Fremdgänger: So ähnlich, so fremd

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Eigentlich könnte man meinen, dass man sich nach einigen Monaten Auslandsstudium bereits einheimisch und zugehörig im neuen Umfeld fühlen kann. Doch unsere Autorin berichtet darüber, wie es ist auch nach einiger Zeit noch die Fremde zu sein.

Ich sitze nach der Uni mit Mädels aus meinem Studium in einem Café, und sie erzählen sich ihre neuesten Bettgeschichten. „Hahaha, nach dem Wochenende mit Jean-Philippe konnte ich auch nicht mehr aufrecht gehen.“ Ich bin kurz überrascht über so viel Offenheit mir gegenüber, dann bemerke ich: Sie denken, ich verstehe sie nicht. Sie reden, als ob ich nicht da wäre.

Ich seufze tief und lerne, was es heißt, sich einsam unter vielen zu fühlen. Als Erasmus-Studentin habe ich es leider nie geschafft, die gläserne Decke zu durchdringen, die mich von einer echten Freundschaft mit meinen Kommilitonen getrennt hat. Auf Französisch gibt es für Ausländer und Fremde das gleiche Wort. „Etranger“. Ich bin als Etrangère also nicht nur Ausländerin, sondern auch Fremde in Frankreich. Manchmal ist es schon spannend, was Sprache über das grundlegende Verständnis der Dinge verrät.

Man ist freundlich zu uns Austauschstudenten. Neugierig werden wir gefragt, woher wir kommen und wie uns Frankreich gefällt. Aber darüber will ich nach fünf Monaten nicht mehr sprechen müssen. Ich studiere an dieser Uni genauso wie alle anderen Studenten auch. Wir finden alle Musik, Filme, Maler und Schriftsteller großartig, gehen gerne mal was trinken oder stöbern nach ausgefallenen Kleidungsstücken. Wir alle haben die gleichen Kurse und die gleichen Prüfungen zu bestehen. Wir alle haben vielleicht ein Mädchen oder einen Jungen, für den wir schwärmen oder mit der – beziehungsweise mit dem – gerade etwas läuft. Obwohl wir die gleichen Probleme und Sehnsüchte haben und wir uns in Art und Interessen sogar ähnlich sind, werde ich meinen Sonderstatus nicht los. Ich bin hier nur vorübergehend, ich gehöre hier eigentlich nicht hin. Ich könnte es wie die anderen Erasmus-Studenten machen, die unter sich bleiben. Den ganzen Tag Englisch sprechen, mit Leuten aus allen Teilen der Welt, außer mit Franzosen, und am Wochenende auf Sightseeing-Trips mitfahren. Aber das will ich nicht. Ich will richtig in Paris leben.

Doch die Unterhaltungen drehen sich oft um Dinge, die ich nicht verstehen kann. Französische Rapper, die ich noch nie gehört habe, Wortwitze, für die mir der Wortschatz fehlt. Immer nachfragen zu müssen, immer erklären zu müssen, dafür ist irgendwie kein Platz in den Unterhaltungen. Ich habe eine echte Freundin gefunden. Sie kommt aus Ägypten, ist in Schottland aufgewachsen, ihre Mutter ist Französin, sie kann alle Sprachen perfekt, sie weiß, wie es ist, in einem neuen Land zu sein. Aber sie lässt mich nicht fremd sein. Sie hört mir zu, geduldig. Sie wartet, bis ich die Worte gefunden habe, sagt Sätze zweimal. Und plötzlich haben wir so viel zu besprechen. Und plötzlich werden Unterschiede zu Gemeinsamkeiten. Ich koche ihr Kaiserschmarrn, wir gehen ägyptisch essen, und sie zeigt mir die Bretagne, wie man Cidre aus Keramikschüsseln trinkt und Galettes – Buchweizencrêpes mit Spiegelei und Käse gefüllt – isst.

Mir fallen schlechten Gewissens all die Momente ein, in denen mich in München Erasmus-Studenten nach dem Kurs gefragt haben, was ich jetzt noch mache. Und ich völlig in meinem Alltag gefangen nicht darauf eingegangen bin. Und ich nehme mir vor, es von jetzt an anders zu machen. Mit ein bisschen Geduld, Offenheit und echtem Interesse kann man so viel Austausch erreichen. Schade, dass man sich immer erst selbst einmal fremd fühlen muss, um dafür sensibel zu werden.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat