Fremdgänger: Freunde für eine Nacht

Wenn man als eingefleischte Münchnerin in die Welt zieht zum Studieren, erwartet einen immer der eine oder andere Kulturschock. Zum Beispiel auf einer wochenendlichen WG-Party, auf der sich alle auf einmal in den Arm fallen und wie wild zu tanzen beginnen

Ich sitze auf dem Sofa eines Pariser Appartements. Um mich herum steigen die Rauchschwaden der unzähligen selbst gedrehten Zigaretten der um mich sitzenden Franzosen auf. Sie füllen die Luft gemeinsam mit den hitzigen Bemerkungen der Diskussion, die gerade leidenschaftlich geführt wird, und vermischen sich in meinem Kopf zu einem verschwommenen Dunst. Es kann auch sein, dass es um etwas Banales geht, aber ich bin schon lange ausgestiegen aus den Themen, die schneller wechseln als die Lieder. Egal was, die Franzosen diskutieren aus Prinzip mit Leidenschaft. 

Mir wird ein Glück zuteil, das vermutlich nicht vielen Austauschstudenten vergönnt ist. Ich werde auf die Partys der einheimischen Studenten eingeladen. Vielleicht sind meine Kommilitonen mit der allgemein als verschlossen bis unhöflich und arrogant geltenden Spezies französischer Studenten nicht artverwandt. Vielleicht liegt es daran, dass sie als Europawissenschaftler ihre eigene Spezies bilden, die an internationalem Austausch und fremden Sprachen interessiert sind. 

Jeder bringt seinen Alkohol mit, meistens Wein, den man langsam, aber sicher im Laufe der Zeit leert. Man sitzt zusammen und spricht über Filme, Musik und warum der Kommunismus eben doch noch nicht gescheitert sein muss. Die anfangs nette Runde wird leidenschaftlich, der Rausch beginnt um sich zu greifen, man wird offener, der Exzess kann beginnen. Vielleicht stehlen sich zwei Verliebte davon in eines der Schlafzimmer, in der Hoffnung, dass niemand es bemerkt, um dann natürlich doch für mehrere Wochen Mittelpunkt des Geredes zu werden. Mädchen beginnen, eng umschlungen miteinander zu tanzen. Die Jungs verschwinden mit Augenzwinkern und fantasievoll erfundenen Begriffen, um einen durchzuziehen. Der Franzose, mit dem ich in der Uni immer mal Small-Talk geführt hatte, wird emotional. Er erklärt mir wortreich und unter vielen verschwitzten Umarmungen, wie froh er sei, eine so wunderbare Freundin wie mich kennengelernt zu haben, und wir trinken auf die Amitié Franco-allemande.

So weit, so gut. Meine Strategie, zu nicken und im rechten Moment zu lachen, obwohl ich dank des Lärm- und zunehmenden Alkoholpegels der Gesprächspartner nicht verstehe, was man mir wohlwollend ins Ohr grölt, funktioniert bestens. Ich bewege mich auf sicherem Terrain. Doch dann die Überraschung. Es wird getanzt. Auch von den Jungs. Kaum einer sitzt mehr, alle stehen und bewegen sich zur Musik, manche wild, andere in Grüppchen. Man hat hier seine Hymnen, es wird auf die Freundschaft, die Liebe getanzt und gesungen, leidenschaftlich werden Texte mitgegrölt. Man fasst sich an den Schultern und zu „meine Freunde sind meine Liebe“ werden alle Unbekannten zu Freunden. 

Nach solch Liebesproklamationen wird man auf deutschen WG-Feiern lange suchen. Der Münchner verschwendet seinen nächtlichen Kräftevorrat eher auf eine unglaubliche Vielzahl an beinahe grenzdebilen Trinkspielen. Würfeln, saufen. Immer wieder, solange, bis sich die Welt sowieso schon viel zu stark dreht, als das man noch tanzen könnte. Und während die Franzosen ihr letztes Hemd durchschwitzen, ist Bierpong die wohl einzige Sportart, an die sich der Münchner nachts noch herantraut. 

Ich stehe nun abseits, mit gezwungenem Lächeln halte ich mich an meinem Becher fest. Ich kenne die Texte nicht, kann die Euphorie nicht teilen. Und beginne, mich etwas fehl am Platz zu fühlen. Macht nichts. Einer legt mir den Arm um die Schultern, und ich werde mit in die tanzende Menge gezogen, und alles andere wird egal, Nationalität, Geschlecht, ich bin jetzt Teil der Menge der sich zur Musik bewegenden Körper.

Text: Anne Gerstenberg 

Foto: Privat