Fremdgänger: Glatze und Glamour

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Was sich unsere Autorin in München niemals hätte vorstellen können, hat sie sich in einem kleinen Dorf in der französischen Provinz nun getraut: Die Haare abzuschneiden, komplett. In ihrer neuen Heimat Paris fühlt sie sich pudelwohl damit.

Ich habe meine Haare abgeschnitten. Raspelkurz. So kurz, dass man die Kopfhaut sehen kann. So kurz, dass ich den Wind um meinen Kopf streifen spüre. So kurz, dass die Leute auf der Straße mir Platz machen, wenn ich ein bisschen aggressiv schaue. So kurz, dass man auf den ersten Blick nicht weiß, welches Geschlecht ich habe – eine genderfreie Frisur. Aber: Damit falle ich hier in Paris in der Menge nicht groß auf. An modischen Kuriositäten, ausgefallenen Persönlichkeiten und Anonymität gibt es hier genug. In München hätte ich so etwas nie machen können. München ist ein Dorf und die Breite an verschiedenen Stilen und gesellschaftlicher Offenheit gering.

Ich bin in der Bretagne, als ich mich entscheide, meine Haare endlich abzuschneiden. Ich wohne bei der Tante einer Freundin. Sie macht mir spontan einen Termin bei ihrer Friseurin aus, zu der sie seit ihrer Jugend in irgendeinem winzigen bretonischen Kaff geht. Auch der Friseursalon ist winzig. Drei ältere Damen erwarten mich. Wir tragen unser Anliegen vor und sind plötzlich Attraktion des ganzen Salons. Meine Friseurin war früher in Paris bei einem renommierten Friseur und ist eine richtige französische Diva, wie sie im Buche steht. Laut ruft sie erst einmal „mon dieu“. Ja die schönen Haare, ja ganz weg damit. Radikal. Ja. 

Und dann schneidet sie mir so souverän und künstlerisch die Haare, wie noch niemand vorher. Wild fuchtelt sie mit der Schere um meinen Kopf herum, völlig irrational schneidet sie immer mal wieder irgendwo etwas ab, während sie auf Französisch vor sich hin redet. Als sie alle Haare einmal rundherum abgeschnitten hat, habe ich einen so schönen Kurzhaarschnitt wie nach Jahren des Experimentierens und Friseurwechsels nicht. Danach kommt der Rasierer. Ich muss kurz schlucken, dann beginnt die endgültige Verwandlung.

Während in Paris oder gar in Städten wie New York gesellschaftliche Vielfalt allgegenwärtig ist und auf der Straße so richtig gelebt wird, ist die Münchner Mentalität eine komplett andere. Ich hatte hier immer das Gefühl, äußerlich nicht besonders auffallen, aus der Masse herausstechen zu dürfen. Der Kontrast zum Durchschnitts-Münchner wäre dabei so groß, dass ich mich viel zu sehr beobachtet fühlen würde, als für mein Wohlbefinden gut ist. Die Ray-Ban Sonnenbrille auf der Nase, Burberry oder Barbour Coat um die Schultern gelegt, Bluse zu beigem Pulli und dunkelblauer Hose – so laufen sie in München herum. Dazu passen keine raspelkurzen Haare. Die gesellschaftlichen Normen basieren in Paris mehr auf ehrlichem und glaubwürdigem Auftreten, und das bringt einen viel eher dazu, sich einfach mal was zu trauen und zu schauen, was dabei rauskommt.

Ich kann plötzlich auch ästhetisch Widersprüchliches miteinander verbinden, das mir schon immer gefallen hatte. Ich wage jetzt zu tun, was mir gefällt und habe plötzlich einen eigenen Stil. So unbeschwert, leger und eigenwillig overdressed wie es für die Pariserinnen eben typisch ist. Dieses „nach freier Lust und Laune“ einfach machen, was man will. In einer Stadt, einer Gesellschaft, einem Lebensgefühl kultiviert. Das ist Paris. 

Die Strähnen fallen. Die alten bretonischen Frauen um mich herum kommentieren, wie groß meine Augen plötzlich wirken und wie mutig sie mich finden. Aber ich höre nicht zu, sondern lächle glücklich in den Spiegel. Seit einem Jahr schon wollte ich meine Haare einmal so kurz schneiden. Aber in München schien das einfach nicht möglich. Ich schaue zufrieden dabei zu, wie mit jeder Strähne ein sozialer Zwang mehr von mir abfällt. Eine echte Münchnerin wäre ja doch nie aus mir geworden.


Text: Anne Gerstenberg

Foto: Privat