Fremdgänger: Glatze und Glamour

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Was sich unsere Autorin in München niemals hätte vorstellen können, hat sie sich in einem kleinen Dorf in der französischen Provinz nun getraut: Die Haare abzuschneiden, komplett. In ihrer neuen Heimat Paris fühlt sie sich pudelwohl damit.

Ich habe meine Haare abgeschnitten. Raspelkurz. So kurz, dass man die Kopfhaut sehen kann. So kurz, dass ich den Wind um meinen Kopf streifen spüre. So kurz, dass die Leute auf der Straße mir Platz machen, wenn ich ein bisschen aggressiv schaue. So kurz, dass man auf den ersten Blick nicht weiß, welches Geschlecht ich habe – eine genderfreie Frisur. Aber: Damit falle ich hier in Paris in der Menge nicht groß auf. An modischen Kuriositäten, ausgefallenen Persönlichkeiten und Anonymität gibt es hier genug. In München hätte ich so etwas nie machen können. München ist ein Dorf und die Breite an verschiedenen Stilen und gesellschaftlicher Offenheit gering.

Ich bin in der Bretagne, als ich mich entscheide, meine Haare endlich abzuschneiden. Ich wohne bei der Tante einer Freundin. Sie macht mir spontan einen Termin bei ihrer Friseurin aus, zu der sie seit ihrer Jugend in irgendeinem winzigen bretonischen Kaff geht. Auch der Friseursalon ist winzig. Drei ältere Damen erwarten mich. Wir tragen unser Anliegen vor und sind plötzlich Attraktion des ganzen Salons. Meine Friseurin war früher in Paris bei einem renommierten Friseur und ist eine richtige französische Diva, wie sie im Buche steht. Laut ruft sie erst einmal „mon dieu“. Ja die schönen Haare, ja ganz weg damit. Radikal. Ja. 

Und dann schneidet sie mir so souverän und künstlerisch die Haare, wie noch niemand vorher. Wild fuchtelt sie mit der Schere um meinen Kopf herum, völlig irrational schneidet sie immer mal wieder irgendwo etwas ab, während sie auf Französisch vor sich hin redet. Als sie alle Haare einmal rundherum abgeschnitten hat, habe ich einen so schönen Kurzhaarschnitt wie nach Jahren des Experimentierens und Friseurwechsels nicht. Danach kommt der Rasierer. Ich muss kurz schlucken, dann beginnt die endgültige Verwandlung.

Während in Paris oder gar in Städten wie New York gesellschaftliche Vielfalt allgegenwärtig ist und auf der Straße so richtig gelebt wird, ist die Münchner Mentalität eine komplett andere. Ich hatte hier immer das Gefühl, äußerlich nicht besonders auffallen, aus der Masse herausstechen zu dürfen. Der Kontrast zum Durchschnitts-Münchner wäre dabei so groß, dass ich mich viel zu sehr beobachtet fühlen würde, als für mein Wohlbefinden gut ist. Die Ray-Ban Sonnenbrille auf der Nase, Burberry oder Barbour Coat um die Schultern gelegt, Bluse zu beigem Pulli und dunkelblauer Hose – so laufen sie in München herum. Dazu passen keine raspelkurzen Haare. Die gesellschaftlichen Normen basieren in Paris mehr auf ehrlichem und glaubwürdigem Auftreten, und das bringt einen viel eher dazu, sich einfach mal was zu trauen und zu schauen, was dabei rauskommt.

Ich kann plötzlich auch ästhetisch Widersprüchliches miteinander verbinden, das mir schon immer gefallen hatte. Ich wage jetzt zu tun, was mir gefällt und habe plötzlich einen eigenen Stil. So unbeschwert, leger und eigenwillig overdressed wie es für die Pariserinnen eben typisch ist. Dieses „nach freier Lust und Laune“ einfach machen, was man will. In einer Stadt, einer Gesellschaft, einem Lebensgefühl kultiviert. Das ist Paris. 

Die Strähnen fallen. Die alten bretonischen Frauen um mich herum kommentieren, wie groß meine Augen plötzlich wirken und wie mutig sie mich finden. Aber ich höre nicht zu, sondern lächle glücklich in den Spiegel. Seit einem Jahr schon wollte ich meine Haare einmal so kurz schneiden. Aber in München schien das einfach nicht möglich. Ich schaue zufrieden dabei zu, wie mit jeder Strähne ein sozialer Zwang mehr von mir abfällt. Eine echte Münchnerin wäre ja doch nie aus mir geworden.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Flirten mit dem Goldfisch

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Wo die schönen Jungs sich tummeln: Unsere Autorin erlebt in Paris ein wahres Eldorado an begehrenswerten jungen Männern – und hat doch das Gefühl, sie bräuchte einen deutsch-französischen Freund zum Glücklichsein.

Ein Umzug von München nach Paris ist für eine junge Frau mit aufgewecktem Herzen wie ein Schritt aus dem Dunkel ins Licht. Endlich weg von dem ständigen Anblick dieser Hemd-Träger, die einen beige-farbenen Pulli darüber tragen, die ihren dicken Autoschlüssel von Papi dabei haben. Endlich weg von diesen eindimensionalen wohlstandsverwöhnten Münchner Schnösel-Bubis, die mich einfach nicht anziehen. Rein ins Pariser Paradies.

In Paris kann man quasi nicht das Haus verlassen, ohne attraktiven Männern zu begegnen. Diesen Typus Mann, für den ich leider eine besondere Schwäche habe – Dreitagebart, krause dunkle Locken, verwegener Blick, modisch, aber nicht gewollt gekleidet – sieht man zu meinem Leidwesen und meiner Freude zugleich überall in Paris. Ich gehe eine ganz normale Straße entlang und blicke währenddessen in mindestens fünf Gesichter, die ich ohne Weiteres so interessant und anziehend finde, dass mein Kopfkino vom ersten Date bis zum gemeinsam möblierten bücherüberladenen Salon mit Soiréen im Kreise unserer intellektuellen Freunde durchgelaufen ist. Wenn man sich dann noch im Vorbeigehen in die Augen blickt und anlächelt – hach – das ist einfach zu viel für mich. Ich muss zum Schutze meiner Fantasie und meines armen Herzens wegsehen.

Auch können Franzosen etwas, das deutschen Männern genetisch wohl auf ewig verschlossen bleiben wird: flirten. Sie sprechen mit dir wie ein Mann, der weiß, was er will. Wenn das du bist, ist es ein Kompliment. Sie schaffen es, dass du dich von der simplen Frage, ob du mal gemeinsam was trinken gehen möchtest, geschmeichelt fühlst. Sie schaffen es, nach ein paar Sätzen Small-Talk nach deiner Nummer zu fragen und zwar ohne dabei wie ein Psychopath, verunsicherter kleiner Junge oder überheblicher Arsch zu wirken. Und zum ersten Mal fühle ich mich als Frau, wenn ich durch die Straßen laufe. Endlich keine Polohemd tragende neutral-langweilige Wegschaukultur mehr, sondern tiefe, interessierte Blicke aus Augen, die Poesie und Gefahr versprechen.

Ich lerne, dass Franzosen in Liebesdingen anders sind, als ich es aus Deutschland gewöhnt bin. „L’amour Parisien“ unterscheidet sich sehr von dem klassisch-amerikanischen Dating-Ritual, bei dem man sich mehrmals zum Rendezvous trifft und sich frühestens nach dem dritten Date küssen darf. Die Franzosen hingegen schlafen zuerst miteinander, bevor am Morgen danach auf eine Zigarette und schwarzen Kaffee in der Küche entschieden wird, ob man sich besser kennenlernen will. Außerdem ist es so eine Sache mit der französischen Leidenschaftlichkeit. Zwar sind Franzosen unglaublich passionierte Liebhaber und verlieben sich aus tiefster Seele. Doch sie sind auch wankelmütig und haben das Gedächtnis eines Goldfischs. Warst du eben noch Mittelpunkt ihrer Welt, drehen sie sich um und können innerhalb von Sekunden die gleichen tiefen Gefühle für die nächstbeste, zufällig vorbeischlendernde Frau aufbringen.

Und da merke ich, dass für mich Liebe doch eher dem Modell deutscher Partnerschaft entspricht. Dein Partner ist vor allen Dingen dein Vertrauter und Freund, bevor sich etwas Sexuelles entwickelt. Liebe ist für mich nicht nur eine flammende, alles verschlingende Welle der Leidenschaft, sondern auch Zuverlässigkeit und Stabilität. Denn erst sie machen ein Vertrauen möglich, auf dessen Basis ich echte, tiefe Gefühle für jemanden entwickeln kann. Einen deutsch-französischen Freund müsste man haben.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Chaos an der Uni

Lange Schlangen vor den Sekretariaten und kein offizieller

Kurskatalog an der Uni in Paris: Unsere Autorin hat sich langsam daran gewöhnt, dass es dort ganz anders zugeht als bei der geordneten Verwaltung an der LMU.

Was ich in Paris gelernt habe? Gute Frage. Küssen? Quatsch! Ein Croissant in den Milchkaffee zu tunken? Widerlich. Das Einzige in Paris, was mir auch später weiterhelfen wird: Ich habe hier gelernt, die Ruhe zu bewahren, wenn alles um mich im Chaos versinkt. Was für die Franzosen Verwaltung heißt, ist für uns Deutsche wohl eher Verwaltungschaos. Manche Situationen sind dermaßen absurd, dass man sich immer wieder an den Kopf fasst und denkt: „Das kann doch nicht wahr sein, das passiert gerade nicht wirklich.“ 

Als Münchner Student an der Sorbonne verabschiedet man sich langsam aber sicher von allem, was man bisher unter Ordnung kannte. Das lernte ich bereits, bevor die Uni überhaupt losging. Die Einschreibung in diese Universität – von den Franzosen „la fac“ genannt, was man in Momenten der Verzweiflung auch durchaus als „la fuck“ verstehen kann – ist wie ein Hürdenlauf durch ein Irrenhaus. Natürlich ist keines der zehn verschiedenen Sekretariate, zu denen man weitergereicht wird, zuständig. Überall braucht man neue Anträge. Auch gibt es kein offizielles Vorlesungsverzeichnis. Bevor die Uni losgeht, weiß niemand, welche Kurse er das Semester über haben wird.

Dieser Moment, wenn an der LMU der Kurskatalog für das neue Semester veröffentlicht wird, der von den Studenten wie Weihnachten erwartet wird, in Vorfreude, all die neuen Kursangebote entdecken zu können – das ist essenzieller Bestandteil des Studentendaseins. Aber: Das gibt es hier in Paris einfach nicht. Am Tag der Vorlesungszeit wird am Sekretariat ein Stundenplan ausgehängt, nach dem sich die Studenten zu richten haben. Der Stundenplan ist vom Wintersemester des Vorjahres, die Jahreszahlen in der Überschrift handschriftlich mit Bleistift geändert. Die Räume und Uhrzeit stimmen natürlich nicht mehr, und so kommt der gesamte Studiengang kollektiv zu spät zu seinen Kursen. 

Hier ist es normal, Klausuren eine Woche vorher im Kurs anzusagen, ohne den Termin zu veröffentlichen. Wer nicht da war, hat Pech gehabt. Ein Münchner Student weiß in der ersten Universitätswoche alle Termine seiner Klausuren verbindlich, das ist in der Prüfungsordnung juristisch geregelt. Eine wild im Semester platzierte Klausur ohne offizielle Ankündigung und inhaltliche Einschränkung wäre so irreal wie rechtlich unmöglich umsetzbar, dass ich bis zum letzten Moment nicht glauben kann, dass diese Klausur wirklich so stattfinden wird.

Wer sich schon einmal über das Kursverteilungsverfahren in München geärgert hat – zu willkürlich, zu kompliziert und bürokratisch –, der wird es lieben lernen, war er einmal in Paris an der Sorbonne. Als Erasmus-Student muss ich meine Kurse persönlich bei der Sekretärin belegen, per Kreuzchen auf einem rosa Stück Papier. Doch die Sekretärin ist zu Semesterbeginn Mitte Januar noch bis Ende Februar im Urlaub. Wo ich jetzt meine Kurse belegen soll? Das weiß keiner. Ich beginne, alles mit einer gewissen ironischen Distanz zu belächeln, um nicht verzweifelt in hysterisches Gelächter auszubrechen. 

Und dann bin ich wieder in München. Unser Koordinator hat eine automatische LED-Ampel an seiner Tür, die mir in rot und grün anzeigt, ob ich eintreten darf. Ich bin erst einmal völlig irritiert, weil das so dermaßen in Kontrast steht zu den gewohnten Schlangen vor französischen Sekretariaten, die so lang sind, dass man die Tür des Raums nicht mehr sehen kann. Warten ist angesagt. Gut, dass ich mir Milchkaffee und ein Croissant mitgenommen habe.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: „Na, auch militant?“

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Unsere Autorin wundert sich diese Woche darüber, dass die politische Mentalität der

Deutschen so viel weniger enthusiastisch ist als die der Franzosen.  

„Und du? Bist du auch ein bisschen militant?“, fragt mich eine französische Kommilitonin. Als wäre das gerade in Mode und ungefähr so normal wie gerne Vanilleeis zu essen. Wir haben uns vor zehn Minuten kennengelernt und seitdem nutzt sie die Gelegenheit, mich über ihr politisches Engagement zu informieren. Ich lausche ihr mit einer Mischung aus Belustigung und ernsthafter Besorgnis. Denn die typisch französische Passion, wenn es um Politik geht, fasziniert mich ebenso so sehr, wie ich ihr gleichzeitig suspekt gegenüberstehe.

Französische Studenten sind politisierter, als ich es aus Deutschland kenne. Prinzipiell kann über alles eine wortreiche, laute und extrem leidenschaftliche Grundsatzdiskussion vom Zaun gebrochen werden. Sie haben klare Überzeugungen und bringen diese regelmäßig bei sogenannten „Manifestations“, das sind Demonstrationen, zum Ausdruck. Sonntag ist immer Demonstrationstag. Sie mobilisieren sich gegenseitig für alles Mögliche, vor der Uni stehen täglich neue Menschen mit Flugblättern, die zu Demonstrationen aufrufen. Ich bin ehrlich beeindruckt. 

Nun komme ich als Politikwissenschaftsstudentin aus einem überdurchschnittlich politisch interessierten und informierten Umfeld. Doch eine politische Kultur à la francaise kenne ich aus München nicht. Auch wir diskutieren in München bis spät in die Nacht und ergehen uns in links-intellektueller Selbstgefälligkeit, was das Zeug hält. Auch wir sind davon überzeugt, dass sich etwas ändern muss. Auch wir demonstrieren für Themen, die uns am Herzen liegen. Und doch fehlt uns eine gewisse Radikalität, die hier zum Umgangston zu gehören scheint. Unsere politische Mentalität ist viel systemunkritischer und weniger revolutionär, als es die französische schon immer gewesen ist, finde ich.

In München waren für mich Toilettenbesuche im Geschwister-Scholl-Institut immer eine spaßige Angelegenheit, fand sich doch immer irgendein amüsanter Spruch, den ich noch nicht kannte. Französische Unitoiletten meide ich, denn nicht nur ihr desolater Zustand, sondern auch die politischen Parolen an den Wänden schrecken mich ab. Dort finden sich Aussagen wie „Wählt Le Pen als eine Lehre für die kommenden Generationen!“ Ist das noch jugendlich-naive Verirrung oder schon strafbare Dummheit? Leider bin ich auf Französisch noch nicht eloquent genug, um Dinge, wie „Hitler war auch eine Lehre für die folgenden Generationen“ entgegnen zu können.

Meine Kommilitonin hier zum Beispiel ist links-radikal, möchte die Repräsentative Demokratie abschaffen und Selbstverwaltung einführen, Austritt aus der Europäischen Union und kommunistische Planwirtschaft inklusive. Stünde es in der zweiten Wahlrunde zwischen Marine le Pen und dem liberalen Kandidaten, wird sie nicht wählen. Warum auch, ihrer Meinung nach kann dann ja endlich die Regierung gestürzt werden und die ersehnte kommunistische Revolution kommen. Ich beginne mich zu fragen, was schlimmer ist. Das in Deutschland um sich greifende Desinteresse an Politik oder diese Politisiertheit, die sich fatal gegen die Demokratie richtet? Es macht mich unendlich wütend, mir vorzustellen, dass aufgrund linker Befindlichkeiten in Frankreich bald eine rechte Präsidentin all das, woran ich glaube, beseitigen soll. Auf ihre Frage antworte ich mit: „Ich identifiziere mich mit Demokratie.“

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: München, Stadt der Liebe

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Kann Paris in Bezug auf Romantik so viel mehr als andere Städte? Unsere Autorin startet ein Experiment und begibt sich in München auf die Suche nach dem Zauber für frisch Verliebte.

„Ah Paris – da ist das Leben so süüüß!“ bekam ich zu hören, wann immer ich erzählte, dass ich dort für eine Weile wohnen würde. Oder „ohoo, in der Stadt der Liebe!“ war auch ein echter Klassiker. Nun, viele dieser hübschen Vorurteile konnten der Realität nicht standhalten, denn Paris stinkt, lärmt, schmutzt und die Überzahl an Obdachlosen und Bettlern an jeder Straßenecke führen einem schnell vor Augen, dass das süße Leben hier nicht zu finden ist. Ist Paris die vielbesungene, mythisierte Stadt der Liebe?

Ich wollte daran zunächst nicht glauben. Paris ist doch eine Stadt wie jede andere und Liebe à Paris war für mich nicht mehr als diese furchtbaren Schlösser an Pariser Brücken und furchtbare Pärchen-Menüs in furchtbaren Touristenrestaurants. Denn wer ein Kuss-Selfie vor dem Eiffelturm – gedrängt zwischen einer Überzahl an Touristen – für den Gipfel der Romantik hält, dessen Einschätzung ist sowieso ungültig. 

Und doch bin ich dem Zauber, den diese Stadt auf frisch Verliebte versprüht, auch verfallen. Es ist schwer, sich nicht in Paris zu verlieben. Denn wer schon mal am Morgen danach ein frisches Pain au Chocolat in Jardin des Plantes gefrühstückt hat, gemeinsam stundenlang vor einem Espresso und mit Zigaretten in einem hübschen Straßencafé geplaudert hat, spätabends durch den fast leeren Louvre flaniert ist oder in einem winzigen originellen Weinkeller „Cave“ eine Flasche Wein geleert hat und dann durch einen pompösen Hauseingang in ein Bohème-Apartement, wie man es sich vorstellt, gelangt ist, der weiß, dass die Leichtigkeit, Süße und Romanik dieser Szenerien schon Verführung genug sind. Hat man dann noch einen verdammt schnuckeligen Begleiter – wie soll man ihm in einer solchen Kombination nicht verfallen? Dem Charme der Stadt zu widerstehen, ist einfach unmöglich.

Doch kann Paris in Bezug auf Romantik so viel mehr als alle anderen Städte? Auf Heimaturlaub in München wage ich den Selbstversuch und erkunde die bayerische Landeshauptstadt mit einem charmanten Münchner an der Hand. Und stelle fest, wenn man sich die Zeit nimmt, zu flanieren und die Stadt zu betrachten, statt wie sonst, sie vom Alltag blind zu durchlaufen, dann steht München der Zahl und Grad romantischer Plätze Paris nicht nach. 

Die Leopoldstraße ist genauso breit und lang und eindrucksvoll wie jeder Pariser Boulevard. Der Blick vom Friedensengel über die Lichter der Stadt kann genauso viel wie ein Blick von der Pont Neuf über „La ville de lumière“. Eine Breze im Hofgarten und ein Helles in einer gemütlichen Kneipe sind als Münchner Pendant zu Pariser Wein und Pain au chocolat unschlagbar.

Lange Spaziergänge durch den Englischen Garten sind genauso schön wie die durch die Tuileriengärten oder den Jardin du Luxembourg. Die Münchner Oper hat mindestens genauso viel Pomp wie die Pariser, und das Resi das bessere Programm als die Comédie Francaise. Will ich zu impressionistischen Gemälden seufzen, kann ich das auch in der neuen Pinakothek. Auch das Münchner Rathaus ist mindestens genauso eindrucksvoll wie das Hôtel de Ville. Und der viel besungene Himmel über Paris ist auch nicht blauer, seine Wolken nicht fluffiger als die bayerischen. 

Außerdem ist München gemütlicher, leiser, sauberer und weniger anstrengend als Paris. Ich stelle fest, Romantik lässt sich mit der richtigen Einstellung überall finden. Nur die richtige Einstellung findet man nur in Paris.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Gedichte da, Geld weg

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Gewalt oder Gesetzeswidrigkeiten bekommt man in München nur äußert selten zu Gesicht. Gerade deshalb muss sich unsere Autorin erst einmal daran gewöhnen, dass

in Paris

Taschendiebstähle zur ganz normalen Tagesordnung gehören. 

Als ich eine leichte Berührung an meiner Tasche spüre, greife ich panisch fester nach ihr. Solche Reaktionen sind für mich in Paris alltäglich geworden. Jemand geht verdächtig nah an mir vorbei, und ich zucke zusammen. Denn Taschendiebstähle sind in Paris so normal wie die Stammstreckensperrungen in München. Ein Übel, das – wenn es passiert – große Unannehmlichkeiten bereitet, aber in seiner Unvermeidbarkeit wie selbstverständlich hingenommen wird. Fast regelmäßig erzählt mir jemand, dass ihm etwas geklaut wurde: die Handtasche, der Geldbeutel, das Handy. Das ist für mich eine ganz neue Erfahrung.

Wer in München aufgewachsen ist, der bewegt sich mit einer völlig naiven Vorstellung von Unverwundbarkeit durch die Welt. Denn den meisten ist noch nie in irgendeiner Form Übel widerfahren, man kennt es gar nicht. Gewalt oder Gesetzeswidrigkeit bekommt man in München nur äußert selten zu Gesicht. Das Wohlleben in München geht so weit, dass man durch die Stadt läuft mit einem Gefühl von Sicherheit, als wäre man in seinem eigenen Wohnzimmer. Nie im Leben wäre mir in München der Gedanke gekommen, auf meine Sachen acht zu geben. Wenn ich meine Jacke im Englischen Garten liegen gelassen habe, bin ich einfach eine Stunde später wieder zurückgegangen und sie ist immer noch da gewesen. Einmal machte mich eine ältere Münchnerin sehr besorgt in der U-Bahn darauf aufmerksam, dass mein Geldbeutel doch sehr weit aus meiner Tasche herausstünde. Ich war völlig irritiert – na und? Warum ist das problematisch? Hier in Paris wird in der Metro auf zwanzig verschiedenen Sprachen auf die Gefahr von Taschendieben hingewiesen. Es gilt, dass man die Menschen, die mal in Paris gelebt haben, daran erkennt, ob sie auf Chinesisch und Spanisch vor Taschendieben warnen können. Meine Handtasche verschließe ich inzwischen immer und greife sie zusätzlich am Riemen. Manchmal ertappe ich mich, wie ich panisch überprüfe, ob ich sie auch wirklich verschlossen habe.

Seit mir in Paris einmal selbst die Handtasche gestohlen wurde, bin ich vorsichtiger geworden. Ich saß eine Stunde auf einer Parkbank und unterhielt mich. Als ich aufstehen wollte, war die Tasche, die die ganze Zeit neben mir stand, verschwunden. Ohne Handy, Geld, Ausweis oder Schlüssel in Paris zu stehen, war schon eine Erfahrung der besonderen Art. Als ich bei der Polizei den Diebstahl meldete, wurde nicht mal nach einer Täterbeschreibung gefragt – dass ich die Tasche nie wieder sehen würde, stand außer Frage. Bei meiner Auflistung, was alles in der Tasche gewesen war, lachte die Polizistin: „Mon dieu, Sie hatten ja Ihr gesamtes Leben in ihrer Handtasche.“
Studentenausweise, Bankkarten, Personalausweis, Führerschein, Lieblingslippenstift, Handy und Adressbuch – all das musste neu beschafft werden. 

Als ich mich panisch nach demjenigen umdrehe, der da an meiner Tasche zugange ist, blicke ich in das Gesicht des jungen Franzosen, den ich vor zwei Monaten abserviert hatte. Er ist mir aus der Uni gefolgt und versucht, mir anonym einen Abschiedsbrief in meine Handtasche zu schmuggeln. Ich frage mich seufzend, warum in der Metro eigentlich niemand vor diesen jungen gedichtschreibenden Franzosen warnt.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Nix verstehen

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„Profiter de quelque chose“ – Hört sich viel zu sehr nach „von etwas profitieren“ an. Dabei will unsere Autorin ihren Pariser Freunden doch nur sagen, wie sehr sie ihren Aufenthalt genießt. Für manche essenzielle Wendungen scheint es einfach kein Französisches Pendant zu geben. Ihr wird zum ersten Mal klar, was das Wort Sprachbarriere bedeutet.

Im Französischen gibt es kein Wort für Heimat. Ich bin nun schon seit sechs Monaten in Paris und dank meiner neuen Freunde, die mich ohne weiteres zu ihrer Familie in die Bretagne einladen, und meiner großartigen Gastfamilie, die mir hier ein echtes Zuhause gegeben hat, fühle ich mich in Paris inzwischen richtig heimisch. Aber ich kann es ihnen einfach nicht sagen. Außerdem gibt auch kein Wort für Gemütlichkeit, auch keines für Genuss. All das sind Worte, die ich zur Beschreibung des französischen Lebensgefühls auf jeden Fall benutzen würde.

Wie definieren sich denn die Franzosen selbst, wenn sie keine Worte haben für das, was ihre prinzipiellen Eigenschaften ausmacht? Beziehungsweise fühlen sich für mich die Wörter, die sie in diesem Sinne nennen, falsch an. Viele Worte gibt es in der jeweils anderen Sprache gar nicht; oder in dem Zusammenhang wird ein anderes Wort benutzt als das, was meiner Meinung nach nicht aussagen kann, was ich sagen möchte.

Genießen heißt „profiter de quelque chose“, das wiederum auch „von etwas profitieren“ heißt. Viel zu utilitaristisch für schlichten Genuss. Noch schlimmer wird es mit „sich freuen“ für, über, auf etwas. Es gibt zwar jouir und réjouir, das freuen bedeutet, man kann sich sogar freuen und „wiederfreuen“, es wird aber nicht wie im Deutschen benutzt. Es heißt dann „je suis contente“: Ich bin zufrieden. Zufrieden?

Für eine junge Münchnerin, die ihre Freude zum Ausdruck bringen möchte, sind solche Formulierungen nicht ausreichend. Ich habe die Ausdrücke aus München immer noch im Gedächtnis: „Taugt mir.“ „Nice.“ „Saugut.“ Und plötzlich: „Ich bin zufrieden.“ Was ist denn das für ein Volk, das solche Höflichkeiten in der Interaktion ausklammert, dafür keinen Ausdruck hat? In der Unterhaltung mit Franzosen merke ich, dass wir in zwei völlig unterschiedlichen Wortwelten aufgewachsen sind, eine perfekte Verständigung ist fast unmöglich. Zum ersten Mal verstehe ich, was das Wort „Sprachbarriere“ beschreibt. Zwei Menschen, die willens sind, sich zu verständigen, sich gegenseitig in der Sprache des anderen schon halbwegs sicher bewegen, die Worte kennen, können sich trotzdem nicht verstehen. Worte haben im französischen Sprachgebrauch oft einen ganz anderen Sinn, als die deutsche Übersetzung es vermuten lassen würde.

Mein Ich, das ich auf Französisch präsentieren kann, ist zurückgeworfen auf das grenzdebile Level einfacher Sätze und entbehrt plötzlich völlig jeglicher Komplexität oder ironischer Feinheit. Und selbst das kann ich nicht zufriedenstellend zu den Franzosen sagen. Ich kann nur sagen: „J’ai des problèmes à m’exprimer“ – also: „Ich habe Probleme damit, mich auszudrücken.“ Dabei steckt schon hinter diesem Satz so viel mehr als die Worte, die ich dafür finde. Ich gewöhne mich daran, dass die französische Übersetzung weder in Wort noch in Aufbau meinem deutschen Satz entspricht. Dass mir der französische Satz in Struktur und Wortwahl gar nicht einleuchtet, daran werde ich mich nie gewöhnen. Welche Frustration. „Quelle frustration!“

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Freunde für eine Nacht

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Zum Beispiel auf einer wochenendlichen WG-Party, auf der sich alle auf einmal in den Arm fallen und wie wild zu tanzen beginnen

Ich sitze auf dem Sofa eines Pariser Appartements. Um mich herum steigen die Rauchschwaden der unzähligen selbst gedrehten Zigaretten der um mich sitzenden Franzosen auf. Sie füllen die Luft gemeinsam mit den hitzigen Bemerkungen der Diskussion, die gerade leidenschaftlich geführt wird, und vermischen sich in meinem Kopf zu einem verschwommenen Dunst. Es kann auch sein, dass es um etwas Banales geht, aber ich bin schon lange ausgestiegen aus den Themen, die schneller wechseln als die Lieder. Egal was, die Franzosen diskutieren aus Prinzip mit Leidenschaft. 

Mir wird ein Glück zuteil, das vermutlich nicht vielen Austauschstudenten vergönnt ist. Ich werde auf die Partys der einheimischen Studenten eingeladen. Vielleicht sind meine Kommilitonen mit der allgemein als verschlossen bis unhöflich und arrogant geltenden Spezies französischer Studenten nicht artverwandt. Vielleicht liegt es daran, dass sie als Europawissenschaftler ihre eigene Spezies bilden, die an internationalem Austausch und fremden Sprachen interessiert sind. 

Jeder bringt seinen Alkohol mit, meistens Wein, den man langsam, aber sicher im Laufe der Zeit leert. Man sitzt zusammen und spricht über Filme, Musik und warum der Kommunismus eben doch noch nicht gescheitert sein muss. Die anfangs nette Runde wird leidenschaftlich, der Rausch beginnt um sich zu greifen, man wird offener, der Exzess kann beginnen. Vielleicht stehlen sich zwei Verliebte davon in eines der Schlafzimmer, in der Hoffnung, dass niemand es bemerkt, um dann natürlich doch für mehrere Wochen Mittelpunkt des Geredes zu werden. Mädchen beginnen, eng umschlungen miteinander zu tanzen. Die Jungs verschwinden mit Augenzwinkern und fantasievoll erfundenen Begriffen, um einen durchzuziehen. Der Franzose, mit dem ich in der Uni immer mal Small-Talk geführt hatte, wird emotional. Er erklärt mir wortreich und unter vielen verschwitzten Umarmungen, wie froh er sei, eine so wunderbare Freundin wie mich kennengelernt zu haben, und wir trinken auf die Amitié Franco-allemande.

So weit, so gut. Meine Strategie, zu nicken und im rechten Moment zu lachen, obwohl ich dank des Lärm- und zunehmenden Alkoholpegels der Gesprächspartner nicht verstehe, was man mir wohlwollend ins Ohr grölt, funktioniert bestens. Ich bewege mich auf sicherem Terrain. Doch dann die Überraschung. Es wird getanzt. Auch von den Jungs. Kaum einer sitzt mehr, alle stehen und bewegen sich zur Musik, manche wild, andere in Grüppchen. Man hat hier seine Hymnen, es wird auf die Freundschaft, die Liebe getanzt und gesungen, leidenschaftlich werden Texte mitgegrölt. Man fasst sich an den Schultern und zu „meine Freunde sind meine Liebe“ werden alle Unbekannten zu Freunden. 

Nach solch Liebesproklamationen wird man auf deutschen WG-Feiern lange suchen. Der Münchner verschwendet seinen nächtlichen Kräftevorrat eher auf eine unglaubliche Vielzahl an beinahe grenzdebilen Trinkspielen. Würfeln, saufen. Immer wieder, solange, bis sich die Welt sowieso schon viel zu stark dreht, als das man noch tanzen könnte. Und während die Franzosen ihr letztes Hemd durchschwitzen, ist Bierpong die wohl einzige Sportart, an die sich der Münchner nachts noch herantraut. 

Ich stehe nun abseits, mit gezwungenem Lächeln halte ich mich an meinem Becher fest. Ich kenne die Texte nicht, kann die Euphorie nicht teilen. Und beginne, mich etwas fehl am Platz zu fühlen. Macht nichts. Einer legt mir den Arm um die Schultern, und ich werde mit in die tanzende Menge gezogen, und alles andere wird egal, Nationalität, Geschlecht, ich bin jetzt Teil der Menge der sich zur Musik bewegenden Körper.

Text: Anne Gerstenberg 

Foto: Privat

Fremdgänger: Sicher im Elfenbeinturm

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat. Anne ärgert sich über die hohen Sicherheitsvorkehrungen an Pariser Unis und findet: jeder sollte eine Universität von innen sehen dürfen.

Taschenkontrollen. Um die Uni zu betreten. Ich glaube, ich bin im falschen Film. Das gesamte Universitätsgebäude ist verriegelt – bis auf einen Eingang. Der Zaun vor dem Innenhof über drei Meter hoch, nur eines der beiden Eingangstore in seiner Mitte ist geöffnet. Als ich zum ersten Mal vor der Uni stehe, bin ich völlig irritiert. Anderthalb Meter Platz, um die Uni zu betreten. Dahinter Sicherheitsleute in Sicherheitswesten mit Sicherheitsblick zwischen zwei Tischen.

Die Prozedur ist simpel wie nervig. Tasche öffnen, zum Durchsuchen hinhalten. Geldbeutel rauskramen, Studentenausweis vorzeigen. Wer seinen Studentenausweis nicht rausgeholt hat, hält die ganze Schlange auf. Das Gleiche gilt für Leute mit Rucksack. Den durfte ich immer erst einmal vom Rücken hieven, umständlich im Stehen öffnen, zum Durchsuchen bereithalten. Ich habe mittlerweile aufgehört, mit Rucksack in die Uni zu gehen. Und angefangen, die Wartezeit in der Schlange vor der Uni, die oft noch um die nächste Straßenecke reicht, mit einzuplanen – das habe ich gelernt, als ich bei den Mid-Term Prüfungen zehn Minuten zu spät zur Klausur kam.
 In Paris herrscht nach wie vor Ausnahmezustand. Es ist schon befremdlich, überall in der Stadt Militärs mit ihren Maschinengewehren im Anschlag flanieren zu sehen. Im Alltag ergeben sich da die bizarrsten Situationen. Wenn man gemütlich in einer kleinen, schmucken Boulangerie auf einen Espresso sitzt und der bis zu den Zähnen bewaffnete Soldat wie ein Elefant mal kurz von seiner Streife in den Porzellanladen gepoltert kommt, um sich sein mittägliches Pain au Chocolat zu kaufen.

Das Ganze nimmt hier Dimensionen an, die für uns Deutsche völlig befremdlich sind. Denn überall stehen an der Tür Securitys, die mit Taschenlampen deine Tasche durchleuchten, abtasten. Der Mantel muss geöffnet werden, um zu zeigen, dass man keinen Bombengürtel darunter trägt.  Niemals hätte ich erwartet, den Ausnahmezustand auch in meinem Studienalltag so deutlich zu spüren zu bekommen. 

Im krassen Gegensatz steht dazu das große LMU-Hauptgebäude, dessen große Flügeltüren zu allen Seiten für alle und jeden jederzeit offen stehen. Wer will, kann reingehen und sich überwältigen lassen von der einzigartigen Architektur des Lichthofs. So ging es zumindest mir, als ich zur Immatrikulation das erste Mal da war. Und jeder sollte die Universität betreten dürfen. Aber: Den wunderschönen Innenhof um die Chapelle de la Sorbonne sehen – wie elitistisch – nur die Studenten und der Lehrkörper, denn für den Rest ist er unzugänglich.

Dabei hat das für mich Symbolcharakter: die weit geöffneten Türen einer Universität. Bildung ist für alle da und sollte für jeden, der sich dafür interessiert, zugänglich sein. In München sind so auch die Vorlesungen prinzipiell für jeden offen, der sich mal hinten reinsetzen und zuhören will. Wie ein großes Zuhause für Bildung, das jeden aufnimmt. In Paris ist das eine eigene, abgeschottete Welt, in die nur wenige Privilegierte Zugang haben, in sich selbst zurückgezogen und nur mit sich in Kontakt. Da bekommt der Elfenbeinturm der Wissenschaftler eine ganz neue Bedeutung.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat

Fremdgänger: Spitze Lippen in Paris

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der ein oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat. Unsere Autorin Anne rätselt über eine durch und durch französische Eigenart: “la bise”

Er berührt mich mit der Hand leicht an meiner Hüfte. Die stoppelige Wange an meine gelegt, formt er mit den Lippen einen Kuss, den er in die Luft entsendet.
Erst links, dann rechts. Ich bin noch völlig überrascht und geplättet von der Intimität dieser Berührung, da kommt auch schon die Nächste und drückt mir Küsschen auf beide Wangen. So begrüßt man sich also in Paris. Man gibt sich „la bise“. Ich stehe vor der Uni, bin zu spät dran und will eigentlich schnell in meinen Kurs. Aber ich bin vor dem Eingang in eine Gruppe von Freunden und somit in eine exorbitante Begrüßungsrunde geraten. Jeder einzelne aus der Gruppe drückt jedem einzelnen diese Küsschen auf. Bei zehn Leuten, die sich alle untereinander und gleichzeitig begrüßen, ergibt das ein großes Kuss-Kuddelmuddel. Zehn Leute. 180 Küsschen. Das dauert.

Als Auslandsstudent in Paris lernt man im Französischkurs als erstes den Unterschied zwischen „la bise“ und „le bisou“. Dieses Wissen ist überlebenswichtig. „La bise“ sind diese kleinen Küsschen rechts und links: Wange rechts und links aneinanderhalten, ein Luftküsschen abschicken. „Le bisou“ allerdings, das ist ein richtiger Kuss, den man nur gibt, wenn es mit „l’amour“ ist. Wer allerdings in „la bise“ noch nicht so geschickt ist, der stellt schnell fest, dass es eine gewisse Schwierigkeit darstellt, dabei nicht versehentlich in „le bisou“ auszuarten, denn beim Seitenwechsel der Wangen gibt es immer diesen eigenartigen Moment, in dem man sich mit gespitzten Lippen anschielt und dann doch ganz schnell den Kopf weiter bewegt.

Es wird als enorm unhöflich empfunden, wenn man „la bise“ verweigert. Deswegen stehe ich hier vor der Sorbonne und gebe alles und jedem, der auf mich zu kommt, Küsschen. Ich komme mir vor wie eine Küsschenmaschine. Für eine reservierte Deutsche, die es gewöhnt ist, enge Familienmitglieder und Freunde zu umarmen und den Rest der Welt eine Armlänge auf Abstand zu halten, und die gelernt hat, die Hand zu reichen, wenn sie jemanden kennenlernt, sind diese „bises“ noch immer gewöhnungsbedürftig. In diesem Moment wünsche ich mich zurück nach München an den Geschwister-Scholl-Platz. Wenn man an der LMU auf Freunde trifft, bevor es in den Audimax zur Vorlesung geht, dann reicht zur Begrüßung ein Winken und ein kurzes „Hi“ in die Runde. Danach kann man problemlos ohne Begrüßungsrunden-Verspätungen pünktlich zur Vorlesung gehen.

Und hier? Ich rieche den Körpergeruch von Menschen, denen ich in meinem Leben nie so nahe kommen wollte. Diese Form der Begrüßung stellt nicht nur ein weites Eindringen in die Intimsphäre dar, sondern bedeutet auch engen Kontakt mit Menschen, mit denen man sich unter Umständen auf keinen Fall so intim berühren möchte. 

Auf der anderen Seite: Diese Küsschen können einen aber auch im positiven Sinne ganz schön aus der Bahn werfen. Steht man vor dem schnuckeligen Franzosen, von dessen Anblick man schon weiche Beine kriegt, dann muss man sich ganz schon zusammen reißen, die Contenance zu bewahren, während er dir „la bise“ gibt. Sein Gesicht an deinem, während sein Atem sanft über deine Wange streift. Vielleicht ist es auch das Geheimnis des „l’amour parisien“, dass es wirklich einfach ist, sich zu küssen. Aber warum ein junger Pariser nach einem sehr netten Rendezvous „bisous“ zu mir gesagt hat, nachdem er mir „bises“ gegeben hat, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Unsere Autorinnen Theresa Parstorfer, Katharina Hartinger und Anne Gerstenberg studieren derzeit in Oxford, Berkeley und Paris und schreiben im wöchentlichen Wechsel über Ereignisse, die so in München nicht passieren würden.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Autorin