Fremdgänger: München, Stadt der Liebe

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Kann Paris in Bezug auf Romantik so viel mehr als andere Städte? Unsere Autorin startet ein Experiment und begibt sich in München auf die Suche nach dem Zauber für frisch Verliebte.

„Ah Paris – da ist das Leben so süüüß!“ bekam ich zu hören, wann immer ich erzählte, dass ich dort für eine Weile wohnen würde. Oder „ohoo, in der Stadt der Liebe!“ war auch ein echter Klassiker. Nun, viele dieser hübschen Vorurteile konnten der Realität nicht standhalten, denn Paris stinkt, lärmt, schmutzt und die Überzahl an Obdachlosen und Bettlern an jeder Straßenecke führen einem schnell vor Augen, dass das süße Leben hier nicht zu finden ist. Ist Paris die vielbesungene, mythisierte Stadt der Liebe?

Ich wollte daran zunächst nicht glauben. Paris ist doch eine Stadt wie jede andere und Liebe à Paris war für mich nicht mehr als diese furchtbaren Schlösser an Pariser Brücken und furchtbare Pärchen-Menüs in furchtbaren Touristenrestaurants. Denn wer ein Kuss-Selfie vor dem Eiffelturm – gedrängt zwischen einer Überzahl an Touristen – für den Gipfel der Romantik hält, dessen Einschätzung ist sowieso ungültig. 

Und doch bin ich dem Zauber, den diese Stadt auf frisch Verliebte versprüht, auch verfallen. Es ist schwer, sich nicht in Paris zu verlieben. Denn wer schon mal am Morgen danach ein frisches Pain au Chocolat in Jardin des Plantes gefrühstückt hat, gemeinsam stundenlang vor einem Espresso und mit Zigaretten in einem hübschen Straßencafé geplaudert hat, spätabends durch den fast leeren Louvre flaniert ist oder in einem winzigen originellen Weinkeller „Cave“ eine Flasche Wein geleert hat und dann durch einen pompösen Hauseingang in ein Bohème-Apartement, wie man es sich vorstellt, gelangt ist, der weiß, dass die Leichtigkeit, Süße und Romanik dieser Szenerien schon Verführung genug sind. Hat man dann noch einen verdammt schnuckeligen Begleiter – wie soll man ihm in einer solchen Kombination nicht verfallen? Dem Charme der Stadt zu widerstehen, ist einfach unmöglich.

Doch kann Paris in Bezug auf Romantik so viel mehr als alle anderen Städte? Auf Heimaturlaub in München wage ich den Selbstversuch und erkunde die bayerische Landeshauptstadt mit einem charmanten Münchner an der Hand. Und stelle fest, wenn man sich die Zeit nimmt, zu flanieren und die Stadt zu betrachten, statt wie sonst, sie vom Alltag blind zu durchlaufen, dann steht München der Zahl und Grad romantischer Plätze Paris nicht nach. 

Die Leopoldstraße ist genauso breit und lang und eindrucksvoll wie jeder Pariser Boulevard. Der Blick vom Friedensengel über die Lichter der Stadt kann genauso viel wie ein Blick von der Pont Neuf über „La ville de lumière“. Eine Breze im Hofgarten und ein Helles in einer gemütlichen Kneipe sind als Münchner Pendant zu Pariser Wein und Pain au chocolat unschlagbar.

Lange Spaziergänge durch den Englischen Garten sind genauso schön wie die durch die Tuileriengärten oder den Jardin du Luxembourg. Die Münchner Oper hat mindestens genauso viel Pomp wie die Pariser, und das Resi das bessere Programm als die Comédie Francaise. Will ich zu impressionistischen Gemälden seufzen, kann ich das auch in der neuen Pinakothek. Auch das Münchner Rathaus ist mindestens genauso eindrucksvoll wie das Hôtel de Ville. Und der viel besungene Himmel über Paris ist auch nicht blauer, seine Wolken nicht fluffiger als die bayerischen. 

Außerdem ist München gemütlicher, leiser, sauberer und weniger anstrengend als Paris. Ich stelle fest, Romantik lässt sich mit der richtigen Einstellung überall finden. Nur die richtige Einstellung findet man nur in Paris.

Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat