – und nach dem Klischee britischer Musik klingt das auch nicht. Eher drückt die schwüle Teilnahmslosigkeit der Musik der US-amerikanischen Südstaaten auf Matthews Songs, die eben oberflächlich ein wenig sediert, aber innerlich ganz schon aufgebracht wirken. Zwei EPs hat er bisher veröffentlicht, darauf Titel, die auf ähnliche Weise düster schwirren: „Hide & Seeking“, „No Foundation“ oder „The Darkest Hour“. Letzteres hat er auch gerade in einem Trödelshop für die Münchner Hauskonzerte aufgenommen – er ist also angekommen in der Musikszene der Stadt.
Das zeigt sich auch an seinem Konzertkalender: Gerade ist er bei der Langen Nacht der Musik bei der Veranstaltung des Radiosenders M 94.5 aufgetreten, nun steht die Hauptrunde des Sprungbrettwettbewerbs an, gefolgt vom Hipster-Festival „Panama Plus“ und dem Stadt-Land-Rock-Festival der SZ.  

Stil: Akustik / Blues / Folk
Besetzung: Matthew Austin (Gitarre, Gesang)
Aus: Manchester / München
Seit: 2013
Internet: www.fayreground.com

Rita Argauer

Foto: Michael Müller

Jasper Flynn

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Ein Timbre wie Pete Doherty, dazu eine gute Portion Schlagzeug: Simon Oser und Syed Uzair Raza machen Indie-Folk, der im Kopf bleibt.

Songwriter haben es schwer. Sich in diesem Genre abzusetzen, etwas Eigenes zu schaffen, ist viel schwieriger als mit einer voll besetzten Band an neuen Sounds zu arbeiten. So verwundert es, wenn ein als Band besetztes Musikprojekt, sich erst einmal als Songwriter verkleidet. Doch so wirklich am Neuartigen ist Jasper Flynn (Foto: Syed Uzair Raza) sowieso nicht interessiert. Und ein wirklicher Songwriter ist dieser Jasper eben auch nicht. Hinter dem Pseudonym verstecken sich der Gitarrist, Sänger und eben doch auch Songwriter Simon Oser und der Schlagzeuger Syed Uzair Raza. Und passend zu dem fiktiven Namen, der auch einem Brit-Pop-Folk-Sternchen durchaus gut stehen würde, machen sie eine Melodie-verliebte, zum Teil auch rockende und dann wieder recht unaufgeregte Musik.
 Das hat man alles auch schon mal gehört – und dennoch haben Jasper Flynn einen gewissen Charme. Das mag wohl an dem Clou mit dem Bandnamen liegen, zum anderen daran, dass Simon seine Sache eben auch sehr gut macht: Sein Timbre liegt irgendwo in der Nähe von Pete Doherty, seine Akkord-Folgen sind nicht überraschend, aber nachvollziehbar und Syed am Schlagzeug trifft das richtige Maß, um die Musik anzutreiben, aber nicht zu übertünchen.
 2013 haben sich die beiden kennengelernt – an einem Ort, der lange für Münchner Musiker eine Sehnsuchtsstätte war: Dem Backstage-Raum des Atomic Cafes. Beide hatten schon Band-Erfahrungen, beide im Indie-Folk-Bereich – also lag es nahe, sich zusammen zu tun. Anfang 2014 fanden die ersten Proben statt, im Herbst nahmen sie ihre EP auf. Fünf Songs sind es geworden, doch da hört der gerade Weg auch schon auf – ihnen fehlen gerade noch die finanziellen Mittel, diese auch herauszubringen. Konzerte kommen dafür umso mehr rein, Münchner Klassiker der Bandszene wie etwa das Munich Rocks im Ampere, die lange Nacht der Musik oder auch das Stadt-Land-Rock-Festival der Süddeutschen Zeitung auf dem Münchner Tollwood-Festival.
 „Wir hoffen, dass wir mit den Konzerten unsere Bandkasse etwas auffüllen können“, sagt Simon. Mit diesem Geld wollen sie dann endlich ihre EP fertig stellen.  Rita Argauer

Stil: Folk / Indie
Besetzung: Simon Oser (Gitarre, Gesang), Syed Uzair Raza (Schlagzeug)
Aus: München
Seit: 2014
Internet: www.facebook.com/JasperFlynnBand

Lost Name (Neo-Folk, Post-Singer-Songwriter)

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Jahr: 2014, Woche: 20

„Can you sing yourself alive?“, Andreas Langhammer schafft eine dringliche Tragik in seiner Musik, wie man sie bei Bright Eyes kennt. Als Lost Name flüchtet er, sobald er die Bühne betritt in eine andere Welt. Verzerrungen, Störgeräusche und Loops erzeugen diese Dringlichkeit, die den Zuschauer und Künstler gleichermaßen berührt.

Irgendwo zwischen der Welt und der Bühne liegt eine Grenze. Manche spüren diese Grenze weniger, diese Musiker nennt man meist authentisch, weil ihnen die Veränderung, die das Auf-der-Bühne-stehen mit ihnen macht, nicht so sehr anzumerken ist. Andere Künstler werden hingegen als exaltiert beschrieben, weil sie, sobald sie die Grenze zur Bühne überschritten haben, beginnen, eine künstliche Rolle zu spielen. Und manche Musiker schockieren: So wie der Münchner Songwriter Andreas Langhammer (Foto: Sandra Hilpold). Als Musiker nennt er sich Lost Name, das passt. Denn: Sobald er die Bühne betritt, wirkt es, als habe er sämtlichen Bezug zu seiner Lebensrealität vergessen. Distanzlos wirft er sich in seine Musik, die dadurch eine ungehaltene Kraft bekommt, während der Zuschauer zwischen Berührung und Sorge schwankt: Hoffentlich findet der Künstler nach dem Konzert zurück in die wirkliche Welt.

Eigentlich schreibt Andreas ganz einfache Songs mit Akustik-Gitarre und oft hymnisch-emotionalen Gesangslinien dazu. Mit verschiedenen Musikern hat er bereits zusammen gearbeitet: Oft mit Streichern, die seinen Songs eine klagende, aber passende Note geben. Dennoch arbeitet er auch immer wieder mit Verzerrungen, Störgeräuschen und Loops. So tritt er in wechselnden Besetzungen oder alleine auf, ein ähnliches Prinzip wie bei den Bright Eyes. Und Conor Oberst fällt da als Referenz nicht von ungefähr: Andreas schafft es, seinen Songs eine ähnlich dringliche Tragik zu geben, wie es der Kopf der Bright Eyes auf seinen frühen Alben konnte. Eine Dringlichkeit, die nicht weniger erzählt, als dass es in dieser Musik um innerste Berührung des Künstlers geht. Eine Dringlichkeit, die aber eben zweifelsohne auch nur mit einer gewissen Selbstaufgabe und Grenzüberschreitung auf die Bühne gebracht werden kann. Ein schwieriges Unterfangen, doch passend dazu beginnt Andreas’ erstes Album nach einem Intro mit dem fragenden und reflektierenden Songtitel: „Can you sing yourself alive?“.

2008 hat er dieses Album veröffentlicht, ein neues wurde Anfang diesen Jahres aufgenommen. Gerade sucht er nach einem Label, und noch viel wichtiger: Er sucht nach weiteren Gastmusikern, auch für seine Touren, die ihn gerade erst über Würzburg, Berlin und Hamburg bis nach Husum geführt haben. Rita Argauer

Stil: Neo-Folk, Post-Singer-Songwriter.
Besetzung: Andreas Langhammer (Gitarre, Gesang, Loops).
Aus: München.
Seit: 2008.
Internet: www.lostname.bandcamp.com.

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.

Lucie Mackert (Chanson / Songwriter / Folk)

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Jahr: 2014, Woche: 19

Hört mir zu! Die Songwriterin Lucie Mackert weiß sich vor Publikum zu präsentieren. Nach ihrem Schauspielstudium stürmt sie gerade Münchnens Bühnen. Rhythmusbetont, mit Schellenband am Fuß befestigt, erzählt sie Geschichten in ihren deutschsprachigen Chansons.

Die St-Laute am Ende von Worten zischen nur so von der Bühne. Aber auch weniger harte Buchstabenkombinationen wie etwa „ch“ schießt Lucie Mackert (Foto: Steffen Sixt) Richtung Publikum, angriffslustig und mit einer klaren Aussage: Hört mir zu! Auch ohne dass man um ihr Schauspielstudium und ihre Erfahrung im Ensemble des Theaters Tübingen weiß, ist das Theater in der Musik der Songwriterin präsent. Ihre deutschen Texte erzählen Geschichten, die einer Dramaturgie folgen, ihre Haltung hat Bühnenpräsenz, die weit von der so oft gesehen, schüchternen und vermeintlich authentischen Songwriter-Haltung entfernt sind.

Mit dieser Musik stürmt die gebürtige Pfälzerin gerade Münchens Bühnen und konnte die Publikumsentscheidungen beim „Milla-Song-Slam“ und der „Munich Song Connection“ im Einstein für sich gewinnen. In Frankfurt am Main hatte sie Schauspiel studiert, während des Studiums sei die Musik aber erst einmal aus ihrem Leben verschwunden, erzählt sie. Zuvor habe sie ihre Schulzeit über in Bands gespielt, zuerst am Schlagzeug, doch die Lust, an der Bühnenrampe zu stehen und zu singen, trieb sie an die Gitarre und ans Mikrofon.

Von ihren Schlagzeug-Kenntnissen aber profitiert ihre Musik auch heute wieder: Sie schlägt die Gitarre mehr rhythmusbetont als melodiös, an einem Fuß befestigt sie ein Schellenband, mit dem anderen tritt sie eine Bass-Drum. 2013 hat sie in München begonnen, diese Songs zu schreiben. Der Wunsch, die eigene Musik wieder in ihrem Leben zu etablieren, ließ sie ihr Engagement in Tübingen beenden, um als freie Schauspielerin, Synchronsprecherin und eben Musikerin in München zu arbeiten: „Mein Herz schlägt genauso für die Schauspielerei wie für die Musik,“ sagt sie, „für mich ergänzen sie sich perfekt.“

Zwischen Folk und Chanson sind ihre Lieder auch immer kleine Geschichten, die sie ähnlich distanziert, aber nahbar vorträgt wie etwa Anna Depenbusch. Und unter all dem erzählten Drama liegt auch bei Lucie ein gewisser Witz, der aber die Grenze zum Kabarett gekonnt und bewusst meidet. Am letzten Wochenende der Ausstellung „Aufgeschlossen“ der Junge-Leute-Seite der SZ tritt sie am Samstag, 24. Mai, im Farbenladen des Feierwerks (Hansastraße 31) auf. Rita Argauer

Stil: Chanson, Songwriter, Folk.
Besetzung: Lucie Mackert (Gitarre, Gesang, Percussion).
Aus: München.
Seit: 2013.
Internet: www.luciemackert.de.

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.

Blackout Problems (Pop / Folk / Rock)

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Jahr: 2014, Woche: 06

Die Band Blackout Problems protestiert mit ihren Songs. Im vergangenen Jahr reduzierten sie ihren vorherigen Alternativrock auf einen Pop zwischen Folk und Rock – und knüpfen gleichzeitig inhaltlich an das Weltverbesserertum von Woodstock an.

Kriegsmetaphern gegen den Krieg. Paradox ist das: „A protest against loaded guns“ heißt es in der Strophe von „Hope“, die in einen hymnischen Refrain führt, in dem die Münchner Band Blackout Problems (Foto: Birgit Burchart) schließlich fröhlich „And we’ll keep fighting and fighting“ singt. Doch irgendwo ist so viel Neo-Revoluzzertum auch etwas Schönes.

Wann gab es denn bitte die letzten ernst gemeinten Protestsongs? Jedenfalls nicht, als die Musikzeitschrift Spex im vergangenen Jahr zu ihrem eher albernen Protestsong-Contest aufrief. Doch die Blackout Problems halten sich da textlich eher an die großen Vorbilder aus den Sechzigern, sie haben ein Thema, gegen das sie ansingen. Und das kommt an, schließlich spielten sie 2013 größere Festivals wie das „Open Flair“ oder das „Frequency Festival“ und bahnen ihren Weg konsequent aus München hinaus. „Wir spielen Konzerte in Deutschland und Österreich“, sagt Gitarrist und Sänger Mario Radetzky; auch in der Schweiz, Italien, Tschechien und England waren sie schon, und auf einer zweiwöchigen Tour durch Russland und die Ukraine. Mit diesem Portfolio wartet das Trio auf, das man in Münchens sich um sich selbst drehender Szene bisher noch gar nicht bemerkt hatte. Sie begleiteten schon 2012 die Emil Bulls auf deren Tour und veröffentlichten das Album „Life“, das im Folgenden die Onlineleser-Charts der Musikzeitschrift Visions anführte.

Der damals noch druckvoll besetzte Alternativrock wurde auf der im vergangenen Jahr im Eigenverlag erschienenen EP „Twentyfourseven“ auf eine Akustikbesetzung heruntergebrochen. Der hymnische Impetus aber blieb. Pop zwischen Folk und Rock – und Musik, die eine zeitgemäße Übersetzung des Weltverbesserertums und der Zugänglichkeit der Woodstock-Musik ist. Nun erscheint eine Neuauflage dieser Single „Hope“, für deren Produktion sich Christoph von Freydorf, Sänger der Emil Bulls, verantwortlich zeigte. Rita Argauer

Stil: Pop-Folk
Besetzung: Marcus Schwarzbach: Bass, Gesang; Mario Radetzky: Gitarre, Gesang; Michael Dreilich: Schlagzeug.
Aus: München
Seit: 2008
Internet: www.facebook.com/blackoutproblems, www.blackout-problems.com

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.

Angela Aux (Folk / Indie / Elektronica)

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Jahr: 2013, Woche: 41

Mit seinem Stil “New Weird Bavaria” hat Florian Kreier eine musikalische Plattform für Schräges und Versponnenes geschaffen. Am 27. September erschien sein neues Album “Sleep Well Folk” und ab dem 22. November sind auch endlich die CDs gepresst.

Ob er sich damit einen Gefallen getan hat, das wird sich noch zeigen müssen. Doch in einem Geschäft, das so sehr in Schubladen und Genres denkt wie das Pop-Business, ist es von Vorteil, einen eigenen Begriff zu schaffen. „New weird Bavaria“ labelte Florian Kreier alias Angela Aux (Foto: Susanne Steinmaßl) einst die junge Szene, die um den Chiemsee herum entstand und nach München drängte. Allen voran die noch sehr elektro-funkige Kombo L’egojazz, mit der Florian das erste Mal in der bayerischen Landeshauptstadt von sich reden machte. Nachdem L’egojazz in eine Pause ging, brachte er sich immer wieder mit seinem Solo-Projekt, eben Angela Aux, ins Gespräch. Gerade hat er das zweite Album mit dem etwas fatalistischen, aber dennoch passenden Titel „Sleep well Folk“ veröffentlicht.

Viel Platz für Schräges und Versponnenes hat er darauf geschaffen. Doch eine gewisse Zugänglichkeit ist nicht zu leugnen. Ähnlich der Armada von schrägen Hipster-Bands, die in den vergangenen Jahren vornehmlich aus Brooklyn auf den Markt drängten und auf deren Begriff „New weird America“ Florian Bezug nimmt, vermischt er als Angela Aux verschiedene denkbare Einflüsse und Rhythmen mit einfachen wie wiedererkennbaren Melodie. Songwriter-Gitarren-Akkorde treffen dabei auf wildes elektronisches Geblubber und Glockenspiel. Und wo bei den US-amerikanischen Vorbildern der Einfluss von Afro-Rhythmik nicht zu überhören war, dominiert bei Angela Aux der Hang zum Krautrock.

Das Experiment mit diesem Stil, den in den Siebzigerjahren Bands wie Can prägten, glückt. Die ellenlangen Improvisationen dieser Musik bremst Florian gekonnt aus: Lange psychedelische Soundcollagen bleiben eine Andeutung, Krautrock bleibt ein Zitat. Die Lust am Experiment zeigt sich auch in seinen Live-Shows: So rezitiert er zwischen den Songs auch gerne seine eigenen Gedichte und Kurzgeschichten. Die Musik ist so mal Soundtrack zu seinen Worten, mal untermalen die Geschichten assoziativ seine Musik. Der Musiker, der gerade auch durch die erste Veröffentlichung seiner Band „Aloa Input“ in der überregionalen Musikpresse auftaucht, hat sich – zusammen mit Künstlern wie Joasihno – seine eigene kleine, aber sehr agile Szene geschaffen.

Foto: Susanne Steinmaßl

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Rita Argauer ist die Musik-Expertin der Junge-Leute-Seite. Sie ist nicht nur ständig auf der Suche nach neuen Münchner Bands und deswegen in den Clubs dieser Stadt unterwegs. Sie kennt die Szene auch von der anderen Seite: Sie singt und spielt Keyboard in der Band Candelilla.

Young Chinese Dogs (Indie, Folk)

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Zwischen poppigen Indie-Songs und rauem Folk haben die Young Chinese Dogs (Foto: Florian Huber) ihre musikalische Heimat gefunden. Am 11. Oktober erscheint ihr Album ‘Farewell to Fate’, auf dem sie diese Kombination perfektioniert haben.

Einen passenderen Titel hätte man kaum finden können. „Farewell to Fate“ haben die Young Chinese Dogs (Foto: Florian Huber) ihr Debütalbum genannt. Und von einer schicksalsergebenen Haltung haben sie sich auf dem Weg zu diesem Album tatsächlich verabschiedet. Eigentlich gibt es die Münchner Band schon seit 2011. Ursprünglich ein Projekt von Gitarrist und Sänger Nick Reitmaier – der seine Musikerfahrung unter anderem in der Backing Band von Uwe Ochsenknechts Sohn Wilson Gonzales sammelte. Doch dem Schicksal trotzend stieg er dort aus und begann die Musik zu machen, die er mochte: Akustischer Indie-Folk, der aber den Geist von rauem Rock’n’Roll atmet.

Auch Birte Hanusrichter wollte sich mit der trägen Lethargie des Abwartens nicht abfinden. Die Schauspielerin, die ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen kommt und beruflich in München lebt, sehnte sich nach einer Band. So ergoogelte sie eine Anzeige der Young Chinese Dogs, die auf der Suche nach einer Sängerin waren. Und seit Birtes Einstieg geht es voran. Unaufhörlich spielten sie Konzerte, schrieben Songs und bekamen schließlich einen Vertrag bei dem Berliner Label Motor Music. Das Album, das am Freitag, 11. Oktober, offiziell erscheint und am Tag zuvor im Münchner Atomic Café vorgestellt wird, spiegelt diese Absage an die Vorbestimmtheit. Der Folk des Trios bleibt rein akustisch – Credo der Band ist, dass nur Instrumente zum Einsatz kommen, die sie selbst tragen können – und trotzdem ist die Aufbruchstimmung der Musiker spürbar. Songs wie „Don’t talk about“ drängen euphorisch, getragen von Birtes ab und an ganz schön kratziger Alt-Stimme und Nicks Tom-Waits-Timbre.

Mit ihrer Musik haben sie sich auch einem Genre verschrieben, das derzeit eine Renaissance erlebt, nicht zuletzt durch den Erfolg von Mumford and Sons. Hinter denen folgten sie auf Platz Zwei der Charts von Balcony.tv in Dublin. Und von Sonntag, 29. September, an sind sie erst einmal auf ausführlicher Deutschland-Tournee.

Stil: Indie, Folk, Pop.
Besetzung: Nick Reitmeier: Gesang, Gitarre; Oliver Anders Hendriksson: Gitarre; Birte Hanusrichter: Gesang, Keys, Percussion.
Aus: München.
Seit: 2011.
Internet: www.youngchinesedogs.com,www.facebook.com/youngchinesedogs.

Von Rita Argauer