Fremdgänger: Professoren und andere Götter

Unsere Autorin hätte nicht gedacht, dass sie in Frankreich mal ihre Professoren vermissen wird, die den ganzen Tag unverständliches hochkomplexes Zeug daherreden. Tut sie aber – in Paris fühlt sie sich von Zeit zu Zeit unterfordert.

Meine Lieblingskurse sind immer im vierten Stock. Von hier aus hat man einen extraordinären Ausblick über das Pariser Dächermeer. Er ist das einzig Schöne an meiner Sechzigerjahre-Plattenbau-Universität. In diesen Kursen kann ich hinausblicken und fühle mich nicht mehr beschränkt von dem, was meine Professoren mir als einzige Wahrheit unterbreiten. Ich kann mir vorstellen, mein Geist könnte frei wachsen, sich entfalten und blühen. Irgendwo außerhalb dieser Universitätsmauern.

Wenn ich eines in Paris gelernt habe, dann, dass Studieren nicht gleich Studieren ist. In Frankreich herrscht eine andere universitäre Kultur als in Deutschland. In Deutschland gilt das humboldtsche Bildungsideal von studentischer Freiheit und Eigenständigkeit. Dort vollzieht sich zwischen Schule und Studium ein Bruch. An der Uni komprimiert niemand mehr Stoff in leicht verständliche Einheiten und unterstreicht dir die Überschrift in unterschiedlichen Farben. Ich saß in München nach fünf Minuten Vorlesung komplett verloren da und spitzte meine Lauscher, weil das Gelehrte nicht nur hochkomplex war, sondern auch alles bisher Gelernte überstieg. Was ich nicht konnte, musste ich nacharbeiten. Das Studium ist wie ein großer gedanklicher Gebäudekomplex aus Namen, Begriffen und Theorien. Man selbst legt das Fundament und erarbeitet Querverstrebungen. Wie kunstvoll ausgearbeitet und dicht dein Gedankengebäude zum Schluss ist, hängt von deinem Engagement ab, Themen zu erarbeiten. Eigenständigkeit, kritisches, analytisches Denken fordern die Münchner Dozenten, die mit uns auf Augenhöhe diskutieren.

Und hier? Dass das französische Universitätssystem verschulter ist als das deutsche, wusste ich. Die Profs führen sich auf wie Götter in Weiß und lehren ihre eigene Version der Geschichte. In den Vorlesungen bin ich umgeben vom demütigen Klacken der Tastaturen. Sarah neben mir tippt jedes Wort bis auf das letzte „ähm“ mit. Selbst das wirklich Wichtige herausfiltern können die Studenten hier nicht. Müssen sie auch nicht. Die Profs hier erklären auch die simpelsten Dinge sehr genau, was wir wie zu denken haben. Alles wird – in kleine Happen vorgekaut – den Studenten in den Mund gelegt. Madame Manigand, die Geschichtslehrerin, wiederholt Phrasen gern mehrmals. Damit man den Wortlaut zitieren kann? In den Klausuren gewinnt, wer am brillantesten nachgeredet hat.

Jedoch sind die Kurse inhaltlich einfach erschreckend wenig fordernd. Nun kann ich nur für meine Erfahrung an meiner Universität in meinem Studiengang sprechen. Aber ich bekomme hier exemplarisch die Ungerechtigkeit des französischen Bildungssystems zu spüren. Wer nicht an der Grande Ecole ist, bekommt eine Ausbildung zweiter Klasse. Ich werde demütig und dankbar für die großartige Bildung, die mir der deutsche Staat kostenlos überall im Land an verschiedensten Universitäten zur Verfügung stellt. Ich blicke aus dem Pariser Fenster und freue mich darauf, in München wieder meine Professoren ansehen zu können, die meinem Geist zu neuen Höhenflügen verhelfen.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat