Fremdgänger: Sicher im Elfenbeinturm

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Unter all den neuen Eindrücken aus der großen, weiten Welt ruht aber die Sehnsucht nach der Heimat. Anne ärgert sich über die hohen Sicherheitsvorkehrungen an Pariser Unis und findet: jeder sollte eine Universität von innen sehen dürfen.

Taschenkontrollen. Um die Uni zu betreten. Ich glaube, ich bin im falschen Film. Das gesamte Universitätsgebäude ist verriegelt – bis auf einen Eingang. Der Zaun vor dem Innenhof über drei Meter hoch, nur eines der beiden Eingangstore in seiner Mitte ist geöffnet. Als ich zum ersten Mal vor der Uni stehe, bin ich völlig irritiert. Anderthalb Meter Platz, um die Uni zu betreten. Dahinter Sicherheitsleute in Sicherheitswesten mit Sicherheitsblick zwischen zwei Tischen.

Die Prozedur ist simpel wie nervig. Tasche öffnen, zum Durchsuchen hinhalten. Geldbeutel rauskramen, Studentenausweis vorzeigen. Wer seinen Studentenausweis nicht rausgeholt hat, hält die ganze Schlange auf. Das Gleiche gilt für Leute mit Rucksack. Den durfte ich immer erst einmal vom Rücken hieven, umständlich im Stehen öffnen, zum Durchsuchen bereithalten. Ich habe mittlerweile aufgehört, mit Rucksack in die Uni zu gehen. Und angefangen, die Wartezeit in der Schlange vor der Uni, die oft noch um die nächste Straßenecke reicht, mit einzuplanen – das habe ich gelernt, als ich bei den Mid-Term Prüfungen zehn Minuten zu spät zur Klausur kam.
 In Paris herrscht nach wie vor Ausnahmezustand. Es ist schon befremdlich, überall in der Stadt Militärs mit ihren Maschinengewehren im Anschlag flanieren zu sehen. Im Alltag ergeben sich da die bizarrsten Situationen. Wenn man gemütlich in einer kleinen, schmucken Boulangerie auf einen Espresso sitzt und der bis zu den Zähnen bewaffnete Soldat wie ein Elefant mal kurz von seiner Streife in den Porzellanladen gepoltert kommt, um sich sein mittägliches Pain au Chocolat zu kaufen.

Das Ganze nimmt hier Dimensionen an, die für uns Deutsche völlig befremdlich sind. Denn überall stehen an der Tür Securitys, die mit Taschenlampen deine Tasche durchleuchten, abtasten. Der Mantel muss geöffnet werden, um zu zeigen, dass man keinen Bombengürtel darunter trägt.  Niemals hätte ich erwartet, den Ausnahmezustand auch in meinem Studienalltag so deutlich zu spüren zu bekommen. 

Im krassen Gegensatz steht dazu das große LMU-Hauptgebäude, dessen große Flügeltüren zu allen Seiten für alle und jeden jederzeit offen stehen. Wer will, kann reingehen und sich überwältigen lassen von der einzigartigen Architektur des Lichthofs. So ging es zumindest mir, als ich zur Immatrikulation das erste Mal da war. Und jeder sollte die Universität betreten dürfen. Aber: Den wunderschönen Innenhof um die Chapelle de la Sorbonne sehen – wie elitistisch – nur die Studenten und der Lehrkörper, denn für den Rest ist er unzugänglich.

Dabei hat das für mich Symbolcharakter: die weit geöffneten Türen einer Universität. Bildung ist für alle da und sollte für jeden, der sich dafür interessiert, zugänglich sein. In München sind so auch die Vorlesungen prinzipiell für jeden offen, der sich mal hinten reinsetzen und zuhören will. Wie ein großes Zuhause für Bildung, das jeden aufnimmt. In Paris ist das eine eigene, abgeschottete Welt, in die nur wenige Privilegierte Zugang haben, in sich selbst zurückgezogen und nur mit sich in Kontakt. Da bekommt der Elfenbeinturm der Wissenschaftler eine ganz neue Bedeutung.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat