Fremdgänger: Spitze Lippen in Paris

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der ein oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat. Unsere Autorin Anne rätselt über eine durch und durch französische Eigenart: “la bise”

Er berührt mich mit der Hand leicht an meiner Hüfte. Die stoppelige Wange an meine gelegt, formt er mit den Lippen einen Kuss, den er in die Luft entsendet.
Erst links, dann rechts. Ich bin noch völlig überrascht und geplättet von der Intimität dieser Berührung, da kommt auch schon die Nächste und drückt mir Küsschen auf beide Wangen. So begrüßt man sich also in Paris. Man gibt sich „la bise“. Ich stehe vor der Uni, bin zu spät dran und will eigentlich schnell in meinen Kurs. Aber ich bin vor dem Eingang in eine Gruppe von Freunden und somit in eine exorbitante Begrüßungsrunde geraten. Jeder einzelne aus der Gruppe drückt jedem einzelnen diese Küsschen auf. Bei zehn Leuten, die sich alle untereinander und gleichzeitig begrüßen, ergibt das ein großes Kuss-Kuddelmuddel. Zehn Leute. 180 Küsschen. Das dauert.

Als Auslandsstudent in Paris lernt man im Französischkurs als erstes den Unterschied zwischen „la bise“ und „le bisou“. Dieses Wissen ist überlebenswichtig. „La bise“ sind diese kleinen Küsschen rechts und links: Wange rechts und links aneinanderhalten, ein Luftküsschen abschicken. „Le bisou“ allerdings, das ist ein richtiger Kuss, den man nur gibt, wenn es mit „l’amour“ ist. Wer allerdings in „la bise“ noch nicht so geschickt ist, der stellt schnell fest, dass es eine gewisse Schwierigkeit darstellt, dabei nicht versehentlich in „le bisou“ auszuarten, denn beim Seitenwechsel der Wangen gibt es immer diesen eigenartigen Moment, in dem man sich mit gespitzten Lippen anschielt und dann doch ganz schnell den Kopf weiter bewegt.

Es wird als enorm unhöflich empfunden, wenn man „la bise“ verweigert. Deswegen stehe ich hier vor der Sorbonne und gebe alles und jedem, der auf mich zu kommt, Küsschen. Ich komme mir vor wie eine Küsschenmaschine. Für eine reservierte Deutsche, die es gewöhnt ist, enge Familienmitglieder und Freunde zu umarmen und den Rest der Welt eine Armlänge auf Abstand zu halten, und die gelernt hat, die Hand zu reichen, wenn sie jemanden kennenlernt, sind diese „bises“ noch immer gewöhnungsbedürftig. In diesem Moment wünsche ich mich zurück nach München an den Geschwister-Scholl-Platz. Wenn man an der LMU auf Freunde trifft, bevor es in den Audimax zur Vorlesung geht, dann reicht zur Begrüßung ein Winken und ein kurzes „Hi“ in die Runde. Danach kann man problemlos ohne Begrüßungsrunden-Verspätungen pünktlich zur Vorlesung gehen.

Und hier? Ich rieche den Körpergeruch von Menschen, denen ich in meinem Leben nie so nahe kommen wollte. Diese Form der Begrüßung stellt nicht nur ein weites Eindringen in die Intimsphäre dar, sondern bedeutet auch engen Kontakt mit Menschen, mit denen man sich unter Umständen auf keinen Fall so intim berühren möchte. 

Auf der anderen Seite: Diese Küsschen können einen aber auch im positiven Sinne ganz schön aus der Bahn werfen. Steht man vor dem schnuckeligen Franzosen, von dessen Anblick man schon weiche Beine kriegt, dann muss man sich ganz schon zusammen reißen, die Contenance zu bewahren, während er dir „la bise“ gibt. Sein Gesicht an deinem, während sein Atem sanft über deine Wange streift. Vielleicht ist es auch das Geheimnis des „l’amour parisien“, dass es wirklich einfach ist, sich zu küssen. Aber warum ein junger Pariser nach einem sehr netten Rendezvous „bisous“ zu mir gesagt hat, nachdem er mir „bises“ gegeben hat, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Unsere Autorinnen Theresa Parstorfer, Katharina Hartinger und Anne Gerstenberg studieren derzeit in Oxford, Berkeley und Paris und schreiben im wöchentlichen Wechsel über Ereignisse, die so in München nicht passieren würden.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Autorin