Paris, wie es stinkt und lebt

München, das ist reich und sauber. Dass diese Beschreibung nicht nur einem Klischee, sondern im Vergleich zu anderen Großstädten manchmal auch vollkommen der Wahrheit entspricht, das musste unsere Autorin in Paris erleben.

Gebeugt und tränenüberströmt betritt sie an der République die U-Bahn, torkelt auf mich zu und fällt fast auf mich. Und dann fängt sie an zu klagen. „Bonjour meine Damen und Herren, es tut mir leid, Sie zu stören, ich bin ganz allein, habe Job und Wohnung verloren, haben Sie nicht etwas Geld für mich?“ Sie geht mit der offenen Hand durch den Waggon, bei Temple steigt sie aus und geht einen Waggon weiter. Der nächste steigt ein.

An solche Szenarien musste ich mich in Paris erst gewöhnen. Leid oder Armut im Stadtbild öffentlich zur Schau gestellt sieht man in München kaum. Ich habe wenig Verständnis für all die Heuchler, die, sobald sie einmal über den Münchner Tellerrand blicken, großartigen Städten eine Absage erteilen, weil sie „wegen all der vielen Bettler so verunstaltet“ würden. Wer aus dem Münchner Kaff in eine Metropole wie Berlin, Rom, Madrid, London oder eben Paris reist, der muss eben damit rechnen, dass sie nicht Münchner Schicki-Micki-Standards entsprechen. Trotzdem ist es für jemanden, der das „Münchner Wohlleben“, wie es mein Soziologieprof zu nennen pflegt, gewohnt ist, sehr erschreckend und macht betroffen, wenn man in Paris plötzlich noch nachts Familien mit Kindern auf der Straße sitzen und betteln sieht.

Paris ist die Stadt der Bettler. Dort gab es lange regelrecht eine Kultur der sogenannten „clochards“: ein romantisierter Begriff für Aussteiger, die sich in ihrer bürgerlichen Existenz nicht zurecht gefunden haben und ein ungebundenes Leben außerhalb des Systems wählen, darunter sind Lehrer, Rechtsanwälte. Sie hausen unter den Seinebrücken und leben fernab und doch mitten im restlichen Paris ein eigenes Leben nach eigenen Regeln. Wer aus anderen europäischen Städten, wie München, vertrieben wurde, kommt nach Paris, denn hier kann er bleiben, wird geduldet. Inzwischen heißen die clochards offiziell S.D.F. „sans domicile fixe“, ohne feste Unterkunft, und von ihrem einstigen Ruf sind nur noch Mythen übrig.

Als ich nach einem Jahr Paris wieder in München U-Bahn fahre, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie während der Fahrt jemand durch den Waggon läuft. Instinktiv nehme ich meine Tasche enger an mich und blicke weg. Je weniger Aufmerksamkeit ich der Person schenke, desto wahrscheinlicher torkelt sie nicht zu mir, brabbelt mich lallend voll und beschimpft mich mit „Merde! Putain! Fils de Pute!“ Eine Vielzahl an wilden Schimpfnamen, nur weil ich wirklich kein Bargeld dabei habe, das ich ihr geben könnte. Jedoch setzt sich die Person neben mich. Ich blicke schon entnervt auf. Dann die Überraschung. Die Person ist eine junge Frau, die einen freien Sitzplatz gesucht hatte. Ach ja, fällt es mir ein. In München wird kaum gebettelt.

München ist wie die Wohnung von Kinderfreunden, die jeder kennt. Sie sieht aus wie für ein Fotoshooting im Wohnkatalog präpariert. Neubau, das Interieur verchromt und – man sieht auf den ersten Blick – teuer. Die Eltern arbeiten und haben eine Putzfrau, in der Wohnung liegt nichts rum, absolut nichts. Es sieht aus, als würde hier niemand wohnen. Als Kind fühlt man sich hier exorbitant unwohl, denn man hat Angst, auch nur irgendetwas anzufassen, sich zu bewegen, um diese totale Sauberkeit und Ordnung nicht zu stören. Wirklich leben kann man in so einer Wohnung doch nicht. Was war man froh, wenn man nach Hause kam und alles etwas chaotischer, lebendiger und bewohnt war. So ist es auch mit Paris. Ja, Paris stinkt und man ist mit Leid konfrontiert. Aber es lebt.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: So ähnlich, so fremd

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Eigentlich könnte man meinen, dass man sich nach einigen Monaten Auslandsstudium bereits einheimisch und zugehörig im neuen Umfeld fühlen kann. Doch unsere Autorin berichtet darüber, wie es ist auch nach einiger Zeit noch die Fremde zu sein.

Ich sitze nach der Uni mit Mädels aus meinem Studium in einem Café, und sie erzählen sich ihre neuesten Bettgeschichten. „Hahaha, nach dem Wochenende mit Jean-Philippe konnte ich auch nicht mehr aufrecht gehen.“ Ich bin kurz überrascht über so viel Offenheit mir gegenüber, dann bemerke ich: Sie denken, ich verstehe sie nicht. Sie reden, als ob ich nicht da wäre.

Ich seufze tief und lerne, was es heißt, sich einsam unter vielen zu fühlen. Als Erasmus-Studentin habe ich es leider nie geschafft, die gläserne Decke zu durchdringen, die mich von einer echten Freundschaft mit meinen Kommilitonen getrennt hat. Auf Französisch gibt es für Ausländer und Fremde das gleiche Wort. „Etranger“. Ich bin als Etrangère also nicht nur Ausländerin, sondern auch Fremde in Frankreich. Manchmal ist es schon spannend, was Sprache über das grundlegende Verständnis der Dinge verrät.

Man ist freundlich zu uns Austauschstudenten. Neugierig werden wir gefragt, woher wir kommen und wie uns Frankreich gefällt. Aber darüber will ich nach fünf Monaten nicht mehr sprechen müssen. Ich studiere an dieser Uni genauso wie alle anderen Studenten auch. Wir finden alle Musik, Filme, Maler und Schriftsteller großartig, gehen gerne mal was trinken oder stöbern nach ausgefallenen Kleidungsstücken. Wir alle haben die gleichen Kurse und die gleichen Prüfungen zu bestehen. Wir alle haben vielleicht ein Mädchen oder einen Jungen, für den wir schwärmen oder mit der – beziehungsweise mit dem – gerade etwas läuft. Obwohl wir die gleichen Probleme und Sehnsüchte haben und wir uns in Art und Interessen sogar ähnlich sind, werde ich meinen Sonderstatus nicht los. Ich bin hier nur vorübergehend, ich gehöre hier eigentlich nicht hin. Ich könnte es wie die anderen Erasmus-Studenten machen, die unter sich bleiben. Den ganzen Tag Englisch sprechen, mit Leuten aus allen Teilen der Welt, außer mit Franzosen, und am Wochenende auf Sightseeing-Trips mitfahren. Aber das will ich nicht. Ich will richtig in Paris leben.

Doch die Unterhaltungen drehen sich oft um Dinge, die ich nicht verstehen kann. Französische Rapper, die ich noch nie gehört habe, Wortwitze, für die mir der Wortschatz fehlt. Immer nachfragen zu müssen, immer erklären zu müssen, dafür ist irgendwie kein Platz in den Unterhaltungen. Ich habe eine echte Freundin gefunden. Sie kommt aus Ägypten, ist in Schottland aufgewachsen, ihre Mutter ist Französin, sie kann alle Sprachen perfekt, sie weiß, wie es ist, in einem neuen Land zu sein. Aber sie lässt mich nicht fremd sein. Sie hört mir zu, geduldig. Sie wartet, bis ich die Worte gefunden habe, sagt Sätze zweimal. Und plötzlich haben wir so viel zu besprechen. Und plötzlich werden Unterschiede zu Gemeinsamkeiten. Ich koche ihr Kaiserschmarrn, wir gehen ägyptisch essen, und sie zeigt mir die Bretagne, wie man Cidre aus Keramikschüsseln trinkt und Galettes – Buchweizencrêpes mit Spiegelei und Käse gefüllt – isst.

Mir fallen schlechten Gewissens all die Momente ein, in denen mich in München Erasmus-Studenten nach dem Kurs gefragt haben, was ich jetzt noch mache. Und ich völlig in meinem Alltag gefangen nicht darauf eingegangen bin. Und ich nehme mir vor, es von jetzt an anders zu machen. Mit ein bisschen Geduld, Offenheit und echtem Interesse kann man so viel Austausch erreichen. Schade, dass man sich immer erst selbst einmal fremd fühlen muss, um dafür sensibel zu werden.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat