Fremdgänger: „Na, auch militant?“

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Unsere Autorin wundert sich diese Woche darüber, dass die politische Mentalität der

Deutschen so viel weniger enthusiastisch ist als die der Franzosen.  

„Und du? Bist du auch ein bisschen militant?“, fragt mich eine französische Kommilitonin. Als wäre das gerade in Mode und ungefähr so normal wie gerne Vanilleeis zu essen. Wir haben uns vor zehn Minuten kennengelernt und seitdem nutzt sie die Gelegenheit, mich über ihr politisches Engagement zu informieren. Ich lausche ihr mit einer Mischung aus Belustigung und ernsthafter Besorgnis. Denn die typisch französische Passion, wenn es um Politik geht, fasziniert mich ebenso so sehr, wie ich ihr gleichzeitig suspekt gegenüberstehe.

Französische Studenten sind politisierter, als ich es aus Deutschland kenne. Prinzipiell kann über alles eine wortreiche, laute und extrem leidenschaftliche Grundsatzdiskussion vom Zaun gebrochen werden. Sie haben klare Überzeugungen und bringen diese regelmäßig bei sogenannten „Manifestations“, das sind Demonstrationen, zum Ausdruck. Sonntag ist immer Demonstrationstag. Sie mobilisieren sich gegenseitig für alles Mögliche, vor der Uni stehen täglich neue Menschen mit Flugblättern, die zu Demonstrationen aufrufen. Ich bin ehrlich beeindruckt. 

Nun komme ich als Politikwissenschaftsstudentin aus einem überdurchschnittlich politisch interessierten und informierten Umfeld. Doch eine politische Kultur à la francaise kenne ich aus München nicht. Auch wir diskutieren in München bis spät in die Nacht und ergehen uns in links-intellektueller Selbstgefälligkeit, was das Zeug hält. Auch wir sind davon überzeugt, dass sich etwas ändern muss. Auch wir demonstrieren für Themen, die uns am Herzen liegen. Und doch fehlt uns eine gewisse Radikalität, die hier zum Umgangston zu gehören scheint. Unsere politische Mentalität ist viel systemunkritischer und weniger revolutionär, als es die französische schon immer gewesen ist, finde ich.

In München waren für mich Toilettenbesuche im Geschwister-Scholl-Institut immer eine spaßige Angelegenheit, fand sich doch immer irgendein amüsanter Spruch, den ich noch nicht kannte. Französische Unitoiletten meide ich, denn nicht nur ihr desolater Zustand, sondern auch die politischen Parolen an den Wänden schrecken mich ab. Dort finden sich Aussagen wie „Wählt Le Pen als eine Lehre für die kommenden Generationen!“ Ist das noch jugendlich-naive Verirrung oder schon strafbare Dummheit? Leider bin ich auf Französisch noch nicht eloquent genug, um Dinge, wie „Hitler war auch eine Lehre für die folgenden Generationen“ entgegnen zu können.

Meine Kommilitonin hier zum Beispiel ist links-radikal, möchte die Repräsentative Demokratie abschaffen und Selbstverwaltung einführen, Austritt aus der Europäischen Union und kommunistische Planwirtschaft inklusive. Stünde es in der zweiten Wahlrunde zwischen Marine le Pen und dem liberalen Kandidaten, wird sie nicht wählen. Warum auch, ihrer Meinung nach kann dann ja endlich die Regierung gestürzt werden und die ersehnte kommunistische Revolution kommen. Ich beginne mich zu fragen, was schlimmer ist. Das in Deutschland um sich greifende Desinteresse an Politik oder diese Politisiertheit, die sich fatal gegen die Demokratie richtet? Es macht mich unendlich wütend, mir vorzustellen, dass aufgrund linker Befindlichkeiten in Frankreich bald eine rechte Präsidentin all das, woran ich glaube, beseitigen soll. Auf ihre Frage antworte ich mit: „Ich identifiziere mich mit Demokratie.“

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat